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Drei Lektüretipps von Niels Annen

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Christoper Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. Deutsche Verlags-Anstalt 2013, 896 Seiten

Über Christopher Clarks außerordentlich erfolgreiches Buch „Die Schlafwandler“ könnte man gewiss viele Anmerkungen machen. Nicht zuletzt, weil sich Clark herausnimmt, Fritz Fischers These vom „Griff nach der Weltmacht“ zu hinterfragen. Doch dies ist für mich nicht der Grund, sein Buch zu empfehlen. Zunächst: „Die Schlafwandler“ ist ein außergewöhnlich gut lesbares Buch, was leider keinesfalls selbstverständlich ist. Herausragend ist vor allem die grundlegende Einführung in die jüngere Geschichte des Balkans. Clarks Herleitung der Konflikte und seine Einordnung der heute weitgehend vergessenen Balkankriege 1912/13 lesen sich wie ein Schlüssel zum Verständnis der bis in die Gegenwart hinein reichenden Konfliktlinien. So erleichtert die Auseinandersetzung mit dem Kampf um das osmanische Erbe auf dem Balkan das Verständnis für eine Region, die bis heute nicht zur Ruhe gekommen ist.

Mark Leibovich: This Town. Two Parties and a Funeral-Plus, Plenty of Valet Parking!-in America's Gilded Capital. Blue Rider Press 2013, 400 Seiten.

Das Buch des New Yorker-Korrespondenten in Washington D.C., Mark Leibovich, über seinen Arbeitsplatz ist eigentlich eine Zumutung. Der Autor beschreibt in ausgiebigen Anekdoten die Selbstzentriertheit der Akteure auf der großen Bühne der amerikanischen Politik, ohne dabei zu verschweigen, dass er selber ein Teil dieser Szene ist. Wer die Hauptdarsteller in This Town nicht zumindest aus dem U.S.-Fernsehen kennt, wird an diesem Band keine Freude haben. Und wer einen Blick hinter die Kulissen der amerikanischen Hauptstadt werfen möchte, der sollte dies schnell tun, denn spätestens in einem Jahr wird wohl niemand dieses Buch mehr zur Hand nehmen. Die Hauptstadt wird dann bereits hinreichend neuen Tratsch produziert haben. Dennoch enthält This Town einige feinsinnige Beobachtungen zum stetigen Niedergang der Kultur der politischen Auseinandersetzung in den USA.  Zudem portraitiert Leibovich Schlüsselfiguren wie Harry Reid oder John Boehner einfühlsam. Alles in allem ist This Town vermutlich eher ein Buch für echte Freaks. Ein Aufenthalt in Washington D.C. sei als Voraussetzung für ausreichendes Lesevergnügen daher dringend empfohlen.

Nils Minkmar: Der Zirkus. Ein Jahr im Inneren der Politik. S. Fischer 2013, 224 Seiten.

Nils Minkmar hat ein Buch über den Wahlkampf von Peer Steinbrück geschrieben, das einen nicht kalt lassen kann. In der Tat, einen solchen Wahlkampf hat Deutschland noch nicht erlebt. Minkmar hat Steinbrück über ein Jahr immer wieder begleitet und dabei miterlebt, wie ein Kandidat angesichts immer schlechter werdender Umfrageergebnisse und immer neuer kleinerer oder größerer Desaster im SPD-Wahlkampf um Fassung ringt, was Steinbrück nicht immer gelingt. Auch wenn Minkmar viele treffende Beobachtungen über den Ablauf der Kampagne und die immer wieder auftretenden internen Probleme mit seinen Lesern teilt, erschöpft sich Der Zirkus zum Glück nicht in reiner Manöverkritik des SPD-Wahlkampfes. Die eigentliche Frage dieses Buches ist, warum Politik in diesem Wahlkampf nahezu keine Rolle gespielt hat. Die Deutschen seien erschöpft von der harten Arbeit der letzten Jahre, bilanziert Minkmar, und wollten vielleicht einfach in Ruhe gelassen werden.

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