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Elvis lebt

Krude Verschwörungstheorien gab es zwar schon immer, doch jetzt werden es immer mehr. Mittlerweile mischen sogar ganze Staaten dabei mit.

Der King of Rock lebt - im Gegensatz zu Paul McCartney.

Sie fantasieren von der Herrschaft des „jüdischen Finanzkapitals“, Außerirdischen in Roswell, den Protokollen der Weisen von Zion und natürlich von Freimaurern und Illuminaten. Die Anhänger von Verschwörungstheorien kommen von rechts oder links – und werden immer mehr. Für (meist antiwestliche) Verschwörungstheorien und Demokratieverachtung sind zahlreiche Menschen durchaus empfänglich. So meint mehr als ein Drittel der Amerikaner, dass ihre Regierung ihnen die Wahrheit über 9/11 vorenthalte. Ein Drittel aller Briten vermutet dagegen, Prinzessin Diana sei nicht durch einen Autounfall sondern einen Mordauftrag der Queen ums Leben gekommen. Die Mondlandung wurde in einem Hollywoodstudio produziert und Elvis lebt. Dafür ist Paul McCartney in Wahrheit schon lange tot. Königin Elisabeth ist ein Reptil aus dem All und Teil einer geheimen Weltregierung.

Teil des Syndroms: Die den Verschwörungstheoretikern eigene Selbsteinschätzung als kritische Skeptiker. Dabei zählen sie zu den leichtgläubigsten Menschen, die es gibt. Sie glauben alles, so lange es ihrer Meinung entspricht. Nichts befeuert und verbreitet Verschwörungstheorien dabei schneller als das Internet. Denn dort ist jeder „Experte“, egal wie fundiert oder sinnfrei die Argumente auch sein mögen. Ein Blick in die Kommentare einer beliebigen Zeitungsseite – ja, sogar in die des IPG-Journals – bestätigt das auf‘s Eindrücklichste.

Menschen sind darauf programmiert, Informationen aufzunehmen, die ihre Meinung unterstützen. Die Psychologie nennt das den „Bestätigungsfehler“. Zuerst kommt die Meinung, dann die Beweise. Verschwörungstheorien sind aber auch deshalb so attraktiv, weil unser Gehirn darauf trainiert ist, Muster aus der Masse an Informationen herauszufiltern. Die Theorien  bedienen somit ein menschliches Bedürfnis nach einfacher und rascher Orientierung in einer immer komplexeren Welt. Sie verknüpfen das Allernächste mit dem Allerfernsten, die kleinsten Dinge des Alltags mit dem großen Weltgeschehen. Und jedem Ereignis verleihen sie eine unzweifelhafte Bedeutung. Der Zufall ist ausgeschlossen. Alles macht Sinn, auch und gerade das Sinnlose.

In autoritären Systemen und Diktaturen sind Verschwörungstheorien häufig Teil der offiziellen Politik.

Verschwörungstheorien gab es schon immer – harmlose und gefährliche, glaubhafte und absurde. In jüngster Zeit häufen sich allerdings die Beispiele staatlich verbreiteter Verschwörungstheorien – sei es in Russland, den USA, Ungarn, Rumänien oder der arabischen Welt. In autoritären Systemen und Diktaturen sind Verschwörungstheorien häufig Teil der offiziellen Politik. Dabei sind die Grenzen zwischen Kampagnen, Propaganda und Verschwörungstheorien oft fließend.

Doch nicht nur autoritäre Regime verbreiten Verschwörungstheorien. George W. Bushs Behauptung, der Irak verfüge über Atomwaffen, war im Grunde nichts anderes als eine Verschwörungstheorie und die Beweise, die Außenminister Colin Powell vor den Vereinten Nationen präsentierte, gefälscht. Auch für die sozialdemokratischen Wahlverlierer in Rumänien ist nicht ihre korrupte Kleptokratie schuld an der krachenden Wahlniederlage, sondern „ausländische Kräfte“ – und Facebook.

Krisen und Kriege bilden für Verschwörungstheorien den idealen Nährboden. Propaganda und Fehlinformationen sind längst Teil der Kriegsführung. Im Ersten Weltkrieg waren es die „Hunnen“, die belgische Kinder fraßen. Nach dem Ersten Weltkrieg verbreitete die deutsche Oberste Heeresleitung die Dolchstoßlegende vom „im Felde unbesiegten“ deutschen Heer. In Bezug auf den Zweiten Weltkrieg hält sich hartnäckig die These, Präsident Roosevelt habe vom japanischen Angriff auf Pearl Harbor gewusst und die Verluste in Kauf genommen, um die amerikanische Bevölkerung für eine Kriegsbeteiligung der USA zu gewinnen

 

Verschwörungstheorien und Propaganda in der Ukraine-Krise

Aktuell beschwört die Ukraine-Krise Ängste vor einem neuen Kalten Krieg herauf. Doch tatsächlich wird der Krieg schon längst ausgetragen – in den Medien. Die Propagandamaschinen laufen auf Hochtouren. Während für den Westen in der Ukraine friedliche Demonstranten gegen ein tyrannisches Regime und feindliche Okkupation kämpfen, haben für Russland faschistische Terroristen eine demokratisch legitimierte Regierung gestürzt. Die Proteste und der Regierungswechsel in Kiew seien ein „faschistischer Putsch“ und eine Wiederholung des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. Wie 1941 haben feindliche Kräfte aus dem Westen mit Hilfe ukrainischer „Faschisten“, der „Banderowzy“, die Macht in Kiew übernommen und damit begonnen, ihr Mord- und Unterdrückungsregime auf den Osten der Ukraine auszudehnen. Auf allen Seiten feiern Verschwörungstheorien, Propagandamaßnahmen, historische Halbwahrheiten und dreiste Lügen derzeit fröhliche Urstände.

Auch der Abschuss der Malaysia Airlines Passagiermaschine über der Ostukraine bietet Anlass für krudeste Theorien: Die ukrainische Armee habe die Boeing versehentlich getroffen als sie eigentlich versuchte, das Flugzeug von Putin abzuschießen, der sich auf dem Heimweg vom BRICS-Treffen in Brasilien befand, berichtete die Nachrichtenagentur Interfax. Ein Anführer der pro-russischen Separatisten vermutete dagegen, dass die Flugzeuginsassen bereits vor dem Absturz tot waren. Was die Angehörigen der fast 300 Opfer darüber denken, kann man sich ausmalen. Zumal eine dichte Indizienkette dafür spricht, dass das Flugzeug von einer Rakete aus russischen Beständen im Flug getroffen wurde. Dazu gehören abgehörte Telefonate, die von der ukrainischen Regierung veröffentlicht und zunächst angezweifelt wurden, ebenso wie Gespräche und Netzeinträge, in denen sich russische Freischärler damit brüsten, ein Flugzeug vom Himmel geholt zu haben. Erst als ihnen bewusst wurde, dass es sich um eine zivile Maschine handelte, hörte die Prahlerei schlagartig auf.

Auch die Theorie des „friedliebenden Russlands“, das umzingelt in einer Welt von Feinden gar nicht anders kann, als sich gegen den heranrückenden US-Imperialismus der NATO und gegen die Einverleibung slawischer Brudervölker zu wehren, ist eine Verschwörungstheorie. Sie mag einen wahren Kern beinhalten, absurd bleibt sie dennoch. Leider findet diese Theorie zunehmend Gehör in der kulturellen und politischen Klasse Deutschlands.

Richtig, das Faible für Verschwörungstheorien ist beileibe keine russische Besonderheit. Doch in Russland werden solche Theorien geradezu kultiviert: von den großen TV-Sendern und vom politischen Establishment. So betreibt Moskau den Propagandasender „Sputnik“, ein Multimedia-Angebot, das in und aus 130 Städten in 34 Ländern und 30 Sprachen berichten soll, um einen Gegenpol zur „aggressiven westlichen Propaganda“ zu bilden. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf Deutschland, denn auch in Russland hat man erkannt, dass die deutsche Öffentlichkeit links wie rechts für russische Deutungsmuster besonders empfänglich ist. In Globalisierungsgegnern, Antieuropäern, Pazifisten, Schwulengegnern und elder statesmen sieht Moskau potenzielle Multiplikatoren – und nützliche Idioten

 

Verschwörungstheorien in der arabischen Welt

In der arabischen Welt sind Verschwörungstheorien geradezu Teil der politischen Kultur. Und die zwei Hauptverschwörer stehen fest. Der „große“ und der „kleine Satan“, die USA und Israel. Viele Araber (und Muslime) fühlen sich nicht ganz zu Unrecht als ohnmächtige Opfer global agierender Mächte. Mit der Gründung des Staates Israel hat dieser die ehemaligen Kolonialmächte als Feindbild Nr.1 abgelöst. Folglich kursiert eine Vielzahl von Verschwörungstheorien, in denen „den Juden“, Israel und dem Zionismus vorgeworfen wird, die arabischen Gesellschaften schwächen und letztendlich die Welt beherrschen zu wollen. Der Antisemitismus erfüllt dabei – wie in der europäischen Geschichte auch – verschiedene Funktionen: Er lenkt von tatsächlichen Problemen ab und den Unmut auf einen äußeren Feind.

Eigene Fehlleistungen gibt es nicht. „Die Anderen“ sind für das eigene Elend verantwortlich – auch in der Türkei. So wittert Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan eine internationale Verschwörung gegen die Türkei. Hinter den Protesten auf dem Gezi-Platz stünde die Lufthansa, die sich von Erdoğans Plänen, einen dritten Flughafen in Istanbul zu bauen, bedroht gefühlt habe. Und für den Großscheich der al-Azhar Moschee in Kairo ist der „Islamische Staat“ eine „zionistische Verschwörung“ zur Zerschlagung der arabischen Welt. Der Mubarak-Richter Mahmoud al-Rashidy erklärte dagegen unlängst den Arabischen Frühling in seiner Freispruchbegründung zu einem zionistisch-amerikanischen Plot, um Ägypten zu zerstören.

Wenn sich Washington mit „Kopf-ab-Islamisten“ am saudischen Hof verbündet, um „Kopf-ab-Islamisten“ in Mossul loszuwerden, dann ist das ein klassischer Widerspruch amerikanischer Nahost-Politik.

Mit einer besonders abstrusen Verschwörungstheorie macht die iranische Nachrichtenagentur Fars in regelmäßigen Abständen Schlagzeilen. Danach wird die US-Regierung von einem Alien-Bund gesteuert, der vor 80 Jahren auch die Nazis unterstützte

Diese paranoiden Theorien symbolisieren sicher auch die arabische Ohnmacht gegenüber den Launen einer Supermacht und einer westlichen Scheinheiligkeit, die von Werten spricht und Interessen meint. Wenn sich Washington mit „Kopf-ab-Islamisten“ am saudischen Hof verbündet, um „Kopf-ab-Islamisten“ in Mossul loszuwerden, dann ist das ein klassischer Widerspruch amerikanischer Nahost-Politik.

 

Gegen Verschwörungstheorien hilft nur Aufklärung

Es ist ein Leichtes, sich über Verschwörungstheorien lustig zu machen. Doch sie sind oft alles andere als harmlos. Die typische Frage der Verschwörungstheoretiker lautet: „Glaubst du an Zufälle?“.  Denn Zufälle gibt es nicht. Irgendein Strippenzieher hat die Fäden in der Hand. Es geht immer um alles, meist um die Weltherrschaft oder zumindest um die „Vorherrschaft über den eurasischen Kontinent“. Für jedes Übel dieser Welt  lassen sich Schuldige finden. Dabei neigen Verschwörungstheorien immer schon zum Antisemitismus. „Sie brauchen einen Feind, der überall ist, anpassungsfähig und im Besitz von Mächten, die an jeden Ort vordringen können: Geld und Ideen. Der Inbegriff dieses Feindes ist der Jude, mal als Bankier, dann als Intellektueller.“

Bereits im Mittelalter waren es bekanntlich Juden, die Brunnen vergifteten. Die Französische Revolution war ein Werk der Juden und Freimaurer, die Nazis fantasierten von einer „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“ und in den USA wurde nach dem Zweiten Weltkrieg eine Zeit lang der Kommunismus für ein jüdisches Komplott gehalten – ebenso wie in der Sowjetunion der Kosmopolitismus. 

Die Realität stellt oft jede Verschwörungstheorie in den Schatten.

Schwierig wird die Sache auch, weil Verschwörungen natürlich durchaus existieren: Preisabsprachen, Schweigekartelle, Mordkomplotte und Folterkeller gibt es ja nicht nur in der Fantasie. Im Gegenteil: Die Realität stellt oft jede Verschwörungstheorie in den Schatten. Beispiele gibt es zuhauf. Auch hinter der jüngsten Verschwörungstheorie steckt ein wahrer Kern. Demnach gibt es eine „Ölpreis-Verschwörung“ zwischen Amerikanern und Saudis. Durch das amerikanische Fracking sinkt der Ölpreis, gleichzeitig pumpt Saudi-Arabien Öl in die Märkte. Verbündet sich Riad mit Washington, um Iran oder Russland in die Knie zu zwingen? Oder fördert Saudi-Arabien wie verrückt, um mit niedrigen Preisen den Ölboom in den Vereinigten Staaten abzuwürgen? Oder sind die Gründe profaner und Saudi-Arabien spekuliert schlicht darauf, dass seine Konkurrenten mit hohen Förderkosten vom Markt verschwinden? Es darf spekuliert werden.

1990 deckte der italienische Untersuchungsrichter Felice Casson die Existenz von Gladio auf. Gladio war der Codename für eine geheime paramilitärische Einheit der NATO in Italien, die im Fall einer Invasion des Warschauer Paktes Guerilla-Operationen und Sabotage durchführen sollte. Casson konnte beweisen, dass Mitglieder der antikommunistischen Geheimallianz von den 1960ern bis in die 1980er Jahre zahlreiche politisch motivierte Terroranschläge und Morde begingen, die der italienischen Linken in die Schuhe geschoben wurden. Gladio zahlte Millionen an politische Parteien und Journalisten, um linke Mehrheiten zu verhindern und war wahrscheinlich in die Entführung und Ermordung von Premierminister Aldo Moro verwickelt. Die parlamentarische Untersuchung ergab zudem, dass Gladio auch in zahlreichen anderen europäischen Ländern existierte. Dies führte zu parlamentarischen Anfragen in mehreren Ländern. In Italien, Belgien und der Schweiz kam es zu Untersuchungskommissionen.

Auch das Ausmaß der Überwachungen und Bespitzelungen durch die USA wäre vor Edward Snowden wohl von den meisten als Verschwörungstheorie bezeichnet worden. Dass Amerikas Ansehen in der Welt heute auf einem historischen Tiefstand steht, ist nicht nur die Schuld der „Islamisten“ oder der „anti-Amerikanisten“ in Europa oder anderen Teilen der Welt.  Es ist auch das Werk von Regierungsbehörden wie NSA und CIA, die Menschen folterten und ein Überwachungssystem errichteten, das einer freien Gesellschaft unwürdig ist.

Mit anderen Worten: Nicht jede Verschwörung ist ein Konstrukt oder ein Hirngespinst. Auch deshalb wird es Verschwörungstheorien immer geben. Zum außenpolitischen Problem werden sie insbesondere dann, wenn staatliche Akteure sie nicht mehr nur zu Propagandazwecken nutzen, sondern offenbar zunehmend selbst an sie glauben. Auch hier gilt: Verschwörungstheorien können am besten durch Ehrlichkeit, Transparenz und eine aufgeklärte Öffentlichkeit bekämpft werden. Wenn der Westen den grassierenden Verschwörungstheorien den Boden entziehen will, muss er Glaubwürdigkeit und Gerechtigkeit verkörpern. Davon ist er weit entfernt. Und das ist keine Verschwörungstheorie.

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13 Leserbriefe

yummybrownie schrieb am 15.12.2014
Paul McCartney ist bekanntlich schon seit Sgt. Pepper ein Walross.
Willi schrieb am 15.12.2014
Na, Hauptsache, die ukrainischen Nazis vom Vorwurf des Flugzeugabschusses befreit.
Volker Lemke schrieb am 16.12.2014
Elvis lebt wirklich, zwar nicht wirklich aber in seinen Songs ist er lebendig und immer jung geblieben.
Hans-Georg Meyer schrieb am 16.12.2014
Die letzten Sätze des Aufsatzes sind die wichtigsten und zugleich problematischsten: "Verschwörungstheorien können am besten durch Ehrlichkeit, Transparenz und eine aufgeklärte Öffentlichkeit bekämpft werden. Wenn der Westen den grassierenden Verschwörungstheorien den Boden entziehen will, muss er Glaubwürdigkeit und Gerechtigkeit verkörpern. Davon ist er weit entfernt. Und das ist keine Verschwörungstheorie."

Problematisch deshalb, weil viele Politiker/innen meinen, dass man den Menschen nicht alles sagen kann/soll/muss. Dazu kommt, das weiß Mützenich natürlich auch, dass Fraktionszwänge benutzt werden, um bestimmte Dinge in eine bestimmte Richtung zu lenken bzw. Infos zu verhindern. Wenn Politik endlich begreifen würde, dass man nur durch (manchmal berechneten) Zufall (Partei, Parteifreunde, am richtigen Ort zur richtigen Zeit) in ein Parlament gewählt wird, beileibe nicht immer wegen der Fähigkeitender/des Individuums, dann müsste Politik auch begreifen, dass es keine sachliche Begründung dafür gibt - außer dem eigenen Machtstreben - , den Menschen Informationen vorzuenthalten.

Wer z. B. im Wahlkampf erklärt, es gibt keine PKW-Maut (beide Spitzenkandidaten/in der großen Koalition), dann aber regierend so tut, als wäre da nichts gewesen, der lässt Raum für Spekulationen und für Politikverdrossenheit. Oder im Fall Hartmann und Edathy, wo so viel bered geschwiegen wird, der provoziert Legenden. Fordere es ein, "Ehrlichkeit und Transparenz", Genosse Mützenich, in der eigenen Fraktion. Gutes gelingen.
Sizwe schrieb am 16.12.2014
" Wenn der Westen den grassierenden Verschwörungstheorien den Boden entziehen will, muss er Glaubwürdigkeit und Gerechtigkeit verkörpern."
Das ist die Lebensgarantie für Verschwörungstheorien. Denn Glaubwürdigkeit / Gerechtigkeit verhalten sich zur "westlichen Wertegemeinschaft" wie das Feuer zum Wasser.
Dodo-Zw schrieb am 16.12.2014
Der Artikel sagt mir jetzt nicht wirklich etwas.
Wolfram Meyer zu Uptrup schrieb am 16.12.2014
Lieber Rolf,
an einer Stelle möchte ich doch widersprechen: Die Nazis fantasierten von einer „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“, leider. Wie ich anhand umfassender Quellenstudien dargelegt habe, waren die führenden Nazis von der Existenz dieser Weltverschwörung überzeugt. Und sie leiteten aus dieser Überzeugung eine Politik ab, die als eine direkte Gegenwehr gegen das von ihnen vielfach dargestellte Bild der fiktionalen jüdischen Weltverschwörung konzipiert war. Mit den bekannten Resultaten. Die Nazis sind lieferten das erste Beispiel, wie ein Staat auf Basis irrealer politischer Annahmen reale verbrecherische Politik unternehmen kann. Deswegen sind Verschwörungstheorien bis heute so gefährlich.
Grüße, W.
Hermann j. Joerissen schrieb am 16.12.2014
Na, ja, es wäre wohl nützlicher, wenn Aussenpolitiker sich mit Fakten als mit Verschwörungstheorien auseinandersetzen würden. Überall in den Medien ist seit neuestem von Verschwörungstheorien die Rede, offensichtlich soll das das neueste und probate Killerargument sein, um kritische Einwendungen gegen die herrschende Politik zu desavouieren und den eigenen, womöglich falschen Politikansatz zu immunisieren. Als Ökonom bevorzuge ich harte Fakten, das erspart dann Mutmassungen über Jonas. Faktum ist, dass die USA weit mehr als eine halbe Billion $ für ihr Militär ausgibt, für den CIA wohl insgesamt soviel wie für den deutschen Bundeshaushalt, das viele Geld muss doch für etwas nützlich sein, ist es ja auch, damit unterhalten die USA in vielen Ländern Stützpunkte und beeinflussen in ebenso so vielen Ländetn und mehr nationale Regierungen. Das sind keine Verschwörungen, sondern Fakten, kann man alles in USA-Dokumenten und -Berichten nachlesen. Fakt ist auch, dass das von anderen Staaten weniger oder garnicht bekannt ist, vielleicht noch Frankreich, Grossbritannien und Russland mit einem oder dem anderen Stützpunkt ausserhalb des eigenen Landes. Keines der genannten Länder unterhält auf allen Weltmeeren eine gigantische Flottenansammlung. Fakt ist zudem, dass sich die NATO bis vor die Grenzen Russlands in den letzten 2 Jahrzehnten ausgedehnt hat, dagegen ist von Russland nichts Vergleichbares bekannt, etwa eine Neugeburt des Warschauer Paktes. Man kann das ja alles richtig finden, aber dann muss man das offen sagen. Das ist doch kein Altruismus der USA, dass sie diesen unfassbaren Aufwand betreiben, also kann man ihnen berechtigte Interessen unterstellen. Die haben andere Länder auch, das sollte auch ein Aussenpolitiker wissen. Um das zu verstehen, sollte Herr Mützenich dringend mal den Aufruf der 60 lesen, auch vielleich hier einmal solzialdemokratische Abwägungen zu einer neuen Entspannungspolitik anstellen. Eigentlich sollte der MONITOR-Bericht über die Mordernisierung der auf deutschem Boden stationierten Atom-Bomben den SPD- Politikern Angst und Schrecken einjagen.
Heinrich Triebstein schrieb am 16.12.2014
Der Putsch in der Ukraine ist der 42. Staatsstreich, den die USA seit 1953 zu verantworten haben. Seit 1998, dem Jahr der Veröffentlichung von "Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft" des US-amerikanischen Sicherheitsberaters Zbigniew Brzezinski wissen wir, dass im 21. Jahrhundert 'alle potentiellen Herausforderer der USA ... aus dem Raum zwischen Lissabon und Wladiwostok' kommen. Wieder einmal begnügt sich Herr Mützenich damit, es sich im 'Überbau' gemütlich zu machen. Damit erspart er es sich, in den 'Unterbau' hinabzusteigen, wo es mittelfristig um die Verfügungsgewalt über das russische Erdgas und Erdöl geht.
Die 15 Jahre, die für das Frackinggas noch bleiben, sind schnell vorbei. Dann liegen vielleicht weitere 50 Jahre vor uns, in denen die USA weiterhin an den fossilen Rohstoffen kleben bleiben. Und wenn dann auch die russischen Reserven erschöpft sind, wird sich die heute schon 'überdehnte' Weltmacht bequemen müssen, auf die Erneuerbaren umzusteigen. Über 90 Prozent der dafür notwendigen Seltenen Erden lagern in China. Dann ist die nächste Übernahme fällig. Und der Dackel EU lässt sich vor den amerikanischen Karren spannen, anstatt den Weg einzuschlagen, der 2005 in Kassel durch eine Dissertation mit dem Titel "Vollversorgung Europas und seiner Nachbarn mit Strom aus erneuerbaren Energien" aufgezeigt wurde. Kann es sein, dass die EU einfach nur Schiss hat? Der Spießgeselle der USA im Kampf gegen den Iran war im Nu ein neuer Hitler, als er den Versuch machte, das irakische Öl nicht mehr in Dollar, sondern in Euro abzurechnen. Ob unser Klima das bis dahin aushält, ist eine offenen Frage. Wer sich ein Bild von den Lebensverhältnissen in den USA im Jahr 2025 machen will, kann das tun, indem sie oder er sich in T.C.Boyles "Ein Freund der Erde" einliest.
Reinhardt Gutsche schrieb am 16.12.2014
Verschwörungstheorien
Die Rede ist von einem offensichtlich pathologischen Phänomen, nämlich einer augenscheinlich größer werdenden Gruppe von Menschen, die in gewisser Skepzis vereint sind, diesen oder jenen regierungsoffiziellen Verlautbarungen des abendländischen Lagers hinreichende Glaubwürdigkeit zuzumessen. Im obwaltenden Diskurs-Design ist der Topos „Verschwörungstheoretiker“ eine Fremdzuschreibung mit denunziatorischer Absicht, ein diskreditierendes Etikett, das die damit Beklebten aus dem Kreis jener exkommuniziert, denen das Recht und die Ehre gebührt, mit ihren Argumenten gehört oder gar ernstgenommen zu werden und zum gesellschaftlichen Dialog zugelassen zu sein. Kein Mensch würde sich selbst dieses Schild umhängen. Dieser ausgrenzende Effekt beruht auf dem psychologischen Trick, „die“ Verschwörungstheoretiker mit Menschen zweifelhafter geistiger oder mentaler Gesundheit in einen Korb zu legen: Wer „uns“ nicht glaubt, hat nicht alle Tassen im Schrank. „Wir“ sind schließlich die „gesunde Mitte“, also weder rechts noch links usw.

Dieser Effekt gelingt jedoch nur durch eine wundersame semantische Aufladung: Erst als Kompositum gewinnt der Begriff „Verschwörungstheorie“ seine Funktion als Diskurskeule, gleichsam als binäre rhetorische Waffe. Den ihm zugrunde liegenden beiden Morphemen „Verschwörung“ und „Theorie“ haftet, jeweils für sich betrachtet, nichts von dem geheimnisvollen finsteren Nebensinn an. Woher nun plötzlich diese Aufladung? Jedem halbwegs Sprachkundigen dürfte doch klar sein, daß jedes Verbrechen, zu dem sich mindestens zwei Individuen verabreden, per definition eine Verschwörung darstellt, und jede vorerst gerichtlich unbewiesene Theorie dazu folglich eine „Verschwörungstheorie“ ist. Jeder OK-Ermittler hat zunächst nicht viel mehr zur Verfügung als solche „Verschwörungstheorien“. Der Hauptanklagepunkt im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß gegen die Führung des Deutschen Reiches lautete auf „Verschwörung gegen den Frieden“. Bis zum Urteilsspruch der Richter war diese Anklageschrift folglich nichts anderes als eine „Verschwörungstheorie“. Niemand wäre auf die Idee gekommen, die Verfasser der Nürnberger Anklageschrift als „Verschwörungstheoretiker“ im heute aufgeschwemmten Sinne zu bezeichnen, die in die geschlossene Psychiatrie gehörten. Eine „Verschwörungstheorie“ strictu sensu ist also nichts anderes als ein analytisches Werkzeug im Erkenntnisprozeß, eine erkenntnisleitende Arbeitshypothese, um die Wahrheit herauszufinden oder ihr zumindest ein Stückchen näher zu kommen. Sie unterscheidet sich mithin durch nichts von jeder anderen „Theorie“ oder Hypothese. Auch ihr liegt der Zweifel an der allgemein oder vorgeblich „gültigen“ Wahrheit zugrunde, ohne den es keinen wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt gäbe.

Nun wäre daraus zu schließen, der Diagnose „Verschwörungstheorie“ müsse als sinnbelastetes Kompositum zumindest die Kernbedeutung beider Morpheme zugrunde liegen, also z. B. in Bezug auf ersteren stets ein Verbrechen als Ausgangspunkt haben. Aber dem ist nun durchaus nicht so: Wie aus der Pistole geschossen werden beim Signalwort „Verschwörungstheorie“ mit pawlowschem Reflex zunächst die „Illuminaten“ genannt, eine von hunderten antipapistischen und aufklärerischen Geheimklubs im 18. Jahrhundert (in Goethes „Turmgesellschaft“ in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ literarisch verewigt). Als umstürzlerische „Verschwörer“ galt dieser Lesezirkel nur in den Augen des Papstes und der deutschen Duodezfürsten, demnach die Urahnen aller „Verschwörungstheoretiker“ avant la lettre. Das Treiben der „Illuminaten“ (der „Erleuchteten“ oder der „Aufgeklärten“), war kein größeres „Verbrechen“ als die Aufklärungsschriften Rousseaus, Montesquieus, Voltaires oder Kants. Was das nun wieder mit der Behauptung zu tun hat, Elvis weilte noch unter den Lebenden, ist nun völlig schleierhaft. Welches „Verschwörungsverbrechen“ sollte einem solchen Hirngespinst zugrunde liegen, daß ihm die Ehre gebührt, mit den Vorwürfen des Papstes gegen die „Illuminaten“ in einen Topf geworfen zu werden.

Noch beliebter ist diese Keule gegen Vermutungen, die „Appollo“-Mondlandung 1969 könne so nicht stattgefunden haben, sondern müsse im Studio wie ein Film gedreht worden sein. Dies wäre allenfalls ein dreister mediale Bluff, aber kein Verbrechen gewesen, alle diesbezüglichen Mutmaßungen darüber folglich keine „Verschwörungstheorie“ strictu sensu.

Die Mutter aller jüngeren „Verschwörungstheorie“-Vorwürfe ist bekanntlich die Hypothese, bei den Luftangriffen auf New York und Washington am 11. September 2001 könnte es sich um einen Fals-Flag-Insider-Staatsstreich gehandelt haben. Hier nun haben wir es in er Tat mit einer „Verschwörungstheorie“ zu tun, nämlich mit einem monströsen Verbrechen einerseits und einer hypothetischen, weil bislang unbewiesenen Theorie über dessen Hintermänner innerhalb des militärischen Establishments der USA selbst andererseits. Diese, für Washington zugegeben wenig komfortable Hypothese nun in einem Atemzug mit den obern erwähnten „Verschwörungstheorien“ zu nennen, hat den Vorteil, nicht näher auf die darin vorgebrachten Indizienketten und den Plausibilitätszweifeln an der regierungsoffiziellen Täterbenennung eingehen zu müssen, denn wer solchen Zweifeln anhängt, ist per definition nicht zurechnungsfähig. Nun ist zwar auch die regierungsoffizielle Darstellung über die Urheber und Hintermänner im „9/11 Commission Report“, weil bislang ebenfalls nicht gerichtsfest, im Grunde auch nichts anderes als eine „Verschwörungstheorie“ unter anderen, ohne jedoch mit dem verbalen Schandmal bedacht zu werden.

Diese merkwürdige Unterscheidung gilt auch für das Papstattentat 1981 auf dem Petersplatz: Nirgends wurde die (bis heute unbewiesene) “Bulgarische Spur“ als „Verschwörungstheorie“ bezeichnet, was sie semantisch korrekt in der Tat jedoch ist. Gleiches gilt für die Bombenattentate in Moskau, deren prompte Identifizierung als „Falls Flag“-Operationen des FSB nie dem Risiko ausgesetzt war, sich den Vorwurf einer „Verschwörungstheorie“ einzuhandeln. Nach dem 2. WK beruhte die Bündnisarchitektur der gesamte Weltpolitik auf der nach den „Protokollen der Weisen des Zion“ wohl gigantischsten aller Verschwörungstheorien, nämlich der Hypothese, der Kreml hätte nichts anders zu tun, als bei erster sich bietenden Gelegenheit über den Westen herzufallen. (Mutadis mutandis erlebt sie in den heutigen Expansions-Vorwürfen an die Adresse des Kremls eine unerwartete Auferstehung.) Da kann andererseits der seinerzeitige französische Außenminister de Villepin wiederum noch von Glück reden, nicht als „Verschwörungstheoretiker“ an den Pranger gestellt worden zu sein, als er sich namens seines Landes im Februar 2003 in einer weltweit Aufsehen erregenden Rede vor dem UN-Sicherheitsrat weigerte, den von Colin Powell aufgetischten kriegsbegründenden Anschuldigungen gegen Sadam Hussein Glauben zu schenken, d. h. sie implizit für einen Schwindel hielt, was sie ja letztendlich auch waren. Wer wiederum die „Theorie vom dritten Mann“ in der NSU-Affäre weiter verfolgt, handelt sich schon mal, wie in der „Süddeutschen Zeitung“ geschehen, den Vorwurf der „Verschwörungstheorie“ ein, was insofern bizarr ist, weil natürlich alle Mutmaßungen über die NSU-Morde bis zum Gerichtsurteil ohnehin „Verschwörungstheorien“ sind. Was denn sonst?

Dem gegenüber können andere das Blaue vom Himmel mutmaßen, ohne die Männer mit den weißen Kitteln befürchten zu müssen. So sieht der frühere NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen hinter der Anti-Fracking-Kampagne die lenkende Hand des Kremls. Auch hinter der Abhöraffäre in Warschau kann nur Putin stecken: „Ich weiß nicht, in welchem Alphabet das Szenario (der Affäre) geschrieben wurde, aber ich weiß, wer der Nutznießer von Chaos im polnischen Staat sein kann“, so der damalige polnische Ministerpräsident Donald Tusk. Auffälligerweise genießen diese beiden Verschwörungstheoretiker eine wundersame publizistische Immunität, die sie davor bewahrt, mit jenen Leuten in einen Topf geworfen zu werden, die, wie gesagt, die Mondlandung für einen dreisten medialen Fake halten, Elvis noch unter den Lebenden wähnen, die Illuminaten als Hintermänner der Französischen Revolution vermuten, die Luftangriffe auf New York und Washington am 11. September 2001 für einen Insider-Staatsstreich halten usw., kurz mit Leuten, die nicht alle Tassen im Schrank haben. Bleibt die spannende Frage, nach welchen Sortierkriterien die Verschwörungstheoretiker entweder ins Töpfchen oder ins Kröpfchen gehören.

Bemerkenswert ist schließlich die Genesis des Begriffes "Verschwörungstheorie“. In den Wörterbüchern und Lexika taucht er in seiner hier beschriebenen heutigen propagandistisch aufgeladenen Verwendung erst in den 60er Jahren auf. (Im Larousse und „Petit Robert“ fehlt er gar noch in den 70er Auflagen.) Erst seit den Zweifeln an der Einzeltätertheorie im Warren-Bericht über die Hintergründe des Kennedy-Mordes wird er als Diskurs-Keule gegen all jene gerichtet, die den regierungsoffiziellen Verlautbarungen des Weißen Hauses oder seines PR-Netzes keinen hinreichenden Glauben schenken und sich weigern, das Weiße Haus dem Papst gleich a priori als unfehlbare Wahrheitsinstanz zu respektieren. Nach Lance deHaven-Smith „the term ,conspiracy theory‘ entered the American lexicon of political speech to deflect criticism of the Warren Commission and traces it back to a CIA propaganda campaign to discredit doubters of the commission’s report.“ („Conspiracy Theory in America“. N.Y. 2013) Auch der amerikanische Professor für Medienwissenschaften James F. Tracy von der Atlanic Universität in Florida kommt zu diesem Schluß: "Der Begriff der »Verschwörungstheorie« löst bei den meisten in der Öffentlichkeit stehenden Menschen und insbesondere bei Journalisten und Akademikern Angstgefühle und Beunruhigung aus. Seit den 1960er Jahren wurde diese Etikettierung zu einem Disziplinierungsmittel, das sich als überwältigend effektiv erwies, wenn es darum ging, zu verhindern, dass bestimmte Ereignisse untersucht oder kritisch hinterfragt wurden. Vor allem in den USA gilt es als schweres Gedankenverbrechen Orwellscher Prägung, die offizielle Darstellung zu bestimmten Ereignissen oder Einstellungen, die darauf abzielt, die öffentliche Meinung (und damit die öffentliche Ordnung) zu beeinflussen, berechtigterweise infrage zu stellen. Und von einem solchen Verbrechen muss das öffentliche Bewusstsein mit allen Mitteln abgehalten werden."

In den publizistischen Orbit geschossen wurde dieses „Disziplinierungsmittel“ mit der CIA-Direktive 1035-960, die nach einem Antrag der New York Times im Rahmen des Gesetzes zur Informationsfreiheit (Freedom of Information Act, FOIA) deklassifiziert werden mußte. Darin wird die Befürchtung offengelegt, „das Ansehen der amerikanischen Regierung“ könnte grundlegenden Schaden nehmen, wenn die Einzeltäter-Theorie des Warren-Berichtes öffentlich angezweifelt würde.

Aus alledem ließe sich schlußfolgern, die rhetorische Wunderwaffe „Verschwörungstheorie“ in dem auch von Rolf Mützenich geschätzten Wortsinne sei als probates PR-Sturmgeschütz von der unsichtbaren Hand des Meinungsmarktes erfunden und gegen allzu renitente und zweiflerische Zeitgenossen in Stellung gebracht worden. Aber das ist sicher wieder nur so eine Verschwörungstheorie, und zwar eine besonders „krude“..
Dr. Sabine Grund schrieb am 17.12.2014
Lieber Herr Mützenich,
seien Sie doch etwas realistischer! Die Leute haben genug Erfahrungen mit echten Verschwörungen

http://www.npr.org/…/cia-says-it-will-no-longer-use-vaccine…
CIA Says It Will No Longer Use Vaccine Programs As Cover
May 20, 2014 9:45 AM ET
Bill Chappell
Dr. Reinhardt Gutsche schrieb am 17.12.2014
Abgesehen von einer allgemeinen Funktionskritik der Begriffs-Figur „Verschwörungstheorie“ im politischen Diskurs verdient der Artikel von Rolf Mützenich auch im Detail eine nähere Betrachtung und Kommentierung. So heißt es darin über „die“ Verschwörungstheoretiker:

Zitat: „Sie fantasieren von der Herrschaft des „jüdischen Finanzkapitals“, Außerirdischen in Roswell, den Protokollen der Weisen von Zion und natürlich von Freimaurern und Illuminaten.“ Dieser Satz in seiner Vermengung mehrerer Phänomene, die absolut nichts miteinander zu tun haben, und in dem die einzelnen Elemente sehr willkürlich aufeinander bezogen werden, hat als Ganzes eine unbestreitbare assoziative Strahlkraft. Wie bei Amazon („Wer dieses Buch gekauft hat, interessiert sich auch für...“) wird hier eine geschlossene Community im Geiste unterstellt, die überdies noch mit „Phantasien“ ein gemeinsamer pathologischer Befund eint. Der Verfasser dieser Zeilen räumt ein, keinem der in diesem Satz aufgezählten Mythen anzuhängen, und auch Fieberphantasien wurden bei ihm bisher noch nicht diagnostiziert. Dennoch findet er diesen Satz hanebüchen. Vor allem die Wortkombination „jüdisches Finanzkapital“ hat es in sich, läßt sie doch alle Debatten über die Frage im Skat, ob es neben dem „jüdischen“ Finanzkapital möglicherweise auch ein „nichtjüdisches“ geben könnte, etwa ein „christliches“ oder gar „atheistisches“ usw. und was man sich überhaupt unter einem religiös gefärbten Kapital vorzustellen habe. Im moralischen Windschatten des Kampfes gegen Antisemitismus wird hier suggestiv jede Kritik an der Herrschaft des Kapitals, also auch die in den Schriften von Karl Marx, Rosa Luxemburg und Karl Kautsky, in die Tonne antisemitischer und überdies verschwörungstheoretischer Spinnereien getreten. Von einem Sozialdemokraten wäre dies nicht so ohne weiteres zu erwarten gewesen. Was nun die übrigen Komponenten in diesem Satz anbetrifft, so bleibt es dem „Fantasieren“ des Lesers überlassen, welchen zwingenden Zusammenhang es geben sollte, an Außerirdische zu glauben (was übrigens konsequenterweise jeden Gottesglauben einschlösse!), die „Protokolle der Weisen von Zion“ für bare Münze zu nehmen (und nicht für ein geheimdienstfabriziertes antisemitisches Machwerk) und die Freimauer und die Illuminaten für verschwörerische, glaubensfeindliche dunkle Kräfte zu halten (was, nebenbei vermerkt, der Vatikan bis heute tut). Was, in aller Welt, hat das eine mit dem anderen zu tun? Kurzschlüssig gedacht: Wer „Das Kapital“ plausibel findet, glaubt auch an Außerirdische und braucht einen Psychiater.

Zitat: „Die Anhänger von Verschwörungstheorien kommen von rechts oder links – und werden immer mehr. Für (meist antiwestliche) Verschwörungstheorien und Demokratieverachtung sind zahlreiche Menschen durchaus empfänglich“. Sie kommen von rechts oder links - nur nicht von der Mitte, wie die NAZIS, ist man verführt zu schlußfolgern. In der Tat gilt das Schandmal „Verschwörungstheorie“ ausschließlich Einwendungen gegen als verlogen verdächtigte Verlautbarungen abendländischer, westlicher, pro-atlantischer, marktwirtschaftlicher usw. Provenienz, nie jedoch Mutmaßungen, die etwa politischen Kräften anderer politischer Lager oder Himmelsrichtungen geheime Machenschaften unterstellen. Die im Kalten Krieg Zusammenhalt stiftende Theorie einer globalen „bolschewistischen Weltverschwörung“ etwa, gleichsam die Zwillingsschwester der „Jüdischen Weltverschwörung“, war wundersamerweise niemals Gegenstand derartigen Hohns. Wieso nun die diversen „Verschwörungstheorien“ mit „Demokratieverachtung“ einhergehen, mag im Falle des Vatikans in seiner historischen Feindseligkeit gegen die Illuminaten, die antiklerikalen Freimauer und überhaupt die gesamte Aufklärung ja noch einleuchten. Auch daß Antisemitismus und Demokratieideale nicht kompatibel sind, bedarf keiner weiteren Erörterung. Aber hier ist unverkennbar jede Kritik an westlichem Regierungshandeln gemeint, dabei verkennend, daß umgekehrt solcher Art Skepzis, Ungläubigkeit oder gar Empörung gerade ein konsequenter Ausdruck von Sorge um das demokratische Gemeinwesen sein kann (s. „Empört Euch!“ Stéphane Hessel).

Zitat: „Die den Verschwörungstheoretikern eigene Selbsteinschätzung als kritische Skeptiker. Dabei zählen sie zu den leichtgläubigsten Menschen, die es gibt.“ Das hieße im Umkehrschluß, jeder kritische und zur Skepzis neigende Mitmensch sei a priori ein leichtgläubiger Verschwörungstheoretiker. Allerdings sind Leichtgläubigkeit und Skepzis zwei Verhaltens- und Rezeptionsweisen, wie sie gegensätzlicher nicht sein können: Die erstere steht nachgerade in diametralem Gegensatz zur letzteren. Und wieso gilt die Leichtgläubigkeit nur für Kritiker und Skeptiker und nicht umgekehrt auch für Apologeten und notorische Ja-Sager? Ist die Leichtgläubigkeit nicht gerade eine Erkennungsmerkmal etwa für die 12 Millionen Bild-Leser, um nur von denen zu reden? Wieso sind die Millionen „heute“-Zuschauer, wenn sie den Ausführungen von Claus Kleber aufs Wort folgen, nicht weniger „leichtgläubig“ als diejenigen, die bereits nach drei Minuten kopfschüttelnd weiter- oder gar abschalten? Ist nicht religiöser Glaube per se die traditionsmächtigste Erscheinungsform von Leichtgläubigkeit? Wer besitzt und von wem verliehen die Autorität, ein Ranking der Leichtgläubigkeit aufzustellen? Genauer betrachtet, beruht unser gesamtes wirtschaftliches und gesellschaftliches Zusammenleben auf „gutem Glauben“, ohne den die Wahlbeteiligung noch geringer und der Mißmut über die intransparente Mechanik politischer Entscheidungsprozesse noch viel größer wäre. Mit der Werbeindustrie lebt eine ganze milliardenschwere Branche von nichts anderem als von der Gut- und Leichtgläubigkeit der Konsumenten.

Zitat: „Sie glauben alles, so lange es ihrer Meinung entspricht.“ Mit Verlaub, Euer Ehren, dieser Satz ist nicht anderes als reine Tautologie: Ich glaube das, weil es meiner Meinung entspricht. Das ist auch meine Meinung, also glaube ich das. Wie jede Tautologie enthält dieser Satz keine erkenntnisfördernde Erklärung und klammert das Entscheidende aus, nämlich die Frage, wie und unter Einfluß welcher Faktoren sich eine „Meinung“ erst einmal herausgebildet hat. Überdies wird mit diesem Satz der hier inkriminierten Spezis, so sie denn überhaupt als kohärentes Gattungswesen existierte, a priori die Fähigkeit abgesprochen, die Meinung zu ändern. Aber der politische Diskurs in einem demokratischen Gemeinwesen beruht letztlich auf nichts anderem als auf der Hoffnung der Protagonisten, die Anhänger konkurrierender Lager zum Meinungswandel und zum Übertritt ins eigene zu bewegen. Obige Tautologie besagt im Subtext nichts anderes als „Bei denen ist Hopfen und Malz verloren, und sie sind für die Demokratie ungeeignet.“ Falls die Schätzung über die Zahl der 9/11-Skeptiker in den USA von einem Drittel der Bevölkerung zutreffen sollte, wäre das dortzulande, immerhin dem Flaggschiff der Demokratie, ein Menge Holz...

Zitat: „Nichts befeuert und verbreitet Verschwörungstheorien dabei schneller als das Internet. Denn dort ist jeder „Experte“, egal wie fundiert oder sinnfrei die Argumente auch sein mögen. Ein Blick in die Kommentare einer beliebigen Zeitungsseite – ja, sogar in die des IPG-Journals – bestätigt das auf‘s Eindrücklichste.“ Abgesehen von dieser Leser- und Wählerbeschimpfung wäre anzumerken, daß nun auch regierungsfromme und notorisch apologetische Informationen und Meinungen den Vorteil rascher Verbreitung genießen. Die hier an den Foren-Beiträgen geübte Kritik und der Vorwurf der „Experten-Anmaßung“ richtet sich ausschließlich an Kritiker und Skeptiker. Sobald jedoch die Laien-Expertise das Verlautbarte bestätigt, ist natürlich gegen eine solche Anmaßung nichts einzuwenden. (In den Foren wimmelt es z. B. nur so von Flugzeug- und Raketen-Experten, die jede Urheberschaft und Verantwortung des Poroschenko-Regimes für den Abschuß des Passagierflugzeuges im Juli kategorisch widerlegen.)

Zitat: „Menschen sind darauf programmiert, Informationen aufzunehmen, die ihre Meinung unterstützen. Die Psychologie nennt das den ,Bestätigungsfehler‘. Zuerst kommt die Meinung, dann die Beweise.“ Nun, auch hier stellt sich die Frage, warum das nur bei „Menschen“ gilt, die sich nicht jeden Bären aufbinden lassen und nicht etwa auch für solche aus dem Lager der Apologeten. Der beliebteste Einwand etwa der 9/11-Truther gegen den „9/11 Commission Report“ besteht bekanntlich eben genau darin, aus der Informationsmasse eine interessengeleitete Selektion nach dem Muster des confirmation bias vorgenommen zu haben, um allen Zweifeln an der von Bush in Windeseile verkündeten Urheberschafts-Theorie zu begegnen.

Die Beispielliste im Artikel für staatlich lancierte „Verschwörungstheorien“ ist wiederum recht selektiv und sehr sparsam hinsichtlich der deutschen Kriegspropaganda. Im Grunde gehören die genannten Beispiele dann auch eher in die klassischen Fächer „Kriegslist“, "Inszenierung eines casus belli", "Ablenkung des Kriegsgegners", "Bluff" usw., also Praktiken, die so alt sind wie die Menschheitsgeschichte. Auch die Pearl-Haber-Story würde in diese Rubrik gehören, so sie denn zuträfe: Sie wäre keine „Verschwörung“ im hier verhandelten Sinne gewesen, sondern eher ein cleveres Manöver, die Japaner in einen Hinterhalt zu locken, um sie zum ersten Schuß in dem unvermeidlichen Konflikt zu provozieren und damit die kriegsfaule eigene Nation zu mobilisieren. Niemand, der Deutschland und Japan in diesem Krieg zum Teufel wünschte, würde an dieser Kriegslist etwas auszusetzen haben, ganz im Gegensatz etwa zur den Vietnam-Krieg auslösenden Tonking-Affäre 1964 oder der Brutkasten-Nummer in Kuweit, um den Kongreß den Einmarsch in den Irak 1991 schmackhaft zu machen. Was das nun alles mit „Verschwörungstheorien“ in besagtem Sinne zu tun hat, bleibt schleierhaft, ebenso die Behauptung, unter demokratischen Regierungen gebe es derartiges grundsätzlich nicht. (Man sieht nicht nur Churchill förmlich im Grabe grinsen.)

Die Tour d‘horizon zum Thema „Verschwörungstheorien“ mündet schließlich in die gegenwärtigen Propaganda-Kriege um die Konflikte in der Ukraine und in Nahost, um natürlich auch hier den suggestiven Topos „Verschwörungstheorie“ grosso modo allen Vorwürfen der antiatlantischen Protagonisten an die Adresse des Westens anzuheften, vergleichbare Vorwürfe an die Adresse der Gegenseite hingegen empört zurückzuweisen: Wir betreiben doch keine antirussische Kabale! Wir doch nicht! Haben wir in der Geschichte noch nie getan!

Rolf Mützenich hat Recht, gegen Unwissenheit und Leichtgläubigkeit in Krisen- und Kriegszeiten hilft nur Aufklärung. Sein Artikel in der ipg wäre zu eine gute Gelegenheit gewesen. Die Erwartung blieb unerfüllt. Dazu vielleicht zwei nützliche Lektüretipps: Fritz Fischer „Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18“,(1961) und Zbigniew Brzezinski, „DIE EINZIGE WELTMACHT. Amerikas Strategie der Vorherrschaft“, (1998) Beide Bücher behandeln die jeweiligen geostrategischen Programme Deutschlands im 1. Weltkrieg und der USA nach dem Ende des Kreml-Imperiums. Doch Vorsicht, man könnte nach der Lektüre auf die Idee kommen, hier handele es sich um nichts anderes als um Verschwörungstheorien, und beide Autoren hätten nicht alle Tassen im Schrank...
Marion schrieb am 17.12.2014
ich bin wirklich sehr überrascht hier zu lesen, dass und wie ein Dr. Politiker -in dieser Zeit - immer noch so einen allgenmein gewohnt-bekannten Mainstream-Beitrag abliefert. Mann könnte doch mal der Frage nachgehen, wer denn den Begriff "Verschwörungstheoretiker"erfand und ihn in die heutige Welt implementierte und wofür? Und falls man nicht weiter käme, dann sollte man die Frage stellen, wem nutzt es?
Matrix und blaue Pille lassen grüßen...
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