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Mit China prallt nichts zusammen

Entgegen allen Behauptungen findet ein „Kampf der Kulturen“ mit China nicht statt.

Kultur oder Zivilisation? Clash zwischen was und zwischen wem? Das sind Fragen, die um Huntingtons These des „Clash of Civilizations“ herumgeistern. Bezogen auf „Kultur“ im deutschen Kontext geht man von einer bestehenden Größe aus. Bezogen auf „Zivilisation“ sind Prozesse in Kulturräumen im Fokus. Also: Prallen Bestände aufeinander – also etwa Chinas Kultur auf die westliche? Oder verzahnen sich Prozesse aus diversen Kulturräumen, beladen mit Aggressionspotential: Islamisierung versus Demokratisierung?

In puncto China versus Westen trügt der Eindruck, dass verschiedene Bestände aufeinander prallen. China wird „westlicher“ und findet sich so verändert in westlich „normalen“ Diskursen wieder. Gleich strukturierte Online-Firmen konkurrieren nach gleichen Regeln. Behörden benutzen augenscheinlich gleiche Konzepte wie „Kartellrecht“ oder „Verfahrensgerechtigkeit“. Auch in China sind erpresste Beweise de jure ungültig. Intellektuelle gewöhnen sich hüben wie drüben daran, das Verhältnis von Staat und Gesellschaft von der Warte des Steuerzahlers aus zu beurteilen. Und diesen Steuerzahlern ist der Staat, auch ein offiziell kommunistischer, verpflichtet.

Chinas merkantilistischer Staat fordert marktwirtschaftlich getragene Staaten im Westen heraus. Nach US-amerikanischen Methoden geschulte Streitkräfte stehen bereit, jeden, der Chinas Nationalinteressen gefährdet, eines Besseren zu belehren.

Entgegen allen Behauptungen aus Peking über einen ureigenen chinesischen Weg in die Moderne, formiert sich ein Staatswesen, das alle historischen Prozesse zu durchlaufen scheint, die vor China westliche Staaten durchlaufen haben.

Was Prozesse angeht: Entgegen allen Behauptungen aus Peking über einen ureigenen chinesischen Weg in die Moderne, formiert sich ein Staatswesen, das alle historischen Prozesse zu durchlaufen scheint, die vor China die westlichen Staatswesen durchlaufen haben. Noch die Ambivalenz der postulierten linearen Entwicklung ähnelt der westlichen Moderne: Lobbyismus jeglicher Couleur, soziale Netzwerke, die ihre Spielräume erzwingen, Frauengruppen und pro-gewerkschaftliche Initiativen nehmen zu. Abstiegsangst in Wirtschaftskrisen treibt die urbane Mittelschicht um und lässt ein ganzes Spektrum politischer Lösungs- bzw. Erlösungsideen aufscheinen: Marxistische Ideen über ideologisch kontrollierte Gemeinwesen; nationalistische Vorstellungen über einen starken Staat;  liberalistische Verheißungen über die Kraft des atomistisch-freien Marktes, der alle Probleme löst. Und natürlich die traditionalistische Variante, der zufolge ein angepasster Konfuzianismus nicht nur China, sondern auch die Welt in eine endzeitliche Harmonie führt. 

Zumindest das chinesische Beispiel relativiert deshalb Huntingtons Idee vom „Clash of Civilizations“. Zu beobachten sind Clashes innerhalb von Zivilisation(en). Chinas Gegensätze auf dem Weg in die Moderne sind nicht zivilisatorischer Natur und nicht verwurzelt in den Unterschieden, die man bei einer angeblich so sehr dem Westen fremden Kultur vermuten könnte.

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1 Leserbriefe

MAx schrieb am 27.02.2015
Durchaus sinnvoll, mal an der staatlichen Propaghanda zu kratzen. Chinesischer Weg? Die Ideale von Konfuzius? Nein: Es geht um Kapital und das versteht sich über kulturelle Grenzen hinweg ganz prächtig...
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