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Tauwetter am Bildschirm

Die russische Fernsehserie „Geheimnisvolle Leidenschaft“ sticht heraus und könnte ein politisches Signal sein.

Perwy Kanal
Perwy Kanal
Die erfolgreiche TV-Serie „Geheimnisvolle Leidenschaft“ nährt die Sehnsucht nach einer freieren Gesellschaft.

Die Panzer rollen. Sie rollen unten, direkt vor dem Hotelfenster, und Ralisa kann nur entsetzt zuschauen. Sie ist die Frau eines sowjetischen Propagandisten und Filmemachers, den die Staatsmacht gerade nach Prag geschickt hat.

Auf den Bildschirmen in russischen Wohnzimmern ist es gerade das Jahr 1968. Die UdSSR schickt ihre Armee, um den Prager Frühling niederzuschlagen. Es ist eine Episode, bei der sich das heutige Russland noch immer schwer tut, Klartext zu reden und die eigene unrühmliche Rolle zu benennen. Doch Ralisa, der Serienheldin vom Bildschirm, fällt es leichter. „Schämt ihr euch nicht?“, schreit sie ihrem Mann zu, der gerade mit dem sowjetischen Botschafter plaudert. „Irgendwann werden die Panzer über eure Hintern hinwegrollen, damit ihr merkt, wie weh das tut“.

Eigentlich ist die Szene nur eine Nebenepisode, aber gerade solche sind es, die die Serie „Geheimnisvolle Leidenschaft“, gedreht nach dem gleichnamigen Roman von Wassili Aksjonow, so bemerkenswert machen. Im Mittelpunkt des 13-Teilers steht das Leben der sowjetischen Literatur-Elite von Jewgeni Jewtuschenko über Bella Achmadulina bis Aksjonow während des politischen Tauwetters Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre. Doch die Rolle der Kommunisten und des eigenen Staates ist als Hintergrund stets gut erkennbar.

Während im echten Russland also irgendwo Denkmäler für Iwan den Schrecklichen und Büsten von Stalin eingeweiht werden, zwei Symbole für außer Kontrolle geratene Staatsmacht, zeigt das Fernsehen die andere, unschöne Seite dieser Macht. Russlands beste Darsteller spielen die Verfolgung von Boris Pasternak, den lächerlichen Schauprozess Joseph Brodskys, legen sich mit Staatschef Nikita Chruschtschow an und werden rot vor Scham und Wut, als sowjetische Panzer 1968 in Prag einrollen. Heute legendäre Barden wie Wyssotzki und Okudschawa feiern mit Bildhauer Neisvestnyj in seinem Atelier, einem Underground-Treffpunkt im damaligen Moskau, während ein gemeinsamer Freund sie im Auftrag des KGB aushorcht.

„Geheimnisvolle Leidenschaft“ sticht in der russischen Serienlandschaft heraus.

Tatsächlich sticht „Geheimnisvolle Leidenschaft“ in der russischen Serienlandschaft heraus. Noch vor knapp 15 Jahren erfreuten sich vor allem Serien über Gangster und Polizisten größter Beliebtheit. Kein Wunder, schließlich knüpften sie an die Lebenswirklichkeit der 1990er an, die als „Wildes Jahrzehnt“ ins russische Gedächtnis eingegangen sind. Es ging um Mafia-Ehre und Polizisten, die mit einfachen Mitteln und wenig Geld der übermächtigen Unterwelt die Stirn boten. Heute dagegen, setzen die privaten Sender vor allem auf leichte Kost oder drehen amerikanische Sitcoms nach. Hin und wieder wird es aber auch politisch. So drehte der staatliche Erste Kanal vor knapp zwei Jahren eine sechsteilige Doku-Serie über angebliche Mythen im Krieg, die die Verantwortung der Staatsführung für die riesigen Opferzahlen relativierte. Kürzlich sendete Ren TV, der zum Medienimperium von Juri Kowaltschuk, einem alten Freund von Wladimir Putin, gehört, die Serie SMERSH. Die Abkürzung steht für einen der berüchtigtsten sowjetischen Geheimdienste im Zweiten Weltkrieg und bedeutet so viel wie „Tod den Spionen“. Seit der Perestroika sind die Gräueltaten von SMERSH an vermeintlichen Spionen in der Bevölkerung und der Roten Armee bekannt. Bei Ren TV treten die SMERSH-Agenten trotzdem als Helden auf, die eine Bande von Überläufern jagen.

Produktionen, die die eigene Staatsmacht kritisch dastehen lassen, sind dagegen eine Seltenheit. So hat vor zwölf Jahren die Verfilmung des Romans „Kinder des Arbat“ für Aufsehen gesorgt. Das erste Mal zeigte damals das Staatsfernsehen, wie ein Freundeskreis junger Abiturienten nach und nach in die Mühle des Regimes gelangte und daran zugrunde ging. Das Interesse an der aktuellen Produktion „Geheimnisvolle Leidenschaft“ über das Tauwetter der Chruschtschow-Ära war nicht zuletzt deshalb riesig, weil es sonst kaum noch eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte in der Öffentlichkeit gibt. Über Wochen hatte der staatliche Erste Kanal, dessen Reporter einst den Fall Lisa ins Rollen brachten, für die Serie geworben. Das Interesse heizte zudem der Umstand an, dass die fertige Produktion ein knappes Jahr im Regal verstaubte. Sollte der jetzige Termin ein politisches Statement sein? Gar ein Zeichen von oben?

Unabhängige Zeitungen kritisierten die flachen Charaktere, die glattfrisierte Lebenswirklichkeit mit den schicken Klamotten, Retro-Autos und Partys.

Die Spekulationen diesbezüglich nährte zudem der Umstand, dass Konstantin Ernst, der Chef des staatlichen Ersten Kanals mit guten Verbindungen zum Kreml einer der Produzenten der Serie war. Nicht zuletzt deshalb widmeten ihr fast alle größeren Zeitungen des Landes Rezensionen. Womöglich steht „Geheimnisvolle Leidenschaft“ ja doch für ein politisches Signal. Doch die meisten Reaktionen in der Presse fielen vernichtend aus. Unabhängige Zeitungen kritisierten die flachen Charaktere, die glattfrisierte Lebenswirklichkeit mit den schicken Klamotten, Retro-Autos und Partys im „Verbandshaus der Literaturschaffenden“, die dem heutigen Moskauer Nachtleben erstaunlich ähnlich sehen. Für das kremltreue Lager fiel die Kritik am Staat überzogen aus. Alte KGB-Offiziere erzählten in Interviews, alles sei eigentlich ganz anders gewesen, während nationalistische Publizisten die Gelegenheit nutzen, die Helden des Films als käufliche Opportunisten zu diffamieren.

Die Serie zeigt, wie riesig das Interesse der Öffentlichkeit an dieser Epoche, dieser kurzen Atempause von der sowjetischen Dauerrepression, war.

Trotzdem zeigt die Serie, wie riesig das Interesse der Öffentlichkeit, sei es auch nur der medialen, an dieser Epoche, dieser kurzen Atempause von der sowjetischen Dauerrepression, war. Es ist nicht nur eine Zeit, über die sich ohne Reue nostalgieren lässt. Schließlich gab es in der UdSSR kaum eine offenere und freiere Zeit, die Perestroika ausgenommen. Doch es mischt sich darin auch die Sehnsucht nach einem neuen Tauwetter, die sich in der besonderen Aufmerksamkeit für vermeintliche Zeichen aus dem Kreml niederschlägt. Sei es die Ernennung von Sergej Kirijenko zum Vize-Chef der Präsidentenadministration, einst ein Liberaler und Weggefährte des ermordeten Boris Nemzow, der nun die Innenpolitik kuratieren soll. Oder Russlands neue Bildungsministerin, die einst Stalin lobte und ihn nun als Tyrannen bezeichnet. Nicht zuletzt deshalb kamen viele Kritiker zu dem Schluss, dass es gar nicht um die Sechziger geht, sondern vielmehr um heute. Insbesondere ließe sich die heutige Zeit daran messen, wie das Spiegelbild des damaligen Aufbruchs ausfällt.

Die Lektion, die die Serie für ihre Zuschauer parat hält, ist übrigens keine besonders optimistische. Jedenfalls sind die meisten Helden am Ende bitter enttäuscht, nachdem die Führung ihres Landes wieder einen strengeren Kurs fährt. Offenbar hatten viele von ihnen auf mehr Freiheit gehofft, aber als Geschenk von oben. Auch heute bleibt vielen nur noch die Hoffnung auf eine Kursänderung von ganz oben. Das Ende des 13-Teilers ist entsprechend eindeutig. Der Hauptheld wird von den Behörden gedrängt, nachdem er als Reaktion auf den Einmarsch der Sowjets in Prag einen Roman von einem ausländischen Verlag drucken lässt, das Land zu verlassen. Ein Angebot, dass er nun dankbar annimmt.

Dieser Beitrag beruht auf einer kürzeren Fassung, die am 14. November 2016 bei Ostpol erschien.

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1 Leserbriefe

Erik schrieb am 23.12.2016
Russlands Filmindustrie könnte sich in Sachen Geschichtsbewältigung vielleicht ein paar Dinge bei Hollywood abschauen. Dort versteht man es Kriegshelden und Mythen zu inszenieren. Selbst Kriegsverbrechen wie der Vietnamkrieg lassen sich so als scheinkritisches Popkulturerlebnis entpolitisieren. Man könnte z.B. den Einmarsch in die CSSR im Stile von Apocalypse Now als knallbuntes halluzinogenes Erweckungserlebnis junger Rotarmisten inszenieren, jeglichen Hintergrund ausblenden und so den Fokus von wichtigen Fragen zu Ursache und Wirkung wegbewegen.