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Der Feind meines Freundes meines Feindes

Wer nur den offiziellen Verlautbarungen der syrisch-irakischen Kriegsparteien folgt, versteht nicht, was sich am Boden abspielt.

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„In konventionellen Freund-Feind-Kategorien ist dieses schillernde Verhältnis nicht zu verstehen.“

Zu den Schwächen des Westens gegenüber dem Terror der Dschihadisten zählen verschiedene Faktoren. Seiner grundsätzlichen Verwundbarkeit gegenüber Anschlägen ist dabei am schwersten beizukommen. Keine Gesellschaft kann sich gänzlich schützen vor ein paar Entschlossenen, die Ort und Zeit ihres Mordens wählen.

Etwas anders sieht es aus mit der Naivität westlicher Terrorbeobachter, die den „Islamischen Staat“ (IS) vor allem aus dessen eigener Propaganda erklären wollten und lange dachten, es beim IS mit einer Wiederauflage von al-Qaida zu tun zu haben. Was dazu beigetragen hat, ihn lange Zeit sträflich zu unterschätzen. Anders als bei Osama Bin Laden waren Terroranschläge für den IS nie Daseinszweck, sondern ein kalkuliert spät eingesetztes Mittel.

Die frappierendste Schwäche des Westens gegenüber dem IS aber ist: seine Vergesslichkeit. Denn die Anfänge dieser ab 2013 wie aus dem Nichts wiederauferstandenen Formation sind ab 2005 über Jahre hinweg minutiös ermittelt worden. Nur werden die Erkenntnisse von damals heute weitgehend ignoriert – grotesker Weise auch von jenen, die sie seinerzeit recherchierten.

Nachdem der damalige US-Statthalter Paul Bremer in Bagdad Ende Mai 2003 per Federstrich Armee und Geheimdienste des Iraks aufgelöst und weite Teile der höheren Beamtenschaft in die Wüste geschickt hatte, entspann sich in den folgenden Jahren eine gespenstische Kooperation: Vor allem ausländische Extremisten, angeführt vom Jordanier Abu Musab al-Zarqawi, griffen US-Truppen ebenso an wie schiitische Zivilisten und Geistliche. Dabei wurden sie erst unterstützt, später angeführt von einstigen Offizieren aus Saddam Husseins Apparat, die anfänglich von „echten“ Dschihadisten misstrauisch beäugt wurden, deren praktische Kenntnisse aber überaus hilfreich waren. Zusammengeführt und technisch, finanziell sowie militärisch unterstützt wurden sie von den Geheimdiensten der in Syrien herrschenden Assad-Dynastie.

Es war eine Allianz der Ungleichen mit großen gemeinsamen Interessen: Damaskus fürchtete sich anfänglich zu Recht davor, als nächstes den Umsturzgelüsten der Regierung von George W. Bush zum Opfer zu fallen und wollte den Amerikanern jeden Anreiz nehmen, noch ein weiteres Land einzunehmen. Die vielen nach Syrien geflohenen Ex-Offiziere und Parteikader wollten sich rächen und suchten nach einem Vehikel, wieder an die Macht zu kommen. Und die Radikalen waren dankbar für jede Unterstützung und ließen sich benutzen.

Wer glaubt, Assad sei das Bollwerk gegen den IS, stolpert in die Falle. Solange ihm der Terror nützlich ist, wird Assad ihn nicht bekämpfen, im Gegenteil. Er braucht den IS, um sich der Welt als geringeres Übel zu verkaufen.

Bereits ab 2004 wurde Syrien das Einfallstor für Extremisten aus Saudi-Arabien, Libyen, Tschetschenien, Ägypten und Algerien, die ungehindert über den Flughafen Damaskus einreisten, in Syrien ausgebildet, zur Grenze gebracht und von dort in den Irak geschmuggelt wurden. In der Hochphase ab 2006 kamen nach Schätzungen des US-Militärs monatlich 80 bis 150 ausländische Radikale über diese Route in den Irak. Kistenweise beschlagnahmten amerikanische Soldaten im Grenzgebiet Dokumente, Navigationsgeräte, Fotos, die nach Syrien zurückwiesen, tötete ein Einsatzkommando 2008 auf syrischer Seite der Grenze den Koordinator des Schmuggels. Reihenweise ließen sich frustrierte US-Generäle über die syrische Hilfe für „al-Qaida im Irak“ aus, die sich 2005 in „Islamischer Staat im Irak“ umbenannt hatte. Dies blieb jedoch ohne Konsequenzen, denn die Regierenden in Damaskus dementierten noch die offensichtlichsten Beweise, und der US-Regierung war tatsächlich der Appetit auf einen weiteren „regime change“ vergangen.

Die führenden Akteure des 2009 langsam abebbenden Dschihadistentransfers waren noch in ihren Positionen, als mit dem Arabischen Frühling 2011 auf einmal eine umgekehrte Lage entstand: Nun wurden Dschihadisten in Syrien benötigt. Die Generäle in Damaskus ließen die aufkeimende friedliche Protestbewegung von Anfang an über den Haufen schießen und diffamierte sie als ausländisch gesteuerte und finanzierte Extremisten. Noch im selben Jahr wurden – selbst gegen den Widerstand von Teilen des syrischen Geheimdienstapparats – knapp tausend Extremisten aus den Gefängnissen entlassen. Ab Ende 2012 tauchten dieselben führenden Kader aus Saddams Ära als Vorauskommando des IS in Syrien auf, die schon in den Jahren zuvor den diskreten Terrorexport gen Irak organisiert hatten.

 

Brillanter Masterplan des IS

Die Machtübernahme des IS in Nord- und Ostsyrien folgte einem brillanten Masterplan: einer Phase der verdeckten Infiltration und Ausbreitung, der Bildung einer Hybrid-Armee aus den ab Sommer 2012 nach Syrien einströmenden Radikalen aus aller Welt, der Gründung konkurrierender Geheimdienstzellen noch auf Ortsebene und einer rigoros zentralistischen Führung. Dass diese Pläne, handschriftlich entworfen von einem ehemaligen Oberst des irakischen Militärgeheimdienstes, bekannt wurden, ist der späten, jähen Erkenntnis syrischer Rebellen zu verdanken, die ab Januar 2014 in zuvor ungesehener Einigkeit gegen den IS vorgingen.

Im sprachlichen Duktus und mit der Umsicht versierter Geheimdienstroutiniers hatte der unter seinem „nom de guerre“ Hadschi Bakr bekannt gewordene Ex-Oberst Schritt für Schritt an einer schleichenden Machtübernahme festgehalten – gepaart mit geradezu Leninscher Kreativität, wie eine kleine, aber kluge, finanziell üppig ausgestattete Kerngruppe dies umsetzen könne.

Wie der IS seine in Syrien trotz Rückschlägen gefestigte Basis im Sommer 2014 nutzte, blitzkriegartig Mossul, Tikrit und weite Teile des Westiraks unter Kontrolle zu bringen, um mit den dort erbeuteten Waffendepots mehrerer irakischer Divisionen sich wiederum in Syrien weiter auszubreiten, ist bekannt. Weniger bekannt ist die phasenweise bis zur Kooperation reichende Duldung der erklärten Todfeinde von IS und dem Regime Baschar al-Assads. Wer nur den verlautbarten Verwünschungen beider Seiten folgt, versteht nicht, was sich immer wieder am Boden abspielt: Wenn syrische Rebellen und IS ab Januar 2014 gegeneinander kämpften, kam regelmäßig die Luftwaffe zur Hilfe, bombardierte stets die Rebellen und verschonte den IS. Dieses Muster setzt sich bis heute fort, nun ergänzt um die russische Luftwaffe. Die hat fortwährend seit Oktober 2015 die von örtlichen Rebellen gehaltenen Kleinstädte Maraa, Tall Rifaat, Tell Jebbin entlang der Frontlinie zum IS nördlich von Aleppo bombardiert, was nicht nur zur Folge hatte, dem IS seinen Vormarsch dort zu erleichtern. Es hielt auch die Jets der US-geführten Koalition davon ab, den IS dort zu treffen, weil die Amerikaner sich aus Furcht vor Kollisionen mit den Russen aus diesem Luftraum fernhalten.

In konventionellen Freund-Feind-Kategorien ist dieses schillernde Verhältnis nicht zu verstehen, in dem sich Gefechte und Massaker des IS an Assads Soldaten abwechseln mit örtlich wie zeitlich eng verzahntem gemeinsamen Kampf gegen die Rebellen. Zuletzt geschah Derartiges am 3. Dezember 2015 in der Kleinstadt Tell Jebbin nördlich von Aleppo, wo nachts erst der IS von Osten, dann die Regime-Truppen von Westen angriffen und den Ort einnahmen. Es ist das Verhältnis zweier Feinde, die vorläufig einander nützlich sind: militärisch und als perfektes PR-Argument wahlweise für die eigene Klientel (IS) oder für den Rest der Welt (Assad). Sobald diese Nützlichkeit erlischt, werden sie übereinander herfallen.

Wem dies allzu ungeheuerlich erscheint, kann in Deutschlands Geschichte knapp 100 Jahre zurückblättern: Lenins Verbringung in einem geheimgehaltenen Zugtransport von der Schweiz ins heutige St. Petersburg durch die Generalität des Kaiserreichs folgte dem gleichen Kalkül.

Wer aber, um auf die fatale Schwäche der Vergesslichkeit zurückzukommen, den Beschwörungen aus Damaskus und Moskau glaubt, Assads Herrschaft sei das Bollwerk gegen den IS, stolpert in die Falle. Solange ihm der Terror nützlich ist, wird Assad ihn nicht bekämpfen, im Gegenteil. Er braucht den IS noch, um sich der Welt als geringeres Übel zu verkaufen.

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10 Leserbriefe

Heinz Schneider schrieb am 09.02.2016
Mein Problem ist, dass ich auch nach den Verlautbarungen der westlichen Kriegsparteien nicht verstehe, was sich am Boden abspielt. Dieser Beitrag hat meinen Kenntnisstand nicht verbessert. So recht nachvollziehbar ist nämlich nicht, warum die USA, die Türkei und Saudi-Arabien der syrischen Regierung zugearbeitet haben, indem sie den IS unterstützen. Die USA und ihre Verbündeten haben vor dem Eingreifen Russlands über 7000 Luftangriffe geflogen. Gegen den IS doch? Was hat man damit erreicht? Gott sei Dank offenbar nur Nützliches, jedenfalls keine Zivilisten getötet oder vertrieben, wie jetzt die Russen? Oder stimmt was nicht mit den Verlautbarungen dieser Kriegspartei? Wer schützt jetzt aber wen in Syrien vor dem IS? So viele Fragen. Da erste Opfer des Krieges ist immer die Wahrheit.
Steven schrieb am 09.02.2016
Kluger Beitrag von Christoph Reuter, einem der wenigen Nahostexperten, der wirklich etwas von seinem Metier versteht. Vielen Dank!
Konstantin Flemig schrieb am 09.02.2016
Heinz Schneider:

Die US-amerikanischen Bombardements haben vor allem den syrischen (und irakischen) Kurden geholfen, weniger dem Assad-Regime (welches ja momentan weniger vom IS als von den syrischen Rebellen zu befürchten hat). Die direkten Folgen waren, dass die YPJ und ihre arabischen, christlichen und turkmenischen Verbündeten nahezu ganz Rojava vom IS befreien konnten und jetzt ein paar Dutzend Kilometer vor Rakka stehen. Wenn man auf einer Karte sieht, dass der IS Anfang 2015 noch in der Stadt Kobane stand ist das für die Kurden ein phänomenaler Erfolg.

Und es gab und gibt zwar durch die Luftschläge gegen den IS zivile Tote - allerdings nicht vergleichbar mit jenen, die durch russische Flächenbombardements auf Aleppo getötet wurden.
Eberhard Denker schrieb am 09.02.2016
Homo homini lupus! Diese alte Erkenntnis zeigt sich immer wieder - besonders jetzt in Syrien und den umliegenden Regionen. gegenseitiger Handel und gegenseitiges Bekämpfen bis auf`s Messer scheinen hier zusammenzugehören. Eine Lösung ist nicht in Sicht, wenn nicht die UNO als Regierung auf Zeit hier Frieden und Möglichkeiten zur Entwicklung von Auskommen und Wohlstand schafft. Aber daran glaube ich nicht.
Maren Müller schrieb am 09.02.2016
"Wer glaubt, Assad sei das Bollwerk gegen den IS, stolpert in die Falle. Solange ihm der Terror nützlich ist, wird Assad ihn nicht bekämpfen, im Gegenteil. Er braucht den IS, um sich der Welt als geringeres Übel zu verkaufen."
Mit Verlaub, das ist Propaganda. Assad hat auch heute in der syrischen Bevölkerung den meisten Rückhalt, vor sogenannten "gemäßigten Rebellen" und ferngesteuerten Regime-Changern. Experten wie Michael Lüders oder auch Umfragen unabhängiger Institute bestätigen das. https://www.washingtonpost.com/news/worldviews/wp/2015/09/15/one-in-five-syrians-say-islamic-state-is-a-good-thing-poll-says/?postshare=9381442346331254
Kein Land der Welt hat das Recht, von außen die Opposition eines souveränen Staates zu stützen und zu befeuern und Krieg und Verderben zu verursachen.
Heinz Schneider schrieb am 09.02.2016
Es gibt Lichtblicke im Nachrichtendschungel. Heute schreibt der syrisch- kurdische Historiker Kamal Sido in meiner Regionalzeitung, der HNA: man muss wissen, wer in Syrien gegen wen kämpft. Die syrische Regierung kämpft mit Unterstützung des Iran, der Hisbollah und der russischen Luftwaffe gegen den Islamischen Staat und andere Islamisten. Und dazwischen gibt es noch die Kurden, die gegen Beide kämpfen. Durch die Offensive der syrischen Armee wurden schiitische Orte wie Nabul und Zahra bei Aleppo befreit, die von den Islamisten lange eingekesselt waren. Das ist gut, etwa für Schiiten und Christen in Aleppo, sie können besser versorgt werden. Aber die Sunniten fliehen vor den Truppen.
Derartige sachliche Information wünsche ich mir häufiger im Meer der Hysterie.
Michael Pechel schrieb am 09.02.2016
Jetzt rächt sich, dass nicht zur rechten Zeit von den USA und ihren Verbündeten eine Flugverbotszone eingerichtet wurde, um Assads Fluzeuge am Boden zu halten. Mit ihr wäre ein Schutz der Zivilbevölkerung vor Luftterror gelungen - und das syrische Regime hätte sich vermutlich aufgelöst, bevor es mit Hilfe russischer Bomben gerettet werden konnte.
Mark Merz schrieb am 09.02.2016
Es ist schwierig, scheint es, im Syrirak die wechselnden Interessenlagen und Allianzen zu sortieren. Könnte es eventuell sein, daß für einige Kriegsparteien (und hier bombardiert ja mittlerweile jeder, wen er gerade Lust hat) der jetzige Zustand das Ziel ist ? Muss man Kriege klassisch gewinnen, um seine politischen Ziele zu erreichen ?

Divide et impera!
Hans B. schrieb am 09.02.2016
Nur mal zu Saudi-Arabien: man lese in einem arabischen Buch, gedruckt 1982 im Libanon. Da steht (nur 34 Jahr eher): "Saudi-Arabien wird so viele Kriege im Nahen Osten entfesseln, daß Europa von Flüchtlingen überrollt wird". Saudi-Arabien hat noch ganz andere Gelüste als Syrien. Und daß die syrischen Rebellen ihr Hauptquartier in Riad haben, scheint unserem lieben Kommentator auch entgangen zu sein. Es geht den Saudis hier vor allem gegen alle Shiiten. Hiuer geht es um die Herrschaft über den gesamten Islam, nicht um kleine Regionalkonflikte.
LmeX schrieb am 13.02.2016
Herr Reuter behauptet hier zum Teil recht aberwitzige Dinge.
Syrien hätte zur Entstehung des IS aktiv beigetragen - Assad als manipulativer Diktator der mit seinen Geheimdiensten überall die Finger drin hat und sogar die USA ins Stolpern bringt.
Das ist purer Fantasy und hat extrem wenig mit der Realität zu tun - höflich formuliert....