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Fast überall Verlierer

Joseph Stiglitz kritisiert in der Neuauflage seines lesenswerten Buches, dass von der Globalisierung nur wenige Superreiche profitieren.

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Auch große Teile der Mittelschichten in den Industrieländern sind Globalisierungsverlierer: Protest gegen das „El Khomri“- Arbeitsgesetz in Frankreich.

In der aktualisierten Neuauflage seines vor einem Vierteljahrhundert verfassten Klassikers Globalization and Its Discontents [in deutscher Übersetzung unter dem Titel Die Schatten der Globalisierung erschienen] spricht der US-Ökonom von einer neuen Schicht an Unzufriedenen und Verlierern der Globalisierung: Ironischerweise richte sich die systemische Ungerechtigkeit des transnationalen Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehrs heute in all ihrer Härte gegen die Mittelschichten aus genau den Ländern (den USA und westeuropäischen Staaten), die maßgeblich die Regeln dieses Systems zu ihrem eigenen Vorteil festlegten.

Die Weltwirtschaft sei in einem noch schlechteren Zustand als vor 25 Jahren. Die ungezügelte Globalisierung habe umfangreichere und stärkere Schäden angerichtet, als von ihm damals prognostiziert. Die Vielzahl der Wirtschaftskrisen seit den späten 1990er-Jahren – in Argentinien (1998-2002), Russland (2014-2017), Ostasien (1997), die Weltfinanzkrise (2007-2009), die Eurokrise (2010-2012) – mache deutlich, dass kein Land, keine Region und auch kein Staatenbündnis von der Instabilität verschont bleibe, die unserer gegenwärtigen neoliberalen Ausprägung der Globalisierung innewohne. Und sie wären auch zukünftig nicht davor gefeit, warnt Stiglitz, wenn die Regeln, die derzeit die Globalisierung bestimmen, nicht von Grund auf neu geschrieben würden.

Stiglitz’ Globalisierungskritik richtete sich damals zuallererst gegen den unverhältnismäßig hohen Preis, den die ärmsten Länder der Welt zahlen müssten (die zwar nicht mehr die einzigen, aber noch immer die am schlimmsten betroffenen Opfer sind). Einst als Dritte Welt und heute als Entwicklungsländer bezeichnet, machen diese Länder 85 Prozent der Weltbevölkerung aus, erwirtschaften aber nur 39 Prozent des Welteinkommens. Am schlimmsten sei die Verarmung in Subsahara-Afrika, wo das Pro-Kopf-Einkommen lediglich 2,5 Prozent des der USA betrage. Diese Länder hätten keine Wahl: Entweder würden sie am globalisierten System teilnehmen oder vollkommen aus ihm ausgeschlossen werden. Verlieren würden sie so oder so.

Heute räumt Stiglitz allerdings ein, dass er gewaltig unterschätzt hat, was für Nachteile die entwickelte Welt erleiden würde. Nicht nur die Industriearbeiterschaft des sogenannten Rust Belt im US-amerikanischen mittleren Westen, auch große Teile der unteren und mittleren Einkommensschichten in den führenden Industrieländern der Welt zählen heute zu den Globalisierungsverlierern.

Heute räumt Stiglitz allerdings ein, dass er gewaltig unterschätzt hat, was für Nachteile die entwickelte Welt erleiden würde.

Ja, nicht nur die amerikanischen Fabrikarbeiter und Farmer gehörten dazu, sondern auch die einst so robuste Mittelschicht auf beiden Seiten des Atlantiks, deren Vermögen in den letzten beiden Jahrzehnten stagnierte.

Während anderswo die Lebenserwartung steige, sei sie für männliche weiße Amerikaner mittleren Alters gesunken. Frühzeitiges Sterben trete in Gesellschaften häufiger auf, die von Niedergang und Ungleichheit betroffen seien, weil dies Alkoholismus, Selbstmorde und Drogenmissbrauch nach sich ziehe. Wer früher sicher sein konnte, ein Eigenheim zu kaufen, seine Kinder auf die Hochschule zu schicken und schließlich friedlich in Rente zu gehen, könne sich das alles nicht mehr leisten – und das mache diese Menschen wütend.

Die hemmungslose Deregulierung der Finanzmärkte und die Gier seiner Akteure habe die weltweite Finanzkrise von 2008/2009 ausgelöst, von der die Mittelschichten am stärksten betroffen waren. Es gebe nicht nur bei weitem weniger Globalisierungsgewinner als die Cheerleader der Globalisierung versprachen, sondern auch weit weniger, als Kritiker wie Stiglitz annahmen. Die größten Profite mache das oberste Prozent oder vielleicht auch nur das oberste 0,1 Prozent der Verdienenden. Das sind wenige Hunderttausend amerikanische Superverdiener, die Millionäre und Milliardäre. Unternehmen wie Apple verdienten eine Menge Geld, weil die Finanztransaktionen der großen multinationalen Konzerne nur wenig oder gar nicht besteuert würden. Stiglitz stellt fest, dass die einzige andere Gruppe, die sich dieser Elite anschließt, die neuen Mittelschichten in den aufstrebenden Märkten wie Indien und China seien.

Mit den von Washington dem globalen System aufgedrückten Regeln unterliege die Weltwirtschaft neo-liberalen Grundsätzen in ihrer reinsten Form. „Was ‚Freihandel‘ genannt wurde, war im Grunde gelenkter Handel ... und zwar ganz im Sinne von Unternehmens- und Finanzinteressen“, argumentiert Stiglitz.

Der Autor nimmt kein Blatt vor den Mund in seiner scharfen Kritik an IWF und Weltbank, den Institutionen, die seiner Meinung nach unter der Fuchtel Washingtons die US-amerikanische Vision vollstreckten. Diese harsche Kritik ist umso bedeutsamer, als Stiglitz selbst einst Chefökonom der Weltbank war. Die Befürworter einer laissez-faire-Globalisierung hätten sich geweigert, in ihrem Modell auch Maßnahmen einzuplanen, die den negativen Folgen entgegenwirken, von denen aufgrund der Verlagerung von Arbeitsplätzen und technologischen Veränderungen viele Menschen betroffen seien.

Stiglitz nennt das Phänomen Donald Trump, aber auch Europas Populisten, eine verfehlte Reaktion auf die Diskrepanz zwischen der Erwartung vieler Menschen an die Globalisierung, von der angeblich alle profitieren würden, und ihrer enttäuschenden Realität. Die verständliche Ablehnung erstrecke sich nun auch auf die Eliten, die die Globalisierung immer dermaßen angepriesen, und die Institutionen, die sie durchgesetzt hatten.

Die Populisten würden nun die entstandene Wut ausnutzen, um die „ungerechten“ Handelspraktiken ihrer Handelspartner für alles verantwortlich zu machen, und so die USA beispielsweise gegen China aufbringen. Stiglitz schreibt: „Der Konflikt liegt aber ganz woanders, und zwar zwischen den Beschäftigten und Konsumenten – den 99 Prozent – sowohl in den Entwicklungs- als auch in den Industrieländern auf der einen Seite und den Unternehmensinteressen auf der anderen Seite.“

Die populistische Reaktion – ein Rückzug vom weltweiten Handel durch den Schutz der eigenen Märkte – sei der völlig falsche Weg. Stiglitz’ zufolge werde der „neue Protektionismus“ die Globalisierung nicht zu einem „Positivsummenspiel“ machen, sondern alles nur noch verschlimmern: Die Arbeitsplatzverluste seien nicht rückgängig zu machen; Vergeltungsmaßnahmen nach dem Motto „Wie du mir, so ich dir“ und verlorene Absatzmärkte würden die Preise in die Höhe treiben; die Inflation werde sich negativ auf die Volkwirtschaften auswirken und der Lebensstandard werde sinken.

Genau wie vor 25 Jahren ist Stiglitz auch heute noch der Meinung, dass die negativen Auswirkungen der Globalisierung durchaus vermeidbar seien.

Genau wie vor 25 Jahren ist Stiglitz auch heute noch der Meinung, dass die negativen Auswirkungen der Globalisierung durchaus vermeidbar seien. Anders organisiert und gesteuert könne die Globalisierung viel mehr Menschen in aller Welt zugutekommen. Die nordischen Länder waren beispielsweise anders mit den Folgen umgegangen, indem sie diejenigen, die ihren Arbeitsplatz verloren, entschädigten und umschulten. „Sie zeigten, dass soziale Absicherung ohne Protektionismus möglich ist“, schreibt Stiglitz. „Daher waren dort die Nebenwirkungen weniger gravierend. Aber diese Länder sind seltene Ausnahmen. Sie führten Maßnahmen zur Verringerung von Ungleichheiten sowohl beim Markteinkommen als auch beim Einkommen nach Steuern und Transfers ein: Sie machten deutlich, dass Ungleichheit nicht einfach das Ergebnis ökonomischer Gesetzmäßigkeiten ist, sondern das Ergebnis der Maßnahmen, mit denen Länder auf Wirtschaftskräfte einschließlich der Globalisierung reagieren, die ihre Länder zerreissen.“Die skandinavischen Länder hätten den Wohlstand verteilt und könnten daher heute mit stabileren Volkswirtschaften und Gesellschaften aufwarten.

Stiglitz kommt in seinem neuen Buch zu denselben Schlussfolgerungen wie vor 25 Jahren: Die Globalisierung könne so gelenkt werden, dass viel größere Anteile der Weltbevölkerung, wenn nicht sogar fast alle Menschen sowohl in den Entwicklungs- als auch in den Industrieländern, von ihr profitieren könnten. Nötig seien ein System einer neuen globalen Reserve, der Ausbau von Umschulungsmaßnahmen für Beschäftigte, eine sehr viel strengere Regulierung der Finanzmärkte und Umschuldungsmaßnahmen für Schuldnerländer. Den Schwellen- und Entwicklungsländern müsse ein größeres Mitspracherecht bei der Gestaltung des globalen Systems eingeräumt werden. Und nicht zuletzt müssten die Linksparteien sich für die entrechteten Arbeitnehmer einsetzen, was sie bisher nicht getan hätten.

Stiglitz ist der Meinung, dass für die neue Weltwirtschaft auch vollkommen neue Institutionen gegründet werden müssen. Er hofft, dass die führenden Köpfe der Welt zur Besinnung kommen, wenn die Ära Trump vorbei ist und wir aus unseren Fehlern gelernt haben. Das wäre ein Best-Case-Szenario.

Übersetzung: Ina Goertz

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