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Für alle, denen die Hamas nicht radikal genug ist

Der Leiter des palästinensischen Forschungsinstituts Pal-Think über den IS in Gaza.

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Hamas-Führer Ismail Haniyeh: nicht radikal genug?

Was weiß man über den IS im Gazastreifen?

Der IS ist in Gaza nicht nachweisbar präsent. Doch es gibt radikale islamistische Gruppen, die sich auf den IS beziehen. Diese Gruppen haben kleinere Anschläge auf ein französisches Kulturzentrum und andere Institutionen als IS-Attentate ausgegeben. Meines Wissens werden diese Gruppen in Gaza vom IS in Rakka aber nicht offiziell anerkannt. Es ist wohl eher so, dass der IS eine Mode ist, ein attraktives Logo oder eine Ideologie für alle, denen die Hamas nicht radikal genug ist.

Was stört sie an der Hamas?

Diese Gruppen wie zum Beispiel Jaljalat, kritisieren die Hamas, weil sie einen Waffenstillstand mit Israel anstrebt. Allerdings hat für sie der Kampf gegen Israel nicht oberste Priorität. Sie behaupten vor allem, dass die Hamas nicht islamisch genug ist und mit der Palästinenserfrage ein nationales Ziel im Auge hat statt ein allumfassenderes islamisches.

Wie geht die Hamas mit diesen Gruppen um?

Die Hamas beschreitet zwei Wege. Zum einen bekämpft sie diese Gruppen und verhaftet ihre Mitglieder. Zum anderen beauftragt sie Islamgelehrte, ihnen die ihrer Meinung nach richtige Interpretation des Islam nahezubringen. Mit dieser Taktik konnte die Hamas diese Gruppen recht erfolgreich in Schach halten.

Allgemein habe ich nicht das Gefühl, dass der IS in Gaza eine Zukunft hat.

Sind Menschen aus Gaza nach Syrien oder in den Irak gegangen, um dort zu kämpfen?

Es gibt Berichte über einige Personen aus Gaza, die im Kampf für den IS in Syrien und im Irak getötet wurden. Aber es ist schwer zu sagen, wie viele in den Kampf gezogen sind. Die Kämpfer sind illegal durch die Tunnel nach Sinai in Ägypten und von dort aus nach Syrien gegangen. Ich nehme an, die Hamas-Regierung hat nicht viel unternommen, um diese Leute in Gaza zu halten.

Was hat sich verändert, seit der IS in Gaza in Erscheinung getreten ist?

Es herrscht eine allgemeine Atmosphäre der Angst und eine mangelnde Toleranz gegenüber nicht-islamischen Lebensweisen. Aber das ist ein genereller Trend in Gaza, der nicht unbedingt mit dem IS in Verbindung steht. Westlich orientierte Menschen und Institutionen sowie Minderheiten wie Christen haben sicherlich mehr zu befürchten als andere. Aber allgemein habe ich nicht das Gefühl, dass der IS in Gaza eine Zukunft hat. Es fehlt ihm schlicht an Legitimität. Wenn der Kampf gegen Israel nicht an erster Stelle steht, was haben sie dann vor? Zivilisten in Gaza umbringen – wie würde das ankommen?

Was würde also geschehen, wenn sich die Situation mit Israel verbesserte? Wie würden die dem IS nahestehenden radikalen Gruppen reagieren?

Ich glaube, im Kern geht es bei dem IS-Phänomen in Gaza nicht so sehr um Ideologie, sondern um Frustration, den Mangel an Arbeitsplätzen und an Perspektiven. Wenn sich also die Situation mit Israel verbesserte, was für mich in erster Linie bedeuten würde, dass sich die wirtschaftliche Lage und die Bewegungsfreiheit verbessert, glaube ich, würde nicht nur die Begeisterung für den IS nachlassen, sondern die Gesellschaft wäre insgesamt entspannter und weniger radikalisiert.

 

Die Fragen stellte Hannes Alpen.

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