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Das Gespenst Hybrider Krieg

Russland hat keine Doktrin für eine hybride Kriegsführung.

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Nach der russischen Invasion auf der Krim und der Unterstützung Moskaus für die Aufstandsbewegung in der Ost-Ukraine ist der Begriff „hybride Kriegsführung“ in aller Munde. Sie gilt als neue russische Bedrohung für die europäische Sicherheit. Das Konzept selbst – eine Mischung aus herkömmlichen und unkonventionellen Taktiken zur Erreichung politisch-militärischer Ziele – ist nicht neu. Aber der Begriff war nie zuvor so häufig zu lesen und zu hören, wie in der westlichen Analyse des russischen Vorgehens der letzten beiden Jahre. Im gleichen Zeitraum haben sich auch russische Militärstrategen ausführlich über diese Art der Kriegsführung ausgelassen. Die den beiden Standpunkten zugrundeliegenden Annahmen sind allerdings gleichermaßen verfehlt.

Die russischen Strategen verweisen mit dem Begriff „hybrider Krieg“ auf vermeintliche US-Bemühungen, ihnen nicht wohlgesonnene Regierungen zu schwächen und letztendlich zu stürzen. Russischen Publikationen zufolge waren es die USA, die Ende 2013 erfolgreich einen Hybrid-Krieg in der Ukraine anzettelten, um dort die Regierung durch ein Marionettenregime zu ersetzen. Einer der Autoren definiert das Konzept folgendermaßen:

„Das wichtigste Mittel der hybriden Kriegsführung ist die berühmte ›fünfte Säule‹ – einflussreiche, von einem Gegner gesteuerte Stellvertreter […] Dazu gehört auch die Legitimierung politischer Kräfte, die sich gegen die eigene Staatsführung wenden […] Die rechtmäßigen Aktionen der staatlichen Behörden zur Wiederherstellung der Ordnung werden als Menschenrechtsverletzungen und Unterdrückung der Zivilbevölkerung verdammt. Das heißt, dass in diesem Kampf um die Macht diejenigen legitimiert werden, die unter dem Einfluss der Aggressoren stehen, während die bestehende Herrschaft zum Unrechtssystem erklärt und verteufelt wird.“

Die russischen Strategen kommen zu dem Schluss, dass der Einsatz der hybriden Kriegsführung durch die USA in der Ukraine eine Probe für eine analoge Operation in Russland sei und warnen vor der „zunehmenden Wahrscheinlichkeit von hybriden Operationen auf russischem Boden“.

Die westliche Politik bezeichnet diese Behauptung entweder als absurdes Geschwätz oder als hinterhältige (und heuchlerische) Manipulation. Bei genauerem Hinsehen ist aber auch die westliche Analyse der russischen hybriden Kriegsführung nicht weniger aus der Luft gegriffen. Im März 2015 äußerte NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg:

„Unser umfassender Ansatz enthält auch hybride Elemente. Wir setzen eine Mischung aus militärischen und nichtmilitärischen Mitteln ein, um Länder zu stabilisieren. Andere tun das, um sie zu destabilisieren. […] Deshalb muss die NATO bereit sein, auf diese neue Realität reagieren zu können. Und das bedeutet, dass wir auf eine hybride Kriegsführung vorbereitet sein müssen; wir müssen sie vereiteln und uns gegen sie verteidigen können.“

Die westliche Analyse vermittelt den Eindruck, als führe Russland bereits einen Hybrid-Krieg gegen den Westen.

Die westliche Analyse vermittelt den Eindruck, als führe Russland bereits einen Hybrid-Krieg gegen den Westen. Auch hat das Herausstellen des angeblichen Erfolgs der russischen hybriden Kriegsführung in der Ukraine zu der Annahme geführt, sie sei in Russland zur Doktrin geworden und könne auch gegen NATO-Staaten angewendet werden. Diese Sichtweise verkennt jedoch Schlüsselaspekte der Ukraine-Operation.

Die russischen Aktionen in der Ukraine weisen durchaus wichtige neue Entwicklungen auf. Sie beruhen auf Subversion, Cyberangriffen, Stellvertretern sowie konventionellen militärischen Interventionen und Übungen zur Abschreckung. Schon im Georgienkrieg von 2008 erprobte Moskau einen integrierten Ansatz – mit durchwachsenem Erfolg. Der relative Erfolg in der Ukraine ist auf eine militärische Modernisierung zurückzuführen, die Russland erst nach Georgien auf den Weg brachte.

Aber das bedeutet keineswegs, dass Moskau die hybride Kriegsführung zur Doktrin erklärt hat, die wirksam gegen die NATO eingesetzt werden könnte. Einige Experten meinten, aus einem von Generalstabchef Valerij Gerassimow Anfang 2013 verfassten Artikel eine solche Doktrin herauslesen zu können. Einer der Beobachter leitete daraus sogar eine „Gerassimow-Doktrin“ ab, die angeblich die Grundlage der russischen hybriden Kriegsführung ist. Allerdings beschreibt Gerassimow in seinem Artikel tatsächlich das, was er für die neue US-Kriegsführung hält, und keine neue russische Doktrin.

Nichts weist auf eine Doktrin hin. Zum einen verfolgte Russland in der Ost-Ukraine ein spezifisches und eingegrenztes Ziel: zu verhindern, dass die nach den Ereignissen vom Maidan an die Macht gelangte Regierung ihren Einflussbereich in Teilen der Regionen Donezk und Luhansk etabliert beziehungsweise wiederherstellt. Zum anderen erleichterten die Rahmenbedingungen in der Ostukraine es Moskau, seine Ziele zu verfolgen. Der Donbass teilt mit Russland nicht nur eine gemeinsame Sprache, sondern auch historische und kulturelle Traditionen. Die neue ukrainische Regierung stieß hier von Anfang an auf weitverbreitete Abneigung. Kurz gesagt ist die Ostukraine möglicherweise der einzige Ort außerhalb der russischen Grenzen, an dem Moskau eine Aufstandsbewegung aufrechterhalten kann.

Aber trotz der für Russland günstigen Rahmenbedingungen hätte es ausschließlich mit Hybridtaktiken keinen Erfolg erzielen können. Im August 2014 standen die von Russland unterstützten Separatisten am Rand einer Niederlage. Sie waren dem ukrainischen Militär weit unterlegen. Als sich die Streitkräfte Kiews vom anfänglichen Schock über die Aggression und Invasion erholt hatten, umzingelten sie nach und nach die Hochburgen der Rebellen und konnten strategisch wichtige Städte und Dörfer zurückgewinnen. Trotz der massiven Truppenkontingente gleich hinter der Grenze, der Cyberoperationen, der Unterstützung durch Spezialeinheiten, der ständigen Nachschublieferungen, der konstanten Propaganda, der Überlegenheit im Luftraum und ähnlicher Dinge hätten die Rebellen, und damit auch Russland, den Krieg verloren. In dem Moment griff allerdings das reguläre russische Militär auf ganz altmodische Weise mit nicht-hybrider Kriegsführung ein und zwang die ukrainischen Truppen mit Artillerie-Sperrfeuer zum Rückzug.

Deshalb ist die Operation der Russen in der Ukraine nicht als Schablone für mögliche Konflikte mit der NATO zu sehen. Auch in den wenigen Zusammenhängen, in denen die hybriden Operationen theoretisch wiederholbar wären (angesichts des großen Anteils an russischsprachigen Nicht-Staatsbürgern in ihren Bevölkerungen werden hier Estland und Lettland häufig genannt), wäre es nur eine Frage der Zeit, bevor die russische uniformierte Armee in den Konflikt hineingezogen würde.

Westliche Experten denken häufig, dass Russland versuchen würde, mit hybriden Taktiken innerhalb der NATO Unfrieden zu stiften: Keile zwischen die Verbündeten zu treiben über die Frage, was eigentlich passiert und wie darauf zu reagieren ist, und damit die Allianz politisch zu spalten, ohne auch nur einen Schuss abzufeuern. In diesem Szenario spiegeln sich zwar die wohlbegründeten Zweifel am Zusammenhalt der Allianz wider, aber nicht die Realität der russischen Strategie. Zudem lässt alles, was wir über das russische militärische Denken wissen, darauf schließen, dass ein Hybrid-Krieg mit der NATO aus der Warte Moskaus strategisch keinen Sinn ergeben würde. Denn die größte Bedrohung für das russische Militär ist die mögliche Stationierung von US-Streitkräften und hochwertigen Waffensystemen im Baltikum. Eine hybride Operation von den Russen würde den USA mehr als genug Zeit dafür einräumen. Bis die „kleinen grünen Männchen“ die russischsprachige estnische Grenzstadt Narva eingenommen hätten, könnte die 101. Airborn Division schon längst in Tallinn landen und eine US-Flugzeugträgergruppe sich auf den Weg zum Finnischen Meerbusen machen.

In einem kürzlich erschienen Bericht des NATO Defense College heißt es: „Die verschiedenen diplomatischen, wirtschaftlichen, militärischen und subversiven Maßnahmen, die Russland seit einiger Zeit im Baltikum und zunehmend auch auf dem Balkan sowie am Schwarzen Meer und im Mittelmeerraum einsetzt, könnten als Elemente eines bereits begonnen und auf lange Zeit angelegten Feldzugs interpretiert werden.“ Damit setzt der Autor Dave Johnson gängige Taktiken zur Gewinnung von Einfluss mit Subversion gleich, die eine Bedrohung für die nationale Sicherheit darstellt. Es besteht allerdings ein gewaltiger Unterschied zwischen Bemühungen, eine Bevölkerung gegen seine Regierung aufzubringen, und dem Einsatz normaler Mittel der Staatskunst zur Gewinnung von Einfluss. Ersteres wäre natürlich ein echtes Problem für die NATO, aber zum Glück passiert in keinem Mitgliedstaat heute auch nur annähernd so etwas wie in der Ostukraine. Bei allen anderen unliebsamen Aktivitäten Russlands innerhalb von NATO- und EU-Mitgliedstaaten, wie etwa der Finanzierung politischer Parteien oder der Herausgabe von Medien in der jeweiligen Landessprache, kann keine Rede sein von „hybrid“, ganz zu schweigen von „Krieg“. Schließlich haben westliche Länder viele dieser Dinge auch jahrelang in Russland betrieben. Und niemand erachtete derartige Aktivitäten als „Elemente eines bereits begonnen und auf lange Zeit angelegten Feldzugs“.

 

Der Autor bedankt sich bei John Drennan für die Unterstützung bei den Recherchen.

Dies ist die Übersetzung einer gekürzten Fassung des Artikels: Samuel Charap, The Ghost of Hybrid War, Survival | Jg. 57, Nr. 6 | Dezember 2015/Januar 2016 | S. 51–58, Copyright © The International Institute for Strategic Studies, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Taylor& Francis Ltd.

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