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Feindbild Weltbürger

Der Gebrauch von „kosmopolitisch“ als Schimpfwort hat eine gefährliche Tradition.

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Schlüpft mit Leichtigkeit in verschiedenste Rollen. Adrien Brody bei der Vorstellung von „Midnight in Paris” in Cannes.

Die Regierung von US-Präsident Donald Trump hat angekündigt, dass sie die legale Einwanderung in die USA halbieren und dabei gut ausgebildete Einwanderer bevorzugen will, die gut Englisch sprechen. Als ein CNN-Korrespondent namens Jim Acosta, der Sohn eines kubanischen Einwanderers, dies gegenüber Trumps leitendem politischen Berater Stephen Miller hinterfragte, indem er erklärte, dass die USA traditionell die Armen der Welt bei sich begrüßte, von denen viele kein Englisch sprächen, beschuldigte Miller Acosta „kosmopolitischer Voreingenommenheit“.

Acosta hatte gefragt, ob die neue politische Linie bedeute, dass nur noch Menschen aus Großbritannien oder Australien die Einreise erlaubt würde. Er war möglicherweise etwas provozierend. Doch die in Millers Antwort implizierte Schlussfolgerung war, dass Acostas „Voreingenommenheit“ eine Art von Rassismus sei. Bedenkt man, dass diese Äußerung von einer Regierung stammt, die sich zumindest gelegentlich bei weißen Rassisten anbiedert, war dies gelinde gesagt bemerkenswert.

Man fragt sich, ob Miller irgendeine Vorstellung von der historischen Verwendung des Wortes „kosmopolitisch“ als Schimpfwort hatte. Als Abkömmling armer Juden, die vor mehr als einem Jahrhundert aus Weißrussland flüchteten, sollte er das.

„Wurzellose Kosmopoliten“ war die von Joseph Stalin verwendete verklausulierte Bezeichnung für Juden. In den frühen Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg leitete der sowjetische Diktator eine Kampagne gegen jüdische Intellektuelle, Wissenschaftler und Schriftsteller ein, die der Illoyalität gegenüber der Sowjetunion und einer Neigung hin zum Westen beschuldigt wurden. Juden galten nicht als gebürtige Russen, sondern als Angehörige einer internationalen Sippschaft und daher als per se verräterisch.

Eine der Merkwürdigkeiten der Trump-Regierung ist, dass mehrere ihrer wichtigsten Vertreter eine traditionell antisemitische Rhetorik neu belebt haben, obwohl einige von ihnen, wie Miller, selbst Juden sind.

Aber Stalin war nicht der Erfinder dieser Idee. In den 1930er Jahren schwärzten Faschisten und Nazis die Juden, neben Marxisten und Freimaurern, ebenfalls als „Kosmopoliten“ oder „Internationalisten“ an, deren Loyalität suspekt war. Es ist die Art Vokabular, die von nativistischen Bewegungen ausgeht, die ethnischen oder religiösen Minderheiten oder finanziellen oder geistigen Eliten feindselig gegenüberstehen, welche sich angeblich verschworen haben, den wahren Söhnen und Töchtern der Nation zu schaden.

Den Faschisten der Vorkriegszeit galten die USA häufig als Symbol kosmopolitischer Dekadenz. Der beleidigende Gebrauch von „kosmopolitisch“ hat daher eine zutiefst antiamerikanische Herkunft.

Eine der Merkwürdigkeiten der Trump-Regierung ist, dass mehrere ihrer wichtigsten Vertreter eine traditionell antisemitische Rhetorik neu belebt haben, obwohl einige von ihnen, wie Miller, selbst Juden sind. Der Chefideologe des ethnischen Nationalismus im Zeitalter Trumps, Steve Bannon, ist ein reaktionärer Katholik. Er hat eine Vorliebe für französische und italienische faschistische Denker aus der Anfangszeit des 20. Jahrhunderts wie Charles Maurras (von der Action Française) und Julius Evola, eine düstere Gestalt, die Heinrich Himmler bewunderte und im Zweiten Weltkrieg für die deutsche Polizei arbeitete.

Doch die Ablehnung des Kosmopolitismus als spezielle katholische Pathologie anzusehen wäre ein Fehler. Die erste beleidigende Verwendung des Begriffs „kosmopolitisch“ erfolgte im Rahmen der protestantischen Rebellion gegen die katholische Kirche. Die protestantischen Rebellen der Reformationszeit betrachteten Rom als Zentrum eines weltweiten „kosmopolitischen“ Netzwerks, das nationale Aspirationen unterdrückte. Spuren dieses Vorurteils lassen sich noch heute bei einigen Gegnern der Europäischen Union finden, die den Sitz der EU in Brüssel als das neue Rom ansehen.

Es ist unwahrscheinlich, dass Miller, der in einer liberalen Familie in Kalifornien aufwuchs, ein Antisemit ist. Vielleicht war seine frühe Neigung zum Rechtsextremismus ebenfalls eine Form der Rebellion, wenn auch einer Rebellion, die ihn bald in die Gesellschaft toxischer Verbündeter führte. Als Student an der Duke University freundete er sich mit Richard Spencer an, der später für eine „friedliche ethnische Säuberung“ warb, um die weiße Zivilisation zu bewahren – was immer das sein mag.

Gesellschaftliche Eliten, liberale Intellektuelle und kritische Journalisten sind der Feind derjenigen, die Macht wollen, aber das Gefühl haben, dass jene, die kultivierter erscheinen, auf sie herabblicken.

Was viele Trump-Anhänger sowie Rechtspopulisten in anderen Ländern einschließlich Israels eint ist ihre gemeinsame Ablehnung von Muslimen und den liberalen Eliten, die häufig beschuldigt werden, diese zu verhätscheln. Wenn Miller von kosmopolitischer Voreingenommenheit spricht, meint er vermutlich dies.

Doch Misstrauen gegenüber Muslimen ist nur ein Teil der Geschichte. Gesellschaftliche Eliten, liberale Intellektuelle und kritische Journalisten sind der Feind derjenigen, die Macht wollen, aber das Gefühl haben, dass jene, die kultivierter erscheinen, auf sie herabblicken. Dies ist nicht immer eine Frage der gesellschaftlichen Schicht. Präsident George W. Bush etwa verabscheute Französisch sprechende amerikanische Reporter.

Auch dies ist kein neues Phänomen. Die oberen Schichten in vielen Gesellschaften haben häufig eine Neigung, sich von der Herde abzugrenzen, indem sie die Sprache und Manieren von Ausländern übernehmen, deren Kulturen als überlegen gelten. Die europäischen Aristokraten im 18. Jahrhundert sprachen Französisch. Der moderne englische Nationalismus begann als Revolte gegen diese Art von Getue im Namen von John Bull, Roastbeef und Old England.

Nicht alle populistischen Rebellionen sind per se rassistisch oder faschistisch. Auch die Demokratie war ein Produkt des Widerstandes gegen die aristokratische Herrschaft. Doch es fällt schwer, zu glauben, dass Trump oder seine Ideologen wie Miller oder Bannon an der Ausweitung demokratischer Rechte interessiert sind, auch wenn sie vorgeben, für das gemeine oder, wie sie es gern formulieren, das „wahre“ Volk zu sprechen. Bannon etwa ist antiliberal und stolz darauf. Er soll sich selbst als Leninisten beschrieben haben, der den Staat zerstören will.

Doch gönnen wir Miller einen Vertrauensvorschuss und nehmen wir an, dass er, wenn er „kosmopolitisch“ als Schimpfwort benutzt, sich der Vorgeschichte des Begriffs nicht bewusst und ihm die Geschichte des faschistischen, nazistischen und stalinistischen Antisemitismus unbekannt ist. Nehmen wir an, dass die Vergangenheit für ihn nicht wirklich existiert und dass er lediglich ein unwissender Kritiker dessen ist, was er als das liberale Establishment betrachtet. Doch kann Ignoranz so gefährlich sein wie Böswilligkeit, besonders wenn sie durch große Macht gestützt wird.

(c) Project Syndicate

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