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Müssen wir immer weiter wachsen? Und wenn ja, wie?

Erhard Eppler und Niko Paech streiten darüber. Eine Lektüreempfehlung von Udo Simonis.

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Gelegentlich ist es gut und angemessen, das Lesen eines Buches mit dem letzten Teil zu beginnen. Im Anhang des vorliegenden Buches sind zwei kurze Essays der beiden Kontrahenten Erhard Eppler und Niko Paech abgedruckt. Epplers Essay trägt den Titel „Selektives Wachstum“ – und beginnt so: „Was wir heute ‚wirtschaftliches Wachstum‘ nennen, war ursprünglich nur eine statistische Zahl. Man hatte sich verständigt, wie die wirtschaftliche Gesamtleistung eines Staates, das Bruttoinlandsprodukt, errechnet werden könne. Wenn diese Summe von einem Jahr zum anderen anstieg, nannte man dies ‚das Wachstum‘. Wenn sich Phasen stärkeren Wachstums mit Phasen schwächeren Wachstums abwechseln, waren das Aufschwung bzw. Abschwung.“  So weit, so gut. Schwierig aber wird es, wenn Wachstum zum politischen Ziel gemacht wird; dann kann dieses Ziel alles Mögliche und manches Unmögliche rechtfertigen, dann entstehen Abhängigkeiten und Verwirrungen.

Wo Wachstum zum zentralen Ziel aller Politik wird, sagt Eppler, sei die Rutschbahn zum Marktradikalismus gebaut.

Wo Wachstum zum zentralen Ziel aller Politik wird, sagt Eppler, sei die Rutschbahn zum Marktradikalismus gebaut; dort landeten dann auch die Politiker, die eigentlich etwas ganz anderes wollen oder wollen sollten. Wachstum als generelles Ziel führe zum Primat der Ökonomie über eine Politik, deren Pflicht dann darin bestünde, die wirtschaftlich Mächtigen bei Laune zu halten. Eppler folgert daraus: Es hätte keinen Sinn, Wachstumsraten von drei oder vier Prozent zum politischen Ziel zu machen; doch abwegig sei auch, ein Nullwachstum anzustreben. Er hält fest: „Es kommt nicht darauf an, wie viel wächst oder nicht wächst – sondern was wächst“. Das ist Epplers Plädoyer für „Selektives Wachstum.“

Er begründet dies auf einfache Art und Weise. Selektives Wachstum fordere auf zum Diskurs: Was wollen wir wachsen sehen, was nicht? Was muss schneller wachsen, als die Marktkräfte es wachsen lassen? Was muss schrumpfen? Mit der Frage, was denn wachsen soll und was besser nicht, werde der Primat der Politik (wieder) hergestellt.

Erhard Eppler, der Politiker und Publizist, ist einer der bedeutendsten Vordenker der SPD. Mit seinem Buch „Ende oder Wende“ (1975) trug er wesentlich zur Entstehung der Umweltbewegung in Deutschland bei. Niko Paech, der radikale Ökologe, wurde mit seinem Buch „Befreiung vom Überfluss“ (2012) zu einem wichtigen Protagonisten der „Postwachstumsökonomie“. Seinen Essay zum Thema beginnt er dann auch mit der Aussage: Die Wachstumsdebatte sei eine Gespensterdebatte. Eine weitere Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) sei im Grunde gar keine Option mehr: Wirtschaftswachstum scheitere absehbar an Ressourcenengpässen, verringere nicht die enormen Verteilungsdisparitäten, fördere nach Erreichen eines bestimmten Wohlstandsniveaus keine Glückszuwächse und sei nie ohne ökologische Schäden zu haben. Unabdingbar sei hingegen eine absolute Entlastung der Ökosphäre. Ein Beispiel: Die in Deutschland pro Kopf und Jahr anfallende CO2-Menge von durchschnittlich elf Tonnen müsste zur Stabilisierung des Klimas auf deutlich unter drei Tonnen gesenkt werden.

Das vielfach propagierte „Grüne Wirtschaftswachstum“ könne nicht die Antwort auf diese historische Herausforderung sein. Alle bisher ersonnenen und propagierten grünen Lösungen, ob es sich dabei um Elektromobile, Photovoltaikanlagen, Bionahrungsmittel, oder sonstiges handele, kämen nicht ohne weitere physische, industrielle oder finanzielle Aufwände aus. Paech folgert in apodiktischer Weise: „Alle bekannten grünen Technologien lösen die ökologischen Probleme nicht, sondern transferieren diese nur in eine andere physische, räumliche, zeitliche oder systemische Dimension“.

Paech folgert: Alle bekannten grünen Technologien lösen die ökologischen Probleme nicht, sondern transferieren diese nur in eine andere physische, räumliche, zeitliche oder systemische Dimension.

Wenn aber eine Entkopplung des BIP von ökologischen Schäden systematisch fehlschlage, dann verblieben als Ausweg nur die (schrittweise) Reduktion industrieller Produktionssysteme und deren (teilweiser) Ersatz durch Versorgungssysteme, die ohne Wachstum und auf ökologisch verantwortbarem Niveau stabilisiert werden können. Dieser Weg in die „Postwachstumsökonomie“, sagt Paech, sei vorgezeichnet, wenn nicht ‚by design‘ (proaktiv gestaltend) dann ‚by disaster‘, nämlich spätestens, wenn globalisierte Fremdversorgungssysteme kollabierten.

„Die Grünen hätte man nicht zu gründen brauchen, hätte es genug Epplers in der SPD gegeben“, meint Paech. Bei Bundeskanzler Helmut Schmidt gab es zwei Dinge, die ihn absolut nicht interessierten: „Das eine war die Ökologie, das andere war die Dritte Welt. Genau diese beiden Dinge waren mir wichtig. Da musste es krachen“, erinnert sich Eppler. Christiane Grefe, eine führende Umweltjournalistin und die Moderatorin des Streitgesprächs, will beide Diskutanten in bessere Stimmung bringen mit dem Hinweis, dass mit dem Biodiversitätsabkommen der Vereinten Nationen, den globalen Nachhaltigkeitszielen und den Pariser Beschlüssen zum Klimaschutz doch etwas erreicht worden sei. Der Jüngste im Kreis aber beendet das Kapitel in Katerstimmung: „Wir haben nichts erreicht. Die Ökosphäre stirbt immer schneller, während gleichzeitig ständig neue Nachhaltigkeitsfortschritte gefeiert werden“.

Wenn die Moderatorin im zweiten Kapitel die Gretchenfrage stellt, ob der Schlüssel zur nachhaltigen Entwicklung tatsächlich ein Schrumpfen der Wirtschaft erfordert, ist das Spannende, dass die Diskussion sich in Richtung Verteilungsfragen entwickelt: „In dem Augenblick, wo es tatsächlich kein Wachstum mehr gibt, wird die Verteilungsdiskussion sehr ernsthaft und ist nicht mehr abzuweisen“, antwortet Eppler. „Es geht um eine Mäßigung der Ansprüche, die uns ohnehin nicht mehr guttun“, so Paech.

Am Ende des Buches macht Paech dann ein unerwartetes Eingeständnis: Eine Strategie der Wachstumsvermeidung werde wohl nirgendwo auf der Welt eine Mehrheit finden. „Wahlen gewinnt nur, wer mehr Geld oder neue Freiheiten verspricht. Sobald Regierungen Einschränkungen etablieren wollen, sind sie dem Kreuzfeuer der Mehrheit ausgesetzt“. Das aber dürfe einen Wissenschaftler nicht davon abhalten, an der Idee einer Postwachstumsökonomie weiterzuarbeiten. Und auch er formuliert seine Vision noch einmal: „Ich fände die Forderung zukunftsweisend, dass wir in Deutschland nicht nur die erste Gesellschaft werden, die die Atomenergie überwindet, sondern auch die erste, die eine Autobahn zurückbaut, einen Flughafen abwickelt oder Flächen entsiegelt, statt weiter zu expandieren oder gar ähnliche Projekte wie Stuttgart 21 hochzuziehen“.

Das in jedem Sinne spannende und anregende Buch ist nicht ohne Widersprüche, aber voller Engagement für eine andere, bessere Welt, und seine vollständige Lektüre sei allen Leserinnen und Lesern ans Herz gelegt.

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