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Vier Lektüretipps von Tobias Dürr

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Paul Collier darf als einer der klügsten und umsichtigsten Ökonomen überhaupt gelten. Seine Bücher „Der hungrige Planet“ und „Die unterste Milliarde“ haben mit originellen Überlegungen wichtige Debatten zu Ressourcenverbrauch und globaler ökonomischer Ungleichheit vorangetrieben. In seinem neuesten Werk vermisst Collier nun gedankenreich und anregend die Parameter eines verwandten Themas. Die Migration in ihren beiden Dimensionen der Aus- und der Einwanderung als Ergebnis extremer globaler und regionaler Wohlstandsunterschiede wird sich zweifelsfrei als eine der explosivsten Fragen unseres Jahrhunderts erweisen. Collier erwartet, dass das Ausmaß der Migrationsbewegungen auf lange Sicht wieder abnehmen wird – nämlich im Zuge des weiteren Fortschritts heute noch armer und dysfunktionaler Gesellschaften. Über die kommenden Jahrzehnte hinweg aber dürfte die gesellschaftliche und politische Sprengkraft des Themas Migration erst einmal weiter zunehmen. Bereits die Auseinandersetzungen des bevorstehenden Europawahlkampfes werden dieser These, wie es aussieht, zusätzliche Plausibilität verleihen. Collier bestreitet nicht, dass wohlhabende Nationen wie Deutschland bislang große ökonomische und kulturelle Vorteile aus ihrer Attraktivität für Einwanderer gezogen haben. Er sagt aber voraus, der Grenznutzen der Zuwanderung für die Ankunftsgesellschaften werde mit der weiteren Zunahme ihrer ethnisch-kulturellen Zerklüftung deutlich abnehmen. Ob Migration grundsätzlich „schlecht“ oder „gut“ sei, ist daher Collier zufolge schlicht die „falsche Frage“: „Asking this question of migration is about as sensible as it would be to ask, ‘Is eating bad or good?‘” Colliers neues Buch ist der ernsthafte Versuch, um der Aufklärung willen bessere Fragen zu stellen und zu beantworten. Seine Argumente haben sehr sorgfältige Überprüfung verdient.

„Die europäische Sozialdemokratie muss aus ihrer defensiven Haltung, in der sie nun schon seit Jahren vor sich hin dümpelt, wachgerüttelt werden“, schreibt Colin Crouch in seinem neuen Buch „Making Capitalism Fit for Society“ (irreführender Titel der unbefriedigend übersetzten deutschen Fassung: „Jenseits des Neoliberalismus“). Der renommierte britische Politikwissenschaftler fordert die europäische Sozialdemokratie auf, sich unter den veränderten Bedingungen unserer Zeit als offensive Kraft positiver gesellschaftlicher Gestaltung neu zu definieren. Gemeinsam mit anderen Parteien links der Mitte, Grünen und Gewerkschaften seien Sozialdemokraten die entscheidenden Akteure, wenn es darum gehe, den tiefgreifend defekten Kapitalismus des 21. Jahrhunderts umfassend auf die Lebensbedürfnisse der Gesellschaft zu verpflichten. Das sozialdemokratische Problem sei dabei „nicht ein Mangel an Ideen, sondern ein Mangel an Macht“. Daher müssten sich Sozialdemokraten weit zu allen anderen progressiven Kräften öffnen und ihre Partei als zentralen Bestandteil einer breiten Erneuerungsbewegung innerhalb von Kapitalismus und Marktwirtschaft begreifen. Dabei widmet der Autor kennzeichnenderweise ein ganzes Kapitel der „Sozialdemokratie als höchster Form des Liberalismus“ – ein Gedankenpfad, der unbedingt weiter verfolgt werden sollte. Colin Crouch erweist sich nach seinen bekannten Werken „Postdemokratie“ und „Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus“ mit seinem neuen Buch nicht nur erneut als scharfsinniger Gegenwartsdiagnostiker, sondern erstmals auch als strategischer Wegweiser für Sozialdemokraten und andere Progressive auf der Suche nach neuen Ufern.   

Der Lack ist einstweilen ziemlich ab von Barack Obama. An amerikanischen Maßstäben gemessen, bleibt der 44. Präsident der USA gewiss ein sozialer und demokratischer Progressiver mit vielen guten Absichten in schwierigen Zeiten. Ebenso unbestreitbar ist allerdings, dass Obama viele der in ihn gesetzten Erwartungen enttäuscht hat. Darüber gerät schon jetzt nahezu in Vergessenheit, dass Obama und sein Team bei zwei Präsidentschaftswahlen nacheinander Kampagnen auf die Beine stellten, die hinsichtlich ihrer kommunikationstechnischen, organisatorischen und strategischen Qualität alles Bisherige weit hinter sich ließen. Professionell noch höher einzuschätzen als Obamas kometenhafter Aufstieg im Wahljahr 2008 ist dabei seine sorgfältig orchestrierte Wiederwahlkampagne 2012. Keinem Präsidenten vor Obama war es jemals gelungen, unter vergleichbar niederschmetternden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen eine zweite Amtszeit zu erringen. Die beiden hervorragend recherchierten und geschriebenen Bücher „Double Down“ und „The Center Holds“ beschreiben die wahlkämpferische Glanzleistung, die Obama 2012 gelang. Halperin und Heilemann zeichnen vor allem minutiös nach, wie es dem strauchelnden Präsidenten und seinem Team wider Erwarten doch noch gelang, zurück ins Spiel zu finden und Herausforderer Mitt Romney in die Defensive zu drängen.

Jonathan Alter wiederum arbeitet besonders eindringlich heraus, welche historische Wasserscheide die Wahl 2012 für die USA bedeutete. Gewiss, von Obama mögen europäische Progressive inzwischen enttäuscht sein; hätte sich freilich sein Widersacher durchgesetzt, befände sich Amerika heute womöglich in ungebremster Schussfahrt ins Paralleluniversum eines extremen Neokonservatismus.

Europäische Progressive, beim Wahlkämpfen derzeit typischerweise nicht ganz so erfolgreich wie Obama, finden in beiden Bänden jede Menge Anregungen für ihre künftigen Kampagnen.

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