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Staatszerfall im Nahen Osten

Auch im Libanon stehen die Zeichen auf Sturm

Libanon: Der Nächste, bitte?

Während die Weltöffentlichkeit auf die Gewalt in Syrien und im Irak schaut, bleiben die Beziehungen der Sunniten und Schiiten im Libanon weitgehend unbeachtet. Doch auch hier braut sich ein Sturm zusammen. In der sunnitischen Enklave Arsal im schiitisch dominierten Bekaa Tal attackierten Dschihadisten vor kurzem libanesische Armeeeinheiten und entführten Soldaten, denen sie Kooperation mit der Hisbollah vorwarfen. Die Stadt Arsal grenzt an die syrische Region Qalamoun, wo Hisbollah und syrische Armee gegen Rebellen und Dschihadisten kämpfen.

Als der Islamische Staat (IS) einen sunnitischen Armeeangehörigen in Arsal entführte und enthauptete, interviewte das libanesische Fernsehen die Einwohner des Ortes: Nur wenige bezogen gegen IS Stellung. Stattdessen richteten sie ihre Wut auf libanesische Entscheidungsträger. Viele Beobachter betrachten die sich verschlimmernden sozialen und ökonomischen Bedingungen im Libanon als Ursache der sich verschlechternden interkonfessionellen Beziehungen im Land. Natürlich sind auch sie Folgen des Konflikts in Syrien.

Dienstleistungen und der Bausektor, die beiden Hauptsäulen der libanesischen Wirtschaft, sind vom Krieg im Nachbarland arg in Mitleidenschaft gezogen worden, und der Tourismus ist zum Erliegen gekommen. Die Infrastruktur ist in einem katastrophalen Zustand. Energie wird rationiert – an einigen Orten ist die Stromversorgung auf einige Stunden am Tag reduziert. Ein Winter mit geringen Niederschlägen hat zudem zu ernsthaften Wasserengpässen geführt. In der Folge verlassen sich die Libanesen zunehmend auf private Stromgeneratoren und Wasseranbieter, die jedoch ihren Preis haben. Konsum und Wirtschaftswachstum sinken weiter. Mit einem öffentlichen Verschuldungsgrad, der auf fast 150 Prozent des BIP geschätzt wird, ist ein ökonomischer Kollaps des Landes mittlerweile eine realistische Option.

Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass die Öffentlichkeit einen korrupten und ineffizienten Staat als Ursache ihrer Sorgen begreift. Das Problem ist nur, dass diese Unzufriedenheit die politischen und konfessionellen Spannungen noch verschärfen dürfte.

Während die Stimmung in der sunnitischen Gemeinschaft des Libanons zunehmend angespannt ist, hat das Verhalten der Hisbollah die Situation in den vergangenen Jahren noch verschlimmert. Nach der Ermordung des ehemaligen Premierministers und prominenten sunnitischen Führers Rafik Hariri im Februar 2005 griff die Hisbollah nach der Macht. Ein internationales Tribunal in Den Haag hatte zahlreiche Hisbollah Mitglieder belastet. Infolge des Hariri-Attentats zwangen öffentliche Proteste die syrische Armee dazu, sich aus dem Libanon zurückzuziehen. Aus Sorge, dass der Rückzug ihres strategischen Alliierten die Machtbalance zu ihren Ungunsten verschieben würde, begann die Hisbollah mit der Einschüchterung ihrer Rivalen.

Im Jahr 2008 überrannten Hisbollah-Kräfte sunnitische Stadtteile in West Beirut – zahlreiche Zivilisten kamen ums Leben. Drei Jahre später vertrieb die Hisbollah Premierminister Saad Hariri, den Sohn Rafik Hariris, aus dem Amt und ersetzte ihn mit einem genehmeren sunnitischen Führer. Und schließlich verkündete sie 2013, fortan an der Seite des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad gegen die hauptsächlich sunnitischen Rebellen in Syrien kämpfen zu wollen.

Dieses Vorgehen der Hisbollah musste die sunnitisch-schiitischen Spannungen im Libanon anheizen. Die Gefahren multiplizierten sich noch, als der Islamische Staat die Stadt Mossul im Irak unter Kontrolle brachte und seine Autorität nach Syrien ausweitete. Die Mehrheit der libanesischen Sunniten ist moderat. Dennoch konnten sich viele nicht eines Gefühls der Zufriedenheit darüber erwehren, dass der schiitisch dominierten irakischen Regierung und Baschar al-Assad in Ost-Syrien eine militärische Niederlage beigebracht worden war.

 

Die Hisbollah steckt tief im syrischen Morast

Natürlich wissen die Sunniten, dass die Hisbollah in dem syrischen Morast gefangen ist. Schätzungen gehen davon aus, dass hunderte ihrer Kämpfer seit dem Frühling 2013 ihr Leben verloren haben. Ihnen ist klar, dass die Hisbollah nicht in der Lage wäre, einen möglichen sunnitischen Aufstand im Libanon zu kontrollieren. Aus diesem Grund, hat sich die Hisbollah auf die libanesische Armee gestürzt, um sunnitische Militanz einzuhegen. Doch die Handlungsfreiheit der Armee ist begrenzt. Etwa 30 Prozent der regulären Soldaten sind Sunniten.

Die hochexplosive Mischung wird durch die 1,5 Millionen syrischen Flüchtlinge im Libanon und salafistische Gruppen in den palästinensischen Flüchtlingslagern angeheizt.

Diese hochexplosive Mischung wird durch die 1,5 Millionen hautsächlich sunnitischen syrischen Flüchtlinge im Libanon und salafistische Gruppen in den palästinensischen Flüchtlingslagern angeheizt. In Zeiten der ökonomischen Unzufriedenheit könnten diese in einem konfessionellen Krieg rekrutiert werden. Sollte das geschehen, könnte die Hisbollah überwältigt werden. Denn die drei schiitisch dominierten Regionen, die südlichen Vororte Beiruts, der Südlibanon und das nördliche Bekaa Tal, sind geographisch getrennt. Sie sind nur durch Kommunikationslinien miteinander verbunden, die durch hauptsächlich sunnitische Regionen führen.

Die libanesische Regierung wird hart arbeiten müssen, um das Risiko eines Worst-Case-Scenarios einzudämmen. Derzeit sind die Zeichen alles andere als ermutigend. Während die Herausforderungen des täglichen Lebens steigen, konnte sich das libanesische Parlament in den vergangenen vier Monaten nicht auf die Wahl eines neuen Präsidenten verständigen.

Im Libanon haben konfessionelle Spannungen ein unheilvolles Niveau erreicht. Es wäre eine bedeutende Leistung, wenn ein Krieg vermieden oder auch nur einige der ökonomischen Probleme des Landes gelöst werden könnten. Falls es der internationalen Gemeinschaft darum geht, den Islamischen Staat zurückzudrängen und eine weitere Erosion der Ordnung im Nahen Osten zu verhindern, muss die Region als Ganze betrachtet werden. Dazu gehört dann auch ein ernsthafter Versuch, die Stabilität des Libanon zu festigen.

 

(c) Project Syndicate

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