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„Flüchtlinge wollen etwas tun“

Eine Lektüreempfehlung von Christoph Zöpel.

Zataari in Jordanien ist zu einem weltweit bekannten Lager für syrische Flüchtlinge aus dem Bürgerkrieg geworden. Kilian Kleinschmidt hat es in den Jahren 2013/2014 geleitet. Zwei Erfahrungen haben sich dort bestätigt. Flüchtlinge besinnen sich auf sich selbst, nicht auf andere, und wollen etwas tun. Dabei begreifen sie Flüchtlingslager als Stadt, als „eine lebendige Stadt mit ihren vielfältigen Möglichkeiten.“ Zataari ist so eine Stadt geworden und sollte dauerhaft akzeptiert werden – wie völkerrechtlich auch immer.

Zataari war Kleinschmidts letzte Tätigkeit für das Amt des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR). Davor liegen 22 Jahre, in denen er in Uganda, im Südsudan, in Somalia, Kenia, Ruanda, Sri Lanka, im Kongo, in Bosnien und im Kosovo sowie in Pakistan gearbeitet hat. In dem Buch „Weil es um den Menschen geht. Als Krisenhelfer an den Brennpunkten der Welt“ fasst er seine Erfahrungen zusammen. Sie zeigen den Kontrast zwischen den offiziellen Zielen der Krisenpolitik der „internationalen Gemeinschaft“ seit den 1990er Jahren, der Überbürokratisierung der UN-Organisationen, dem Eigennutz der amerikanischen und europäischen Wohlfahrtsorganisationen und der Wirklichkeit, die humanitäre Helfer dabei erfahren mussten. Und sie führen ihn zu einer Schlussfolgerung: Flüchtlings-Start-Ups sind besser als Suppenküchen, denn Flüchtlinge sind eine Ressource, sie haben Kenntnisse und Fähigkeiten, die gebraucht werden, aber sie werden verschwendet.

Es macht nachdenklich, aktuelle Wahrnehmungen der Flüchtlingsproblematik von Kleinschmidt gezeigten Fakten gegenüberzustellen. Das größte Flüchtlingslager der Welt, mit über 500 000 somalischen Flüchtlingen, befindet sich in Kenia, seit Anfang der 1990er Jahre. Lösungen des Problems sind nicht in Sicht. Und die erprobten Mittel, Finanzleistungen der internationalen Gemeinschaft wie von privaten Spendern, stoßen an Grenzen; die Aufnahme von Flüchtlingen aus Afrika in Europa noch mehr, wie derzeit erfahrbar ist. So sucht Kleinschmidt nach „Lösungen, wie wir alle etwas ändern können.“ Er sieht sie in einem globalen rechtlichen System, das die Energien und Finanzen der Flüchtlinge nutzt, die derzeit nur der internationalen Mafia zugutekommen. Flüchtlinge wollen keine Almosenempfänger sein. Es gibt vielfältige Wege der Hilfe zur Selbsthilfe in einer Welt immer unbeschränkterer Kommunikation bis hin zum 3D-Drucker. Drei Milliarden Menschen haben keinen Zugang zur Wirtschaft und zu Sozialsystemen und leben von weniger als zwei Euro pro Tag. So sind sie keine große Ressource für die Wirtschaft. Helfen könnte sogenanntes Social Investment Capital: Die Weltbank und private Kapitalgeber sollten neue Finanzierungswege suchen. Eher als Auffanglager noch nördlich, später südlich der Sahara einzurichten, wäre das eine Lösung – für die Flüchtlingsströme, die noch weit weg von Europa sind.

Aber auch in Europa stößt der Umgang mit Flüchtlingen auf bürokratisches Unwissen. Nach 1997 war Kleinschmidt in Südosteuropa tätig. Er gibt zu, dass sich hier sein emotionaler Zugang änderte. In Afrika und Asien „hatte ich den Almosen spendenden besserwissenden Missionar hervorgekehrt.“ Jetzt „sahen die Flüchtlinge so aus wie ich.“ Schon in Sarajewo zeigte sich: Menschen lernen in hochverdichteten Flüchtlingslagern urbanes Leben, und wollen nicht in ihre Dörfer zurück. Das machte die Rücksiedlungen in Bosnien problematisch. Und es zeigte sich: Wenn aus wirtschaftskonzeptionellen Gründen alles, auch Wohnungen privatisiert werden, lassen sich für Flüchtlinge schwer welche finden. In den Jahren 2001 bis 2004 war Kleinschmidt an der Mission Hans Koschniks im Rahmen des Stabilitätspakts beteiligt. Angesichts der Diplomaten und Praktikanten in Brüssel gewann er das Gefühl: „Ihr wisst überhaupt nicht, wie es in dieser Welt zugeht“. Von 2005 bis 2006 war er dann im Kosovo, „einem diplomatischen Produkt ohne ökonomische Basis, es sei denn Korruption.“ Zuständig für die Rückführung gescheiterter kosovarischer Asylbewerber erlebte er Ahnungslosigkeit, besonders im deutschen Innenministerium, die dem Erschrecken aus diesem Hause in den Kosovo Entsandter nach Erfahrungen vor Ort wich.

Für die nächsten Dekaden lassen sich aus den Erfahrungen Kleinschmidts zwei Konsequenzen ziehen. Ganz Europa braucht Freizügigkeit, dann ist Flucht hier kein Schicksal mehr. Außerhalb Europas müssen Flüchtlinge da, wo sie gerade sind, arbeiten, also wirtschaftlich aktiv werden können. Ferner braucht das UN-System neue völkerrechtliche Möglichkeiten, jenseits einer Staatenwelt, in der politische Herrschaft auch gegenüber Flüchtlingen zu schnell missbraucht werden kann.

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4 Leserbriefe

JochenL schrieb am 01.03.2016
… das ist so etwas von gut – herzlichen Dank, Herr Zöpel!!
Bremer Verhältnisse schrieb am 01.03.2016
Ja, das ist aus den verschiedensten humanitären Gründen ganz wichtig.
Für Bremen habe ich ein entsprechendes Konzept geschrieben, wie Geflüchtete hier schnell ihre eignen Wohnungen bauen können – und nicht in Hallen, Zelten und sonstigen Massenlagern untätig dahin vegetieren müssen. Das ließe sich im Prinzip auf andere Städte übertragen, die nicht genügend Wohnungen im Bestand mobilisieren können. Das lässt sich auf meiner Webseite bremer-verhaeltnisse.de unter „Unterbringung von Flüchtlingen“ nachlesen.
Aber die Flüchtlingsunterbringung ist inzwischen ein Millionengeschäft für Besitzer von (Schrott)immobilien, Zelte-Vermietern, Wohlfahrtsverbänden, Sicherheitsfirmen usw. Die städtischen Stellen und Landespolitiker kennen den Vorschlag. Aber sie antworten nicht und gehen nicht darauf ein.
Dr. Reiner Bernstein schrieb am 01.03.2016
.. niemand scheint zu bemerken, dass sich für Jordanien die Existenzfrage stellt. Wird Israel wie 1970 den Haschemiten den Thron retten?
Ortrud Hagedorn schrieb am 03.03.2016
Immer wieder wird die Menschenwürde in der Flüchtlingsfrage betont. Es gehört aber auch zur Menschenwürde, dass der Mensch etwas sinnvolles tun kann, um seine Tatkraft zu behalten und konstruktive Handlungsmacht aufbauen zu können.

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