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IS vs. al-Qaida

Beim Endspurt um die Vorherrschaft im Dschihadismus droht eine Gewaltspirale.

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IS und al-Qaida ringen um die Terror-Vorherrschaft.

Während des gesamten Jahres 2015 erlebten der Nahe Osten, Afrika und Europa eine beispiellose Welle terroristischer Gewalt. Der Angriff auf europäische Urlauber im tunesischen Sousse im Juni, der Absturz eines russischen Passagierflugzeugs auf der Sinai-Halbinsel Ende Oktober und die Attentate von Paris im November: Für die meisten und schwersten Anschläge waren der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) und verbündete Gruppierungen wie Boko Haram verantwortlich. Aber auch al-Qaida bemühte sich nach Kräften, trotz der Stärke der Konkurrenten Handlungsfähigkeit zu beweisen. Dies gelang ihr zunächst mit dem Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo in Paris im Januar und später mit etwas weniger spektakulären Attentaten auf Hotels im malischen Bamako und in Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou. Mit der jemenitischen al-Qaida und den somalischen al-Shabaab bekennen sich aber noch weitere Gruppierungen zu der ehemals führenden Terrororganisation, so dass es unwahrscheinlich ist, dass der IS al-Qaida vollständig ablösen kann. Wahrscheinlicher ist, dass die Konkurrenz der Terrornetzwerke in einen Wettlauf um besonders aufsehenerregende Anschläge münden könnte, der die Bedrohung weiter verschärfen wird. Wer die von beiden Gruppen ausgehenden Gefahren einschätzen will, sollte einen Blick auf die Geschichte der Auseinandersetzung werfen.

 

Bin Laden und die Anfänge des IS

Der Konflikt zwischen dem IS und al-Qaida hat seinen Ursprung im Irak nach der amerikanischen Invasion von 2003. Im Oktober 2004 schwor der Anführer einer irakischen Terroristentruppe, der Jordanier Abu Musab az-Zarqawi, der al-Qaida Treue und Gehorsam. Ossama Bin Laden akzeptierte den Gefolgschaftseid und erlaubte Zarqawi, seine Organisation fortan „al-Qaida in Mesopotamien“ zu nennen.

Der Anschluss der Iraker an al-Qaida kam unerwartet, denn unter Spezialisten war bekannt, dass Zarqawi keine großen Sympathien für Bin Laden empfand und schon zu gemeinsamen Tagen in Afghanistan vor 2001 lieber seine eigene, unabhängige Gruppierung aufbaute, die sich vor allem aus Jordaniern, Palästinensern und Syrern zusammensetzte. Dass er sich später trotzdem der al-Qaida annäherte, hatte ganz profane Gründe: al-Qaida hatte privilegierten Zugang zu den reichen Financiers der Dschihadisten in den Golfstaaten und konnte dort auch bei der Rekrutierung von Kämpfern helfen.

Die Konkurrenz zwischen IS und al-Qaida droht in einen regelrechten Wettlauf um die größten und aufsehenerregendsten Attentate umzuschlagen, mit potenziell verheerenden Folgen nicht nur für den Jemen, sondern den gesamten Nahen Osten, für Afrika und Europa.

Bin Ladens al-Qaida hingegen stand damals in ihren pakistanischen Zufluchtsorten unter großem Druck, hatte viele wichtige Mitglieder verloren und konnte nur noch selten große Anschläge verüben. Der Anschluss der irakischen Truppe, die sich anschickte, im Irak einen blutigen Bürgerkrieg zu entfesseln, gab dem Saudi die Möglichkeit, der Welt zu suggerieren, dass es sich bei al-Qaida um ein weltumspannendes Netzwerk handele, das auch auf dem wichtigsten Schauplatz des Krieges zwischen dem Westen und dem Islam präsent war.

 

Strategische Differenzen

Es sollte sich jedoch schon bald zeigen, dass die irakische al-Qaida mitnichten ein Befehlsempfänger Bin Ladens war. Denn schon 2005 wurde klar, dass Zarqawi und seine irakische al-Qaida für eine sehr viel kompromisslosere, gewalttätigere dschihadistische Denkschule standen als die „Mutterorganisation“ in Pakistan.

Der erste Konflikt trat auf, weil der Jordanier auf massive antischiitische Gewalt setzte. Durch Anschläge auf schiitische Politiker, religiöse Würdenträger und Zivilisten versuchte er, einen Bürgerkrieg zwischen den Konfessionen zu entfachen. In dem so entstehenden Chaos hoffte Zarqawi, die Führung der irakischen Sunniten zu übernehmen, den Krieg gegen die Schiiten zu gewinnen und einen islamischen Staat aufzubauen. Die al-Qaida-Führung in Pakistan fürchtete hingegen, dass die in ihrem Namen verübten Gewalttaten ihr die Unterstützung vieler Muslime rauben würde und mahnte zur Zurückhaltung. Bin Laden und sein Vize Aiman az-Zawahiri fürchteten auch, die irakischen Dschihadisten könnten sich im Kampf gegen die US-Truppen und die schiitische Regierung übernehmen. Sie schlugen stattdessen vor, dass Zarqawi sich auf den Kampf gegen die Amerikaner beschränke. Doch der Jordanier weigerte sich, den Vorschlägen zu folgen, und seine Nachfolger setzten seine Strategie nach seinem Tod im Juni 2006 fort. Brutale Gewalttaten gegen Schiiten wurden so zum Markenzeichen der irakischen al-Qaida und ihrer Nachfolgeorganisationen ISI, ISIS und IS.

Der von Zarqawi angestrebte Bürgerkrieg war zu diesem Zeitpunkt ausgebrochen und die irakische al-Qaida geriet schnell in die Defensive. Trotzdem riefen die Nachfolger Zarqawis im Oktober 2006 den „Islamischen Staat im Irak“ (ISI) aus und verlangten fortan, dass die anderen Aufständischen sich unterwarfen. Als die sich weigerten, kam es immer häufiger zu bewaffneten Auseinandersetzungen, die 2007/2008 zum Zusammenbruch des Aufstands führten. Diese Ereignisse überzeugten Bin Laden und Zawahiri, dass die Dschihadisten nur eine Chance hatten ihre Ziele zu erreichen, wenn sie Bündnisse mit größeren Aufstandsbewegungen eingingen. Der kompromisslose Anspruch des ISI, alle sunnitischen Muslime im Irak (und theoretisch auch darüber hinaus) allein zu vertreten, schien den al-Qaida-Anführern wirklichkeitsfremd und gefährlich.

 

Der Konflikt bricht aus

Obwohl die Positionen offenkundig unvereinbar waren, führte der Konflikt zwischen der al-Qaida- und der ISI-Denkschule erst 2013 zu einem Konflikt. Dies lag daran, dass die Iraker ab 2008 geschlagen schienen und ihr Kontakt zur al-Qaida-Spitze abbrach. Eine Änderung trat erst ein, als der ISI ab 2010 ein erstaunliches Comeback feiern konnte. Die Gelegenheit dazu boten der amerikanische Truppenabzug aus dem Irak und der Beginn des Bürgerkriegs in Syrien 2011.

Im Irak erstarkte der ISI mit erstaunlicher Schnelligkeit und entsandte parallel Kämpfer nach Syrien, die dort eine ISI-Unterorganisation aufbauen sollten. Dies gelang, und die im Januar 2012 gegründete al-Nusra-Front wurde schnell zu einer der stärksten Organisationen des Aufstands gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad. Doch der ISI-Ableger versuchte rasch, sich der Kontrolle durch die irakische Mutterorganisation zu entziehen, indem er jene Strategie verfolgte, die in den Jahren zuvor von al-Qaida ausgearbeitet worden war. Die al-Nusra-Front beanspruchte nicht die alleinige Führung, sondern schmiedete Bündnisse mit anderen aufständischen Gruppierungen, auch wenn diese ideologisch nicht auf einer Linie mit ihr waren. Dies führte zu immer häufigeren Konflikten mit dem ISI-Anführer (seit 2010) Abu Bakr al-Baghdadi und im Frühjahr 2013 zum Bruch. Im April verkündete Baghdadi die Auflösung der al-Nusra-Front und Gründung des Islamischen Staates im Irak und Syrien (ISIS). Der Emir der al-Nusra-Front, Abu Muhammad al-Jaulani, wandte sich daraufhin hilfesuchend an den al-Qaida-Anführer Zawahiri, der im Juni 2013 dekretierte, dass der ISI sich auf den Irak und die al-Nusra-Front auf Syrien beschränken und beide sich seinem Oberbefehl unterstellen sollten. Nun wiederum weigerte sich Baghdadi, dem Dekret Zawahiris Folge zu leisten und machte so einmal mehr deutlich, dass er den ISI als eine unabhängige Organisation ansah. Schon im Januar 2014 brachen offene Kämpfe zwischen ISIS und al-Nusra aus, worauf Zawahiri die Iraker aus dem al-Qaida-Netzwerk ausschloss.

 

IS International

Sah es zunächst so aus, als gerate ISIS in die Defensive, zeigte sich seine wahre Stärke spätestens im Frühsommer 2014. Es war der Organisation nicht nur gelungen, ihre Kontrolle über weite Teile Nord- und Ostsyriens auszubauen. Im Juni 2014 nahm sie die irakische Millionenstadt Mossul im Handstreich und eroberte weite Teil des Nordwestens. Als sich Abu Bakr al-Baghdadi zum Kalifen ernannte, schien das Ziel eines islamischen Staates erreicht. Doch begnügte sich die jetzt nur noch IS genannte Organisation nicht mit diesem Erfolg, sondern versuchte, al-Qaida weltweit als Avantgarde des internationalen Terrorismus abzulösen.

Ab November 2014 schlossen sich zahlreiche Gruppierungen dem IS an und bezeichneten sich fortan als „Provinzen“ des „Islamischen Staates“. Besonders wichtig waren die IS-Ableger in Libyen, Ägypten und Jemen, die 2015 rasch erstarkten. Eher überraschend war der Anschluss von Boko Haram, die zwar ebenso ungehemmt gewalttätig ist wie der IS, doch so stark, dass nicht unmittelbar ersichtlich war, wieso sie sich dem fernen Kalifen von Mossul unterordnen sollte. 2015 war auch das Jahr, in dem der IS mit den Anschlägen von Paris im November erstmals Attentate in der westlichen Welt verübte und auch die Türkei angriff. Al-Qaida geriet dabei immer mehr in die Defensive, profitierte aber davon, dass sie selbst ein Netzwerk von verbündeten Organisationen aufgebaut hatte, das trotz des Abfalls des ISI immer noch handlungsfähig war. Dazu gehörten die algerische al-Qaida im Islamischen Maghreb ebenso wie die somalischen al-Shabaab und die jemenitische al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel.

Der IS profitiert davon, dass viele junge Islamisten seine Ideologie attraktiver finden als die der al-Qaida.

Die neue Stärke des IS wirkte sich auch auf die terroristischen Aktivitäten der Dschihadisten aus, denn die Unterschiede zwischen dem IS und al-Qaida entsprechen immer noch denen, die bereits zwischen Zarqawi und Bin Laden auftraten. Die IS-Gruppierungen verüben überall dort, wo Schiiten leben, brutale Attentate auf die religiöse Minderheit, so geschehen im Jemen, in Saudi-Arabien, im Irak, Kuwait und Syrien. Außerdem formulieren sie einen Alleinvertretungsanspruch, demzufolge derjenige Muslim, der sich dem „Islamischen Staat“ nicht anschließt, ein Ungläubiger und damit des Todes ist. Der islamistische Terrorismus der letzten Jahre ist deshalb noch brutaler und kompromissloser geworden als früher.

Der IS profitiert davon, dass viele junge Islamisten seine Ideologie attraktiver finden als die der al-Qaida. Gegen den IS spricht hingegen, dass sich die Organisation durch den Kampf gegen eine Welt von Feinden übernehmen dürfte. Es spricht vieles dafür, dass sich der Kampf zwischen al-Qaida und IS im Jemen entscheiden könnte. Denn al-Qaida war immer eine Organisation der Jemeniten und Saudis, und ihre jemenitische Gruppe ist heute ihre mit Abstand stärkste verbliebene Filiale. Seit 2014 nun kämpft auch der IS im Jemen, und sollte es ihm gelingen, die dortige al-Qaida zu schlagen oder zu übernehmen, hätte sich Abu Musab az-Zarqawi endgültig durchgesetzt. Solange dies aber nicht geschieht, droht die Konkurrenz zwischen IS und al-Qaida in einen regelrechten Wettlauf um die größten und aufsehenerregendsten Attentate umzuschlagen, mit potenziell verheerenden Folgen nicht nur für den Jemen, sondern den gesamten Nahen Osten, für Afrika und Europa.

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5 Leserbriefe

acherje.net schrieb am 02.02.2016
Im Detail ist dieser Artikel gut verfasst.Aber eines ist zu bemerken!Die vorrangigen Gruppierungen des IS wurden von der USA aufgebaut und finanziert,die für sie denn nahen Osten endstabilieieren und dienen der Vorbereitung bis zum eigentlichen Konflikt. Die Einkesselung der Russen,um sich die Herrschaft der Ressourcen Oel zu sichern.
hanspeter Waldmann schrieb am 02.02.2016
Die letzte Schlacht,im nahen Osten dient als Ablenkung für die Vorbereitungen des effektiven Angriffgegen Russland an der Grenze der Ukraine,um Russland in einen Zweifronten Krieg zu zwingen.Da Russland neu einen Stützpunkt in Syrien eingerichtet hat,der von mehreren Stützpunkten der Amerikaner umzingelt ist,ist Russland bereits in die erste Falle geraten.Nach der ersten Flüchtlingswelle aus dem Nahen Osten,folgt die zweite Türkei,Armenien und Georgien.Was nicht auszuschliessen ist! Amerika und Russland haben ihren Angriffspaktvertrag bis heute nicht aufgekündigt.Somit erscheint der Nahe Osten als neben Kriegsschauplatz.Es ist nicht von der Hand zu weisen,Amerika hat mehrmals Verbündete hintergangen. Ihre Wirtschaft kann nur mit Kriegen aufrechterhalten bleiben.Das muss enden.
Tom&Berry schrieb am 02.02.2016
"Al-Qaida war immer eine Organisation der Jemeniten und der Saudis". Ganz recht. Was uns aber nicht daran hindert, die Saudis weiter als "Stabilitätsanker" zu hofieren...
Bernd Schuchardt schrieb am 03.02.2016
Sicher eine zutreffende Zustandsbeschreibung - aber davon kann man täglich in verschiedenen Medien sicher in unterschiedlicher Tiefe und Qualität lesen.

Die vorrangige Verantwortung der westlichen Welt besonders von Amerika mit seinen willfährigen Vasallen in Westeuropa für diesen Zustand und wie eine Lösung nur annähernd aussehen könnte/sollte - dies wünschte ich mir als Gegenstand von Erörterungen.
Salvio schrieb am 05.02.2016
Ich würde eher sagen, dass eine Destabilisierung des Mittleren Ostens Russland nützen müsste, da dadurch der Ölpreis explodieren würde und einige der größten Konkurrenten Russlands auf dem Ölmarkt ( Saudi-Arabien, Iran, VAE usw.) im Kriegsfall ausgeschaltet sein würden. Der Flüchtlingsstrom würde Europa weiter destabilisieren, die populistischen Parteien Europas (von Russland unterstützt) stärken, und die Europäische Union als Ganze zersetzen. So könnte Russland trotz seiner derzeitigen Misswirtschaft einen nominell viel größeren Konkurrenten in die Knie zwingen und gleichzeitig den USA einen Schlag versetzen, da mit den europäischen Staaten die engsten Verbündeten den USA verloren gingen.