Kopfbereich

Beistand von oben?

Muss sich die britische Linke auf die Religion besinnen?

Picture Alliance
Picture Alliance
Darstellung des Heiligen Geists im Chorraum von St. Peter in Jaffa, Israel.

Jüngst erschien ein umfangreicher Bericht über das öffentliche Leben in Großbritannien, verfasst vom ehrwürdigen Woolf Institute. In dem Bericht wird einmal mehr auf die Vielfalt und die überwiegend säkulare Ausrichtung Großbritanniens hingewiesen und gefordert, diesem Umstand im öffentlichen Leben stärker Rechnung zu tragen. Da sich mittlerweile fast die Hälfte der Nation als nichtreligiös bezeichnet, dürfe man nicht mehr so tun, als sei Großbritannien nach wie vor ein christliches Land mit einer etablierten Kirche. Zwar gibt es formal diese etablierte Kirche, doch fühlen sich weniger als zwanzig Prozent der Briten mit ihr verbunden. Es ist kompliziert.

Dies wirft die Frage auf, ob die Religion in der britischen Politik überhaupt noch eine Rolle spielt. Abgesehen von der Angst vor dem muslimischen Extremismus steht Religion nur selten im Mittelpunkt des politischen Diskurses. Mal kritisiert ein Bischof die Wirtschaftspolitik der Regierung, ein bekanntes Ritual im politischen Geschäft, das niemanden überrascht. Mal streiten Gläubige und Verfechter des Säkularismus über den Umgang mit religiösen Symbolen; so wurde kürzlich darüber diskutiert, ob ein Werbespot, in dem das Vaterunser vorkommt, im Kino gezeigt werden darf. Doch Politiker halten sich aus solchen Streitigkeiten meist heraus. Religion spielt daher oberflächlich betrachtet in der Politik keine große Rolle. Doch unter der Oberfläche ist sie in den Ideologien der großen Parteien ein potenziell wichtiger Faktor.

Wie kompliziert die Stellung der Religion in Großbritannien ist, lässt sich an den Chefs der drei wichtigsten traditionellen Parteien illustrieren. David Cameron ist Anglikaner (also Mitglied der Church of England). Sein persönliches Interesse an der Religion hält sich aber offenbar in Grenzen: Er ist ebenso wenig aus eigenem Entschluss Anglikaner, wie er aus eigenem Entschluss Snob und Engländer ist. Trotzdem weiß er die Religion als Bestanteil der Tradition und als Quelle gemeinschaftlicher Werte durchaus zu schätzen und schickt seine Kinder in eine kirchliche Schule. Letztes Jahr erklärte er, Religion sei ihm wichtig, vermittelte aber bewusst den Eindruck eines zurückhaltenden, moderaten Christen, dessen Glaube an Gott unbeständig und unsicher ist. Cameron bezeichnete Großbritannien auch als christliches Land. Das hat ihm vermutlich nicht geschadet, denn die anderen wichtigen Parteivorsitzenden waren zu dieser Zeit selbst erklärte Atheisten, deren einer, Labour-Chef Ed Miliband, sich allerdings als »jüdischen Atheisten« bezeichnete und damit sein grundsätzliches Wohlwollen gegenüber der Religion zum Ausdruck brachte.

Die Labour Party ist ja tief im christlichen Sozialismus verwurzelt – Berühmtheit erlangte die Aussage, dass die Partei dem Methodismus mehr verdankt als Marx.

Der neue linke Parteichef der Labour Party Jeremy Corbyn ist ein relativ typischer Vertreter der säkularen Linken. Doch als Politiker muss er sein Misstrauen gegenüber der Religion mäßigen und die Arbeit der »Glaubensgemeinschaften« loben. Die Labour Party ist ja tief im christlichen Sozialismus verwurzelt – Berühmtheit erlangte die Aussage, dass die Partei dem Methodismus mehr verdankt als Marx. Die protestantische Basis brach ihr vor Jahrzehnten weg, doch im Norden Englands sind die Verbindungen zur römisch-katholischen Kirche nach wie vor eng. Corbyn selbst gehört zur säkularen Linken; insgeheim ist er wahrscheinlich mit Marx einig, dass Religion das Opium des Volkes sei. Er lehnt konfessionelle Schulen ab, verzichtet aber darauf, als Parteiführer ein so kontroverses Thema auf die Tagesordnung zu setzen.

Tim Farron, der Chef der Liberaldemokraten, der kleinsten der drei traditionellen Parteien, ist ein sehr frommer Christ, der dem evangelikalen Flügel der Kirche von England angehört. Als Farron Anfang 2015 Parteichef wurde, fühlte man ihm wegen seines Glaubens wiederholt auf den Zahn, als müsse man fürchten, dass seine Religiosität sein politisches Urteilsvermögen schmälert. Das illustriert, wie selten ein aktiv gelebter Glaube unter Führungspolitikern ist.

Wenn man die Haltung der drei Parteichefs betrachtet, dann ist Camerons Position politisch die nützlichste. Obwohl weniger als die Hälfte der Briten angibt, egal welchem christlichen Glauben anzuhängen, fühlt sich mehr als die Hälfte bei einem vage christlichen Regierungschef in guten Händen und billigt auch die Stellung der Queen als Oberhaupt der Church of England. Das trifft besonders auf ältere Menschen zu, die auch häufiger wählen gehen. Für einen konservativen Politiker ist eine moderat anglikanische Position somit ein Selbstläufer. Sie vermittelt Stabilität, Tradition, Ordnung und liberales Maßhalten.

Richtig eingebracht, kann Religion die Wirkung einer progressiven Vision verstärken.

Für progressive Politiker ist die Wirkung der Religion schon weniger berechenbar. Richtig eingebracht, kann Religion die Wirkung einer progressiven Vision verstärken. Doch dieser Versuch kann auch schiefgehen und einem bereits unbeliebten Politiker zusätzlich schaden. Die eigentümliche Karriere des Tony Blair illustriert beide Phänomene. Im Jahr 1997 war sein christlicher Glaube ein wichtiger Faktor eines unspezifischen sozialen Idealismus, der im Volk auf breite Zustimmung stieß. Blair war so etwas wie ein idealistischer Vikar, der aber für die Kirche ein bisschen zu cool war. Doch nach 2003 und der Irakinvasion verstärkte seine Gläubigkeit die Wahrnehmung, dass er ein wirrer Eiferer sei, die schlimmste Sorte „Überzeugungspolitiker“, und diese Wahrnehmung nahm bald überhand.

Labour hat sich von Blair nicht mehr erholt. Die Partei hat ihren moderaten Flügel wegen seiner Blair-Aura gestutzt und ist zu alten linken Gewissheiten zurückgekehrt, obwohl diese Richtung nachgewiesenermaßen ihre Wirkung einschränkt. Auch die religiöse Dimension ist durch die Assoziation mit Blair hinfällig. Es ist schwer vorstellbar, dass ein aufsteigender Labour-Politiker die religiöse Basis seines sozialen Idealismus betont, weil davon auszugehen ist, dass sich die Nation vor religiösem Überschwang in Acht nimmt. Andererseits steckt der säkulare soziale Idealismus in der Krise: Er bezieht sich auf den gescheiterten Dogmatismus der Vergangenheit, den eine klare Mehrheit der Briten genau dort belassen will. Gebraucht wird erneut ein eher unspezifischer Sozialismus – doch der wäre auf eine Führungsfigur angewiesen, die Authentizität, Überzeugung und Vertrauen ausstrahlt. Diese Quadratur des Kreises kann vielleicht nur einer gläubigen Persönlichkeit gelingen, die eine starke moralische Vision bar jedes gefährlichen Dogmatismus vermittelt.

Skepsis und Pragmatismus, die den Briten so im Blut liegen, lassen sich nur durch den Zusammenschluss von politischem und religiösem Enthusiasmus überwinden.

Progressive Politik scheint demnach die Religion zu brauchen, wenn sie ihre Basis über die bereits an sie gebundene Minderheit hinaus vergrößern will. Obwohl die Bindung an die Kirche nachgelassen hat, gibt es nach wie vor viel mehr Gläubige als aktive Linke. Skepsis und Pragmatismus, die den Briten so im Blut liegen, lassen sich nur durch den Zusammenschluss von politischem und religiösem Enthusiasmus überwinden. Die Labour Party muss um einen aufsteigenden Stern beten, der vollbringt, was Tony Blair vollbrachte, ohne jemanden an Tony Blair zu erinnern.

Natürlich wird der alte religiöse Sozialismus nicht wiederkehren. Doch sein Ideal eines Neuen Jerusalem, das auf gemeinschaftlicher Anstrengung gründet, besteht fort. Die Schnittmenge von Christentum und progressiver Politik ist tief in der britischen Psyche verwurzelt. Intellektuelle scheinen sich wieder stärker darauf zu besinnen. Die vielleicht intelligenteste Reaktion des letzten Jahrzehnts auf Richard Dawkins' stumpfen Atheismus stammt vom marxistischen Denker Terry Eagleton. Er bat die Atheisten anzuerkennen, dass der gesamte westliche Humanismus einschließlich des Sozialismus religiöse Wurzeln hat. Diese Grundaussage (die fast zu elementar ist, als dass sie in den vergangenen Jahrzehnten überhaupt formuliert worden wäre) machten auch Bernhard-Henri Lévy, Jürgen Habermas und andere. Wenn sich mehr Intellektuelle auf die Ursprünge besinnen und die religiösen Wurzeln progressiven Denkens herausstreichen, könnte Bewegung kommen in die scheinbar statische politische Landschaft, in der der christliche wie auch der linke Idealismus im Schatten des neoliberalen Pragmatismus stehen.

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Bestellen Sie hier den Newsletter.