Kopfbereich

Realitätsverlust in Remainia
Warum die Kampagne der EU-Befürworter scheitern musste.

Von |
Picture Alliance
Picture Alliance
Wenn man sich von der Realität abwendet, passiert Brexit.

Meinungen über den Brexit und seine Gründe kann man zuhauf finden – auch auf Seiten der IPG. Die üblichen Verdächtigen sind schnell verhaftet: der miese Populismus von Boris und Konsorten, die zynische Boulevard-Presse, die beschränkten Alten, die Trennung zwischen moderner Metropole und rückständiger Landregion, die lauwarme Unterstützung der „Remainer“ durch den durchgeknallten Leftie Jeremy Corbyn. Die Leute waren einfach zu doof, haben es nicht begriffen, bedauern jetzt schon ihre Entscheidung. Diese Gemeinplätze, so der ehemalige LSE-Politologe John Gray in einer lesenswerten Analyse im New Statesman, werden die nächsten Wochen und Monate noch zur Genüge recycelt werden. Gray sieht allerdings Größeres am Werk: „The biggest shock on the establishment since Churchill was ousted in 1945“. Für ihn bedeutet der Brexit das Ende einer ideologischen Ära weltweit. „A revolt of the masses is under way, but it is one in which those who have shaped policies over the past twenty years are more remote from reality than the ordinary men and women at whom they like to sneer.“

Wie diese Wirklichkeitsferne konkret ausgesehen hat, beschreibt der Guardian-Journalist Rafael Behr in einem exzellenten Artikel in der „Long-read“-Serie des Guardian: „How remain failed: the inside story of a doomed campaign.“ Dort wird die Kampagne der „Britain-Stronger-In“-Kampagne beschrieben, von ihren frühen Anfängen als Joint Venture von Downing Street, altem Labour-Establishment (vor allem Peter Mandelson), der City und anderem Großkapital. Die Expertise, die Meinungsforschung und die Kampagne sind vom Feinsten: Nicht nur „the Whitehall machine“ der Ministerialverwaltung, sondern auch das Meinungsforschungsinstitut Populus und der Obama-Wahlkampfguru Jim Messina werden engagiert und in Stellung gebracht. Auch in der aus verschiedenen Parteien zusammengestellten Kampagnenzentrale stellt sich bald eine gute Atmosphäre ein, beruhend auf einer gemeinsamen Weltsicht, einer Fusion aus sozialem und wirtschaftlichen Liberalismus: „The ruling class of an unrecognised state – call it Remainia – whose people were divided between the Conservatives, Labour and Lib Dems; like a tribe whose homeland has been partitioned by some insouciant Victorian cartographer.“

Irgendwann bricht in dieses Establishment-Paradies allerdings die Wirklichkeit ein. Die Umfragewerte entwickeln sich in die falsche Richtung. Die Ergebnisse der Verhandlungen mit der EU können den Briten nicht als Erfolg verkauft werden. Immigration erweist sich als weit wichtigeres Thema als die „Remain“-Kampagne erwartet hatte. Sie hatte – nicht zuletzt auf Druck von David Cameron und seinen Beratern – fast ausschließlich auf die wirtschaftlichen Argumente gesetzt, sicher, dass die Menschen letztlich aus Angst vor den ökonomischen Folgen für den Status quo stimmen würden. Dabei hatten sie aber einige Aspekte der Lebenswirklichkeit vieler Briten ein bisschen verdrängt. Behr zitiert einen Verantwortlichen der „Remain“-Kampagne mit den Worten: „Emotional fear wasn’t credible because they felt their lives were already shit.” Auch ein verstärktes Last-minute-Engagement der Labour Party kann daran nichts mehr ändern.

Letztlich scheiterte die „Remain“-Kampagne des Establishments an der Erfahrungswelt einer Mehrzahl von Briten, die mit dem was die Politik ihnen in den letzten Jahrzehnten gebracht hat, nicht zufrieden sind. Vor allem die sozial schwächeren Briten stimmten massiv für den Austritt. Die Brexiteers waren, wie es Peter O'Neill im Spectator formulierte „weder blöde noch rassistisch: nur arm.“ Great Britain erweist sich als ein anderes Land als Remainia.

John Gray unterstreicht den Grundfehler der „Remain”-Kampagne mit einem bemerkenswerten Satz: „The error of progressive thinkers in all the main parties was to imagine that the discontent of large sections of the population could be appeased by offering them what was at bottom a continuation of the status quo.“ Genau dies ist das Grundproblem der etablierten Politik auch woanders, in den USA genauso wie in Europa: „More of the same“ ist für eine wachsende Anzahl von Menschen einfach keine verlockende Option mehr.

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Bestellen Sie hier den Newsletter.

2 Leserbriefe

gabriele schrieb am 26.07.2016
da ist absolut was dran!
sehr guter Beitrag, finde ich
Wilbertz, Peter schrieb am 01.08.2016
Das ist ein interessanter Aspekt. "Remainia" als eine abgeschottete Insel der aufgeklärten polit-ökonomischen Eliten, welchen die Realität
im Lande abhanden gekommen ist. Das erinnert an das Schweinebuchtdesaster, welches die Thinktank-Eliten in der Kuba-Krise mit verur-
sacht haben.