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Es läuft einfach gerade nicht
„Ausnahmezustand“ – ein Portrait der tief gespaltenen amerikanischen Gesellschaft anhand einer zerbrechenden Liebesbeziehung.

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Der Autor nutzt vermenschlichte Hunde für seine Geschichte.

Im Interview hatte James Sturm, Comic-Künstler und Direktor des Center for Cartoon Studies in Vermont, auch eine Frage für mich. Ob denn der deutsche Titel seines Buches, „Ausnahmezustand“, nicht zu legalistisch sei, oder schlimmer, die Leser an die Nazi-Zeit würde denken lassen. Letzteres natürlich nicht, aber tatsächlich ist die Doppeldeutigkeit des Originaltitels, „Off Season“, im Deutschen nur schwer zu fassen. Eine direkte juristische oder politische Konnotation hat er nicht, sondern es geht eher darum, eine Phase zu beschreiben, in der es einfach nicht läuft (insbesondere im Sport), hier aber natürlich allegorisch bezogen auf die amerikanische Gesellschaft und Politik.

Inzwischen kann man jedoch tatsächlich die Verhängung eines Ausnahmezustandes durch die korrupte Trump-Regierung nach der Wahl im November nicht mehr ausschließen, insbesondere im Falle einer Niederlage Trumps oder eines umstrittenen Ergebnisses. Wie bereits 2016 kündigt Trump an, nur einen Wahlsieg zu akzeptieren. Nun aber ist er nicht nur Kandidat, sondern Präsident und Oberbefehlshaber, und der Alptraum Trump kann in einer Verfassungs- und Staatskrise enden.

An einigen Orten im Land hat die wachsende gesellschaftliche Polarisierung im Zuge der Konflikte um Polizeigewalt und die Bewegung BlackLivesMatter bereits zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Toten und Verletzten geführt. Insbesondere viele männliche Anhänger Trumps sind schwer bewaffnet und manche scheinen – wie er selbst, der die Angst seiner überwiegend weißen Wählerinnen und Wähler vor „plündernden Minderheiten“ und „trojanischen Pferden des Sozialismus“ aggressiv anheizt  – zu allem bereit, um ihn im Amt zu halten. Die zunehmende Polarisierung, die mehr und mehr einer Tribalisierung der Bevölkerung gleichkommt, hat auch gesundheitspolitische Maßnahmen wie das Maskentragen erfasst und ist damit für Krankheit und Tod von Menschen verantwortlich.

Masken spielen auch in „Ausnahmezustand“ eine Rolle. Der Peanuts-Fan James Sturm nutzt vermenschlichte Hunde für die dreizehn Kapitel seiner Auseinandersetzung mit einer Beziehungskrise im Kontext der gesellschaftlichen Turbulenzen des Wahljahres 2016 und beschreibt das indirekt in einer Episode des Buches als „befreiend“. Masken erlauben Spiel und bieten Schutz. Die Verfremdung erlaubt dem Leser eine gewisse Distanz.

Einige der Vignetten erschienen schon 2016 – in anderer Reihenfolge und in einer frühen Form – im Magazin Slate. Die damaligen politischen Vorgänge rund um den aufgeheizten Wahlkampf zwischen Bernie Sanders und Hillary Clinton, dann zwischen Clinton und Donald Trump und schließlich die überraschende Wahl Trumps schlichen sich sozusagen in die sich entwickelnde Geschichte von Mark und Lisa, die dadurch fast dokumentarischen Charakter erlangte. Sturm berichtet, dass er in dieser Phase Nächte durchgearbeitet habe, um zeitnah Episoden vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse zu liefern.

Wie die amerikanischen Literaten Raymond Carver und Richard Ford, mit denen Sturm schon verglichen worden ist, blickt er in seinen Arbeiten durch die Augen eines Mannes und ohne erhobenen Zeigefinger auf die Welt. Mark, der Protagonist, erlebt eine schwere Zeit. Seine Beziehung zu Lisa scheint gescheitert, sein Auftraggeber belügt ihn und bezahlt ihn nicht für schon erledigte Arbeiten auf Baustellen, Bernie Sanders, der Kandidat, den er unterstützt hat, hat verloren. Das beherrschende Thema ist Betrug: Wie konnte das passieren? In der Winterlandschaft Neuenglands beschreibt Sturm melancholisch die Unfähigkeit eines verbitterten, überforderten und sich machtlos fühlenden Mannes, sich mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen. Seine Wut sucht sich dann die falschen Ventile, sagt Sturm, „sie vergiftet seine politischen Ansichten. Das Persönliche wird negativ auf das Politische projiziert“. Mark kann sich nicht dazu durchringen, mit Hillary Clinton das „lesser of two evils“ zu wählen, sondern wirft stattdessen Lisa ihre privilegierte Herkunft vor, die ihr erlaube „auf Facebook die Revolution zu planen“, während er nicht weiß, wie er seine Rechnungen bezahlen soll.

Eine Kritik an Sturms Buch kam dann auch prompt von identitätspolitischer Seite: Hier ginge es nur um die weinerliche Darstellung angeblicher „weißer Opfer“, am Ende gar um eine pauschale Entschuldigung für alle Trump-Wähler. Dies ist offensichtlicher Unfug, nicht nur weil Mark keineswegs aus der Verantwortung gelassen wird, sondern auch weil Klassenunterschiede nun einmal bestehen und angesichts des brutalen ökonomischen Systems der USA thematisiert werden können und müssen. Die Parallelen zwischen der zerbrochenen Beziehung von Mark und Lisa und der zerbrochenen, tribalisierten amerikanischen Gesellschaft sind offensichtlich. James Sturm hält beide für der Rettung wert und so endet das melancholische Buch auf einer hoffnungsvollen Note, die allerdings etwas fragwürdig bleibt.

Die Polarisierung der amerikanischen Bevölkerung und Politik ist historisch tief verwurzelt und selbstverständlich nicht einfach durch die Abwahl Donald Trumps aus der Welt zu schaffen. Die USA sind von der Konfliktlinie „race“ durchdrungen, von den nur teilweise aufgearbeiteten Verbrechen der Sklaverei und der Segregation und vom strukturellen Rassismus, der die Gesellschaft bis heute prägt. „Ausnahmezustand“ weicht diesem Thema durch die Nutzung vermenschlichter Hunde aus und fokussiert auf Klassenunterschiede. Mark, dessen Wahrnehmung als Ich-Erzähler durchaus nicht immer maßgebend ist (denn Sturm nutzt die Möglichkeiten des Comics, um bildlich von Marks Narrativ abzuweichen), sympathisiert vielleicht mit Trump, nachdem Bernie Sanders gegen Hillary Clinton verloren hat. Ganz genau kann und soll der Leser dies nicht wissen – so wie wir auch 2020 nicht wissen, ob Trump nicht doch wieder die Mehrheit der weißen männlichen Arbeiterklasse für sich gewinnen kann. Sturm spricht von Trump als einem „Katalysator des Schreckens, … der unsere Gehirne kolonisiert hat“, und davon wie schwer es ist, Betrüger zu überführen und loszuwerden. Im Buch hat Trump übrigens nur einen einzigen Auftritt: als Hund mit Schweinegesicht.

Das Center for Cartoon Studies veröffentlicht eine Reihe von Comics für die politische Bildung von Schülern. Diese gibt es auch online: https://www.cartoonstudies.org/democracy/

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