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Hat sich Saudi-Arabien verkalkuliert?

Nahost-Experte Henner Fürtig über die Krise am Golf.

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König Salman und der neue Kronprinz Mohammed bin Salman, die Architekten der Katar-Blockade

Trotz enormen Drucks seitens Saudi-Arabiens hat Katar noch keiner der 13 Forderungen entsprochen wie etwa der Schließung des Fernsehsenders Al-Jazeera. Hat sich Saudi-Arabien verkalkuliert?

Die Erfüllung aller Forderungen hätte für Katar quasi seine Selbstaufgabe bedeutet. Insofern war es schon im Vorhinein klar, dass Katar nicht alle diese Bedingungen erfüllen kann. Ob Saudi Arabien sich verkalkuliert hat, kommt darauf an, was das Königreich zum Ziel hatte. Wenn es das Ziel war, Katar tatsächlich zur kompletten Kapitulation zu zwingen, dann ist es verfehlt. Wenn es jedoch das Ziel war, seine Verbündeten zu disziplinieren, Grenzen aufzuzeigen und auch ein starkes Signal an andere Staaten abzugeben, war Saudi-Arabien sicher erfolgreich.

Die jüngste katarische Annäherung an Iran kann jedoch nicht das Ziel Saudi-Arabiens gewesen sein, oder nicht?

Wir dürfen uns nichts vormachen: die Beziehung zu Iran war auch vor der Krise nicht schlecht. Katar pflegt schon seit einem guten Jahrzehnt ausgesprochen ausgewogene Beziehungen zu Iran. Katar und Iran unterhalten gemeinsam das weltweit größte Erdgasfeld. Und Katar ist essentiell von den Einnahmen aus dem Export von verflüssigtem Erdgas abhängig. Die guten Beziehungen sind also kein Resultat der Entwicklungen der letzten Wochen.

Die 13 Forderungen setzten bei den Beziehungen zu Iran an. Welche der Forderungen halten Sie für die gewichtigsten?

Die Kernforderungen waren erstens das Verhältnis zum Iran praktisch soweit zurückzufahren, dass es mit der außenpolitischen Linie der übrigen GCC-Mitglieder und namentlich Saudi-Arabiens in Übereinstimmung zu bringen ist. Zweitens: die Unterstützung für islamistische Organisationen wie beispielsweise die Muslimbruderschaft, die Hamas und die Hisbollah einzuschränken.

Wieso stellt die Muslimbruderschaft für Saudi-Arabien ein Problem dar, für Katar aber nicht?

Man darf nicht vergessen: auch in Katar ist die wahhabitische Islamauslegung Staatsreligion. Insofern unterscheidet sich dieser Teil des Verständnisses von Religion gar nicht so weit von dem, was wir in den übrigen Staaten der arabischen Halbinsel vorfinden. Katar hat nur ein anderes Verständnis vom Umgang mit derartigen Organisationen. Für Saudi-Arabien und seinen Verbündeten verficht die Muslimbruderschaft im Prinzip ein alternatives Modell des Aufbaus einer islamischen Gesellschaft, ein Modell, das durchaus allgemeine und geheime Wahlen vorsieht, und das eine Republik als Staatsform einer islamischen Gesellschaft propagiert. Das widerspricht diametral dem saudischen Staatsverständnis einer Monarchie, in der Wahlen bestenfalls auf Gemeindeebene möglich sind. Insofern wird das in Riad als elementare Herausforderung begriffen. In Katar sieht man es deshalb entspannter, weil schon der Vorgänger des gegenwärtigen Emirs eine andere außenpolitische Strategie verfolgte, nämlich möglichst gute Beziehungen zu „Freund und Feind“ gleichermaßen zu halten. Katar beherbergt das Hauptquartier des US-Mittelost-Kommandos (CENTCOM), inklusive 10.000 GIs. Gleichzeitig gewährt das Emirat aber auch hohen Führungsfiguren der Hamas oder der Muslimbruderschaft Asyl. So betreibt Katar einerseits eine sehr US-freundliche Politik, andererseits beschützt Katar auch erwiesene Gegner der USA. Das ist jedoch auch eine Politik, die Katar seit längerem verfolgt und kein Produkt von 2017.

Ein Embargo auf ein nominell verbündetes Land auszuüben, ist nicht unbedingt hilfreich, wenn es um regionale Integration geht. Was wird jetzt aus dem Golf-Kooperationsrat (GCC)?

Der Golf-Kooperationsrat geht zweifellos durch eine tiefe Krise. Wir erleben jetzt schon, dass sich nicht alle GCC-Staaten hinter Saudi-Arabien versammeln; viele leisten nur Lippenbekenntnisse. Momentan sind Kuwait und Oman sehr aktiv darum bemüht, als Vermittler aufzutreten und die Krise mit Katar zu entschärfen. Es werden praktisch täglich Emissäre hin- und her geschickt. Das heißt, es gibt eine intensive Vermittlungsdiplomatie innerhalb des GCC. Das kann man letztendlich auch wieder als eine mögliche Stärke der Organisation auslegen.

Wir könnten die Konfliktparteien deeskalieren, ohne ihr Gesicht zu verlieren?

Katar kann keine Interesse daran haben, seine Mitgliedschaft im GCC grundsätzlich zu gefährden. Das Emirat hat eine 60 Kilometer lange Landesgrenze zu Saudi-Arabien, ist ansonsten von Wasser umgeben, und auf der anderen Seite des Golfes liegt das riesige Land Iran. Katar will unbedingt Mitglied im Kooperationsrat bleiben. Insofern wird es alles tun, um tatsächlich eine Beilegung der Krise zu erreichen, allerdings nicht bis zur kompletten Selbstaufgabe. Ich könnte mir vorstellen, dass Katar öffentlichkeitswirksam einige Führer der Muslimbruderschaft oder anderer islamistischen Organisationen ausweist. Ähnliches hat Katar in der Vergangenheit auch schon getan. Das könnte ein Weg sein, zu einer gesichtswahrenden Lösung zu finden, ohne jedoch auf alle Kernforderungen einzugehen.

 

Die Fragen stellte Karl Gärber.

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