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Sweet Home Alabama

Nur weil die US-Demokraten in Alabama gesiegt haben, sind die Republikaner noch lange nicht erledigt.

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Jubelnde Anhänger nach dem Wahlsieg von Doug Jones.

Wenn die besten Unterhaltungskünstler eine Vorstellung geben, gehen sie immer nach dem gleichen Muster vor: Sie beeindrucken ihr Publikum mit einer ohnehin schon schier unmöglichen Darbietung, jonglieren also beispielsweise mit dreizehn iPhones oder essen siebzehn Schlangen. Und gerade, wenn das Publikum denkt, es hätte alles gesehen, treiben sie das Ganze auf die Spitze, indem sie noch neun Selfie-Sticks durch die Luft wirbeln oder zusätzlich drei Krokodile verschlingen.

Daran gemessen haben die republikanischen Spitzenpolitiker in den letzten drei Monaten eine wahrhaft unvergessliche Vorstellung abgeliefert. In einer Zeitspanne, die künftigen Generationen verblüffend kurz erscheinen wird, ordneten sich Politiker, die sich bis dahin als prinzipientreue Männer und Frauen präsentiert hatten, einem verantwortungslosen Präsidenten unter und trugen anschließend seine konzertierten Attacken gegen amerikanische Institutionen mit. Wir alle sahen ihnen mit offenem Mund dabei zu. Und dann setzten sie noch eins drauf: In einer Kombination aus Wagemut und Virtuosität, von der jeder Artist nur träumen kann, unterstützten sie die Senatskandidatur eines theokratischen Rassisten und Kinderschänders.

Irgendwann jedoch muss sich auch die bravouröseste Show den Gesetzen der Schwerkraft stellen. Zu meiner großen Erleichterung geschah das letzte Woche in Alabama. Zum ersten Mal seit 1992 wurde ein Demokrat in den Senat gewählt, nachdem Donald Trump in diesem Bundesstaat erst vor einem Jahr mit 62 Prozent der Stimmen gegenüber 34 gewonnen hatte. In der jüngeren amerikanischen Geschichte ist das ein eher ungewöhnliches politisches Ergebnis.

In einer Kombination aus Wagemut und Virtuosität, von der jeder Artist nur träumen kann, unterstützten die Repubikaner die Senatskandidatur eines theokratischen Rassisten und Kinderschänders.

Damit wächst natürlich die Versuchung, extreme Schlüsse zu ziehen. Wenn Roy Moore 20 000 Stimmen mehr erhalten hätte, dann hätten wohl viele Kommentatoren erklärt, dass Donald Trump die republikanische Partei gekapert habe, Steve Bannons Schützlinge in der Lage seien, einen Überraschungserfolg nach dem anderen einzufahren und Trumps Chancen für eine Wiederwahl im Jahr 2020 womöglich deutlich größer seien, als es seine schlechten Umfragewerte vermuten lassen. Nun, da Doug Jones einen knappen Sieg gegen einen Kandidaten errungen hat, der unattraktiver wohl kaum hätte sein können, lautet stattdessen der allgemeine Konsens: Trump hat es übertrieben. Die Republikaner sind erledigt. Die Demokraten sollten die Gelegenheit nutzen und möglichst progressive Kandidatinnen und Kandidaten ins Rennen schicken.

Die Wahrheit ist jedoch wie immer deutlich komplizierter. Erstens: Die Alabama-Wahl beweist, dass viele üble Entwicklungen der jüngsten Zeit noch in vollem Gange sind. Am frühen Abend gingen Politikexperten wie Nate Silver und Nate Cohn noch davon aus, dass Roy Moore wohl gewinnen würde, hatte er doch in seinen Hochburgen, die als erste Wahlkreise ihre Ergebnisse meldeten, die Erwartungen übertroffen. Im Verlauf des Abends wurde ihnen klar, dass Doug Jones es doch noch schaffen würde, weil er in seinen Hochburgen ebenfalls die Erwartungen übertraf. Das heißt, sogar in Bundesstaaten wie Alabama polarisiert sich die Wählerschaft stärker und schneller, als es selbst die bestinformierten Beobachter erwartet hätten.

Zweitens: So merkwürdig diese Wahl sein mag, lässt sie doch darauf schließen, dass die alten Politikregeln nicht völlig außer Kraft gesetzt sind. Obwohl es immer wieder heißt, dass das alte Links-Rechts-Spektrum an Bedeutung verloren habe – und radikale Kandidaten am einen Ende der politischen Skala eine echte Chance hätten, enttäuschte Wähler vom anderen Ende der politischen Skala für sich zu gewinnen –, klingt doch eine überraschend konventionelle Erklärung für das Geschehene ziemlich plausibel: Vor ein paar Monaten schien das Ergebnis schon festzustehen, weil Alabama so ein verlässlich republikanischer Staat ist. Doch dann schickten die Republikaner einen furchtbaren Kandidaten ins Rennen, der mit seinen extremen Positionen die traditionelle Basis verprellte. Unterdessen unterstützten die Demokraten einen fähigen Kandidaten, der es mit Positionen der Mitte auch gemäßigten Konservativen ermöglichte, das Lager zu wechseln. Ungeachtet aller Verfehlungen Moores hätten die Demokraten mit einem ausgeprägt linksliberalen Kandidaten Alabama wahrscheinlich verloren.

Ungeachtet aller Verfehlungen Moores hätten die Demokraten mit einem ausgeprägt linksliberalen Kandidaten Alabama wahrscheinlich verloren.

Die Linke wäre natürlich nicht die Linke, wenn sie den glorreichsten Sieg der letzten Jahre nicht schon Stunden nach der Wahl in einen gigantischen internen Zank verwandelt hätte. Die große Frage, die amerikanische Zeitungskolumnen und Twitter in den vergangenen Tagen beherrschte, lautete, ob Jones seine Wahl weißen Wählern zu verdanken hat, die von Moore zu ihm wechselten, oder aber schwarzen Frauen, die in großer Zahl extra für ihn zur Wahl gingen. Doch man muss nicht lange über kollektives Handeln philosophieren, um zu erkennen, dass in diesem Fall die Antwort wie so oft lautet: „Sowohl, als auch.“ Angesichts seines knappen Vorsprungs hätte Jones wohl verloren, wenn Wählerinnen und Wähler anderer Hautfarbe nicht in so zahlreich für ihn zur Wahl gegangen wären. Und er hätte auch verloren, wenn nicht eine erhebliche Zahl traditioneller Republikaner von Moore abgerückt wäre.

Daher nützt es den Demokraten wenig, wenn sie darüber diskutieren, wo ihr Schwerpunkt liegen sollte: auf der Mobilisierung ihrer Basis oder der möglicher Wechselwähler. Erfolg werden sie nur haben, wenn sie beides tun. Sie müssen stolz und unerschütterlich die Rechte unterprivilegierter Minderheiten verteidigen. Und gleichzeitig müssen sie vermitteln, dass auch in Bundesstaaten mit historisch stark ausgeprägtem Rassismus Amerikanerinnen und Amerikaner jedes Glaubens und jeder Hautfarbe gemeinsam für eine bessere Zukunft kämpfen können.

In seiner Siegesrede erklärte Jones, er habe immer fest daran geglaubt, dass „die Menschen von Alabama mehr gemeinsam haben, als uns trennt“. Nach diesem quälenden und polarisierenden Jahr fällt es leicht, einen solchen Gedanken ins Lächerliche zu ziehen. Doch wenn die Demokraten 2018 den Kongress und 2020 das Weiße Haus zurückerobern wollen, müssen sie eine Zukunftsvision anbieten, die Amerikanerinnen und Amerikaner aller Gesellschaftsschichten davon überzeugen kann, dass dieses Ziel eines Tages Realität wird.

Übersetzung aus dem Englischen Anne Emmert

 

 

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