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Regierung des Himmels

Thomas Hippler legt ein lesenswertes Buch zur Geschichte des Luftkriegs vor.

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Ein B-1B Lancer der amerikanischen Luftwaffe beim Auftanken durch einen KC-135 Stratotanker.

Kriege beginnen heute oft mit einem Luftschlag. Im Golfkrieg 2003 sollten auf diese Weise Saddam Hussein und die irakische Führung getroffen werden. „Shock and Awe“ – „Furcht und Schrecken“ – hieß die Operation, die den irakischen Diktator töten sollte. Auch in Syrien und im Jemen setzen Militärs auf Flugzeuge und Bombardements: Dort werden aktuell ganze Städte und Wohngebiete aus der Luft unter Beschuss genommen. Hilfsorganisationen beklagen, dass dabei nicht einmal Krankenhäuser verschont werden.

Und dann gibt es da noch den ganz neuen Luftkrieg mit Drohnen statt Flugzeugen: Die Piloten sitzen am Monitor, weit weg vom Kriegsgeschehen in Afghanistan, Pakistan oder Jemen. Oft sind es nur mutmaßliche Terroristen, die sogenannten „Signature Strikes“ zum Opfer fallen. Ob das noch Krieg ist oder nicht eher eine extralegale Hinrichtung ohne Gerichtsverfahren, ist umstritten.

Dabei ist der Krieg in und aus der Luft relativ neu. Die ersten Flugzeuge wurden vor gerade einmal rund 100 Jahren gebaut. Dadurch veränderte sich auch das Kriegsgeschehen. Nicht nur war beispielsweise Großbritannien plötzlich keine unverwundbare Insel mehr, als 1909 der erste Flug über den Ärmelkanal gelang. Im Ersten Weltkrieg wurden Flugzeuge sofort als Waffen eingesetzt: im Luftkampf, wo Kampfpiloten als Ritter der Lüfte PR-technisch gut vermarktet werden konnten, aber auch, um Ziele im Hinterland zu bombardieren und so den Stellungskrieg aufzubrechen.

Kampflugzeuge, strategische Bombardements und Dronenkriege sind weit mehr als nur Waffen, die gerade dem Stand der Technik entsprechen.

Doch Kampflugzeuge, strategische Bombardements und Dronenkriege sind weit mehr als nur Waffen, die gerade dem Stand der Technik entsprechen. Das zeigt sehr eindrücklich die „Globalgeschichte des Luftkrieges“, die der Historiker Thomas Hippler unter dem Titel „Die Regierung des Himmels“ verfasst hat. Sein Buch, mehr Essay-Band als klassisches historisches Sachbuch, verdeutlicht zweierlei: Erstens war der Krieg aus der Luft von Anfang an mit bestimmten Erwartungen verbunden. Und zweitens prägten diese Erwartungen ihrerseits die Kriegsführung und prägen sie bis heute.

Hippler geht dafür auf die Anfänge des Luftkrieges zurück. Es war ein italienischer Flieger, der am 1. Novemer 1911 seinen Aufklärungsflug bei Tripolis nutzte, um die erste Bombe aus einem Flugzeug heraus abzuwerfen. Daraus wurde schnell das „Police Bombing“, das 1921 erstmals im Irak eingesetzt wurde. Die Royal Air Force versprach, antikoloniale Aufstände viel billiger niederzuschlagen, als das mit Landstreitkräften möglich gewesen wäre.

Statt eines Expeditionskorps wurden jetzt Flugzeuge geschickt. Trafen sie die Aufständischen nicht direkt, zielten sie eben auf die Infrastrukur, auf das soziale und ökonomische Leben. Damit war die Art und Weise entwickelt, wie Luftstreitkräfte künftig eingesetzt werden würden. Im Totalen Krieg wurden keine Unterschiede mehr zwischen Front und Hinterland gemacht, industrielle Produktionszentren wurden genauso unter Beschuss genommen wie feindliche Stellungen. „Es geht nun nicht mehr um Schläge gegen feindliche Armeen, sondern gegen ganze Völker, so wie es in den Kolonien schon gang und gäbe war“, schreibt Hippler.

Die Folge davon: Der Krieg „demokratisiert“ sich, die Unterscheidung zwischen Kombattanten und Zivilisten fällt weg. Vor allem die Industriearbeiter, Fabriken und Arbeitervorstädte sind nun Kriegsziel – und das gleich aus mehreren Gründen: Ohne die Arbeiterklasse gibt es keine industrielle Kriegsproduktion. Zugleich sind die Arbeiter potenziell die Klasse, die die Regierenden und ihre Ordnung stürzen können. Im Zweiten Weltkrieg kam all das im „Moral Bombing“ zusammen, mit dem die Moral der Deutschen gebrochen werden sollte. Das „Police Bombing“, zuerst in den europäischen Kolonien entwickelt, kam zurück nach Europa.

Die Idee, nicht nur Hitler, sondern auch seine Anhänger unter Beschuss zu nehmen und die deutsche Volksgemeinschaft so gewaltsam aufzubrechen, mag naheliegend gewesen sein. Funktioniert hat sie jedoch nicht.

Die Idee, nicht nur Hitler, sondern auch seine Anhänger unter Beschuss zu nehmen und die deutsche Volksgemeinschaft so gewaltsam aufzubrechen, mag naheliegend gewesen sein. Funktioniert hat sie jedoch nicht, wie Thomas Hippler anmerkt: Der Aufstand gegen das Regime blieb aus, Nazi-Deutschland kapitulierte trotz massiver Luftangriffe erst, als alliierte Soldaten am Bunker der Reichskanzlei standen.

Doch die Hoffnungen der Alliierten, die mit der Bombardierung deutscher Städte verbunden waren, sind typisch für den Luftkrieg: Es waren, das zeigt Thomas Hippler eindrücklich, keineswegs nur gealterte Militärstrategen, die hofften, aus der Luft Recht und Ordnung ein für alle Mal durchsetzen zu können. „Die Luftfahrt besitzt die wundersame Macht, den Krieg unmöglich werden zu lassen, nicht weil sie die Menschen befreit, sie einander näherbringt und die Grenzen aus der Welt schafft, sondern paradoxerweise dank ihrer Zerstörungskraft. So entwickelt sich nach der liberalen eine militaristische Vision des Friedens“, schreibt Hippler.

Intellektuelle wie der britische Schriftsteller H. G. Wells träumten von einem Weltstaat, der überall Ordnung schafft. Das geeignete Mittel dazu schien eine fliegende Streitmacht sein, die mit ihrer ungeheuren Zerstörungskraft jeden Rechtsbrecher an jedem Ort der Welt zeitnah bestrafen kann. Diese Idee erwies sich als so faszinierend, dass sie es bis in die Charta der Vereinten Nationen schaffte: Dort heißt es noch heute in Kapitel VII, Artikel 45: „Um die Vereinten Nationen zur Durchführung dringender militärischer Maßnahmen zu befähigen, halten Mitglieder der Organisation Kontingente ihrer Luftstreitkräfte zum sofortigen Einsatz bei gemeinsamen internationalen Zwangsmaßnahmen bereit.

Und nach Artikel 47 wird ein Generalstabsausschuss eingesetzt, der „unter der Autorität des Sicherheitsrats für die strategische Leitung aller dem Sicherheitsrat zur Verfügung gestellten Streitkräfte verantwortlich“ sein soll. So sollen die Vereinten Nationen ihre eigene fliegende Polizei bekommen. „‚Der Pilot als Polizist und die Bombe als Knüppel‘ – genau an diesem Punkt treffen sich die koloniale Praxis des Police Bombing und der humanistische Kosmopolitismus“, schreibt Hippler.

Dieser Teil der Charta ist zwar bis heute nicht umgesetzt. Aber der Geist des kolonialen Police Bombings lebt hier weiter und damit die Idee, dass massive Gewalt aus der Luft höheren Zielen dient und sich so Ordnung, Regeln und Moral verbreiten lassen. Das führt direkt in die unbegrenzten Drohnenkriege von heute: Wo es keine konkreten Kriegsziele mehr gibt wie die Eroberung eines Landes, ist auch das Ende nicht mehr absehbar. „Flugzeuge sind das Lieblingswerkzeug der ‚endlosen‘ Kriege, die wir heute kennen – dieser Kriege, die man nicht beim Namen nennt und die sich als einfache Polizeioperationen auf Weltebene darstellen“, schreibt Hippler.

Der Luftkrieg hat den Krieg nicht ein für alle Mal beendet, wie das der militaristische Pazifismus gehofft hatte. Stattdessen schlägt er ins Gegenteil um: den unerklärten und unbegrenzten Krieg. Flächenbombardements haben zwar ihren militärischen Nutzen, sind aber angesichts der gewaltigen Zerstörungen moralisch so fragwürdig, so dass sie inzwischen verboten sind. In den neuen Kriegen wird stattdessen mit Drohnen Jagd auf Einzelpersonen gemacht. „Die Drohne steht ganz klar in der Nachfolge des Kolonialpraxis des Police Bombing“, urteilt Hippler. Zumal es die ehemaligen Kolonien sind, in denen Drohnen eingesetzt werden. Das sollte eigentlich zu denken geben.

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