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Doch kein Völkermord?

Warum der Genozid an den Nama und Herero nicht für journalistische Spiele taugt.

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Gefangene wurden am Ende keine mehr gemacht: Sammelbildchen von Aecht Franck Kaffeezusatz.

Spätestens durch die Einmischung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hat die Diskussion um den deutschen Genozid an den Herero und Nama an politischer Bedeutung und öffentlicher  Brisanz gewonnen.

Nun hat die Bundesregierung, die sich lange gegen eine klare Benennung als „Völkermord“ wehrte – vor allem um mögliche Entschädigungszahlungen auszuschließen – den ersten deutschen Genozid doch noch zum „Völkermord“ erklärt. Aber haben die Diskussionen damit ein Ende? Es steht zu befürchten, dass Versuche einer Revision dieses Geschichtsbildes nicht ausbleiben. Von den Leserbriefseiten und Online-Kommentarspalten der verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften ist man derlei gewohnt, umso überraschender war die Tatsache, dass  der SPIEGEL noch vor wenigen Wochen (24/2016) seinem Afrika-Korrespondenten Bartholomäus Grill sechs Seiten für die Anzweiflung des Genozids an den Nama und Herero einräumte. Es verwundert, dass dieser nicht die Gelegenheit nutzte, die Komplexität der Frage oder des Begriffs des Genozids zu erläutern, sondern den Kenntnisstand und das theoretische Niveau des letzten Jahrhunderts als neue Erkenntnis darstellte. In einer sehr sensiblen Frage, die sowohl das deutsch-namibische als auch das deutsch-türkische Verhältnis betrifft, reaktivierte er dazu eine bereits Mitte der 1990er Jahre geäußerte Position der namibischen Historikerin Brigitte Lau, ohne die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihr überhaupt zu erwähnen, sowie eines namibischen Farmers und Publizisten, des 84jährigen Hinrich Schneider-Waterberg, dessen kolonial-apologetisch und genozidleugnende Thesen schon vor Jahren widerlegt wurden, und in der Wissenschaft nicht ernst genommen werden. Damit ignoriert der SPIEGEL souverän sowohl die neueren Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft wie die jüngsten theoretischen Entwicklungen der Genozidforschung.

Es gibt dabei ein Set an Klischees und Mythen, die schon seit Jahrzehnten tradiert werden. Dazu gehört etwa die These, diejenigen Historikerinnen und Historiker, die von einem Genozid sprächen, folgten blind Horst Drechsler, einem 2004 verstorbenen Historiker aus der DDR. Er habe, so lautet der Vorwurf, im Auftrag der DDR-Führung die Völkermordthese propagiert, wobei er sich im Wesentlichen auf das "Bluebook" stützte, eine britische Propagandaschrift aus dem ersten Weltkrieg, von der sich die Briten später selbst distanziert hätten. Als Quelle sei das Bluebook ebenso unzuverlässig wie die übrigen Quellen, die Drechsler verwandte, da er letztere selektiv benutzt und auch verfälscht habe.

Davon ist nur richtig, dass das "Bluebook" in der Tat nach der Besetzung Südwestafrikas durch südafrikanische Truppen von Besatzungsoffizieren angefertigt wurde. Sie befragten zum einen die afrikanische Bevölkerung nach ihren Erfahrungen mit den Deutschen, und durchforsteten zum anderen die Archive nach Kolonialskandalen und Menschenrechtsverletzungen, um für die zukünftigen Friedensverhandlungen Material in der Hand zu haben, mit dem sich rechtfertigen ließe, dass die Deutschen moralisch nicht in der Lage seien, als Kolonialisten zu fungieren, und man ihnen deshalb die Kolonien entziehen müsste. Dabei wurden sie reichlich fündig. Zeitzeugenbefragungen, Gerichtsakten und Polizeiprotokolle zeichneten ein schonungsloses Bild der Realität im deutschen Rassenstaat. Der Sammlungszweck entwertet die dort versammelten Quellen jedoch nicht, wurden sie doch mittlerweile von Historikern anhand der Originalakten überprüft, und für authentisch befunden. Zahlreiche weitere Quellen in deutschen wie namibischen Archiven bestätigen deren Aussagen. Ähnliches gilt für die übrigen Quellen, die Drechsler benutzt. Die Vertreterinnen und Vertreter der Genozidthese stützen sich schon lange nicht mehr auf Drechsler, vom "Bluebook" ganz zu schweigen.

Zwar ist es richtig, dass letzteres 1926 von der britischen Regierung zurückgezogen wurde, aber nicht weil das darin Enthaltene falsch war, sondern weil sich im mittlerweile südafrikanisch verwalteten Südwestafrika ein Bündnis zwischen den 'Weißen' südafrikanischen und den 'Weißen' deutschen Siedlern herausgebildet hatte, das den unter deutscher Verwaltung begonnenen Aufbau einer rassischen Privilegiengesellschaft fortsetzte. Und so war es plötzlich nicht mehr opportun die aus einem derartigen System resultierenden Menschenrechtsverletzungen und Diskriminierungen zu dokumentieren. Sie wiederholten sich ja unter der neuen Verwaltung.

Ausschlaggebend für das Vorliegen von Genozid ist die Absicht, die Gruppe als Ganzes oder teilweise zu vernichten, jedoch weder die Zahl der Opfer noch deren direkte Tötung.

Große Missverständnisse oder Unkenntnis herrschen über die Bedeutung des Begriffs Genozid. Entwickelt wurde er durch den polnisch-jüdischen Juristen Raphael Lemkin zum einen auf der Grundlage der Erfahrungen mit der Besatzungs- und Vernichtungspolitik des Dritten Reiches und zum anderen auf der Basis historischer Studien, allen voran zum Genozid an den Armeniern. Lemkin, der selbst den Fall der Herero als Genozid betrachtete, wollte damit die versuchte Vernichtung eines ganzen Kollektivs im internationalen Recht verankern. 1948 fand Völkermord schließlich mit der UN Genozidkonvention Eingang in das internationale Recht. Ausschlaggebend für das Vorliegen von Genozid ist die Absicht, die Gruppe als Ganzes oder teilweise zu vernichten, jedoch weder die Zahl der Opfer noch deren direkte Tötung. Auch andere Maßnahmen, wie das bewusste Auferlegen von Lebensbedingungen, die geeignet sind die Gruppe als solche physisch zu zerstören oder geistigen oder physischen Schaden bei Mitgliedern der Gruppe hervorzurufen können daher als Genozid gewertet werden.

Bedauerlicherweise bestimmt statt der relativ weit entwickelten und ausdifferenzierten Theorie ein unterkomplexes Bild von Genozid den allgemeinen Diskurs, auch jenen zu Namibia, das auf gewissen Vorstellungen über den Holocaust beruht. Dazu gehören das Bild einer "industriellen", angeblich "klinischen" also "unblutigen" Tötung der jüdischen Opfer in den Vernichtungslagern ("Gaskammern") ebenso wie das Zerrbild einer absolut überlegenen deutschen Militär- und Vernichtungsmaschinerie, in der die Opfer rein passiv ihr Schicksal erwarteten.

Die Forschung zum Holocaust hat diese Vorstellung längst wiederlegt, die Mehrheit der jüdischen Opfer wurde nicht in den "Vernichtungslagern" ermordet, sondern oftmals einfach erschossen. Letztere waren auch keine passiven Opfer, sondern wehrten sich, sie besaßen "Agency" wie der entsprechende Fachbegriff lautete. Darauf kann auch niemand eine Mitschuld der Opfer ableiten, waren es doch die "Täter", welche sie in die Position brachten, in der sie Widerstand leisten mussten. In der Diskussion zu Namibia lebt diese Vorstellung jedoch weiter. Daher lehnte die bereits erwähnte Brigitte Lau den Begriff des Völkermordes ab, nicht weil sie das Leiden der Opfer nicht anerkannt hätte, sondern weil sie den Begriff des allmächtigen deutschen Militärs als falsche und zudem koloniale Fortschreibung des Mythos von den überlegenen Europäern und den geschichtslosen, passiven Afrikanern angreifen wollte.

Deshalb betonte sie, wie auch andere in ihrem Gefolge, die Schwäche des deutschen Militärs. Indem sie daraus aber einen Beweis für die Unmöglichkeit eines Genozids ableitete, irrte sie. Es war vielmehr der überraschende Erfolg der Herero, der mit dazu beitrug, dass sich aus einer kolonialen Auseinandersetzung, wie es auch andere vorher schon gegeben hatte, ein Vernichtungskrieg und ein Völkermord entwickelten. Wegen des anfänglichen Erfolges der Herero wurde nämlich in Berlin nicht nur beschlossen, ein vergleichsweise großes Expeditionsheer in Marsch zu setzen, sondern auch dem örtlichen Kommandeur, Oberst Theodor Leutwein das Kommando zu entziehen und mit Generalleutnant Lothar von Trotha einen ebenso erfahrenen wie brutalen Offizier damit zu betrauen. Zwar kannte von Trotha weder Land noch Leute, aber er besaß dafür eine klare Vorstellung von der Weltgeschichte als „Rassenkampf“, insbesondere zwischen der "Weißen" und der "Schwarzen Rasse", bei dem es nur einen Sieger geben könnte. Dementsprechend wollte er "die aufständischen Stämme mit Strömen von Blut“ vernichten. Hatte Leutwein noch die wirtschaftlichen Interessen des Schutzgebietes im Auge, zu der auch die Existenz von afrikanischen Arbeitskräften gehörte, folgte Trotha einer ausschließlich militärisch-exterminatorischen Logik.

Die Hetzjagd endete erst am Wüstensaum, wo die deutschen Truppen stoppten, die Wasserstellen besetzten und den Herero, auch Frauen und Kindern, den lebensrettenden Zugang dazu verwehrten.

Schon während seiner Anfahrt, noch vom Schiff aus, ordnete er an, alle Widerstand leistenden Herero zu erschießen. Der Widerstand der Herero wurde zum todeswürdigen Verbrechen, an einen Verhandlungsfrieden war damit nicht mehr zu denken. Von Trotha plante stattdessen eine große Kesselschlacht am Waterberg, wohin sich die Herero mit ihren Familien und ihrem Besitz zurückgezogen hatten. Dort wollte er den Krieg entscheiden. Allerdings scheiterte er damit, da die Herero entkommen konnten. Sie flohen Mitte August 1904 in Richtung der weitgehend wasserlosen Omaheke-Wüste im Norden des Schutzgebietes, verfolgt von deutschen Soldaten, die überrannte Nachzügler nicht selten ohne viel Federlesen erschossen. Diese Hetzjagd endete erst am Wüstensaum, wo die deutschen Truppen stoppten, die Wasserstellen besetzten und den Herero, auch Frauen und Kindern, den lebensrettenden Zugang dazu verwehrten. Gerade weil auch die deutsche Armee erschöpft war, nutzte sie die Natur des Landes, wie es hieß, um einen Sieg zu erreichen, den sie im klassisch militärischen Sinne nicht erreichen konnte. So sollte die "wasserlose Omaheke (…) vollenden, was die deutschen Waffen begonnen hatten: Die Vernichtung des Hererovolkes“, wie es in der offiziellen deutschen Militärgeschichtsschreibung hieß.

Oftmals begegnet man dem Argument, die deutschen Truppen wären aus Schwäche oder Personalmangel gar nicht in der Lage gewesen, die ganze Omaheke abzusperren. Das brauchten sie auch gar nicht. Sie besetzten nur die wenigen Wasserstellen, und hinderten die verdurstenden Herero, diese zu erreichen. Die meisten starben als Folge davon den Dursttod.

In diesem Kontext ist auch der am 2. Oktober 1904 erlassene "Schießbefehl" von Trothas zu sehen, in dem er ankündigte, "(i)nnerhalb der deutschen Grenze" würden "jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber oder Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen.“ In der konkreten Situation, am Rande der Wüste, in der entkräftete Herero nach  strapaziöser Flucht seit Tagen und Wochen ausharrten, bedeute ein Wegschicken den nahezu sicheren Tod. Der Tagesbefehl von Trothas, der oftmals zur Entlastung zitiert wird, wonach Frauen und Kinder nicht erschossen würden, sondern man über ihre Köpfe zielen würde, damit sie aus Furcht zurückliefen, ist nicht anders als zynisch zu nennen. Das Zurücklaufen bedeutete den Dursttod.

Ähnliches gilt für ebenfalls oftmals apologetisch vorgebrachte Argument, nämlich, dass Berlin den Befehl wieder aufgehoben habe. Das ist faktisch wahr, allerdings geschah dies nicht aus humanitären Gründen, sondern weil man die Soldaten im Süden gegen die Nama brauchte. Und es geschah erst nach neun Wochen, was für die allermeisten Herero zu spät war. Es überlebten eigentlich nur die Herero, denen es an der Spitze der Flüchtenden gelang, die Omaheke zu durchqueren, ehe die wenigen Wasserquellen ganz versiegten, und die, die im Felde zurückblieben, bevor sie die Omaheke erreichten, und nicht von deutschen Soldaten aufgebracht und erschossen wurden.

Wer diese Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft und der historischen Forschung nicht zur Kenntnis nimmt, will das nicht tun. Damit stellt sich jedoch die Frage, warum die Geschichte des deutschen Kolonialismus immer noch schön gefärbt werden muss.

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16 Leserbriefe

E. Schwarze schrieb am 19.07.2016
Vielen Dank für den aufklärenden u. informativen Artikel. Es ist ungeheuer wichtig, über geschichtliche Zusammenhänge und die Bedeutung von oft verwendeten, aber kaum hinterfragten Begriffen aufzuklären. Geschichte wird von den Siegern geschrieben, heißt es immer. Wie so etwas aktuell oder in Bezug auf die jüngere Geschichte abläuft kann man täglich in verschiedensten Medien oder Diskussionen beobachten. Von daher sind sachliche und objektive Betrachungen gar nicht hoch genug zu schätzen.
mizzi schrieb am 20.07.2016
Ich habe diese Sicht in meinem Bekanntenkreis ebenfalls kundgetan.Wie wäre es gewesen, wenn die Türken in 2004 uns Deutsche belehrt hätten, jetzt endlich mal den Genozid an den Hereros anzuerkennen....ich war gerade in der Türkei als die Debatten im Bundestag liefen: das sah nicht gut aus für uns weil es ja immer heißt "Menschenrechte ,Menschenrechte ", aber wenn die Olympiade an die Chinesen oder an Chile ging, da war es dann egal....auch diese Ungerechtigkeit, als Grichenland; Bulgarien, Rumänien etc. in die EU eingelassen wurde, war die Stunde von Erdogan.Nie hätte er ohne diese "Vorarbeit"einen solchen Zulauf gehabt. Mir fehlen hier und heute die geistigen Vordenker einer "anderen" Politik bei uns ...aber ich seh keine.
abpfaud schrieb am 22.07.2016
nach unserer Verfassung gehört es nicht zu den Aufgaben des Bundestages, geschichtliche Vorgänge zu bewerten, insbesondere auch nicht, andere Nationen über ihre Geschichte zu belehren. Der Genozid-Beschluss betreffend der Armenier war demnach rein deklamatorisch ohne irgend welche Rechtsfolgen.
Politisch war es ein gigantischer Fehler und eine abgrundtiefe Dummheit der grünen Gutmenschen, das Klima mit einem schwierigen Partner wie der Türkei weiter zu belasten, ohne dass erkennbar wäre, was eigentlich der politische Nutzen hätte sein sollen.
Natürlich haben sie nicht so weit gedacht, dass sie damit eine Diskussion über die Rolle Deutschlands in Afrika wieder aufleben lassen, von der wir hoffen durften, sie würde uns erspart bleiben
r.t. schrieb am 24.07.2016
Interessant wie die Genozid-Befürworter die Argumentation geändert haben. Einst galt 80.000 Herero – 16.000 Überlebende = 64.000 Opfer - in die Wüste getrieben, verdurstet. Weil aber 80.000 + Vieh am Waterberg nicht leben können, verzichtet man heute auf Zahlen. Doch besteht man weiter auf einer 350 km Sperrlinie, Rückkehrer in den Dursttod zu treiben. Dabei kannte die Truppe kaum Wasserstellen, die Herero wohl. Man vergisst: der Schießbefehl wurde gegeben, als die Opfer bereits tot waren und die Überlebenden außer Reichweite. Wohl deshalb argumentiert man heute mit der Begriffsdefinition für Genozid. Das bringt neue Probleme:
Die San wurden von den Herero gnadenlos gejagt und vernichtet. – Genozid?
Maharero rief zum Kampf mit den Worten: Ich kämpfe, tötet alle Deutschen! – Genozid?
Art.103 GG und §1 STGB sagen: Niemand kann gerichtet werden, es sei denn die Tat war zur Tatzeit mit Strafe bedroht; ein Fundament des Rechtsstaates!
H aus Namibia: schrieb am 05.08.2016
Was hatten die Deutschen überhaupt in Namibia zu suchen ?
Was war die ethische Grundlage dafür, den Herero das deutsche Verständnis von Landeigentum und marktorientierter Viehzucht einzubläuen ?
Deutsches Herrenmenschentum und dümmliche "Überlegenheit" auf Grundlage wovon ?

Ich empfehle die Lektüre des Buches "Mama Namibia" von Mari Serebrov, das zwar eine Roman ist und deswegen keinen Anspruch auf unmittelbare historische Authentizität erhebt, aber doch einen aus meiner Sicht authentischen Eindruck über den Zeitgeist jener Epoche liefert; und der ist das Problem. Niemand kann das Geschehene ungeschehen machen. Unsere Verantwortung liegt darin sicherzustellen, dass derartige Taten nie wieder verübt werden können, nicht in Afrika, nicht in der Türkei und nicht in Syrien.
H aus Namibia: schrieb am 05.08.2016
zu r.t.:
Niemand kann die Täter von damals richten, denn sie sind zumeist einen gnädigeren Tod gestorben als ihre Opfer. Wohl aber können wir sie verurteilen, denn sie haben gegen die Menschenrechte verstoßen und das muss ihnen bewußt gewesen sein, egal, ob der Kaiser oder Lothar von Trott sie dafür befördert hat oder nicht. Einige haben auch Land zugesprochen bekommen, weil sie sich vor dem Feind bewährt haben, ebenso wie sich später einige Nazis schamlos an den Kunst- und anderen Schätzen bereichert haben, die sie den Juden und anderen Opfern des Nazi-regimes gestohlen haben. Alles das können und sollten wir verurteilen, damit es nie wieder passieren kann.

Wer sich ausserhalb dieses Konsenses stellt, übernimmt vor der Geschichte Verantwortung für aktuelle und zukünftige Völkermorde.
Peter Malter schrieb am 11.08.2016
Interessant aber wohl sehr unvollständig. Zum Gesamtbild gehört auch, darüber zu informieren, daß die Herero nicht nur keine unschuldigen Opfer waren, sondern
1. selbst auch äußerst brutale Guerillaaktionen unternahmen u nicht nicht davor zurückschreckten, europäische Siedler zu überfallen u Frauen u Kinder im Schlaf zu meucheln.
2. selbst brutale Sklavenhalter waren, die die Buschleute u vor allem die Damara so brutal versklavten u unterdrückten, daß diese ihre Sprache verloren u bis heute nicht wiedergefunden haben.
Schade daß der schuldbeflissenene Devotismus der Deutschen eine objektive Information u Bewertung der Situation nicht zuläßt!
Tito J.B. schrieb am 13.08.2016
Unglaublich wie manche immer noch die Kolonialisierung Afrikas immer noch als Retter, Friedensstifter oder Verbesserer der Rückständigen hier prädigen.
Aber die Tatsache dass die Russen gemeinsam mit den Armeniern den Osmanen den Krieg erklärt haben bzw. im Krieg waren, wird gerne ignoriert! Wie würde eigentlich Art.103 GG und §1 STGB das osmanische handeln urteilen.
Thomas Scheyer schrieb am 13.08.2016
An und für sich ist die Sache doch ganz einfach:
Wer wollte einen Genozid seitens der deutschen Kolonialmacht denn wachen Geistes leugnen?
Die Kriterien der Theorie sind durch das damalige Handeln erfüllt. Was das juristisch bedeutet vermag ich nicht zu beurteilen.
Klar ist ebenfalls, daß die Herero keinesfalls Unschuldslämmer waren. Dies in die Gesamtdarstellung korrekt einzufügen, ist Aufgabe einer seriösen Geschichtsschreibung.
Es sollte jedoch keineswegs der falsche Schluß gezogen werden, daß Hereroverbrechen deren Genozid rechtfertigen könnten. Dies sollte ebenso selbstverständlich klar sein wie die Tatsache der Ünmöglichkeit der Rechtfertigung von Kriegsverbrechen jeder beteiligten Kriegspartei egal welchen Krieges.
Dennoch wurden diese von jeder Kriegspartei immer wieder begangen.
Comentari Vari schrieb am 14.08.2016
na, herr malter, möchte mal sehen, wie sie sich verhalten, wenn plötzlich ein bis an die Zähne bewaffnetes heer von marsmenschen bei ihnen einmarschiert und dir und den deinigen befehele erteilt und dein haus und land nimmt. und dass die herero brutal waren und selber sklaven nahmen - alle eroberer überall auf der welt haben so von den eroberten gesprochen und geschrieben und tun es auch heute. man muss das ja irgendwie begründen können (vor sich selbst?), dass man da bei wildfremden einmarschiert, die will man natürlich zivilisieren, oder? und selbst wenn sie brutral waren, so what? dürfen nur die weißen brutal sein?
ein interessanter bericht, nun versteh ich das ein wenig, hatte keine große ahnung, was eigentlich geschehen war in namibia, da keine afrika-kennerin. aber sehr traurig...
Gesellschaft für bedrohte Völker schrieb am 16.08.2016
112 Jahre ist es her, dass die Deutsche Schutztruppe im heutigen Namibia die Aufstände der Herero & Nama niederschlug. Für die Nachfahren der Opfer sowie viele Historiker ist längst klar: Diese Verbrechen waren der erste Völkermord des 20. Jhdts. Doch bis heute gibt es Jene, die revisionistische Argumente für einen Gegenbeweis vorlegen. Sie werfen den Vertretern der Genozid-These u.a. vor, sich auf unzuverlässige Quellen zu stützen,die Kampfstärke der Schutztruppe zu überschätzen und den Schießbefehl von Trothas misszuverstehen. Prof. Dr. Jürgen Zimmerer räumt auf mit diesen Genozid-Leugnern und Hobby-Wissenschaftlern. Damit liefert er im Hinblick auf die laufenden Regierungsverhandlungen zwischen Deutschland & Namibia einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der historischen Hintergründe.
Yakup schrieb am 16.08.2016
Der krampfhafte Versuch Deutschlands, für sich und seine offensichtlich begangenen Völkermorde, entsprechende "Mittäter" zu suchen, indem man die Türkei z.B. auch als Land von "Völkermörder" deklariert, ist durchschaubar geworden und vor allem nicht mehr glaubwürdig. Fakt ist, die Geschichte und das Schicksal der Herero wird auf der Bühne internationaler Politik im deutschen Interesse mal wieder geplündert. Wenn deutsche Historiker darüber entscheiden, wer zum Völkermörder deklariert werden darf und wer nicht, erzeugt das bei den meisten internationalen Historikern nur ein Schaudern. Es ist auch interessant dass in diesem Artikel das Thema "Blue Book" zur Sprache kommt. Eben dieses "Blue Book" wurde herangezogen um einen Völkermorde an den Armeniern zu "beweisen". (-> A.Toynbee)
K.S. schrieb am 12.11.2016
Herr Zimmerer,
Es ist aber durchaus etwas auffällig, wie akribisch Sie einerseits alle für Ihre (wohl im Voraus feststehenden?) „Forschungsziele“ verwertbaren Fasern der deutschen Kolonialgeschichte aufnehmen, dann noch ein wenig bearbeiten, um sie schließlich zu einem epochenübergreifenden Kontinuitätsstrang hin zur nationalsozialistischen Terrorherrschaft zusammenzuflechten – während Sie andererseits jegliche „horizontale“ Kontextualisierung angestrengt ablehnen: also eine Einbettung des deutschen Kolonialismus in den gesamteuropäischen Kontext. Schließlich war Deutschland eine Kolonialmacht unter vielen, und zudem noch eine weniger bedeutende.
ff.
K.S. schrieb am 12.11.2016
Nicht selten erscheinen die britischen Imperialisten in Ihren Darstellungen gar wie die edlen Befreier der Afrikaner von den bösen Deutschen, sodaß am Ende der Eindruck zurück bleibt: Kolonialismus ist OK, solange es nur ein französischer, britischer oder belgischer ist.
K.S. schrieb am 12.11.2016
Man muß die Geschichte nun einmal so nehmen wie sie ist, auch wenn manche Erwartungen an sie enttäuscht werden, wenn man die Dinge im Detail überprüft. Man muß sich von liebgewonnenen Gewißheiten verabschieden können, wenn sie sich als Legenden erwiesen haben.
k.s. schrieb am 12.11.2016
Ohne Zweifel sind Massaker während des Hererokriegs verübt worden.
Wenn Leichen verstümmelt und von beiden Seiten sadistische Triebe ausgelebt werden, sind "starke Emotionen" im Spiel. Krieg ist kein Cricket-Spiel. Kriegsverbrechen sind so alt wie Kriege selbst. Natürlich ist belegt, daß dt. Soldaten in der Hitze des Gefechts genozidale Absichten hegten und Weiße ihren Rassendünkel auslebten.
Aber die These eines planmäßigen Genozids halte ich für abwegig. Hätte der Staat wirklich die vollständige Vernichtung des kleinen Herero-Volks angestrebt, hätte das dt. Kaiserreich angesichts seiner Übermacht gewiß die Mittel dazu gehabt. Er hat es aber nicht getan, das Volk der Herero gibt es heute noch.
Das kann man wohl feststellen, ohne die tatsächlich geschehenen Gräueltaten zu bagatellisiere