Wir können uns vorstellen, dass das Leben als ehemaliger Präsident der Vereinigten Staaten nicht einfach ist. Es ist schwer, eine Beschäftigung zu finden, die ähnlich viele „Gadgets“ mit sich bringt oder ähnlich viel Spaß macht.

Lieber Mr. President,

Sicherlich, Ihr Lebenslauf qualifiziert Sie für viele spannende Positionen, die allesamt vielversprechend klingen. Mit 55 Jahren kann man sich zudem auch noch umorientieren und ist noch weit von der Rente entfernt.  Doch ist das Leben „after the presidency“ voller Tücken… Aus diesem Grund hier sechs Dinge, die Sie bitte nicht tun sollten:

1. Sondergesandter des Nahost-Quartetts werden

Warum nicht? Darum: Das Quartett wurde 2001 als Zusammenschluss der Vereinigten Staaten, Russlands, der Europäischen Union und der Vereinten Nationen gegründet. Der Plan: zusammenführen, was zusammen gehört, den israelisch-palästinensischen Konflikt endlich konstruktiv bearbeiten und dabei nicht zuletzt die wirtschaftliche Entwicklung der palästinensischen Wirtschaft in den Blick nehmen. Am 27. Juni 2007 dann der Coup: Rt. Hon. Anthony Charles Lynton Blair, vulgo Tony, übernimmt das Ruder. Der Premierminister seiner Majestät a.D. soll als politisches Schwergewicht das Unmögliche möglich machen. Tatsächlich wird Blair noch am Tag seines Rücktritts aus der Downing Street im Rekordtempo zum Sondergesandten des Quartetts in Jerusalem ernannt. Logistische Probleme sind schnell geklärt, denn man entschied sich flugs für das Beste. Der Sondergesandte zog in das prestigeträchtige Luxushotel American Colony in Jerusalem. Dort bleibt Blair mitsamt Stab für volle vier Jahre (Blair ist jedoch persönlich nur selten vor Ort).

Andere Fragen, wie etwa wiederholte kriegerische Auseinandersetzungen um Gaza, militärische Checkpoints, Terroranschläge und verschobene Wahlen, erweisen sich als etwas dickere Bretter. Blair-Fans verweisen auf sein begrenztes Mandat. Seine Kritiker auch. Weshalb nimmt er seine Kompetenzbeschneidung so klaglos hin?

Nach insgesamt acht Jahren als Gesandter wirft Blair im Mai 2015 das Handtuch. Die Bilanz: Stillstand, Enttäuschung und bestenfalls kosmetische Veränderungen „on the ground“. Spötter klagen, unter seiner Ägide habe die Anzahl militärischer Checkpoints im Heiligen Land nicht ab-, sondern noch zugenommen. Und zwar genau um einen – auf der Zufahrt zum American Colony Hotel. Die Eigentümer des palästinensischen Buchladens auf dem Hotelgelände verwendeten Blairs Memoiren vor diesem Hintergrund übrigens bis vor kurzem täglich – als Tritt für höherliegende Regale und als Fußabtreter. Kurzum: Quartettgesandter: Nicht zu empfehlen.

2. Ihre Frau zur nächsten Präsidentin aufbauen

Was ist der Unterschied zwischen dem verfassungsmäßigen Ideal der Vereinigten Staaten von Amerika und Sascha Baron Cohens Wüstenfürstentum der „Republik Wadiya“? Richtig: Zum Präsidenten wird man gewählt, nicht geboren. Das soll nach Möglichkeit so bleiben. Auch unter Präsident Trump. Denn Erbmonarchien haben einen entscheidenden Nachteil: Sie verwechseln Leistung mit Anspruch, und am Ende dieser Entwicklung sitzen regelmäßig Caligula und Nero am Steuerknüppel – oder, für den, der es näher mag: Kaiser Wilhelm Zwo. Nicht gut. Auch nicht mit den besten Intentionen.

Deswegen ein Rat an den scheidenden Präsidenten Obama: Tun Sie der Demokratie einen Gefallen und verzichten Sie darauf, den Präsidententitel an die Frau Gemahlin oder an die Töchter zu vermachen. Tun Sie es nicht. So qualifiziert sie auch sein mögen. Unter den 318,9 Millionen Amerikanerinnen und Amerikanern wird sich jemand finden lassen, der oder die keiner Präsidentendynastie entstammt. Ihr müsst nur richtig suchen, dann klappt das! Wenn Jeb und Hillary diese Mahnung berücksichtigt hätten, säße jetzt bald jemand anderes im Oval Office – und die Vereinigten Staaten wären ein Stück weiter entfernt von der gruseligen Wirklichkeit der Republik Wadiya.

3. Einen Herrenduft kreieren

Die Luft in Washington ist manchmal „stickig“ und nicht selten bekommt man derzeit zu hören, Politik stinke. Ja, selbst Präsident Obama wurde vorgeworfen, dass er komisch rieche. Wir wünschen uns dennoch, dass er in Zukunft kein eigenes Parfüm oder eine eigene Fankollektion herausgibt – auch wenn „President Nr. 44“ ein verdammt cooler Name wäre und im Weihnachtsverkauf zum Kassenschlager bei Douglas werden könnte. Anstatt einem seltsamen Personenkult mit Parfüm, T-Shirts, Wanduhren, Kaffeetassen oder Handycases nachzugeben, behalten wir Obama lieber für seine Politik in den letzten acht Jahren und seine menschliche Art in Erinnerung. Zu viele Fanartikel sprechen nicht unbedingt für ein gutes politisches Vermächtnis. Unsere Empfehlung deshalb: mehr kluge Kommentare, die dabei helfen, die Nation zu einen, und weniger „President Nr. 44“. Wir glauben Ihnen auch so, dass Sie gut riechen.

4. In die Wirtschaft wechseln

Nicht nur, weil der russische Gasgigant Gazprom seit geraumer Zeit große Verluste am Kapitalmarkt einfährt, ist es keine gute Idee, dort oder in einem anderen großen Konzern (nein, auch nicht bei Halliburton) als Aufsichtsratschef anzuheuern. Nicht nur, weil das ein „Gschmäckle“ hat oder Gazprom ein russischer Staatskonzern ist, sondern vor allem, weil schon allein der Verdacht auf unternehmensfreundlichere Entscheidungen im Amt zugunsten des neuen Dienstherren das Vertrauen in die Demokratie fundamental beschädigen würde. Das brauchen die Vereinigten Staaten gerade nicht. Absolut nicht. Ein Wechsel in die Wirtschaft ist also mit Vorsicht zu genießen und sollte gut überlegt sein. Wenn es denn unbedingt sein muss, dann bitte etwas Zeit vergehen lassen und den Konzern, der einen neuen Cheflobbyisten benötigt, mit Bedacht auswählen. Noch lieber wäre es uns, Sie würden es ganz lassen, denn die Air Force One können Sie sich auch mit dem üppigsten Gehalt nicht kaufen, Mr. President.

5. Reden an der Wall Street halten

Alle ehemaligen Staats- oder Regierungschefs werden im Ruhestand zu Vortragsreisenden: Joschka Fischer, Tony Blair, Mary Robinson, Michail Gorbatschow, Gordon Brown, you name it. Sie werden sich vor Anfragen kaum retten können, Mr. President. Ihre herausragenden Qualitäten als Redner sind unbestritten. Wenn Sie klug sind, und das ist anzunehmen, werden Sie die besonders lukrativen aus der Wirtschaft ablehnen. Tabu sind dabei führende Finanzunternehmen. Hillary Clinton hat sich durch ihre große Nähe zur Wall Street und dem großen Geld angreifbar und unglaubwürdig gemacht. Wenn es unbedingt Reden sein müssen, dann an Universitäten, in Schulen und bei Wohlfahrtsorganisationen. Vielleicht fällt für Sie auch ein Job als Friedensbotschafter bei den UN ab.

6. Eine Stiftung gründen

Eine äußerst verlockende und naheliegende Beschäftigung als Privatier ist auch die Gründung einer Stiftung. Die Barack-und-Michelle-Obama-Stiftung sieht man praktisch schon vor sich. Auch davor sei gewarnt: Die „Clinton Foundation“, 1997 vom scheidenden 42. Präsidenten Bill Clinton gegründet, eignete sich wunderbar zur Wahlkampffinanzierung, zum Durchschleusen von viel Geld und zum Vertuschen. Selbst wenn Letzteres gar nicht der Fall war, die schiere Möglichkeit hat Verschwörungstheorien den Boden bereitet und Donald Trump eine Steilvorlage gegeben, um Hillary Clinton weiter in die Ecke des Betrugs zu drängen. Nun müssen Sie nicht mehr für ein hohes Amt kandidieren und beim Volk Ihre Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen. Dennoch müssen auch Sie sich um Ihr Ansehen kümmern und Ihr Kapitel im Geschichtsbuch der Vereinigten Staaten schreiben. Eine Stiftung, wie wohltätig auch immer, hilft dabei nicht.

Was Sie aber dennoch tun könnten:

Eigentlich hätten Sie natürlich am liebsten US-Präsident bleiben sollen, aber wenn das schon nicht geht, präsidentiell sollte es schon bleiben. Jetzt haben wir in Europa keine ähnlich mächtigen Präsidentenämter zu vergeben. Aber ganz uneigennützig und auch ohne das mit unseren Nachbarn abgesprochen zu haben, mal unter uns, wie wäre es denn mit Wien oder Paris? Die Grande Nation zu alter Größe zurückzuführen, wäre das nicht eine stilvolle Antwort auf den neuen Kollegen im Weißen Haus? Auch die Alpenrepublik hat schon bessere Tage erlebt. Es heißt doch immer, die Trends aus den USA kommen zehn Jahre später auch in Europa an. Dies galt bislang als Naturgesetz. Ist es also ein Fehler in der Matrix, dass wir den Rechtspopulismus nun schon zeitgleich mit den USA erleben müssen? Können wir nicht bitte nochmal die Snooze-Taste auf der Weltuhr drücken und „Hope“ und „Change we can belive in“ erleben? Please say: „Yes, we can“.

Beiträge von Hannes Alpen, Michael Bröning, Christoph Mohr, Anja Papenfuß.