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Der indische Gigant erwacht

Doch eine erfolgreiche Transformation des Subkontinents ist ein Wettlauf gegen die Zeit.

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Guten Morgen Welt: Der bengalische Tiger hat scharfe Zähne, ist aber vom Aussterben bedroht.

Indien, Asiens zweiter Gigant, ist erwacht. Nach jahrzehntelangem Dornröschenschlaf verzeichnet das Riesenland heute die höchsten Wachstumsraten der Welt, und ist bereits in die Gruppe der  größten Volkswirtschaften vorgestoßen. Ausländische Investoren stehen Schlange, um in dem noch immer abgeschotteten Markt investieren zu dürfen. Im Wochentakt werden Fabriken, Straßen und Wohnungen gebaut. Unter die Nachrichten über Armut und Gewalt mischen sich seit kurzem auch Triumphmeldungen über die erste Marsmission, die friedliche Beilegung von Nachbarschaftskonflikten oder indische Konzerne auf globaler Einkaufstour. Premierminister Modi, vor einem Jahr mit einem Erdrutschsieg ins Amt gewählt, spricht bereits vom „Indischen Jahrhundert“.

Wo steht Indien wirklich? Das Milliardenvolk startete spät ins Rennen. Erst nach Jahrzehnten der Mangelwirtschaft und Armut im „Sozialismus indischer Bauart“ öffnete das Land zaghaft seine Wirtschaft. Was folgte, war ein wechselhafter Aufschwung zwischen Wachstumsrekorden und Absturzängsten. Die weitverbreitete Hoffnung, Indien könne ohne den Umweg über die Industrie direkt aus der Agrar- in die Dienstleistungsgesellschaft springen, erwies sich bisher als trügerisch.  

Heute nun glauben viele, das passende Rezept für die wirtschaftliche Weiterentwicklung in Ostasien gefunden zu haben – die exportgetriebene Industrialisierung, entwickelt in Preußen, verfeinert von Japan, Südkorea und Taiwan, treibt heute das Wirtschaftswunder Chinas an. Im Kern folgt dieses Modell einer merkantilistischen Logik, bereitet also mittels protektionistischer Förderpolitik die heimischen Industrien auf den internationalen Wettbewerb vor. Im Gegensatz zum Importsubstitutionsmodell setzt das ostasiatische Modell jedoch auf den Wettbewerbsdruck der Exportmärkte als Innovationsmotor, um die Unternehmen mittels stetiger Verbesserung der Produktivität die globale Verwertungskette hinaufzutreiben.

In der Anfangsphase der Großen Transformation entstehen diese Produktivitätsgewinne vor allem durch die Absorption des Millionenheers an unterbeschäftigten  Landarbeitern in die städtischen Fabriken. Wie lange dieser Motor auf Hochtouren läuft, hängt vor allem von der verfügbaren Menge an Überschussarbeit in den ländlichen Gebieten ab. In den kommenden 40 Jahren muss Indien es schaffen, mehr als 400 Millionen Arbeiter aus dem unproduktiveren Agrarsektor in den produktiveren Industriesektor umzusiedeln, ohne dabei den Standortvorteil günstiger Löhne zu verlieren. Damit dies gelingen kann, muss Indien einige Klippen umschiffen.

 

Das Auslaufen des exportgetriebenen Industrialisierungsschubes

Was geschieht, wenn der Vorrat der Überschussarbeit zur Neige geht, lässt sich gerade in China beobachten. Die Einbrüche an der Börse in Shanghai könnten ein Zeichen dafür sein, dass in China die erste Welle der Industrialisierung zu Ende geht. Die Geschäftsmodelle der Gründerzeit lassen sich in einem Umfeld steigender Löhne und einbrechender Exporte nicht länger aufrechterhalten. Die chinesische Führung ist sich dieser Entwicklung durchaus bewusst, und hat die Löhne gezielt ansteigen lassen, um die wegbrechenden Exporte mit wachsendem Binnenkonsum zu ersetzen. Ein Teil der Niedriglohnindustrien wandern deshalb aus China ab. Für Indien sind das auf mittlere Sicht gute Nachrichten. Wenn das richtige Umfeld geschaffen werden kann, besteht tatsächlich die Chance, herstellende Industrien im großen Stil in Indien anzusiedeln. Mit großer Euphorie wird daher der dynamische Anstieg der ausländischen Investitionen, vor allem der geplante Ausbau der Produktionskapazitäten durch internationale Großkonzerne wie  Foxconn, Cisco, GE, Renault, Ford und Daimler als Vorboten des Industriebooms in Indien begrüßt.

 

Die soziale und politische Transformationsfalle

Nach dem Sturm und Drang der Gründerjahre lauern neue Klippen. Südostasien sollte hier als bittere Lektion verstanden werden, dass Transformationsprozess auch in Ländern mit mittlerem Einkommen jederzeit kollabieren können. Thailand und Malaysia haben es in ihren Wachstumsjahren versäumt, an die technologische Weltspitze vorzustoßen. Heute vergraulen steigende Löhne, Korruption und politische Wirren die internationalen Investoren. Das ist kein Zufall, sondern eine Mahnung, dass der sogenannte Middle Income Trap in Wahrheit eine politische Falle ist. Um bei steigenden Löhnen wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen die Unternehmen die globale Wertschöpfungskette hinaufklettern. Diese permanente Steigerung der Produktivität der Innovation können jedoch nur gut ausgebildete Erwerbstätige erbringen.

Der Staat muss also kraftvoll in die Fähigkeiten aller Bürger investieren, um ihr volles Potential freizusetzen. Die Finanzierung dieser  Aktivierungsapparate scheitert jedoch oft am Widerstand der Mittelschicht, die nicht einsieht, warum ihre Steuergelder an die „ungewaschenen Massen“ verteilt werden. Die Blockadehaltung der etablierten Schichten steht wiederum im Konflikt mit der Forderung der urbanen Neuankömmlinge, als vollwertige Bürger mit gleichen politischen und sozialen Rechten in die Gesellschaft zu integriert werden. Der politische Kampf um Teilhabe droht die wirtschaftliche Entwicklung abzuwürgen. Soziale und politische Entwicklungen sind eben kein Luxus, dessen Befriedigung man beliebig zurückstellen kann, sondern die Vorbedingung nachhaltigen Wirtschaftswachstums.

 

Das globale Gelegenheitsfenster schließt sich

Aber auch in der Weltwirtschaft bilden sich dunkle Gewitterwolken. Bereits heute liegen die Herstellungskosten vieler  Schwellenländer auf oder sogar über dem Niveau der Vereinigten Staaten. Der Trend der Verlagerung von Produktionskapazitäten aus den Industrie- in die Schwellenländer beginnt sich umzukehren. Alleine in den letzten dreizehn Monaten sind über eine Billiarde US-Dollar aus den Schwellen- in die Industrieländer geflossen.

Während die Lohnkosten in den meisten Schwellenländern steigen, senkt die Automatisierung die Herstellungskosten in den alten Industrieländern dramatisch ab. Fällt der Lohnkostenvorteil weg, rücken Kriterien wie die Qualität, Rechtssicherheit oder lange Transportwege stärker ins Gewicht. Die digitale Revolution dürfte den  Trend zur Rückkehr der Produktion in die industriellen Zentren weiter beschleunigen.

Es stellt sich daher die Frage, ob das exportgetriebene Industrialisierungsmodell in einer digitalen und globalisierten Welt überhaupt noch funktionieren kann. Heute werden durch den technischen Fortschritt weit weniger Arbeiter benötigt, um dieselbe Menge an Waren herzustellen. Im globalen Markt ziehen zudem arbeitsintensive Industrien schon bei geringen Lohnsteigerungen weiter an günstigere Standorte. Dani Rodrik sieht daher die Gefahr der „verfrühten Deindustrialisierung“, also der Zusammenbruch des Entwicklungsprozesses noch bevor ein Niveau erreicht werden kann, den Aufstieg aus eigener Kraft zu gestalten. Angesichts der globalen Überkapazitäten ist zudem fraglich, ob der Weltmarkt überhaupt noch Platz für einen weiteren Industrie-Giganten hat. China und Indien stoßen schließlich aufgrund ihrer schieren Größe an die planetaren Grenzen; es gibt einfach nicht genug Rohstoffe, um einen ressourcengetriebenen Industrialisierungsprozess anzutreiben. Kurzum: das Gelegenheitsfenster für die exportgetriebene Industrialisierung beginnt sich zu schließen.

 

Indiens Wettlauf gegen die Zeit

Indien steht also vor der Jahrhundertaufgabe, zur Industrienation aufzusteigen, noch bevor sich das globale Gelegenheitsfenster schließt. Unter dem Motto „Make in India“ hat die Regierung daher die Devise ausgegeben, die herstellende Industrie mit aller Kraft auszubauen. Mittelfristig stehen die Chancen dafür gut. Der Verfall der Öl- und Rohstoffpreise verschafft dem Importeur Indien die notwendige Atempause, um massiv in den Ausbau der Infrastruktur zu investieren. Gesunde makroökonomische Fundamentaldaten machen das Land zum Darling internationaler Investoren. Der Exodus des Niedriglohnsektors aus China verspricht einen zusätzlichen Schub.

Ob das alles ausreicht, um über die nächsten Jahrzehnte jährlich mehr als 10 Millionen Jobs zu schaffen, ist allerdings fraglich. Die indische Bürokratie mit ihrer Regulierungswut und Ineffizienz blickt auf eine lange Geschichte vereitelter Chancen zurück. Die Regierung versucht daher mittels Abgabe von Kompetenzen und Steuereinnahmen an die Bundesstaaten aus dieser Not eine Tugend zu machen. Gelänge es, den Föderalismus in einen Wettbewerb um die besten Lösungen umzugestalten, wäre in der Tat ein neuer Reformmotor geschaffen. Dennoch bezweifeln nicht wenige, ob es tatsächlich gelingen kann, rechtzeitig produktive Industriejobs für das Millionenheer der Landarbeiter zu schaffen. Daher setzen viele ihre Hoffnung auf den Dienstleistungssektor als nächste große Jobmaschine. Wie sich jedoch zeigt, bleibt der Boom des IT-Sektors auf eine begrenzte Zahl hochqualifizierter Angestellter beschränkt. Für die oft ungebildeten Landarbeiter entstehen dagegen nicht genügend produktive Jobs.

Indien rennt also gegen die Zeit. Gelingt es innerhalb der nächsten Dekade nicht, ein Entwicklungsniveau zu erreichen, das es den Indern erlaubt, ihr Schicksal aus eigener Kraft zu gestalten, drohen die Gravitationskräfte der Weltwirtschaft das Land wieder nach unten zu ziehen. Das wäre mehr als tragisch, denn wie kaum eine andere Kultur scheinen die Inder mit ihrem Geschäftssinn, Improvisationsgeschick, Kreativität und globalen Netzwerken geradezu prädestiniert, im digitalen Zeitalter zu reüssieren. Wiederum hat Delhi mit „Digital India“ die Chancen erkannt. In 100 „smart cities“ wird zurzeit die Infrastruktur für die digitale Gesellschaft gelegt.

Wer Indiens Rennen gegen die Zeit gestalten will, muss eine Vision haben, wie die Große Transformation gelingen kann. Um nicht auf halbem Wege an den ökonomischen, politischen und sozialen Klippen zu zerschellen, muss Indien seinen Gesellschaftsvertrag an die Bedürfnisse einer sich rasant verändernden Gesellschaft anpassen. Ein Ausweg aus dieser Transformationsfalle bietet nur ein sozialer Kompromiss zwischen allen Klassen. Im Gegenzug für die Finanzierung der sozialen Aufstiegschancen der Mehrheit müssen die Mittelschichten etwas zurückbekommen: Stabilität, Sicherheit, gute Regierungsführung und erstklassige öffentliche Dienstleistungen. In den westlichen Gesellschaften hat die soziale Demokratie den gordischen Knoten mittels eines sozialen Kompromisses entwirrt. Der sozialdemokratische Gesellschaftsvertrag hat die Grundlage für die Solidarität zwischen den Klassen gelegt, ohne die nachhaltiges Wirtschaftswachstum nicht möglich ist. Wohlstand für alle, das sozialdemokratische Kernversprechen, könnte auch die Formel für Indiens Transformation sein. Eine Vision zu entwickeln, wie ein Transformationsprojekt aussehen müsste, um unter den Bedingungen der indischen Gesellschaft zu funktionieren, das ist die zentrale Herausforderung für alle progressiven Kräfte des Landes. Gelingt es, die politische, soziale und ökonomische Entwicklung miteinander zu versöhnen, dann kann Indien den Wettlauf gegen die Zeit gewinnen.

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3 Leserbriefe

Hartmut Elsenhans schrieb am 29.09.2015
Nicht die Reallöhne, sondern die Wechselkurse bestimmen die Arbeitskosten in internationaler Währung. Die konstruierte Falle besteht deshalb nicht. China hätte ohne Lohnsteigerungen eben eine importierte Infglation gehabt. So wie der Autor argumentiert hat in den 50er Jahren der BDI argumentiert, und Ludwig Erhard hat dagegen die Aufwertung der Mark durchgesetzt. Meine Studenten sind regelmäßig überrascht wenn ich deren Diskurs, deer angelehnt ist an die Positionen des Autors , mit der deutschen Erfahrung konfrontiere.
M Gandhi schrieb am 29.09.2015
Interessante Abhandlung, allerdings leider auch nach dem üblichen (westlichen) Muster, "Industrialisierung ist die Lösung". Betrachtet man aber die Tatsache, dass bereits im Westen, mit seiner verhältnismäßig kleineren Bevölkerung, alle 3-5 Jahre eine Wirtschaftskrise entsteht, ist es klar, dass allein auf Industrialisierung zu setzen der falsche Weg für Indien wäre.

Berücksichtigen muss man auch folgende Tatsachen:
1. die zunehmende Automatisierung in der Industrie schafft Arbeitsplätze eher für hochqualifizierte Ingenieure schafft und vernichtet minderqualifizierte Arbeitsplätze, die eigentlich die Mehrheit der Bevölkerung ausmacht
2. das westliche Wirtschaftsmodell basiert ausschließlich auf Konsum. Schon westliche Länder verbrauchen Ressourcen von 5-8 Erden (Indien, dagegen, 0,9). Wenn 1,2 Milliarden Inder (also, doppel so viele Menschen wie der gesamte Westen) einen solch dekadenten und verschwenderischen Lebensstil pflegen würden, wäre eine Umweltkatastrophe sehr nah

Nach über 20 Jahren in Deutschland habe ich gelernt, dass das westliche Modell für Indien äußerst ungeeignet ist. Es bedarf vielmehr eine gesunde Mischung aus traditioneller (!!) Landwirtschaft, traditioneller(!!) Kunsthandwerk, andere Dienstleistungen und Industrie. Glücklicherweise sieht es die Modi-Regierung genauso.
Dilip Kumar schrieb am 30.09.2015
'Nachhaltiges Wirtschaftswachstum' existiert höchstens in den Köpfen von Ökonomen und Politikern, die Realität ist weitaus bitterer:
Der indische Gesellschaftsvertrag (die indische Verfassung), wird seit 2005 offiziell vom Gesetzgeber als Hürde für das Wirtschaftswachstum interpretiert und (der definition Wirtschaftswachstum = Gemeinwochl entsprechend) unterminiert. Der Special Economic Zones Act von 2005 spricht wort-wörtlich von "constitutional obstacles to economic growth". Die Verfassung, in der ein Minimum-Standard für ein respektvolles Miteinander und würdevolles Leben der Mitglieder der Gesellschaft verankert sein soll, ist also nicht die Grundlage für das Gemeinwohl, sondern ein "Hindernis" für das Wirtschaftswachstum, dem höhere Priorität eingeräumt wird. Auf dieser Grundlage wurden bereits mehr als 400 sogenannte Sonderwirtschaftszonen ins Leben gerufen, die teilweise mehrere tausend Hektar groß sind, in denen die Verfassung nur noch gilt insofern sie nicht dem Wirtschaftswachstum "im Weg steht". So bekommt z.B. der Südkoreanische Stahlkonzern POSCO 30 Jahre Steuerfreiheit, einen privaten Hafen und kann das Eisenerz ohne jegliche Zollabfuhr aus dem Land schaffen. Das alles auf der Grundlage des Glaubens: wenn die Wirtschaft wächst, geht es allen besser.