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Die Bad Guys sind offenkundig

Wer das Klima schützen will, sollte bei der Biodiversität anfangen.

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Industrielle Monokulturen sind nicht das geeignete Mittel für den Klimaschutz.

Wir haben es heute mit zwei globalen Krisen zu tun, die unmittelbar miteinander verknüpft sind: der Klimaveränderung und dem Artensterben. Die Wissenschaftler, die die Klimaveränderung erforschen, bezeichnen die Emissionen als anthropogen, also menschgemacht. Doch was können wir dagegen unternehmen? Wie das Problem muss auch die Lösung anthropogen sein.

Die Ausbreitung von Monokulturen und der zunehmende Einsatz chemischer Düngemittel in der Landwirtschaft tragen gemeinsam mit der Zerstörung von Lebensräumen zum Verlust der Biodiversität bei. Gerade die Biodiversität könnte dabei helfen, Treibhausgase zu binden. Drei Jahre nach dem Umweltgipfel von Rio 1992 wurde auf der UN-Konferenz zu Pflanzengenetischen Ressourcen in Leipzig festgestellt, dass die Landwirtschaft infolge der Agrarrevolution und der industriellen Bewirtschaftung weltweit 75 Prozent der Biodiversität eingebüßt hat. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO schätzt, dass die globale Waldzerstörung zu 70 bis 90 Prozent der industriellen Landwirtschaft geschuldet ist, die mit ihren Monokulturen immer weiter in die Wälder vordringt und Handelswaren statt Nahrung produziert. Auch das Verschwinden von Bestäubern und nützlichen Bodenorganismen ist dem Abbau der Biodiversität durch die industrielle Landwirtschaft geschuldet.

In Leben ohne Erdöl, das 2008 kurz vor der Klimakonferenz in Kopenhagen erschien, zeigte ich auf, dass die chemische Landwirtschaft und das globalisierte Nahrungsmittelsystem für 40 Prozent aller Treibhausgasemissionen verantwortlich sind. Chemische Monokulturen sind im Umfeld eines instabilen Klimas zudem anfälliger für Ernteausfälle. Gemeinsam mit unserem globalisierten Nahrungsmittelsystem tragen diese industriellen Monokulturen in entsetzlichem Ausmaß unmittelbar zur Klimaveränderung bei. Ein Bericht auf grain.org kommt zu dem Schluss, »dass das derzeitige globale Nahrungsmittelsystem, unterstützt von einer immer mächtiger werdenden transnationalen Lebensmittelindustrie, für etwa die Hälfte aller vom Menschen erzeugten Treibhausgasemissionen verantwortlich ist: irgendwo zwischen 44 und 57 Prozent«.

Die Gates-Stiftung, die vorgibt, die Welt zu ernähren, ist in Wahrheit für die Hälfte des Klimaproblems verantwortlich.

Auch die sogenannte »Climate Smart Agriculture« (klimafreundliche Landwirtschaft) und »One Agriculture«, nichts als gigantische PR-Seifenblasen, werden die Welt nur aushungern und damit  Flüchtlingskrisen verschlimmern. Kurz vor COP 21, der UN-Klimakonferenz in Paris, versuchen Agrarkonzerne, die Klimagespräche wieder für ihre Interessen zu kapern. Die Gates-Stiftung, die vorgibt, die Welt zu ernähren, ist in Wahrheit für die Hälfte des Klimaproblems verantwortlich. »One Agriculture«, Eine Landwirtschaft für den Profit des Einen Konzerns, wird die Problematik wohl kaum entschärfen. Die Gates-Stiftung fördert den Klimasünder industrielle Landwirtschaft, während die Agrarökologie die Klimaveränderung bereits bremst, indem sie fossilen in »Grünen« Kohlenstoff umwandelt.

In einer Zeit, in der ein Land nach dem anderen den Einsatz gentechnisch veränderter Organismen (GMO) verbietet, tobt in Indien die letzte Schlacht um die Profite mit GMO-Patenten. Bt Technology, der Star der mit vielen Millionen Dollar ausgestatteten Forschung und Entwicklung bei Monsanto (vollständig von indischen Baumwollbauern finanziert), ist, seit die Firma in Indien 1999 illegal ihre Geschäfte aufnahm, in punkto Erträge und Schädlingskontrolle bekanntermaßen auf ganzer Linie gescheitert. Versagt hat nicht nur Bt-Baumwolle, die weder die Einkünfte der Landwirte noch die Erträge zu steigern vermochte. Versagt haben offensichtlich auch die Zusatzchemikalien, die für gentechnisch veränderte Sorten notwendig sind. Oberon von Bayer CropScience, ein Pestizid, das angeblich die Mottenschildlaus bekämpft, hat diesen einzigen Zweck nicht erfüllt und im Baumwollanbau von Punjab in diesem Jahr einen Ernteausfall von 60 Prozent verursacht. Die Chemikalien haben die gentechnisch veränderten Organismen im Stich gelassen. Die GMO selbst haben versagt. Unsere Regierung hat unsere Landwirte im Stich gelassen, indem sie gescheiterte Technologien unterstützt hat, die nur auf einem Gebiet erfolgreich waren: indische Bauern in den Selbstmord zu treiben.

Diesem System können wir in unsicheren Zeiten unsere Nahrungsmittelversorgung wohl kaum anvertrauen. Die Anpassung an die unvorhersehbare Klimaveränderung setzt auf allen Ebenen Diversität voraus. Biodiverse Systeme sind widerstandsfähiger gegen den Klimawandel und produktiver in Hinblick auf Nährwerte pro Hektar. Bei der Ernährung der Welt geht es darum, Nährwerte bereitzustellen, nicht Waren zu ernten, die global gehandelt und verschickt werden und somit zum Treibhausgasausstoß beitragen. Dezentrale diverse Systeme können zudem flexibler auf Unsicherheiten reagieren. Deshalb engagieren wir von der NGO Navdanya uns für kommunale Saatgutbänke und eine stärker auf Biodiversität ausgerichtete Landwirtschaft.

Unsere Regierung hat unsere Landwirte im Stich gelassen, indem sie gescheiterte Technologien unterstützt hat, die nur auf einem Gebiet erfolgreich waren: indische Bauern in den Selbstmord zu treiben.

Innovative interdisziplinäre Forschungen und demokratische Bewegungen haben die Schaffung eines internationalen Umweltrechts ermöglicht. Aus der Rio-Konferenz gingen noch vor der Gründung der Welthandelsorganisation zwei rechtlich bindende Verträge hervor: die Klimarahmenkonvention und die Biodiversitätskonvention. Auch heute sind Forschung und Demokratie die Kräfte, die den Planeten und unser Leben bewahren können. Seit 1992 setzen die großen Umweltverschmutzer – die fossile Kraftstoffbranche und die agrochemische Industrie – alles daran, rechtlich bindende und wissenschaftlich fundierte internationale Umweltverträge zum Klimawandel und zur Biodiversität zu unterlaufen.

Was früher mühevolle politische Arbeit leistete, macht heute die PR. Internationale Gesetze werden mithilfe von Propaganda und Public Relations torpediert. Durch diesen wissenschaftsfeindlichen Angriff auf wissenschaftlich fundierte Verträge mit Mitteln der PR wird echte Wissenschaft untergraben.

Es ist völlig klar, was zu tun ist. Im Fall der Klimaveränderung liegt der Schlüssel in Anpassungsstrategien und der Verminderung von Emissionen. Wir müssen die industrielle chemieintensive Landwirtschaft hinter uns lassen, ebenso wie das zentralisierte globale handelsorientierte Nahrungsmittelsystem, das den Treibhausgasausstoß noch erhöht. Anpassung ist nur möglich, wenn Biodiversität bewahrt wird. An die Stelle artenzerstörender industrieller Monokulturen, teilweise mit gentechnisch verändertem Saatgut, müssen agrarökologische Verfahren treten, die Biodiversität bewahren und Biosicherheit schaffen.

Der Übergang zu einer Biodiversitäts-intensiven, ökologisch intensiven Landwirtschaft wirkt gegen drei Krisen gleichzeitig: die Klimakrise, die Biodiversitätskrise und die Nahrungsmittelkrise. Obwohl die industrielle Landwirtschaft stark zur Klimaveränderung beiträgt und durch sie stärker gefährdet ist, versucht die Biotechnologiebranche die Klimakrise zu nutzen, um gentechnisch veränderte Organismen auf den Markt zu bringen. Sie zementiert ihr Monopol über das globale Saatgutangebot, indem sie mit Mitteln der Biopiraterie Patente für klimaresilientes Saatgut an sich reißt, das Landwirte seit Generationen vermehren. Klimaresiliente Merkmale werden in Zeiten eines instabilen Klimas an Bedeutung gewinnen, und im derzeitigen System können Konzerne, die Rechte an diesen Pflanzen besitzen, Landwirte und Konsumenten damit ausbeuten.

Mechanistisches Denken und der wissenschaftsfeindliche Kampf gegen die Erforschung vernetzter Lebens- und Ökosysteme werden uns nicht aus der Krise führen. »Wir können ein Problem nicht mit derselben Denkweise lösen, durch die es entstanden ist«, sagte Einstein einmal. Zentralisierte kraftstoffintensive Systeme mit Monokulturen, zu denen auch das Wirtschaften mit gentechnisch verändertem Saatgut gehört, sind nicht flexibel genug. Sie können sich nicht anpassen und entwickeln. Wir brauchen aber Flexibilität, Resilienz und Anpassung an eine veränderte Realität. Diese Resilienz ergibt sich aus Diversität. Und diese Diversität in der Wissenschaft, der Ökonomie und der Politik nenne ich Erd-Demokratie.

Wir dürfen nicht zulassen, dass »One Agriculture, One Science« – Eine Landwirtschaft, Eine Wissenschaft, die man, wie wir seit Neustem wissen, mieten kann – die eine Überlebenschance der Menschheit zerstört. Nun, da die COP 21-Verhandlungen näherrücken, müssen wir als Delegierte oder als kritische Bürgerinnen und Bürger nicht nur unsere Sucht nach fossilen Kraftstoffen besiegen, sondern auch unsere Sucht nach Fehlschlägen. Scheitern ist keine Option mehr. Wir dürfen die Erde und einander nicht im Stich lassen.

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3 Leserbriefe

jordan schrieb am 10.11.2015
TTIP ist der Schlüssel für die Vertiefung der industriellen landwirtschaft und den Generalangriff der US-Agrarwirtschaft auf die europäische Landwirtschaft. Mit Hilfe der Schiedsverfahren können dann bei uns entgegenstehende Gesundheitsvorschriften ausgehebelt werden bzw. Milliardenklagen vor Schiedsgerichten durchgesetzt werden. Wie Wirtschaftsminister Gabriel in Davos doch über die Deutschen so süffisant sagte: sie sind ein bischen hysterisch. Die Frage ist, was er ist und wie lange noch.
Jochen Vagt schrieb am 10.11.2015
Moers, den 10.11.2015
Sehr geehrte Frau Dr. Vandana Shiva,
sehr interessant, was Sie schreiben. Was ich nicht verstehe wie die Warmzeiten im Karbon, in Jura und Kreide und ich glaube im Tertiär war noch eine, entstanden sind, ohne Diesel oder Monokulturen. Übersehen Sie da nicht etwas? Ich glaube sie haben auch die dummen grünen Sesselpupser in aller Weltvergessen!! Methan schadet dem Klima auch!!
Herzliche Grüße
gez. Jochen Vagt 431877
Ernest schrieb am 12.11.2015
Etwas spät soll noch ein kleiner Comment folgen mit Drängen nach genau solchen Analysen wie die Vandana Shivas. Es gibt ja noch Verführte, die Energiekonzern-gesteuerte Thesen von alten Erdzeitaltern vorbringen – Unabhängige Wissenschaft erklärt, dass eine Industriewelt, die in ihren gut hundert Jahren zunehmender Emissionen Milliarden Tonnen in diese kleine Biosphäre knallt, in genau dieser extrem beschleunigten Weise zum Klimakill führt (und Klimakill ist beschönigendes Wort für in letzter Konsequenz Menschenkill). Super, wie Shiva auch weitere Katastrophen-Faktoren verdeutlicht – darunter auch zerstörerische monokulturelle Agrarindustrie. Nicht zuletzt sind es die Regional- und Kleinstrukturen, die Menschen-, Tier-, Umweltschonung, Diversität und zugleich Arbeitsplätze generieren. Zweifler sollen Shivas Beitrag nochmal mit klarem Verstand lesen.