Kopfbereich

Der Hebamme

Warum Bernie Sanders progressive Bewegung weiterleben wird.

Picture Alliance
Picture Alliance
Die Sandernistas fangen grade erst an.

Ich weiß nicht, was Bernie Sanders nun vorhat, und will mir auch nicht anmaßen, ihm für die Zukunft Ratschläge zu erteilen. Er kann durchaus selbst entscheiden, wie es mit seinem Wahlkampf und der Bewegung, die er ins Leben gerufen hat, weitergeht. Aber eines weiß ich sicher: Sein bisheriger Erfolg übersteigt alle Erwartungen.

Ich kann mich gut daran erinnern, wie Sanders im April 2015 seinen Wahlkampf begann. Die Medien stempelten ihn damals als „Außenseiter“ ab. Comedians machten sich über seine Frisur und sein zerknittertes Aussehen lustig.

Polit-Junkies feixten: Ein jüdischer, politisch unabhängiger, selbsterklärter demokratischer Sozialist um die 70, der es mit der mächtigsten politischen Maschinerie der modernen Geschichte aufnimmt? Was fiel ihm eigentlich ein, gegen das Establishment, die Mainstream-Medien und die Geldeliten zu wettern? Sie erklärten, er habe „null Chancen“. Dann holte er sich 22 Bundesstaaten.

Und in fast jedem Bundesstaat – auch dort, wo er verlor – gewann Sanders eine satte Mehrheit der Wählerinnen und Wähler unter 30 für sich, auch die jungen Frauen und Latinos. Bis März häufte er in der Wählerschaft unter 30 mehr Stimmen an als Hillary Clinton und Donald Trump zusammen. Auch bei den Unter-45-Jährigen erhielt er die meisten Stimmen.

Sanders hat die nächste Generation mitgeprägt.

Und noch bemerkenswerter ist: Er hat es ohne die mächtigen Lobbygruppen der „Political Action Committees“ geschafft, ohne Großspenden von Unternehmen, Wall-Street-Firmen und Milliardären. Er hat es mit kleinen Spenden von Millionen Durchschnittsamerikanern geschafft.

Sanders hat bewiesen, wie nah man der Nominierung kommen kann, ohne seine Seele zu verkaufen

Sanders hat bewiesen, wie nah man der Nominierung für die US-Präsidentschaftswahl durch die Demokratische Partei kommen kann, ohne seine Seele zu verkaufen oder seine Überzeugungen über Bord zu werfen.

Das ist etwas richtig Großes. Sanders straft alle Kandidaten Lügen, die behaupten, sie wünschten sich zwar für die Finanzierung von US-Wahlkämpfen eine Gesetzesreform, doch da sie nicht „mit einer Hand auf dem Rücken“ antreten könnten, stützten sie sich in ihrem Wahlkampf eben auf Großspenden.

Wer zugkräftige Wahlkampfaussagen mit Leidenschaft und Überzeugung vorbringt, das hat Sanders bewiesen, erhält auch viele kleine Spenden.

Er hat zudem Millionen von Menschen dazu bewegt, sich für den wichtigsten und fundamentalsten aller politischen Kämpfe zu engagieren, von dem alles andere abhängt: der Großfinanz unsere Wirtschaft und Demokratie wieder abzutrotzen. Erst wenn wir unsere Demokratie zurückerobert haben, können wir auch andere für Amerika wichtige Dinge erreichen.

Es ist schwierig, den Klimawandel rückgängig zu machen, solange große Energieunternehmen die Politik beherrschen. Es ist schwierig, Chancengleichheit herzustellen, solange sich große Konzerne und die Wall Street Privilegien und Wohltaten für Unternehmen erkaufen.

Eine vernünftige Außenpolitik ist unmöglich, solange die Waffenhersteller das Sagen haben.

Eine vernünftige Außenpolitik ist unmöglich, solange die Waffenhersteller das Sagen haben. Die USA können ihre Gesundheitskosten nicht unter Kontrolle bringen, solange große Pharmakonzerne und gigantische Versicherungsunternehmen in Washington so viel Einfluss ausüben.

Das Einkommen von Durchschnittsverdienern lässt sich unmöglich steigern, solange immer mehr Geld an Pharmakonzerne, Internetdienstleister, Banken, Lebensmittelhersteller, Luftfahrtunternehmen und Krankenversicherungen fließt – die alle ihre Preise anheben, weil sie über die Marktmacht und den politischen Einfluss verfügen.

Sanders hat den Amerikanern die Augen für die unheilige Allianz zwischen Großfinanz, Einfluss auf die Politik und Manipulation der US-Wirtschaft geöffnet.

Und er hat mutige Vorschläge gemacht, die ohne ihn nicht die verdiente Aufmerksamkeit erhalten hätten: ein staatlich finanziertes Gesundheitssystem, öffentliche Universitäten ohne Studiengebühren, ein Mindestlohn von 15 Dollar, das Zerschlagen der größten Wall-Street-Banken, die Besteuerung von Finanzspekulationen, die Ausweitung des Sozialstaats, die Einführung einer Kohlendioxidsteuer und die Befreiung der Politik vom Einfluss der Großfinanz.

Diese Vorschläge werden die progressive Agenda auf Jahre hinaus prägen. Viele wird man am Ende umsetzen.

Um die vorletzte Jahrhundertwende legten die Köpfe der progressiven Bewegung – der „Präriepopulist“ und Präsidentschaftskandidat William Jennings Bryan, „Fighting Bob“ La Follette aus Wisconsin und Hiram Johnson aus Kalifornien – das Fundament für Theodore Roosevelts Ära des Progressivismus. Heute legt Sanders das Fundament für einen neuen Progressivismus.

Dieser neue Progressivismus ist heute so wichtig wie die progressive Bewegung vor hundert Jahren.

Dieser neue Progressivismus ist heute so wichtig wie die progressive Bewegung vor hundert Jahren, als Amerika, ähnlich wie heute, unter einer enormen Ungleichheit von Einkommen, Wohlstand und politischer Macht litt, die Wirtschaft und Demokratie bedrohte.

Sanders‘ Mut, es mit dem politischen Establishment aufzunehmen, hat nicht zuletzt Millionen dazu ermutigt, Stellung zu beziehen und sich Gehör zu verschaffen.

Er hat eine Bewegung ins Leben gerufen, die den Kampf aufnehmen wird. Sie wird darum kämpfen, mehr progressive Politikerinnen und Politiker in das Repräsentantenhaus und den Senat zu bringen. Sie wird in den Bundesstaaten kämpfen. Und sie wird sich für die Präsidentschaftswahl 2020 aufstellen.

Die Millionen, die Bernie Sanders unterstützt haben, werden nicht in Zynismus verfallen. Sie haben einen langen Atem. Sie werden nicht aufgeben.

Copyright American Voices

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Bestellen Sie hier den Newsletter.

17 Leserbriefe

Margot schrieb am 12.07.2016
Das ist ein wirklich sehr interessanter Artikel,danke
Hanspeter Knirsch schrieb am 12.07.2016
Vielleicht ein bisschen zu euphorisch, aber sehr schön.
Lutz Prof. Dr. Götze schrieb am 12.07.2016
Sehr gut.Eine Hoffnung auch für die Linke in Europa!
U.Walter schrieb am 12.07.2016
Es ist doch vielmehr erstaunlich, wie Außenseiter beider Parteien, Sanders und Trump, den Wahlkampf prägen, obwohl wohl keiner dieser beiden Herrn Präsident der USA wird. Der eine links und der andere rechts. Oft mit Parolen, die fragwürdig sind. Der Autor lobt die Bevölkerung und das obwohl Trump und Sanders auf billigen Popoulismus mit Bravour reiten können. Ernsthafte, lösungsorierente, zukunftsweisende und nachhaltige Projekte sind bei allen Kandidaten Mangelware. Insofern hat zwar Sanders was bewirkt, aber nichts konkretes. Es ist das Neue, was ein großteils der Bevölkerung faszinierte. Mehr nicht.
Persefoni Zeri schrieb am 12.07.2016
Die Nominierung eines Kandidaten für die Präsidentschaft in den USA ist eine Sache, seine Wahl als Präsidenten ist eine ganz andere. Ein Präsidentschaftskandidat Sanders würde eine Katastrophe für die ganze Welt bedeuten, nämlich die Wahl von Trump. In der Mutter des Kapitalismus ist nicht die Wahl eines Sozialisten möglich. Sanders ist unbedingt wichtig für die Integration einer sozialen Politik in den USA, in der Rolle der Fliege, die sich Sokrates gegenüber dem Athener Volk gegeben hat.
Schiffel Bernhard schrieb am 12.07.2016
Hoffentlich sind wir nicht mehr als 10 Jahre hinter den Amis . Bei uns brauch das noch Zeit zumal die Medien , die Wirtschaftsmacht und die Lobby zu fast 100 % beim FED liegen .
Friedrich Grimm schrieb am 12.07.2016
Es wäre nicht nur für die USA, sondern für die ganze Welt wünschenswert, wenn sich die Ideen von Sanders weiter verbreiten würden. Da darf auch ein bisschen Begeisterung dabei sein, wie es in diesem Artikel der Fall ist. Wie war doch der kluge Spruch: "Wir müssen das Unmögliche fordern, um das Mögliche möglich zu machen!" Mit dieser Einstellung könnte es klappen. Nicht klappen wird es, wenn zuerst alle erdenklichen Hürden herbeigeredet werden, warum es zum Scheitern verurteilt ist.
Mark Merz schrieb am 12.07.2016
Die deutsche Politik hat vergleichbare "Außenseiter" bitter nötig. Wo sind in Deutschland die aufrechten Demokraten, die gegen das Establishment, die Mainstream-Medien (inklusive der Öffentlich-Rechtlichen) und die Geldeliten mobilisieren ? Die sich gegen die Macht der Parteisysteme wenden, welche die Unabhängigkeit unserer Abgeordneten untergräbt? Die sich für den wichtigsten und fundamentalsten aller politischen Kämpfe engagieren, von dem alles andere abhängt: der Großfinanz unsere Wirtschaft und Demokratie wieder zu entreissen ?

Wenn D den USA in gesellschaftlichen Dingen wie üblich 5-15 Jahre hinterher hinkt, werden wir uns wohl noch eine Weile gedulden müssen, bevor auch in D neue Hoffnung aufkeimt.
U.Walter schrieb am 13.07.2016
Frage an meine beiden Vorschreiber: Geht es uns in Deutschland so dreckig, dass wir nach Heilsbringer schon wieder rufen? Ich glaube uns in Deutschland geht es zur Zeit so gut, wie noch nie in unserer Geschichte. Es gibt Frieden, mit unseren Nachbarn gibt es kein Streit, der nicht anders ausdiskutiert. Natürlich gibt es Einzelschicksaale, aber in der Gesamtheit geht es gut.
Man kann die Verhältnisse in den USA mit Deutschland nicht vergleichen.
Gerd Weghorn schrieb am 13.07.2016
Robert B. Reich hat Aussagen über den politisch-ökonomischen Zustand der USA gemacht, die in Deutschland als "Antiamerikanismus" gegeißelt werden.

Sanders hat den Nachweis der Bedeutung von klassenkämpferischen Positionen für die Mobilisierung der Nicht-Etablierten unter den Jungen, Abstiegsgefährdeten, Outsidern, den Armen, den Frauen etc. erbracht, die in Deutschland als "kommunistisch" gegeißelt würden.

Doch Sanders dürfte wissen, mit welchem System er sich hier angelegt hat: mit einer Plutokratie, die seit Installation der Präsidialdemokratie im Jahre 1786 niemals den Hebel der Inauguration von Präsident und "Volksvertretern" aus der Hand gegeben hat.

Die USA sind nicht zu revolutionieren, weil die "Volksvertreter" eingekauft und ihren Herrschaften verpflichtet sind: unwiderruflich!
S. Kreft schrieb am 14.07.2016
Zwei Bemerkungen:

Zu Persefoni Zeri: Sanders hat in allen wesentlichen Umfragen, ob national oder in den einzelnen Staaten, weit vor Trump gelegen und sein Vorsprung war jedes mal größer, als der Vorsprung Hillarys, die in manchen Umfragen sogar hinter Trump lag. Somit wäre festzustellen, dass eine Kandidatur von Bernie Sanders mit nahezu Gewißheit einen Trump verhindert hätte. Zudem treten mit Trump und Hillary die beiden unbeliebtesten Politiker der USA gegeneinander an, auch dies haben alle Umfragen des letzten Jahres ergeben.

Zu U.Walter: Bitte bedenken Sie nochmals Ihre Aussage! Bei Ihnen scheint die Regierungspropaganda auf ganzer länger erfolgreich gewesen zu sein. Die Ungleichheit (Vermögen, Einkommen, Chancengleicheit, Lohnquote vs. Unternehmensgewinn) war nie höher als heute
Wladimir Fedortschenko schrieb am 14.07.2016
Man sieht jedenfalls, dass Amerika nicht verloren ist!
U.Walter schrieb am 14.07.2016
S.Kreft: Wenn Sie bitte genau gelesen haben, so stellte ich klar, dass bei uns auch nicht alles in Ordnung ist. Neiddebatten (Rentenerhöhung im Osten mehr als im Westen), Vorwürfe bringen uns nicht weiter. Jedenfalls falle ich auf Regierungsdarstellungen nicht rein. Weder früher noch heute. Aber Fakten sprechen eine andere Sprache, auch wenn es manchen in unserem Land nicht gefällt. Wenn ich in Afrika bin, da sagen die Menschen, eure Probleme, bzw. was wir davon halten, die möchten wir mit Kusshand haben. Da wird man nachdenklicher. Wir jammern auf absoluten höchsten Niveau.
salim samai schrieb am 15.07.2016
Gott segnet Bernie und alle Friedestifters/Peacemakers! Endlich dezent Politik und Vision anstatt "Basteln für morgen und dann sehen wir. Wann es Probleme gibt, einfach: "Islam, ISIS, Ben Laden, Ausländer, die Muslime sind Schuld! Ablenken bis wieder morgen!"
Bernhard Schiffel schrieb am 15.07.2016
Sanders zeigt das es bei Protest und Kritik gegen den FED , gegen die Medien , die Lobbyisten die Banken und die Rüstungskonzerne nichts mit Antisemitismus zu tun hat . Eine Gruppe von Kriminellen druckt Geld und hat sich mit Militärischer Zusammenarbeit die Welt erobert . Was jetzt noch abläuft ist der Endkampf . Das kann noch etwas dauern dann ist die neue Weltordnung etabliert . Was bei uns abläuft hat viel mit Bestrafung zu tun . Die Medien , die Banken , die Konzerne gehören zu 80 % nicht der deutschen Hand . Was die Lebensmittelindustrie , die Pharma - die Banken , die Politik usw treiben raubt uns die Zukunft .
S. Kreft schrieb am 16.07.2016
U.Walter: Leider bestätigen Sie mit Ihrem Verweis auf die Vehältnisse in Afrika genau die Sichtweise, die von unserer Regierung propagiert wird. Diese Vergleiche sind absolut unangemessen, weil hier umgangssprachlich Äpfel mit Birnen vergleichen werden bzw. ein Kategorienfehler vorliegt. Die Frage muss immer lauten, ob in unserer Gesellschaft alle mit einen angemessenen Anteil am gesamtgesellschaftlichen Wohlstand partizipiert haben und das Verhältnis zw. Niedriglohn/SGBII-Bezieher und Topverdiener (auch tariflich) noch vertretbar ist. Beides muss man als aufmerksamer Zeitgenosse verneinen! Und Kritik am Bestehenden mit 'Neid' zu kontern gehört ebenfalls in den Baukasten der Propaganda (Dies ist keine persönliche Kritik, es geht um Sprache und Tatsachen).
Kurt Moosburger, Salzburg schrieb am 23.11.2016
Bernie Sanders ist zu bewundern, aufrichtig ,ehrlich. Jedoch hätte ich mir gedacht, dass er mehr Gespür für die Amerikanische Mentalität hat: Ablehnung jedwedes sozialistischen Gedankengutes. Deshalb wird auch die "Obamacare", eine staatlich aufgezwungene Pflichtversicherung, von Mr. Trump wieder abgeschafft. Die Amerikaner wollen sich nicht die Misere, die mit den europäischen Krankenkassen laufend besteht, einhamstern.