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Von unten
In ihrer Graphic Novel schildert Daria Bogdanska ihr Leben als Migrantin zwischen miesen Arbeitsbedingungen und unkonventionellen Helfern.

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avant-verlag
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Jeder Tag war ein kleiner Kampf.

In der Sozialdemokratie laufen zur Zeit viele Auseinandersetzungen. Eine davon wird oft auf einen Gegensatz zwischen Kommunitaristen und Kosmopoliten verkürzt und entzündet sich zentral an der Frage, wie man es mit der Einwanderung hält. Die einen orientieren sich etwa am Kurs der dänischen Sozialdemokraten, sie wollen einen Fokus auf Sozialpolitik mit einer vergleichsweise restriktiven Immigrationspolitik verknüpfen. Die anderen wollen weltoffen und multikulturell sein und klingen für die Ohren der Ersteren manchmal wie verhinderte Grüne.

Der autobiografische Comic „Von unten“ der Polin Daria Bogdanska spielt in Schweden und ist geeignet, etwas Licht in die Debatte zu bringen. Aus der Sicht einer Immigrantin thematisiert er die Frage der Arbeitnehmerrechte und der sozialen Absicherung von Menschen ohne Papiere. Dieses Thema beschäftigt die Gewerkschaftsbewegung schon lange und inzwischen eben auch die Sozialdemokratie. Denn einerseits ist die Verpflichtung auf die Rechte und Standards jedes Beschäftigten nicht nur aus ideellen Solidaritätserwägungen geboten, sondern auch sachlich begründet: Das (erfolgreiche) Eintreten für die Beschäftigten ohne Papiere schützt die legal Beschäftigten vor Unterbietungskonkurrenz. Andererseits ist das (erfolgreiche) gewerkschaftliche Eintreten für diese Rechte so einfach eben nicht. Im Zuge der Ausweitung prekärer Beschäftigungsverhältnisse steigt die Unterbietungskonkurrenz zudem vor allem in den Segmenten des Arbeitsmarkts an, wo die Beschäftigten aufgrund eines geringen Ausbildungsniveaus ohnehin schon über eine vergleichsweise geringe strukturelle Verhandlungsmacht verfügen. Insbesondere im Kontext von Krisen am Arbeitsmarkt kann diese Konkurrenz dramatisch ansteigen und dann auch politische Konsequenzen haben.

Gewerkschaften kamen in ihrem Denken und in ihrer Realität nicht vor oder schienen nur etwas für andere zu sein.

Die Protagonistin des Comics, gleichzeitig die Autorin und Künstlerin, nutzt einen recht einfachen, teils sogar unbeholfenen Zeichenstil. Eingängig, konventionell und doch effektiv erzählt sie auf diese Weise von ihren Erfahrungen als Lebenskünstlerin. Ihren Fokus legt sie auf eine Episode in Malmö, wo sie eine Zeitlang studiert und ohne Papiere in einem Fast Food Restaurant arbeitet. Sie reflektiert durchaus den tendenziellen Egoismus, mit dem sie sich durch ihr noch junges Leben schummelt – gefälschte Fahrkarten, „vergessene“ Weihnachtsgeschenke und vor allem ihr Lavieren zwischen zwei schwedischen Männern (eine Dreiecksgeschichte, die dem Comic zwischendurch den notwendigen narrativen „drive“ verschafft).

Die Arbeit im „Curry Hut“ ist durchaus nicht die erste Begegnung Darias mit Ausbeutungsverhältnissen, aber bei anderen Jobs vorher hat sie nie daran gedacht, etwas dagegen zu tun. Gewerkschaften kamen in ihrem Denken und in ihrer Realität nicht vor oder schienen nur etwas für andere zu sein. In Malmö bemerkt sie, dass es in dem Restaurant ein Dreiklassensystem gibt – je nachdem, ob man einen schwedischen Pass hat, einen anderen EU-Pass oder ganz ohne legale Papiere unterwegs ist, gibt es andere Löhne und andere Arbeitsbedingungen. Einen Vertrag hat niemand.

Der bislang national konstruierte Schutz durch Sozialstaat und Tarifverträge darf nicht aufgegeben werden.

Daria wendet sich an eine syndikalistische Gewerkschaft, die ihr helfen will, aber selbst schwach ist und auf die Organisierung der Beschäftigten des Restaurants setzt. Nicht nur das nimmt Daria selbst in die Hand, sie mobilisiert auch medial und im Freundeskreis (zum Schutz gegen mögliche Repressalien des Arbeitgebers). Wie die Geschichte abläuft und ausgeht, soll hier nicht verraten werden – man kann sich denken, dass der Arbeitgeber zunächst am längeren Hebel sitzt und dass einige Beschäftigte skeptisch sind: „Wir sind keine Schweden. Das sind getrennte Welten“. Bezeichnend ist aber, dass Daria wenig damit anzufangen weiß, als sie zufällig entdeckt, dass für das Restaurant ein Tarifvertrag der offiziellen Gewerkschaft gilt (der selbstverständlich völlig missachtet wird). Die Reaktion dieser Gewerkschaft auf Darias Hilfegesuch schließt den Kreis zum eingangs diskutierten Argument: Zunächst bräuchten die Beschäftigten Arbeitsverträge. Die starke offizielle Gewerkschaft fokussiert auf den Schutz der legal Beschäftigten und auf das Funktionieren des bisher national konstruierten Sozialstaats. Sie versucht also, die institutionelle Macht der legal in Schweden Beschäftigten zu schützen, wie sie sich in Gesetzen und Tarifverträgen manifestiert. Die schwache syndikalistische Gewerkschaften dagegen will alle Beschäftigten organisieren – um am Ende die Rechte und Standards aller zu schützen. Hier kann es bestenfalls einen Mittelweg geben, und das gilt wohl auch für die Kontroverse zwischen sozialdemokratischen Kommunitaristen und Kosmopoliten. Solidarität mit den Schwachen in einer ungerechten Welt muss selbstverständlich sein und ist im Kontext der globalen kapitalistischen Wirtschaft auch aus Eigeninteresse geboten – zur Verhinderung von Unterbietung. Dabei darf der bislang national konstruierte Schutz durch Sozialstaat und Tarifverträge aber nicht aufgegeben werden; der Preis dafür wäre eine noch größere politische Revolte von rechts.

Ganz nebenbei: Das inzwischen geschlossene bengalische Restaurant befand sich selbstredend in einem hippen und bunten Stadtteil Malmös und seine Klientel stammte entsprechend auch aus diesem Milieu. Daria hatte nicht daran geglaubt, dass die Arbeitsbedingungen im Restaurant die Kunden interessieren könnten. Sie waren nicht Teil der Kampagne.

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