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... und wir singen im Atomschutzbunker

David Molke darüber, warum Hip-Hop politisch ist. Und wen man jetzt hören sollte.

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...Hurra, diese Welt geht unter: Die Berliner Hip-Hop Formation K.I.Z. bei einem Auftritt auf dem Southside Festival.

Wie viel Politik steckt in Hip-Hop?

Hip-Hop war und ist sehr politisch. Schon in der Entstehungsgeschichte steckt Politik darin, und Rap wurde nicht ohne Grund lange Zeit als Ghetto-Nachrichtensender bezeichnet. Auch in Frankreich stellen Rap-Songs nicht selten Kritik am politischen System dar oder geben Jugendlichen aus den „Banlieues“ eine Stimme. In den USA ist es genauso: Dort wie hier werden soziale Missstände oder Diskriminierung thematisiert. Menschen, die sonst kein Teil des Systems sind, nicht gehört werden oder sich nicht äußern können, bekommen durch Rap ein Sprachrohr. Rap ist nicht selten Protestmusik und das Anprangern von Missständen.

Früher spiegelten Texte über Drogen, Armut oder Kriminalität den Alltag der schwarzen Unterschicht – der die Rapper selbst angehörten – wider. Welche Probleme werden heute thematisiert?

In Deutschland sind die AfD, Fremdenhass, Migration oder Asyl Themen, die explizit behandelt werden. Natürlich hängt es stark von den Künstlern ab. So gibt es beispielsweise Künstler, die sich dezidiert politisch äußern und zum Beispiel sogenannte Diss-Tracks gegen die AfD aufnehmen. Es gibt Künstler, die von ihrer Lebensrealität sprechen, da geht es dann schnell mal um Abschiebehaft oder den Aufenthaltsstatus. Weltweit geht es um soziale Ungerechtigkeiten, „racial profiling“, Tages- oder Mediengeschehen sowie Kriege und Konflikte. Rap ist ein Spiegel der Gesellschaft und bildet alle Facetten ab.

Ist Hip-Hop wegen dieser politischen Statements international so erfolgreich oder eher trotz der politischen Inhalte?

Erfolgreiche Rapper sind nicht zwingend sonderlich politisch. Allerdings hat Rap-Musik einen beispiellosen Siegeszug hinter sich, zum Teil gerade wegen politischer Inhalte. Künstler wie Kendrick Lamar, der sich stark mit der „Black Life Matters“-Kampagne solidarisiert, sind nicht nur, aber auch wegen ihrer politischen Inhalte international so erfolgreich. In den USA gab es eine komplette Tour von Rap-Künstlern, die sich gegen Donald Trump positionierten.

Auch in Deutschland gibt es Künstlerinnen und Künstler, die – zumindest zu einem Teil – politische Inhalte nutzen und damit kommerziell erfolgreich sind. So prangert beispielsweise der Frankfurter Rapper Haftbefehl soziale Missstände in Deutschland an.

Politische Inhalte können auch als Marketinginstrument genutzt werden.

Im Rap ist allerdings häufig die Form entscheidender als der Inhalt. Ein bestimmtes Image, gute Technik oder Beats sind dann wichtiger als die Botschaft. Eigenschaften, die politischer Rap hierzulande manchmal vermissen lässt. K.I.Z. ist zum Beispiel eine sehr politische Gruppe mit großem kommerziellen Erfolg und schafft den Spagat zwischen Inhalt und guter Technik. Die rappen dann Zeilen wie „Denkt ihr, die Flüchtlinge sind in Partyboote gestiegen / Mit dem großen Traum, im Park mit Drogen zu dealen?“ und positionieren sich damit natürlich explizit politisch.

Politische Inhalte können aber auch als Marketinginstrument genutzt werden. Einige Rapper sprechen sich etwa deutlich gegen die AfD aus und benutzen das vielleicht in einer Promotion-Phase des neuen Albums als Aufhänger. Es gibt aber auch Nazi-Rap oder islamistischen Rap.

Wie darf man sich denn solchen Rap vorstellen? Welche Inhalte werden darüber transportiert?

Das ist alles sehr explizit. In diesen Texten werden beispielsweise die Anschläge in Paris gut geheißen oder zum Dschihad aufgerufen, das ist gewaltverherrlichende Propaganda. Dasselbe gilt für Nazi-Rap. Aber auch daran sieht man wieder, wie sehr Rap alle Seiten der Gesellschaft abbildet, eben auch diese Auswüchse.

Musik hat großen Einfluss auf Jugendliche. Können Rap-Texte als Mittel dienen, um junge Menschen, die sich sonst nicht für Politik interessieren, zu erreichen?

Natürlich ist man als Konsument von Rap-Musik dazu angehalten, sich mit den Inhalten zu beschäftigen. Sind diese Inhalte nun politisch, so kann Rap-Musik sicherlich auch eine Art „politische Bildung“ sein. Der Berliner Rapper Bushido hat behauptet, er würde die AfD wählen wollen. Das hat unter seinen Fans große Diskussionen ausgelöst. Er hat einen Migrationshintergrund – warum könnte er die AfD wählen wollen? Für was stehen die? Ein anderes Beispiel ist die Palästina-Reise des Rappers Kollegah. Dieser hat dort eine Schule gegründet. Das ganze fand in der Promotion-Phase seines neuen Albums statt. Die Aktion war politisch relativ einseitig: Er hat dafür positive und negative Kritik bekommen. „Politische Bildung“ in Musik stößt da schnell an ihre Grenzen, denn die Qualität steht und fällt mit den Aussagen des Künstlers.

Im Allgemeinen kommt es natürlich auch stark auf die Zielgruppe an: Auf junge Menschen kann es abschreckend wirken, wenn die politische Botschaft im Vordergrund steht. Es gibt hierzulande eine ganze Bewegung an kritischen Rappern, die explizite politische Botschaften haben. Meistens sind diese jedoch nicht sonderlich erfolgreich und sprechen eher Nischengruppen an. Dennoch können politische Texte dazu führen, dass sich gerade junge Menschen mit solchen Inhalten auseinandersetzen. Dieser Zugang ist wie bei anderen Kulturgütern natürlich möglich. 

Für Rapper ist Glaubwürdigkeit wichtig. Die Gefahr ist groß, durch politische Botschaften irgendwie peinlich oder unglaubwürdig zu wirken.

Heute ist Hip-Hop weit gekommen: Rapper wie Kanye West oder Busta Rhymes mischten im US-Wahlkampf mit. Common oder Pusha T berieten Barack Obama, wie man die Zahl jugendlicher Gefängnisinsassen verringern könnte. Ist so ein Modell der Verzahnung von Politik und Hip-Hop für Deutschland vorstellbar oder abwegig?

Für Rapper ist Glaubwürdigkeit wichtig. Die Gefahr ist groß, durch politische Botschaften irgendwie peinlich oder unglaubwürdig zu wirken. Allerdings gibt es solche Kooperationen zum Teil bereits heute: Bushido hat sogar schon einmal ein Praktikum in der Politik gemacht; es gibt eine „Deutschland-Hymne“ der ARD, in der Sido mitwirkt und eine Cannabis-Präventionskampagne des Berliner Senats, bei der ein Rapper mit einem Lied mitgewirkt hat. Die Partei „Die Partei“ arbeitet mit den Rappern von K.I.Z. zusammen – man konnte sie sogar in Berlin wählen – auch wenn das nicht sehr ernst zu nehmen ist. Es gab auch Rap-Songs, die auf Pegida-Demonstrationen liefen, wenn auch unfreiwillig.

Wohin das allerdings langfristig führt, ist nicht absehbar. Aber man kann sich gut vorstellen, dass es auch in der Zukunft zu einigen Kooperationen kommen wird.

Wen sollte man hören, wenn man sich besonders für politische Botschaften im Deutsch-Rap interessiert?

K.I.Z. kann man sicher empfehlen. Allerdings haben die einen sehr eigenen Humor, der nicht für jedermann/frau ist. Ansonsten kann ich Audio88 & Yassin, Sookee, Fatoni, Kobito oder Zugezogen Maskulin empfehlen.

Die Fragen stellte Christoph Mohr.

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