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„Afrika muss niemanden einholen“
Der senegalesische Ökonom Felwine Sarr fordert die Abkehr von europäischen Werten und Entwicklungszielen für Afrika.

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Der Westen hat „seine Vorstellungen vom menschlichen Fortschritt in das kollektive Imaginäre der anderen“ eingepflanzt.

Als eine Delegation deutscher Parlamentarier unter Leitung von Außenminister Heiko Maas kürzlich das westafrikanische Mali besuchte, bot sich einem der Abgeordneten nach einem Korrespondentenbericht ein ernüchterndes Bild: Der schwache Staat könne keine Sicherheit garantieren, kaputte Züge stünden für fehlende Infrastruktur, die Hauptstadt ersticke im Müll, das Wirtschaftswachstum sei zu schwach. Es ist ein Bild, das Afrika-Kenner nicht überrascht und das nicht nur auf Mali zutrifft, sondern in anderen afrikanischen Ländern noch drastischer ausfällt.

Doch verstellt dieser Blick durch die westliche Brille nicht das Verständnis für eine ganz andere Realität? Genau diese Frage stellt der senegalesische Ökonom, Autor und Musiker Felwine Sarr in seinem jetzt auf deutsch erschienenen Buch „Afrotopia“, das bereits 2016 auf französisch publiziert wurde. Und er beantwortet sie mit einem klaren und deutlichen Ja, das er auf 176 Seiten seines an vielen Stellen geradezu lyrisch und philosophisch verfassten Essays begründet. Sarr stellt, ganz in der postkolonialen Tradition, die Allgemeingültigkeit westlicher Werte und Entwicklungsmodelle in Frage. Verantwortlich für die afrikanische Misere ist Sarrs Meinung nach nicht nur die unkritische Übernahme westlicher Begriffe wie Entwicklung, Wachstum, Nation oder repräsentative Demokratie durch die afrikanischen Eliten, sondern vor allem, dass es dem Westen gelungen sei, „seine Vorstellungen vom menschlichen Fortschritt in das kollektive Imaginäre der anderen“ einzupflanzen.

Sarr stellt, ganz in der postkolonialen Tradition, die Allgemeingültigkeit westlicher Werte und Entwicklungsmodelle in Frage.

Es handelt sich dabei nicht nur um die Vereinnahmung einer Kultur durch eine andere, sondern fataler noch um die Aneignung und Akzeptierung des „Bildes“, das sich andere von dieser Kultur machen. Mit seiner Kritik knüpft Sarr an die Thesen eines Edward Said an, der vor allem den „Orientalismus“ zum Thema gemacht hat, einer von Europa Ende des 19. Jahrhunderts ausgehenden Strömung, die dem Nahen Osten ihre eigenen Stereotypen aufgedrückt hat, die zum Teil bis heute nachwirken. Ähnlich verhält es sich mit Afrika und deshalb fordert Sarr nichts weniger als eine „spirituelle Revolution“, die Schluss macht mit der „servilen Nachahmung von politischen Modellen, die auf ganz anderen Grundlagen beruhen und die, weil sie keinen Bezug zur lokalen (afrikanischen) Realität haben, zur Extraversion, das heißt zur Entfremdung führen.“

Eine Abkehr von der „kolonialen Bibliothek“ und Hinwendung zu einer „vorkolonialen Bibliothek“ sei notwendig. Gemeint ist damit, das von den Kolonialherren Afrika aufoktroyierte Narrativ über Bord zu werfen und sich auf die vorkoloniale Geschichte der „Wiege der Menschheit“ zu besinnen. Dies umso mehr, als seit dem zweiten Weltkrieg im postmodernen Europa dessen „große kulturelle Orientierungen“ in Auflösung begriffen sind: Familie, Nation, Pflichtbewusstsein, gesellschaftliche Verantwortung. Stattdessen herrsche dort jetzt ein extremer Individualismus, der Kult des Hedonismus, fragmentierte Identitäten und beliebige soziale Praktiken. Zu den demographischen, wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und sozialen Verheerungen, die vier Jahrhunderte Sklavenhandel und ein Jahrhundert Kolonisation angerichtet haben, kommt also jetzt noch die „profunde Krise der westlichen Zivilisation“, womit Europa und der Westen endgültig als Vorbild ausgedient haben. Als solches kommt am ehesten noch das Japan der Meiji-Ära im 19. Jahrhundert oder das „nach-Hiroshima-Japan“ in Frage, die beide sich westliche Technologie aneigneten bei gleichzeitiger Bewahrung der eigenen Tradition. China sieht Sarr hingegen ganz in der kolonialen Tradition: Man liefert etwas Infrastruktur gegen die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und die Kolonisierung von Ländereien.

„Afrika muss niemanden einholen. Es muss nicht mehr auf vorgegebenen Pfaden wandeln, sondern flink den Weg gehen, den es sich gewählt haben wird.“

Nein, „Afrika muss niemanden einholen. Es muss nicht mehr auf vorgegebenen Pfaden wandeln, sondern flink den Weg gehen, den es sich gewählt haben wird.“ Doch bleibt dieser Weg bis auf die ständigen Verweise auf die Wiederentdeckung der eigenen Tradition etwas vage. Zwar handelt es sich bei Afrotopia zugegebenermaßen um eine Utopie, jedoch in Sarr’s Worten um eine „aktive Utopie, die es sich zur Aufgabe macht, die gewaltigen Möglichkeitsräume innerhalb der afrikanischen Wirklichkeit aufzustöbern und sie fruchtbar werden zu lassen.“ Wenn er sich gegen den westlichen Wachstumsfetischismus wendet und stattdessen die Bedürfnisse der Völker in den Vordergrund stellt, ist ihm zuzustimmen. Das gleiche gilt für seine Forderung nach einer stärker ökologischen Orientierung eines afrikanischen Entwicklungsmodells und die Hinterfragung des westlichen Nationsbegriffs. Doch bleibt das alles weitgehend im Ungefähren, wie er auch etwas nonchalant über die Folgen des dramatischen Bevölkerungswachstums in Afrika hinweggeht, dessen Einwohnerzahl sich bis 2050 auf zwei Milliarden Menschen verdoppeln wird. Bemerkenswert ist allerdings sein Hinweis, dass der Anteil Afrikas an der Weltbevölkerung zu Beginn des Sklavenhandels im 16. Jahrhundert 20 Prozent, an dessen Ende im 19. Jahrhundert nur noch neun Prozent betrug. Könnte man so das Wiederanwachsen auf über 20 Prozent bis 2050 als ausgleichende Gerechtigkeit betrachten, so reicht der Hinweis sicherlich nicht aus, dass man diese wachsende Zahl nicht nur ernähren, sondern ihr auch „Bildung vermitteln und die Bedingungen für ein Leben in Würde, in Frieden, in Sicherheit und Freiheit“ gewähren müsse.

Trotz gewisser Schwächen ist „Afrotopia“ ein lesens- und bedenkenswertes Buch eines afrikanischen Intellektuellen der postkolonialen Generation, der jüngst einer breiteren Öffentlichkeit auch in Deutschland als Mitautor eines Berichts an den französischen Präsidenten über die Rückgabe geraubter kolonialer Objekte bekannt wurde. Das Buch sollte darüber hinaus dem Westen und insbesondere Europa in mehrfacher Hinsicht zu denken geben, zum Beispiel im Hinblick auf die verheerende Handelspolitik, aber auch die vielfach vorherrschende moralische Anmaßung, bei aller „Reuerhetorik“ europäische Werte nach wie vor zum Maß aller Dinge zu machen.

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