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Ressentiments helfen nicht weiter

Christoph Zöpel über Pankaj Mishras „Zeitalter des Zorns“.

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Rückkehr fanatischer Religiosität. Indische Muslime protestieren gegen die Regierung Modi wegen des Verbots der Schlachtung von Kühen.

Pankaj Mishras 400-seitiges Essay fasziniert und hinterlässt Ratlosigkeit. Es resümiert, die Widersprüche eines auf „westliche“ Minderheiten beschränkten Fortschritts seien global sichtbar geworden. Viele hundert Millionen junger Leute seien dazu verdammt, überflüssig zu sein. Und das nähre den Verdacht, „dass die gegenwärtige Ordnung, ob nun demokratisch oder autoritär, auf Zwang und Betrug aufgebaut ist.“ Mishras Konsequenz daraus, „die Notwendigkeit eines wahrhaft verändernden Denkens“, aber wirkt hilflos. Er kritisiert in seiner Analyse den übersteigerten Individualismus, verbunden mit der speziellen Erfahrung von Freiheit innerhalb einer großen Leere. Er problematisiert das Bemühen um Gleichheit und damit um Gerechtigkeit, Tocqueville zitierend, dass der Wunsch nach Gleichheit umso unersättlicher werde, je größer die Gleichheit ist. Er bagatellisiert die kategoriale Unterscheidung von „links“ und „rechts“.

Dabei will das Essay durchaus Voraussetzungen verändernden Denkens liefern, durch Wissen, das über die Aktualität des Konflikts Westen contra Islam sowohl räumlich als auch zeitlich hinausgeht. Mishra, in Indien geboren, fügt europäischem indisches und arabisch-islamisches Wissen hinzu. Zeitlich geht er zurück zu den Anfängen der Aufklärung in England und Frankreich und fokussiert dann die Reaktionen darauf in Deutschland, Russland und Italien im 19. Jahrhundert. Diese geistes- und realgeschichtlichen Entwicklungen beeinflussen die Gegenwart, die geprägt ist durch den „gerechten Krieg des Westens“, der dem „globalen Dschihad ähnelt“, sowohl in seiner furchteinflößenden Gewalt als auch in seiner „vollkommenen Unfähigkeit, eine politische Ordnung zu errichten, in der Krieg und Frieden eindeutig definiert sind.“

Mishras Konsequenz daraus, „die Notwendigkeit eines wahrhaft verändernden Denkens“, aber wirkt hilflos.

Die historischen Implikationen für die Gegenwart schildert Mishra und das ist schon faszinierend –, indem er unzählige Gedankenbilder, Biographien, politische Ereignisse und terroristisches Handeln Einzelner verbindet, zwischen unterschiedlichen Kulturen wechselt, zeitliche Unterschiede überspringt. Das Gerüst bildet dabei ein zeitgeschichtlicher Diskurs mit einer Zäsur. Vor dieser Zäsur lag die Abkehr von der Religion. Außerhalb Europas bzw. Nordamerikas bewirkte diese Abkehr die Anpassung an die Moderne in ihrer kapitalistischen wie kommunistischen Variante. Personalisiert wurde dies nach dem Ersten Weltkrieg durch Atatürk, nach dem Zweiten durch Nehru, Mao, Schah Reza Pahlavi. Die Modernisierung manifestierte sich in postkolonialer Staatenbildung, die jedoch problematisiert wurde durch wirtschaftsinteressen-geleitete Interventionen der USA und Großbritanniens sowie durch Einfluss und dann Scheitern des Sowjetkommunismus. Intellektuelle in den außerwestlichen Staaten konnten das kritisch aufnehmen und dann auch revolutionär nutzen, zuerst in Persien durch Khomeini. Es folgte die Zäsur, die Rückkehr der Religion, in Form entfesselten Nationalismus und messianischer Visionen. Mit dieser Zäsur ist Mishra orientiert am Zusammenbruch des Kommunismus in Europa und den fragenden Hypothesen, was danach folgt. Er verbindet das mit der Feststellung „der Drang, durch gemeinsame Anstrengungen und staatliche Macht eine perfekte Gesellschaft zu erschaffen, hat sich im Westen und in Russland offensichtlich verbraucht.“ 

Vorläufer dieser Rückkehr der Religion war das tödliche Attentat auf Ghandi durch einen Hindu-Nationalisten. Damit geht Mishras globale Sicht über Europa hinaus. Aber er ortet die Ursprünge dort, im kulturellen Nationalismus Herders, in der Frankreichfeindlichkeit Fichtes. Dieses deutsche Denken der Romantik fand seine Adepten in Polen mit Mickiewicz, in Italien mit Mazzini und Garibaldi, wo schon bald der nihilistische Faschismus folgte. Und der Einfluss ging weiter nach Japan und eben auch nach Indien.

Die Rückkehr zur Religion aber mündete im Nihilismus. Wieder kann ein Deutscher für entsprechendes Denken in Anspruch genommen werden, Nietzsche. Für die Praxis steht Bakunin. Seit Ende des 20. Jahrhunderts wirkt der Nihilismus, gerade auch im Westen, durch Einzelne. In den USA war es Timothy Mc Veigh, 1995 Attentäter mit 168 Toten, in Norwegen Anders Breivik, 2011 mit 77 Toten. Diese Taten bringt Mishra in einen Zusammenhang mit dem World Trade Center 2001, mit Osama Bin Laden, mit IS.

Die eurozentrierenden Rückführungen außereuropäischen Handelns dienen dazu, Europa den Spiegel vorzuhalten.

Die eurozentrierenden Rückführungen außereuropäischen Handelns dienen dazu, Europa den Spiegel vorzuhalten: Folgen der Aufklärung sind technologisch-ökonomische Errungenschaften und die darauf beruhende Individualisierung weltweit. Die damit verbundenen Defizite aber werden nicht eingestanden. Im Gegenteil, es herrscht die geschichtsverdrängende Ideologisierung des Westens mit dem Krieg gegen den Terror zwecks Verteidigung westlicher demokratischer Werte, die es vor den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts so nicht gab.

Aufklärung und Reaktionen personalisiert Mishra in Voltaire, einem der reichsten Menschen damals in Frankreich, und Rousseau, der arm blieb. Ihre Gegenerschaft ist die zwischen der elitären Verbindung von Unternehmertum, Wissenschaft, Intellektuellen und der Benachteiligung davon Ausgeschlossener. Rousseaus Konfliktwaffe wurde die Lebenshaltung des Ressentiments, das bis in die Gegenwart Grundmotiv von Populismus und Terrorismus mit Fremden-, Minderheiten- und Frauenfeindlichkeit blieb. Die Definition des Ressentiments ist Kernbotschaft Mishras: Es ist existentiell „hinsichtlich des Seins anderer Menschen, ausgelöst durch ein intensives Gemisch aus Neid und dem Gefühl der Erniedrigung und der Ohnmacht“. Es hat die Zivilgesellschaft vergiftet und die politische Freiheit untergraben, es führt gegenwärtig weltweit zu einer Wende hin zu Autoritarismus und Chauvinismus.

Ressentiments haben Einzelne, Ressentiments haben Staaten und Völker. England und Frankreich ließen die Aufklärung in Imperialismus münden, Tocqueville rechtfertigte die Kolonialisierung Algeriens, Voltaire die Teilung Polens. Mit Napoleon schlug die europaweite Durchsetzung aufgeklärter Ziele um in imperialen Krieg unter Einschluss militärterroristischer Mittel. Die Reaktionen waren deutscher Nationalismus, russisches Anderssein mit Dostojewski als literarischem, Bakunin als anarchistischem Protagonisten. So entstanden engere identitätsstiftende Bindungen als Antworten auf scheiternde kosmopolitische Aufklärung. Verallgemeinernd sieht Mishra das als Ausweg, die Probleme aber liegen für ihn vor allem im autoritären Missbrauch, kaum in ökonomischen Mängeln und sozialen Missständen, die technologisch-ökonomische Errungenschaften durchaus überwinden können. Dazu kommen aber müsste der Abschied von der Ideologisierung des Westens. Auch den gibt es: Die Vereinten Nationen haben nach den Weltkriegen die Allgemeinheit der Menschenrechte erklärt, nicht deren „Westlichkeit“. Und es darf nicht in Frage gestellt werden, dass Demokratie, sicher selbst im „Westen“ erst im 20. Jahrhundert verbreitet, bei allen menschlichen Schwächen weniger „Zwang und Betrug“ zeitigt als autoritäre Ordnungen.

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