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„Unsere asiatische Zukunft“
Asien wird bald die Weltordnung anführen. Europa muss reagieren, wenn es politisches Gewicht behalten will, zeigt der Bestseller von Parag Khanna.

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Skyline von Shanghai.

„The future is Asian“ so der Originaltitel des Buches, das eine Wirklichkeit vermittelt, die von Europäern und US-Amerikanern vielfach verdrängt wird. Dabei stehen derzeit 4,5 Milliarden Asiaten 500 Millionen Europäern und 330 Millionen US-Amerikanern gegenüber.

Autor ist der Politikwissenschaftler Parag Khanna, der 1977 in Indien geboren wurde, u. a. in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Deutschland aufwuchs, in den USA und in Großbritannien studierte. Wissenschaftlich beratend war er überwiegend in den USA tätig; jetzt lehrt er in Singapur, dessen politisches System er besonders hoch schätzt.

Auf dieser biographischen wie politikwissenschaftlichen Grundlage vermittelt er eine Fülle von Informationen, die nicht durchgängig für „westliche“ Leser, an die sich Khanna gezielt wendet, leicht erfassbar sind. Asiaten bietet er ein umfassendes Prisma, in dem sie sich alle wiederfinden. Beiden, Europäern wie Asiaten, zeigt er dabei, dass die westliche Dominanz nicht wiederkehren wird.

Grundstein einer von Asien angeführten Weltordnung war für Khanna der erste Gipfel der Belt and Road Initiative, der neuen Seidenstraße, im Jahr 2010. Es trafen sich 68 Länder, die zwei Drittel der Weltbevölkerung und die Hälfte des globalen Bruttoinlandsprodukts repräsentierten, ausschlaggebende Indikatoren der gewachsenen Bedeutung Asiens.

Beiden, Europäern wie Asiaten, zeigt er dabei, dass die westliche Dominanz nicht wiederkehren wird.

Asien ist für Khanna primär ein geographischer Begriff, die Megaregion, die sich vom Roten bis zum Japanischen Meer erstreckt, und zu der auch Australien gehört. Dabei ist es ein Missverständnis aktueller westlicher Sicht anzunehmen, Asien sei chinazentrisch.

Das erste Kapitel zeichnet eine Weltgeschichte aus der Sicht Asiens. Sie muss notwendig der europäischen Sicht entgegengestellt werden, auch wenn beide die ersten sesshaften Kulturen in Westasien ausmachen. Die Unterschiede gründen in der Kolonialisierung asiatischer Länder durch Europäer. Im zweiten Kapitel lernt dann die Welt, welche zentrale Rolle Asien in der Weltgeschichte gespielt hat und spielen wird – bei diesem Prozess können Asiaten voneinander viel mehr lernen als vom Westen.

Dieses Lernen führt zur Rückkehr „Groß-Asiens“. Zu dieser gehört die asiatische Orientierung Russlands und der Türkei, auch um das arabische Asien vor der Einmischung der USA zu schützen. Asien ist – eher eine Selbstverständlichkeit – von kultureller Vielfalt geprägt, wobei sich seit Jahrtausenden tief verankerte Formen des gegenseitigen Respekts und Lernens bewahrt haben. Asien wurzelt in einer multizivilisatorischen und multipolaren Vergangenheit. Die größten Spannungen der Gegenwart bestehen nicht zwischen seinen Kulturen, sondern zwischen Nationen, ein Konstrukt, das sie europäischem Politikverständnis, verbunden mit kolonialer Vergangenheit, entlehnt haben. Das hat nach dem Zweiten Weltkrieg Grenzkonflikte hinterlassen, deren Lösung zur Wiedererlangung vorkolonialer Durchlässigkeit führt.

Das Zusammenwirken Asiens in der Gegenwart beruht vor allem auf den Asianomics. Khanna schildert eine überwältigende Fülle länderübergreifender Beziehungen von Unternehmen – gerade auch abgehoben von zwischenstaatlichen Konflikten. Kennzeichnend ist dabei die technologische Orientierung hin zur Digitalisierung in Produktion, Dienstleistungen und Finanzwirtschaft.

Technologische Entwicklungen sind auch für die politischen Systeme Asiens von Bedeutung, für eine Technokratie, die sich in politischen Problemlösungen, nicht in politischen Willensbildungsprozessen bewährt. Auf Daten gestützt stellt Khanna diese Technokratie der repräsentativen Demokratie gegenüber als überlegen dar, weil sie die spezifischen Bedürfnisse der Bevölkerung erfasse und so Verzerrungen potentiell korrupter Repräsentanten und Lobbygruppen umgehen könne. Sie folgt den Prinzipien der Meritokratie und Zweckmäßigkeit, wobei Herrschaft des Rechts, nicht Demokratie die wirtschaftliche Leistung am stärksten fördert. Dieses asiatische System erachtet Khanna für effektiver als das krisenhaft-defizitäre System der USA. Für die westliche Debatte um demokratische versus autoritäre politische Systeme ist diese Auffassung beachtenswert.

Auf Daten gestützt stellt Khanna diese Technokratie der repräsentativen Demokratie gegenüber als überlegen dar.

Globalpolitisch bedeutend sind die Beziehungen Asiens zu den USA, Europa, Afrika und Lateinamerika. Generell werden sie durch asiatische Migranten beeinflusst. In den USA gehört ein Viertel aller Unternehmen Asiaten, und insgesamt haben Asiaten dort ein höheres durchschnittliches Einkommen als die weiße Bevölkerung. Vor allem in Afrika investieren asiatische Staaten in langfristige Infrastrukurprojekte, deren Nutzen auch bei Kreditproblemen erhalten bleibt. Ohne dieses Engagement wird Europa mit den Migrationsfolgen des Bevölkerungswachstums in Afrika nicht umgehen können. Auf die partielle Eigennützigkeit des asiatischen Engagements hinzuweisen steht Europa mit seiner kolonialen Vergangenheit nicht gut an.

Nachdenklich stimmt die These Khannas: „Europa liebt Asien, aber (noch) nicht die Asiaten“. Das zeige sich vor allem im Verhalten gegenüber Migranten. Khanna zeichnet drei Szenarien, nach denen Europa sich alternativlos zunehmend asiatisieren wird.

  • Die EU kann sich so weit ausdehnen, dass sie neue asiatische Mitgliedsstaaten wie die Türkei und Aserbaidschan einschließt.
  • Europäische Staaten können mehr Migranten aufnehmen, um ihre niedrige Geburtenzahl zu kompensieren und die alternde Bevölkerung zu versorgen.
  • Sie könnten auch weder das eine noch das anderen tun – in diesem Fall würde Europa entvölkert und ärmer werden und danach kaum eine andere Wahl haben als sich noch weiter asiatischen Investitionen in seine Immobilien und Unternehmen zu öffnen.

Europa kann zwar seinen Weg wählen, aber alle Wege führen zum gleichen Ergebnis – konstatiert Khanna. Dem muss eine realistische, vor allem die Steigerung der Weltbevölkerung beachtende Außenpolitik Deutschlands sowie aller Staaten Europas entsprechen. Die Darstellung kultureller Vielfalt, der Multizivilisation und der Multipolarität verweist auf die Mehrzahl politischer Mächte in Asien – China und Indien mit je deutlich über einer Milliarde Einwohnern sind dabei nicht die einzigen. Auf diese Machtpluralität auf der gemeinsamen eurasischen Landmasse sollte sich Europa einstellen, wenn es globalpolitisch Gewicht bewahren will – bei gegenseitigem Respekt und Lernen.

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