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„Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen“
Der Club of Rome fordert eine neue Aufklärung für die Welt. Eine Lektüreempfehlung von Udo E. Simonis.

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AFP
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Die Fortsetzung des herkömmlichen Wachstums führt zu einem Zusammenprall mit den planetaren Grenzen

In den letzten Jahrzehnten haben nur wenige Bücher die Sicht auf die Welt so verändert, wie der erste Bericht des Club of Rome über die „Grenzen des Wachstums“ von 1972. Das „dünne blaue Büchlein“ war ein brisanter wissenschaftlicher Bericht von Dennis und Donella Meadows, Jorgen Randers und William M. Behrens an den Club, wurde ein Bestseller und in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Dieser Bericht wurde 1992 und noch einmal 2004 methodisch verfeinert und datenmäßig aktualisiert – und dabei immer dicker. Die deutsche Fassung von 2006 hatte schon 323 Seiten – und wurde dennoch mehrfach nachgedruckt (Hirzel Verlag, 5. Auflage 2016).

Nun also ein weiteres Buch, das die Sicht auf die Welt ändern soll und sie verändern will, ein Buch mit einem reißerischen, oder besser: mitreißenden Titel – „Wir sind dran“ – zwar ohne Ausrufezeichen jedoch mit 394 Seiten Umfang. Doch es ist kein Bericht von drei, vier Wissenschaftlern an den Club of Rome, es ist ein Buch von rund einem Drittel der 100 Clubmitglieder selbst: den Ko-Präsidenten Ernst U. von Weizsäcker und Anders Wijkman und 32 weiteren Mitgliedern des Clubs – sowie fünf zusätzlichen externen Autoren.

Es ist ein ganz und gar anderes Buch als das erste: kein Buch cooler Wissenschaftler, die auf Basis komplexer mathematischer Modelle die Grenzen des exponentiellen Wirtschaftswachstums auf dem begrenzten Planeten Erde ermitteln; es ist ein Buch hochmotivierter Vereinsmitglieder, die das Problem selbst in die Hand nehmen wollen – gemäß dem Motto: „Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen“.

Die methodische Grundlage des ersten Buches (Meadows et al. 1972) war das Computermodell „World3“, das die mit dem Wachstum der Wirtschaft in Zusammenhang stehenden Parameter wie Bevölkerung, Industrieproduktion, Nahrungsmittel, Ressourcenverbrauch, Umweltverschmutzung und -zerstörung verarbeiten konnte, womit sich dann höchst unterschiedliche, in sich aber schlüssige Szenarien zur globalen Entwicklung erstellen ließen (deren 12 in der ersten Ausgabe des Buches für die Zeit bis 2100). Dies waren, was oft missverstanden wurde, keine Prognosen dazu, was in Zukunft geschehen würde, sondern nur unterschiedliche Projektionen darüber, wie die Entwicklung im 21. Jahrhundert insgesamt ablaufen könnte.

Aus der selbstkritischen Erkenntnis der Autoren, dass es ihnen nicht gelungen war, das Konzept der „Grenzüberschreitung“ (overshoot) in die öffentliche Debatte einzuführen, wurde genau dies in der dritten Ausgabe des Buches (2004, in Deutsch: 2006) in den Fokus genommen: Die Überschreitung ökologischer Grenzen wurde zum zentralen Thema in 8 Szenarien, dem in den Szenarien 9 und 10 die Bedingungen einer nachhaltigen Gesellschaft (sustainable society) gegenübergestellt wurden.

Auch im vorliegenden neuen Buch ist „Nachhaltigkeit“ ein zentrales Thema, wenn auch auf andere Weise. Ganz zu Beginn heißt es: „Die heutigen Trends sind überhaupt nicht nachhaltig. Die Fortsetzung des herkömmlichen Wachstums führt zu einem Zusammenprall mit den planetaren Grenzen“.

Teil I des Buches liefert eine Diagnose einiger dieser nicht nachhaltigen Trends. Dazu zählen die Autoren nicht nur die Treibhausgasemissionen aus Industrie und Verkehr und den Verlust an Biodiversität, sondern auch die fortschreitende Militarisierung, die industrielle Landwirtschaft, den internationalen Handel – und auch die weiter anhaltende globale Bevölkerungszunahme. Die Conclusio mündet in der zentralen Forderung, dass das materielle Wirtschaftswachstum dringend von Naturverbrauch und Naturzerstörung abgekoppelt werden müsse.

Das hat man schon öfters gehört, und so ist es denn kein Wunder, dass die Autoren eher in Teil II den „revolutionärsten Teil“ ihres Berichts sehen. Was ist für sie die notwendige Revolution?

Einen ersten Markstein sieht man in der päpstlichen Enzyklika „Laudato Si“ von 2015. Doch dem folgt dann die These, die heutigen Religionen und Denkmuster stammten alle aus der Zeit der „leeren Welt“ – und eigneten sich nicht für die Ära der „vollen Welt“. Das wird der Papst nicht gern hören, der Philosoph schon eher. Für die Autoren ergibt sich die Forderung, dass wir auf eine „neue Aufklärung“ zusteuern müssten.

Wie das geschehen könnte? Einfach so: Die philosophischen Fehler des Marktdogmas überwinden, die reduktionistische Philosophie als flach und unzulänglich decouvrieren und „Ying und Yang“ – die Philosophie der strukturellen Balance – propagieren und verinnerlichen…

Kann der Planet Erde warten, bis die menschliche Zivilisation durch die Mühen einer „neuen Aufklärung“ gegangen ist? Nein, sagen die Autoren, wir müssen jetzt schon handeln – und so werden sie in Teil III des Buches auch konkreter.

Sie erzählen nicht, wie oft üblich, die lange Geschichte von Versäumnissen und Misserfolgen, sondern eine sehr lange Geschichte erfolgreicher Projekte und Politikvorschläge: Beispiele der „Kreislauf-Wirtschaft“, der „dezentralen Energie“, einer „regenerativen Urbanisierung“, des „nachhaltigen Investierens“, der „CO2-Bepreisung“, „neuer Wohlfahrtsindikatoren“ – bis hin zur „Bildung für eine nachhaltige Zivilisation“. Dies sind 183 Seiten spannender, aber zum Teil auch irritierender Ausführungen. Was ist wichtig, was sollte Priorität haben? Wie organisiert man eine „strategische Revolution“?

Da die Autoren das selbst auch nicht so recht zu wissen scheinen, laden sie zum Schluss des Buches zur Kooperation ein: Sie fordern Ingenieure, Erfinder, Praktiker und Finanzinvestoren dazu auf, an der Entkopplung des wirtschaftlichen Erfolgs (und der menschlichen Zufriedenheit) vom Verbrauch natürlicher Ressourcen zu arbeiten; sie appellieren an Familien, sich um eine Stabilisierung der Bevölkerung zu bemühen, an Geschäftsleute, das Gemeinwohl und die langfristige Perspektive über den oberflächlichen finanziellen Erfolg zu stellen und an Regierungen, verstärkt zu kooperieren und am gemeinsamen Wohlergehen zu arbeiten.

Wunschdenken? Die Autoren scheinen das zu ahnen – und fügen daher eine letzte Einladung an die Kritiker hinzu, „darauf hinzuweisen, was sie in Bezug auf die Tatsachen und Absichten dieses Berichts des Club of Rome als falsch oder fehlerhaft empfinden“ – wofür extra eine E-Mail-Adresse eingerichtet wurde: comeonauthors@clubofrome.org.

Fazit: Das erste Buch über die Grenzen des Wachstums an den Club of Rome von 1972 (erweitert 1992 und 2004) und das neue Buch des Club of Rome von 2017 (überarbeitet 2019) sind völlig unterschiedliche Bücher. Es sind keine Konkurrenzprodukte – sie ergänzen einander. Das eine ein Makro-Buch, das andere primär ein Mikro-Buch, so könnte man sagen. Daher ist es empfehlenswert, beide Betrachtungsweisen des Zustandes und der Entwicklung der Welt zusammen zu sehen und zu diskutieren. Des Weiteren wäre aber auch zu überlegen, wie (neben zusätzlichen Auflagen) die neuen digitalen Kommunikationskanäle genutzt werden könnten, damit die zahlreichen Erdenbewohner, die etwas ändern wollen an der Art und Weise wie wir leben, mit den Möglichkeiten, die dieses neue Buch dazu bietet, auch vertraut werden.

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