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Hierarchien der Demütigung

Schmerzhafte Erinnerungen gefährden in Asien eine friedliche Zukunft.

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Japanische Soldaten im Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg (1937-1945).

Seit  über zwei Monaten stehen sich am Doka La – an der Grenze zwischen Bhutan, China und Indien – indische und chinesische Truppen gegenüber. Das ist die längste Konfrontation zwischen den beiden Armeen seit 1962. In einer nicht sehr subtilen Anspielung auf den damaligen Konflikt, bei dem Indien eine verheerende Niederlage erlitten hatte, forderte der Sprecher des chinesischen Verteidigungsministeriums, Oberst Wu Qian, seinen südlichen Nachbarn auf, „aus der Geschichte zu lernen“. Aber die Lektionen der Geschichte haben die seltsame Tendenz, sich an die Sichtweise derjenigen anzupassen, die sie zitieren.

Die momentane chinesische Führung sieht den Konflikt von 1962 als Preis, den ein überheblicher Nachbar dafür zahlen musste, sich den Gebietsansprüchen Chinas zu widersetzen. Für Indien hingegen war die Auseinandersetzung eine Demütigung, die das Land über ein halbes Jahrhundert lang verfolgt hat. Die Erinnerung daran wird also vermutlich das Gegenteil dessen bewirken, was Wu erwartet.

Die Lektionen der Geschichte haben die seltsame Tendenz, sich an die Sichtweise derjenigen anzupassen, die sie zitieren.

Auf der internationalen Bühne bedeutet eine Demütigung viel mehr, als nur peinlich berührt zu sein. Sie läuft darauf hinaus, dass ein Akteur öffentlich degradiert, sein Status geleugnet und eine klare Hierarchie eingeführt wird. Besonders häufig finden solche Demütigungen im Rahmen von Kriegen statt, da Niederlagen auf dem Schlachtfeld nicht nur Hohn und Spott nach sich ziehen, sondern auch echte materielle Verluste, insbesondere von Land.

Wenn ein Land den Effekt solcher Demütigungen kennen sollte, dann China. Zum zwanzigsten Jubiläum der Rückgabe von Hongkong an China – zur gleichen Zeit, als Wu seine Botschaft an Indien übermittelte – hielt der chinesische Präsident Xi Jinping eine Rede. Er sagte, die Rückgabe der Kronkolonie habe die „Trauer und Demütigung“ beendet, die Großbritannien China zugefügt habe, als das Königreich die Stadt im Jahr 1842 übernahm.

Dies spiegelt die übliche Rhetorik der Kommunistischen Partei Chinas wider, die von einem chinesischen „Jahrhundert der Demütigungen“ spricht, um den Nationalismus im Land anzufachen. Dieses Jahrhundert endete angeblich erst, als die Partei im Jahr 1949 die Volksrepublik gründete. Vor dieser Zeit wurde das Selbstverständnis Chinas als führende ostasiatische Macht durch eine Reihe von Niederlagen erschüttert. Besonders schmerzhaft waren dabei diejenigen, die dem Land vom aufstrebenden Japan zugefügt wurden.

Trotz dieses Gewahrseins seiner eigenen Kränkungen ist sich China oft nicht bewusst, auf welche Weise seine früheren Handlungen bei anderen Ländern ähnliche Gefühle hervorgerufen haben. Der Sieg über Indien von 1962 war der Höhepunkt eines jahrzehntelangen Wettkampfs um die Führung über die Länder, die am Ende der Kolonialzeit frisch in die Unabhängigkeit entlassen worden waren. Indiens Niederlage war ein schwerer Schlag für die Bestrebungen des Landes, sich als unumstrittener Anführer der blockfreien Staaten zu etablieren.

Solche Demütigungen können einen überwältigenden Drang zur Vergeltung auslösen, der alle anderen – nüchterneren – außenpolitischen Motive überdeckt.

Indien ist bei weitem nicht das einzige Land, das von China gedemütigt wurde. In Vietnam spiegelt die Redensart von den „tausend Jahren chinesischer Dominanz“ die gleichen Gefühle wider wie die von den „hundert Jahren ausländischer Demütigungen“ in China.

China seinerseits ist nicht das einzige Land, das sich gekränkt fühlte und im Gegenzug wiederum andere demütigte. Nachdem die indischen Ambitionen 1962 von China blockiert wurden, fügte Indien selbst neun Jahre später seinem Nachbarn Pakistan eine gravierende Niederlage zu, die immer noch nachwirkt. Nach der pakistanischen Unabhängigkeit im Jahr 1947 wollte sich das Land in Südasien als Indiens gleichberechtigter Partner etablieren. Dazu trat das Land Bündnissen unter der Führung der Vereinigten Staaten bei und schmeichelte sich bei China ein, um seine strategische Bedeutung zu demonstrieren. Durch den indisch-pakistanischen Krieg von 1971, der zur Unabhängigkeit von Ostpakistan (dem heutigen Bangladesch) führte, wurden diese Hoffnungen zerstört.

Aber auch Pakistan ist sich der demütigenden Wirkung seiner eigenen Handlungen nicht immer bewusst: Dass das Land fast vier Jahrzehnte lang immer wieder militärisch in Afghanistan eingriff, um seine „strategische Tiefe“ zu sichern, hat die Afghanen stärker und länger traumatisiert als die Verluste, die ihnen von Russland zugefügt wurden. Dasselbe gilt auch für die bisher erwähnten Demütigungen: Besonders schmerzhaft wurden sie dadurch, dass sie nicht von einer fernen Macht ausgingen, sondern von einem asiatischen Nachbarn.

Wie wir am Beispiel Chinas gesehen haben, können die Folgen solcher Demütigungen lange Zeit anhalten. Nicht nur das: Sie können einen überwältigenden Drang zur Vergeltung auslösen, der alle anderen – nüchterneren – außenpolitischen Motive überdeckt. Daher ist beispielsweise die pakistanische Armee bereit, sämtliche Institutionen ihres eigenen Landes zu untergraben, um Indien zu schaden.

Angesichts dessen, dass der Nationalismus in Asien auf dem Vormarsch ist, haben die Politiker dort einen starken Anreiz, ihre eigene Version der Geschichte zu schreiben, die ihrer eigenen Sache dient. Und nur wenige andere historische Erinnerungen sind dazu besser geeignet als die traumatischen Demütigungen. China hat diese Kunst perfektioniert, aber auch anderswo ist sie offensichtlich, darunter auch in Indien. Der Trick besteht darin, eine Hierarchie der Demütigungen aufzustellen, innerhalb derer die, die dem eigenen Land widerfuhren, an oberster Stelle stehen. Diejenigen hingegen, die man anderen zugefügt hat, werden unter den Teppich gekehrt und nur dazu benutzt, den eigenen Status zu festigen.

Diese Methode birgt allerdings, wie man an der Konfrontation am Doka La sehen kann, erhebliche Risiken. Nach dem Ersten Weltkrieg, als Europa unfähig war, konstruktiv mit seinem eigenen Erbe von Demütigungen umzugehen, waren die Ergebnisse verheerend. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hingegen stellte sich der Kontinent seinen Herausforderungen und bereitete den Weg für eine noch nie dagewesene regionale Zusammenarbeit. Wir können nur hoffen, dass Asien einen ähnlichen Weg geht – bevor die immer stärkere Wut über die historischen Demütigungen überkocht.

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