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Säuselgapur

Der Trump-Kim-Gipfel war Musik in den Ohren der Analysten in der Region.

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Kim looking at things, hier mit Singapurs Außenminister Vivian Balakrishnan (links) im Botanischen Garten der Stadt.

Der winzige rote Punkt leuchtete grell auf der Weltkarte. Singapur, das sich selbst kokett ‚der kleine rote Punkt-Staat‘ nennt, kam ganz groß raus beim historischen Gipfeltreffen von US-Präsident Donald Trump mit Nordkoreas Führer, Kim Jong Un. Während sich der Rest der Welt fragt, ob der Kalte Krieg in Asien nun beendet ist oder die Probleme erst richtig anfangen, feierte man in Südostasien einen Heimsieg für den Frieden. „Wir haben das Treffen ermöglicht, wir spielen aber weder inhaltlich eine Rolle noch moderieren wir dabei etwas,“ hatte Singapurs Premier Lee Hsian Long mehrmals betont. Doch neben demonstrativer Bescheidenheit wird der erfolgreiche Gipfel in der Region als Ritterschlag für das eher unscheinbare Gebilde ASEAN gesehen.

Einige der zehn Mitgliedsländer der ‚Vereinigung Südostasiatischer Staaten‘ hatten zuvor darum gebuhlt den Gipfel ausrichten zu dürfen, darunter Thailand und Indonesien. Als schließlich Singapur den Zuschlag erhalten hatte, nahmen es die Nachbarn sportlich. Schließlich hat Singapur gegenwärtig den ASEAN-Vorsitz inne und repräsentiert damit voller Tatendrang Asiens erfolgreichstes Bündnis für Frieden und Sicherheit.

ASEAN, 1967 in den Hochzeiten des Kalten Krieges gegründet, hat gezeigt wie es gehen kann in einer geopolitisch höchst instabilen Region. In den fünf Jahrzehnten seiner Existenz gelang es dem Bündnis die Differenzen und Konflikte auszutarrieren, die drohten seine Mitglieder in neue Kriege zu treiben. Angetreten war die Vereinigung, um die „rote Flut“ kommunistischer Bewegungen in Asien zu stoppen. Heute sind unter seinen Mitgliedern sogar zwei kommunistisch regierte Länder, nämlich Vietnam und Laos. ASEAN’s lautlose Art und Weise Differenzen durch Kompromiss, Konsens und Konsultation auszuräumen - trotzig „the ASEAN way“ genannt - scheint sich zumindest für die Region voll bewährt zu haben.   

Kein Wunder, dass sich die Diplomaten der ASEAN-Länder am Tag nach dem Gipfel schon mal die Hände reiben. Denn Pjöngjang unterhält Botschaften in acht der zehn ASEAN-Länder, darunter Singapur. Selbst in den Zeiten strengster Sanktionen blieb ASEAN im Gespräch mit Nordkorea. Etwas was weltweit nur eine Handvoll anderer Staaten noch versuchte. ASEAN, frohlockten einige Medien der Region bereits, sei also eine ideale Vermittlerin für weitere Gespräche zwischen den USA und der Demokratischen Volksrepublik Korea.     

In Washington und auch in Beijing mögen diese Höhenflüge südostasiatischer Strategen belächelt werden. Schließlich glänzt ASEAN mit Uneinigkeit und Tatenlosigkeit im Dauerkonflikt um die von China beanspruchten Inseln und Atolle des Südchinesischen Meeres. China mit seiner geballten Wirtschaftsmacht, das muss gesagt sein, ist für die investitionshungrigen Südostasiaten eine Herausforderung ganz anderer Art als der verarmte Atomstaat Nordkorea.

In Südoastasiens Schwellenländern, die selbst noch um ihren Aufstieg in die Liga der Industrienationen ringen, ist man vielmehr sicher, dass Nordkorea vor allem eines brauchen wird, um seine atomgeladene Selbstbehauptungspolitik einzustellen: Wirtschafts- und Handelspartner

Im Post-Gipfel-Prozess, so es ihn denn gibt, wird es keineswegs nur um Raketen und Sprengköpfe deren Entsorgung gehen, das betonten am Tag nach dem Gipfel zahlreiche asiatische Kommentatoren. In Südoastasiens Schwellenländern, die selbst noch um ihren Aufstieg in die Liga der Industrienationen ringen, ist man vielmehr sicher, dass Nordkorea vor allem eines brauchen wird, um seine atomgeladene Selbstbehauptungspolitik einzustellen: Wirtschafts- und Handelspartner.   

Der Block hat traditionell gute Businessbeziehungen zu Pjöngjang. Nicht immer im Einklang mit den Sanktionsregimen. So nutzte Kim Jong Uns Regime seine offiziellen und inoffiziellen Geschäftskontakte in Singapur, Malaysia und Myanmar um eben jene Sanktionen zu umgehen. Vor dem Embargo machten ASEAN-Länder einen großen Teil von Nordkoreas Handel aus. Die Philippinen waren im Jahr 2015 der drittgrößte Handelspartner des Nordens, Indonesien war mit dem Nordkorea von Kims Großvater Kim Il Song, geschäftlich intensiv verbandelt.

Jenseits von asiatischen Träumen den Kalten Krieg bald beenden zu können, gibt es von Peking bis Jakarta einen gemeinsamen Wunsch: Die Normalisierung der Beziehungen zu Pjöngjang. So unglaubwürdig sich das Regime auch immer wieder gebärdete, das Ende des Pariah-Status‘ brächte Vorteile für alle, glauben zahlreiche asiatische Analysten. Ein in die internationalen Konventionen und Systeme integriertes Nordkorea, glauben sie, wäre besser zu managen. Nur so könnte das Regime in allen Nuancen und Facetten erleben was es heißt, ein normaler Staat unter normalen Bedingungen herkömmlicher Diplomatie und Zusammenarbeit zu sein.

Eine Trumpfkarte im ASEAN-Ärmel ist, zumindest laut Politik-Blogs in Asien, der Fakt, dass ASEAN als Organisation, nach den Vereinten Nationen, über das einzige internationale Format verfügt, in dem sowohl die USA als auch Nordkorea bereits Mitglied sind: Das ASEAN Regional Forum (ARF), dem Pjöngjang im Jahr 2000 beitrat. Hier wird alles besprochen was im Hinblick auf Frieden und wirtschaftliche Kooperation wichtig ist.

Um die schwierigen Fragen der Entnuklearisierung und Normalisierung beackern zu können, wird es weiterhin großkalibriger Instrumente und maximaler Druckerzeugung bedürfen, ist man in Tokio überzeugt.

Ob Washington, Peking oder Tokio aber ausgerechnet auf den schwächlichen Club aus Südostasien und dessen eigenwilligem Krebsgang in Sachen Sicherheit setzen werden, bleibt abzuwarten. Um die schwierigen Fragen der Entnuklearisierung und Normalisierung beackern zu können, wird es weiterhin großkalibriger Instrumente und maximaler Druckerzeugung bedürfen, ist man in Tokio überzeugt. Japans Premier Shinzo Abe war einer der größten Fans der Rüpel-Diplomatie des US-Präsidenten Trump, der Kim abwechselnd verhöhnte und drohte.

Denn so naiv wird in Asiens Krisenstäben nicht gedacht, als dass man nur auf die segensreiche Wirkung konfuzianisch inspirierter Diplomatie setzen würde. Asiens Politiker, deren Staaten mit den USA aktive Sicherheitspartnerschaften unterhalten, darunter Japan, Philippinen, Thailand und Singapur, haben nicht ohne Entsetzen gehört, dass Trump die „Kriegsspiele“ mit Südkorea einstweilen einzustellen versprach. Gemeint sind die Militärmanöver, die der US-Präsident nach dem Gipfel als „fürchterlich teuer“ und „provokant“ bezeichnete.  

Schon seit Trumps Amsantritt und seiner erklärten „America first“-Politik steigt die Nervosität im geopolitisch äußerst instabilen Asien. Die USA und deren militärische Kapazitäten sind in den Augen vieler Staaten Asiens die einzige Risikoversicherung gegen den wachsenden Machthunger Chinas. Während US-Präsident Obama noch eine Hinwendung zu Asien versprochen hatte, scheint Trump die pazifischen Engagements der USA nun eher abwickeln zu wollen. Die Aufkündigung des multilateralen pazifischen Freihandelsabkommens „Transpacific Trade Agreement“, TPP, hatte daran wenig Zweifel gelassen.    

Ungeachtet der nun einsetzenden Fachdebatten um die Gestaltung einer Entnuklearisierung, ist sich Singapur als erfolgreicher Gastgeber schon mal sicher, immerhin im Gehirn von Kim Jong Un bereits etwas bewegt zu haben. Sein Spaziergang am Abend vor dem Gipfel entlang Singapurs maritimer  Glamour-Meile, in Begleitung von Singapurs Außen- und Verteidigungsminister, habe den nordkoreanischen Führer schon mal auf den Geschmack gebracht, sollte er Reformwünsche hegen. „Singapur hat den richtigen Mix an Wirtschaftskraft und soziopolitischer Ordnung, wie ihn starke Führer lieben“, schreibt selbstbewusst die Singapurer Straits Times.

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