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Schamlos links

Marcus Roberts über den unerwarteten Höhenflug von Jeremy Corbyns Labour Party.

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Auf Wahlkampftour: Schulkinder zeigen Labour-Chef Jeremy Corbyn, wie man Geige spielt.

Entgegen aller Erwartungen schneidet die Labour-Partei bei den Wahlumfragen überraschend gut ab. Der Unterschied zwischen ihr und den Konservativen ist kleiner geworden. Warum ist das so? Und wird dieser Trend andauern?

Theresa May hat damals Neuwahlen ausgerufen, weil sie bei den Umfragen 24 Prozentpunkte vorn lag und die Labour-Partei in sich gespalten war. So sah sie die Möglichkeit für einen erdrutschartigen Sieg. Was dann aber geschah, war der schnellste Rückgang eines Umfragevorsprungs seit dem Wahlkampf von Schröder gegen Merkel im Jahr 2005. Die Konservativen begannen ihre Kampagne mit Umfragewerten im mittleren 40-Prozent-Bereich, und Labour lag in der Gegend um 25 Prozent. Dann aber konnte die Labour-Partei erfolgreich ihre Wählerbasis erweitern und so auf deutlich über 30 Prozent kommen, teilweise bis auf fast 40 Prozent. So wurde die Lücke geschlossen.

Das Interessante an der Sache ist also, dass Jeremy Corbyns Labour-Partei in der Gunst der Wähler überraschend stark zulegen konnte. Der Grund dafür scheint eine Kombination von Faktoren zu sein, die für Labour positiv und für die Konservativen negativ wirken. Erstens scheint Labour vor allem unter jungen Menschen sowie den Anhängern der Grünen und der Liberaldemokraten immer beliebter zu werden. Und zweitens kann die Partei den Teil ihrer traditionellen Unterstützer, der bisher mit dem Gedanken gespielt hat, konservativ zu wählen oder zu Hause zu bleiben, immer mehr zur Rückkehr bewegen.

Jeremy Corbyn hat sein Parteiprogramm sozusagen in knalligen Farben gemalt.

Mehr als die Hälfte der Umfragegewinne für Labour seit Beginn der Kampagne könnte dabei auf die überraschend harte und unnachgiebige politische Linie zurückzuführen sein, die Theresa May im Wahlkampf verfolgt. Sie betont die Möglichkeit eines harten Brexit, sie will neue Steuern auf die Kosten für soziale Pflege erheben und zu traditionellen konservativen Prioritäten wie der Legalisierung der Fuchsjagd in den englischen Wäldern zurückkehren. Damit scheint May die möglichen Wechselwähler aus dem Labour-Lager verprellt und zurück in die Arme von Jeremy Corbyn getrieben zu haben.

Inwieweit hat Corbyn verstanden, was die Wähler zum jetzigen Zeitpunkt wollen? Können die anderen Mitte-Links-Parteien in Europa, die teilweise katastrophale Wahlergebnisse erzielt haben, etwas von ihm lernen?

Jeremy Corbyn hat sein Parteiprogramm sozusagen in knalligen Farben gemalt. Prognostiker wie ich waren nicht überrascht, dass seine radikal linke Politik wie die erneute Verstaatlichung der Eisenbahn, der Busunternehmen und der Post bei den Wählern gut ankam. Überrascht waren wir aber darüber, dass diese Themen neuerdings einen Einfluss darauf haben, wie sich die Wähler entscheiden. Normalerweise tritt der politische Aspekt im Wahlkampf hinter Fragen der Führungsstärke und des Vertrauens zurück, mit denen die Parteien das jeweilige große Thema des Tages bewältigen können, in diesem Fall den Brexit. Bei beiden dieser Faktoren liegen Mays Konservative deutlich in Führung. Aber Jeremy Corbyn gelang es mit einer Kombination aus Klarheit und Authentizität, einem großen Pool links gerichteter Wähler seine radikale politische Agenda schmackhaft zu machen und dabei vor allem jüngere Wähler anzusprechen.

Bevor wir daraus allerdings Schlussfolgerungen ziehen, sollten wir erst die Ergebnisse abwarten! Immerhin ist Corbyns Basis sehr empfindlich, da sich dort viele unentschlossene und unzuverlässige Wähler tummeln. Mays Wählerbasis hingegen ist erheblich zuverlässiger, überzeugter und leichter zu mobilisieren. Wahrscheinlich sind ihre Unterstützer auch zurückhaltender. Sie haben weniger das Bedürfnis, auf die Straße zu gehen, zu twittern oder sich auf Facebook zu beschweren, aber dafür gehen sie mit größerer Wahrscheinlichkeit tatsächlich wählen.

Eine klare Botschaft an die linken Parteien könnte aber sein, das Technokratentum der 2000er Jahre aufzugeben und wieder mutigere, stärkere und klarere Politik zu machen. Corbyn hat die linken Wähler elektrisiert, indem er Risiken einging. Wird ein solcher Ansatz mit einer Politik verbunden, die auch die Wähler der Mitte anspricht, könnte die Linke sogar wieder anfangen, Wahlen zu gewinnen!

In welchem Ausmaß sind die stärkeren Labour-Umfragewerte das Ergebnis von Fehlern der Tories?

Wie bereits erwähnt, scheint etwa die Hälfte der Labour-Umfragegewinne daher zu stammen, dass May der konservativen Marke durch ihre polarisierenden Wahlkampfentscheidungen geschadet hat. Insbesondere ihre Vision eines Hardline-Brexit (dem Ausstieg aus dem Gemeinsamen Markt, um die Kontrolle über die britischen Grenzen zurückzubekommen) scheint zwar bei manchen labournahen „Leave“-Wählern anzukommen, hat aber bei der Stadtbevölkerung und den jungen Menschen keinerlei Unterstützung. Hier muss ich allerdings vorsichtig sein, da sich Mays Brexit-Politik immer noch zu ihren Gunsten auswirken könnte.

Strategisch gesehen könnte die Politik des harten Brexit für Frau May immer noch ein kluger Schachzug sein.

Strategisch gesehen könnte die Politik des harten Brexit für Frau May immer noch ein kluger Schachzug sein. Auch wenn sich dies im Moment noch negativ auf ihre Umfragewerte auswirkt, werden doch viele kleinere Wahlkreise nicht von europhilen Jungwählern, sondern von euroskeptischen älteren Wählern dominiert. Mays politische Entscheidungen könnten also in bestehenden Labour-Hochburgen wie London oder Manchester zu mehr Stimmen für Labour führen, aber in den für sie wichtigen nördlichen Wahlkreisen könnten die Konservativen auch zulegen.

Wenn die Umfragen stimmen, was würden sie für Corbyns Zukunft als Labour-Parteivorsitzender bedeuten?

Die Einschränkung „wenn die Umfragen stimmen“ enthält tatsächlich ein großes „wenn“! Manche Demoskopen wie ICM rechnen mit einer sehr geringen Wahlbeteiligung, und so könnte Corbyns Erfolgswelle schnell wieder zusammenbrechen. Andere wie YouGov, wo ich arbeite, meinen, die Wahlbeteiligung werde nur bei jungen Menschen gering sein, was zu einem knapperen Wahlausgang als erwartet führen könnte.

Wie auch immer: Dass Corbin in diesem Wahlkampf offensichtlich so beliebt ist und sich so steigern konnte, hilft ihm natürlich, sein Amt als Parteiführer nach der Wahl deutlich besser ausfüllen zu können.

Wie versucht Corbyn, junge Menschen anzuziehen, und was muss er tun, um sie tatsächlich an die Wahlurne zu bringen?

Wie bereits die Labour-Vordenkerin Rowenna Davis sagte, scheint Corbyn die Linke insgesamt deutlich erfolgreicher ansprechen zu können, als es Ed Miliband vor zwei Jahren gelungen ist. Und dies ist das entscheidende Erfolgsrezept für den Umgang mit jungen Wählern. Einfach ausgedrückt: Miliband hatte versucht, Stimmen von den Grünen, einigen linken Liberaldemokraten, den meisten traditionellen Labour-Wählern und einigen sozialkonservativen ehemaligen Labour-Anhängern zu bekommen, die zur UKIP und zu den Konservativen abgewandert waren. Aber diese große Koalition von Wählern hat ihn im Stich gelassen, und so konnte er nur die Labour-Stammwähler für sich gewinnen.

Wie Brexit, Trump und Macron gezeigt haben, sind antipolitische Politiker heutzutage sehr beliebt.

Corbyn hingegen, der auf geradezu schamlose Weise nur die Grünen, die Linken und die progressiven Labour-Wähler umwirbt, greift nach einer kleineren Wählerbasis als Miliband, die dann aber – im Gegensatz zu Miliband und seiner Wunschwählerschaft – auch tatsächlich hinter ihm stehen könnte.

Dies könnte er erreichen, weil er sie mit seiner radikalen Politik energetisiert hat. Seine Persönlichkeit und seine Politik wird mit einer Abkehr vom Establishment in Verbindung gebracht, die so überzeugend ist, dass sogar seine eigene Partei versucht hat, ihn zu stürzen! Gerade bei dieser Wahl könnte dies für Corbyn von Vorteil sein, da er sich, obwohl er seit Jahrzehnten Politiker ist, als Anti-Westminster-Kandidat präsentieren kann. Und wie Brexit, Trump und Macron gezeigt haben, sind antipolitische Politiker heutzutage sehr beliebt.

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