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"Eindrucksvolles Stück irakischer Zeitgeschichte"
Eine Lektüreempfehlung von Rolf Mützenich.

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FES
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Vor mittlerweile einem Jahr erregte der Völkermord an den Yeziden weltweit Aufsehen. Die Regierung der USA steigerte erneut ihr militärisches Engagement im Irak und flog unter anderem Luftangriffe auf vermutete Stellungen des „Islamischen Staats“ (IS). Die Bundesregierung lieferte Waffen an die irakischen Peschmerga und bildete deren Einheiten an deutschen Waffensystemen aus. Spätestens seitdem sind die Verbrechen des IS im Irak und in Syrien gegenwärtig und tägliche Gewissheit für die dort lebenden Menschen. Mord, Verfolgung, Vergewaltigung und Flucht sind an der Tagesordnung. Weitere Terrorbanden schlossen sich dem IS an und deren Führer gelobten dem Kalifen Abu Bakr al Bagdadi Gehorsam und Gefolgschaft. Doch dies ist nur eine Seite einer komplizierten Wirklichkeit. Denn der IS beherrscht und verwaltet Gebiete mit mehreren Millionen Einwohnern und scheint noch immer Anziehungskraft auf Kämpfer oder Sympathisanten zu haben.

Um das Phänomen besser zu verstehen sind in den vergangenen Monaten einige Publikationen auf dem deutschen Buchmarkt erschienen. So versuchen Autoren über seine innere Verfasstheit den IS zu erklären, andere befassen sich mit den Drahtziehern und dem regionalpolitischen Umfeld. Einen anderen, am Ende überzeugenderen Zugang wählt Wilfried Buchta. Er war von 2005 bis 2011 hochrangiger Mitarbeiter und politischer Analyst der UN-Mission im Irak und schildert und beurteilt den Aufstieg des IS aus der jüngsten Geschichte des Irak heraus. Dabei bedient er sich einer wohltuend unaufgeregten Sprache, angereichert mit Empathie und großer Erfahrung. Buchta vermeidet einseitige Schuldzuweisungen und Erklärungen. Während er schonungslos die Fehler und Überheblichkeiten der Verantwortlichen der US-Intervention und ihrer späteren Besatzungspolitik offen legt kann er andererseits dokumentieren, wie bereits Saddam Hussain nach dem Ende des Kuwait-Krieges durch eine staatlich kontrollierte Glaubenskampagne die Voraussetzungen für die heutige Zusammenarbeit einheimischer Salafisten, ausländischer Dschihadisten und ehemaliger Militärangehöriger und Geheimdienstler des Saddam-Regimes schuf.

Das gleichzeitige Aufkommen der schiitischen Sadr-Bewegung und das Wirken von Großayatholla Sistani finden ebenso Raum, wie die brutalen und rücksichtslosen Machenschaften irakischer Politiker. Ein ohnehin zerbrechliches Gemeinwesen, geprägt von Gewalt, Korruption und Misswirtschaft wurde nach dem Rückzug der US-Truppen von einer skrupellosen Machtelite endgültig zerstört. Die Einordnung der Konflikte in einen regionalen und religiösen Kontext gelingt dem Autor souverän. Dass sogar eine terroristische Gruppe wie der IS vor diesem Hintergrund Legitimität und Respekt eines Teils der sunnitischen Bevölkerung erringen kann, überrascht nach der Lektüre weniger. Buchta ist ein eindrucksvolles Stück irakischer Zeitgeschichte gelungen. Wie schwer ihm offensichtlich die unvermeidliche sachliche und analytische Herangehensweise fiel, macht er am Ende seines Buchs deutlich. Darin schildert er anhand seiner eigenen Erfahrungen und der einzelner Mitarbeiter und Freunde den Abgrund, an dem Menschen leben (müssen) und trotzdem nicht aufgeben. Trotz des reißerischen Titels ist Buchta ein faszinierendes Buch gelungen, das tiefe Einblicke in die Umbrüche des Nahen Ostens bietet.

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