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Mut zum Experiment
Wie ein Gesellschaftsmodell für das 21. Jahrhundert aussehen könnte.

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AFP
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So hat man sich im 19. Jahrhundert das Jahr 2000 vorgestellt.

Es ist ein wissenschaftliches Großprojekt: Mehr als 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlichster Nationalitäten und fachlicher Hintergründe erarbeiteten über rund vier Jahre Perspektiven für das Gesellschaftsmodell des 21. Jahrhunderts. Dieses International Panel on Social Progress (IPSP)hat seinen Bericht vorgelegt: Rethinking Society for the 21st Century.

Anders als viele andere Expertenpanels, wagt sich das IPSP bis an die Wurzel der Probleme vor und stellt Fragen, die den Kern unserer Gesellschaftsarchitektur betreffen. Der interdisziplinäre Ansatz des Vorhabens berücksichtigt dabei sowohl sozioökonomische als auch politische und kulturelle Aspekte – und erarbeitet so Entwicklungsperspektiven, die der Komplexität moderner Gesellschaften Rechnung tragen.

Mit Blick auf die sozioökonomischen Herausforderungen unserer Zeit widmet sich der Bericht zunächst den wirtschaftlichen Disparitäten, die zunehmend den sozialen Zusammenhalt zu gefährden drohen. Er deckt den Konflikt zwischen Wachstumsdoktrin und Umweltschutz auf, problematisiert die institutionelle Ordnung der Finanzmärkte und weist zu Recht darauf hin, dass letztlich vor allem wirtschaftspolitische Parameter über gesamtgesellschaftliches Wohlergehen und soziale Gerechtigkeit entscheiden.

Vorläufig scheint die Menschheit auf dem Zenit angelangt – und der Höhepunkt könnte sich zum Wendepunkt entwickeln, der neben den Errungenschaften wohlmöglich auch das menschliche Überleben selbst gefährden könnte.

In seinem zweiten Teil wendet sich der Bericht der politischen Sphäre zu. Neben den weltweiten Herausforderungen für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit erörtern die Autorinnen und Autoren Möglichkeiten der Gewaltprävention in politischen Konflikten und widmen sich der Frage nach der Leistungsfähigkeit supranationaler Institutionen.

Als sei das alles der Komplexität noch nicht genug, adressiert der Bericht auch den so prominent beschrienen Kultur- und Wertewandel, der im Zuge der Globalisierung eine neue Dynamik gewonnen hat. In einzelnen Beiträgen widmen sich die Forscherinnen und Forscher dabei unter anderem der komplexen Beziehung zwischen Religion und sozialem Fortschritt, den Herausforderungen des Wandels traditioneller Familienstrukturen der politischen Bedeutung von Fragen der Gesundheit, von Leben und Tod, von gesellschaftlicher Solidarität und sozialer Zugehörigkeit.

Wem die Zeit für eine ausführliche Lektüre des Berichtes fehlt, seien folgende Kernbotschaften der Verfasserinnen und Verfasser mit auf den Weg gegeben: Zweifelsohne ist es der Menschheit in den vergangenen Jahrhunderten gelungen, beträchtliche Fortschritte zu erzielen. Vorläufig scheint sie nun aber auf dem Zenit angelangt – und der Höhepunkt könnte sich zum Wendepunkt entwickeln, der neben den Errungenschaften wohlmöglich auch das menschliche Überleben selbst gefährden könnte.

Die Bewältigung dieser Herausforderungen erfordert Reformen. Schmerzhafte Reformen – vor allem für einzelne Interessengruppen. Auf allgemeinen Grundsätzen basierend, gelten sie jedoch als legitim und können als Chance für die Entwicklung partizipativer Governance-Mechanismen betrachtet werden.

Auf die Fragen nach dem „Wie?“ des sozialen Fortschrittes gibt es mehr als nur eine Antwort. Während es an Ideen kaum mangelt, geht es jetzt darum, dem Wandel der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Verhältnisse mit einem gesunden Maß an Experimentierfreude zu begegnen.

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