Afrika wird von seinen Regierenden derzeit gerne als Kontinent der Zukunft dargestellt und von Investoren und Banken oft so beschrieben. Was die Selbstdarstellung angeht, werden mit dem Versprechen auf Zukunft ehrgeizige Infrastrukturprojekte überhöht, deren Nutzen und Machbarkeit zu guten Teilen fragwürdig sind. Oder deren negative Auswirkungen unter diesem Label besser zu „verkaufen“ sind. Bei einigen dieser Projekte geht es zwar um „grüne“ Energie, aber selbst an diesen Vorhaben ist nicht alles sauber. Dazu später mehr, jedenfalls stößt Afrikas „Zukunfts“-Image außerhalb des Kontinents seit einiger Zeit auf offene Ohren.

Dort hat der Wahrnehmungswandel vom Katastrophen-Kontinent zum Zukunftsträger vor einigen Jahren eingesetzt. Schlagworte wie „Africa Rising“ lagen plötzlich im Trend, und Investoren machten neue Absatzmärkte am Horizont aus. Untermauert wurden die optimistischen Prognosen mit makro-ökonomischen Wirtschaftsdaten, die seit dem Jahrtausendwechsel in vielen Ländern südlich der Sahara tatsächlich beeindruckend waren. Zwischen 2000 und 2015 wuchs das Bruttoinlandsprodukt in der Region real um durchschnittlich 5,3 Prozent. Subsahara-Afrika wuchs damit die ganze Zeit stärker als die Industriestaaten.

Aber mit dem Einbruch der Weltmarktpreise für Erdöl und andere Rohstoffe wurde deutlich, was Skeptiker schon während des ganzen Wachstums-Hypes moniert hatten: dass sich die zweistelligen oder fast zweistelligen Zuwachsraten vor allem durch verstärkten Rohstoffexport und die (damals eben noch) hohen Preise dafür auf dem Weltmarkt erklärten. Jetzt hat sich der Trend gewendet. Für 2016 erwartet der Internationale Währungsfonds für die Staaten südlich der Sahara nur noch ein Wachstum von 1,6 Prozent, mit etwas besseren Aussichten für das kommende Jahr: 3,3 Prozent.

Viele Staatschefs hatten das Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre zusätzlich überhöht, als Beweis für den Aufbruch Afrikas in „die Zukunft“. Aber schon während der besten Jahre blieb die Bevölkerungsmehrheit von dem Versprechen auf eine bessere Lage – alias: „Zukunft“ – weitgehend ausgeschlossen. Die Einkommen waren in den Ländern, in denen sie besonders deutlich stiegen, auch besonders ungleich verteilt. Trotzdem hat sich die Gesamtsituation auch für die Ärmsten in den vergangenen Jahren etwas verbessert. Um das Jahr 2000 lebten noch fast zwei Drittel der afrikanischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, jetzt sind es noch gut 40 Prozent. Das ist zwar nicht mehr ganz so katastrophal, aber noch lange nicht so glänzend, wie die afrikanischen Regierungen ihre Bevölkerung glauben machen wollen.

Die Einkommen waren in den Ländern, in denen sie besonders deutlich stiegen, auch besonders ungleich verteilt.

Viele von ihnen versuchen seit Jahren, der Bevölkerung die gegenwärtigen Zumutungen mit Versprechen auf die Zukunft zu versüßen. Zu den Zumutungen gehören nicht nur die weit verbreitete Armut, sondern auch wachsende politische Unterdrückung sowie ein härteres Vorgehen gegen Kritiker und die Presse. Das gilt vor allem für Äthiopien, das sich – bei starker sozialer Ungleichheit – tatsächlich massiv entwickelt, allerdings um den Preis einer autoritären Herrschaft und massiver politischer Unruhen. Äthiopien ist trotz der jüngsten Dürre der Wachstumsmotor der Region und ein enger Verbündeter des Westens beim Kampf gegen den Terrorismus und bei der Fluchtursachenbekämpfung. Aber in den vergangenen Monaten sind hunderte Menschen bei Protesten ums Leben gekommen. Die Stabilität des Landes steht auf dem Spiel. Auch anderswo sind die politischen Spielräume deutlich kleiner geworden. Währenddessen versuchen die Herrschenden, den Blick von der Gegenwart weg auf die Zukunft zu richten.

So etwas heißt dann „Vision 2030“, wie in Kenia. Oder „Vision 2040“, wie in Uganda. Die Regierungsdarstellung der kenianischen „Vision 2030“ liest sich wie eine Beschreibung des irdischen Paradieses. Es handele sich dabei um eine „nationale, langfristige Entwicklungspolitik“ mit dem Ziel, „Kenia zu einem Industrieland mit mittlerem Einkommen zu machen, das allen seinen Bürgern bis spätestens 2030 eine hohe Lebensqualität in einer sauberen und sicheren Umwelt bietet“. Die Vision beziehe sich auf die drei Säulen Wirtschaft, Soziales und Entwicklung.

Das ugandische Kabinett verabschiedete das Statement zur „Nationalen Vision 2040“ schon im Jahr 2007. Ziel sei, so heißt es dort, „eine veränderte ugandische Gesellschaft in einem Land, das den Sprung von einer bäuerlichen zu einer modernen und wohlhabenden Gesellschaft geschafft hat”.

Diese Visionen sind jeweils an ehrgeizige Infrastrukturprojekte gekoppelt. In Kenia vor allem an LAPSET, die Kombination von mehreren Projekten für geschätzte Gesamtkosten von 24,5 Milliarden US-Dollar. An dem Projekt sollen sich dem Wunschdenken nach vier Länder beteiligen: Äthiopien, Kenia, Südsudan und Uganda. Aber längst haben einige von Kenias vermeintlichen Partnern ihr eigenes Süppchen auf den Herd gesetzt. LAPSET droht an politischen Konflikten, fehlendem Willen und Finanzierungslücken zu scheitern.

So sehr sich Afrika ja tatsächlich entwickelt, so sehr sind die Verheißungen der Regierenden trotzdem oft fauler Zauber.

Zugleich zeigen sich bei den ebenfalls umfänglichen Investitionsplänen für den Norden Kenias bereits jetzt die Schattenseiten der versprochenen Entwicklung. Der bisher vernachlässigte Norden soll für die Ansiedlung eines riesigen Windparks und die Exploration von Erdöl wirtschaftlich erschlossen werden. Jetzt schon nehmen die Konflikte in der Gegend deutlich zu, weil sich die Menschen mehr Vorteile von der wirtschaftlichen Erschließung ihres Lebensraums erhofft haben und weil mehrere Volksgruppen um ihren Anteil an den Profiten wetteifern. Andere lehnen sich auf, weil sie sich um das angestammte Weideland für ihre Herden betrogen sehen.

Zumindest ambivalent sind auch die Staudammprojekte von Kenias Nachbarland Äthiopien. Der Gilgil-Staudamm soll den Omo-Fluss stauen, der den nordkenianischen Turkana-See speist. Kritiker warnen, dass dadurch der Wasserspiegel des Sees deutlich sinken würde, mit den entsprechenden Folgen für die Umwelt. Außerdem befürchten sie negative Folgen für die Menschen im Einzugsgebiet des Omo in Äthiopien und Kenia. Der Damm beendet den Zyklus, in dem der Fluss die angrenzenden Felder überflutet. Dadurch gefährde er die Lebensgrundlage von 200 000 Menschen in Kenia und weiteren 300 000 in Äthiopien.

Mit einem zweiten Projekt beschwört die äthiopische Regierung noch offensichtlicher den Aufbruch in die Zukunft. Es geht um den in Bau befindlichen „Großen Damm der äthiopischen Wiedergeburt“, eine Talsperre zur Energiegewinnung am Blauen Nil. Mit Wasserkraft aus den Großstaudämmen will Äthiopien zum führenden Stromproduzenten Afrikas aufsteigen. Es verspricht sich durch die steigende Verfügbarkeit von Energie die sehr spürbare soziale und wirtschaftliche Weiterentwicklung des Landes. Zudem wird die Energie als „grün“, weil nicht fossil, gepriesen. Aber wie immer gibt es auch viele Verlierer, darunter die etwa 500 000 Menschen, die infolge der Staudammprojekte vertrieben werden. Diese hohe Zahl räumt selbst die Weltbank ein, die Äthiopiens Pläne begrüßt. Internationale Konflikte ergeben sich außerdem mit den anderen Nil-Anrainern, vor allem Ägypten und dem Sudan.

Vorsicht ist also geboten, wenn das Schlagwort „Zukunft“ fällt. So sehr sich Afrika ja tatsächlich entwickelt, so sehr sind die Verheißungen der Regierenden trotzdem oft fauler Zauber. Die Frage, wovon sie ablenken sollen, führt in den meisten Fällen zu einem Ergebnis.