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Wir waren die Feinde
Im Zweiten Weltkrieg internierten die USA japanisch-stämmige Mitbürger in Lagern. Ein Comic über Vergangenheitsbewältigung und das Gute an Amerika.

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Cross Cult
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Er hat es nicht ganz zu der universalen populärkulturellen Berühmtheit von Captain Kirk und Mr. Spock geschafft. Trotzdem verkörpert George Takei alias Leutnant Hikari Sulu, wie er in der Serie Star Trek bzw. Raumschiff Enterprise hieß, nicht nur in seiner Rolle, sondern auch als politischer Aktivist und nun als Comic-Autor den Anspruch einer Hautfarben und Kulturen übergreifenden Menschlichkeit und Friedensliebe. In der gerade erscheinenden Graphic Novel They called us enemy erzählt er auf nachdenkliche Weise von seiner Kindheit im Internierungslager, die nicht nur Amerikaner zur konstruktiven Vergangenheitsbewältigung und Verarbeitung der „unangenehmen Aspekte der US-Geschichte“ einlädt. Kein Zufall, dass das Buch fast pünktlich zum 75. Jahrestag der deutschen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg erscheint, deren Lektionen von zu vielen Menschen schon wieder vergessen worden sind.  

Während des Kriegs leben vor allem an der Westküste der USA etwa 120 000 Japano-Amerikaner, von denen viele amerikanische Staatsbürger sind. Unmittelbar nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor geraten sie in die Zange zwischen Misstrauen, Hass und Opportunismus ihrer Mitbürger und den politischen Maßnahmen gegen die „staatsfremden Feinde“ der Regierungen in Washington und den Einzelstaaten, welche genauso wenig wie die Wutbürger zur Differenzierung in der Lage sind. Im Gegenteil, es herrscht allerorten der gleiche gefährliche Essentialismus, den man gleichzeitig anderen vorwirft: Staatsbürger oder nicht, allen japanisch-stämmigen Menschen sei nicht zu trauen, weil „ihr Blut“ sie nicht assimilierbar mache und sie „typisch asiatisch“ undurchschaubar seien und man deshalb nicht auf den Nachweis von tatsächlicher Spionage warten könne. Auch Politiker und Juristen, die später zu Helden der Bürgerrechtsbewegung werden sollten, machen sich populistisch die allgemeine Hysterie gegen die angebliche „fünfte Kolonne“ zunutze, um ihre Karriere voranzutreiben – allen voran Earl Warren, der spätere Vorsitzende Richter am Obersten Gerichtshof, der in Kalifornien die Internierungspolitik der Bundesregierung forciert und später Gouverneur wird.

George Takeis bewegende Geschichte lässt uns Leser daran teilnehmen, wie das Beste an Amerika – seine Vielfalt, sein Bürgerengagement, seine Demokratie und sein Rechtsstaat – über das Schlechteste an Amerika triumphiert.

Die vorbeugende Internierung ohne Anklage, Verfahren oder Urteil wird vom Autor erst sehr spät als „Anschlag auf die Verfassung“ erkannt. Für das Kind waren die Jahre im Lager eben die Normalität, die es zu leben galt. Für die USA spricht Ronald Reagan sogar erst 1988 anlässlich der Enthüllung des National Japanese American Memorial To Patriotism During World War II davon, „ein großes Unrecht zu korrigieren“. Bis zur Aufhebung der Urteile gegen aus fadenscheinigen Gründen verhaftete Japano-Amerikaner durch den Obersten Gerichtshof hat es Jahrzehnte gedauert. Der Comic bezeichnet es als grausame Ironie, dass die Aufhebung nur eine Randnotiz der Aufrechterhaltung von Trumps Einreiseverbot für muslimische Länder war und gleichzeitig von eben dieser Trump-Regierung in Internierungslagern für Immigranten Kinder von ihren Familien getrennt werden, zur Abschreckung.

Ist Vergangenheitsbewältigung also immer noch Fehlanzeige in den USA? Einige Lichtblicke gibt es. George Takeis bewegende Geschichte (von den Beschlagnahmungen und Ausgangssperren, der Internierung in Pferdeställen, über den ständigen Loyalitätsdruck, die Sippenhaft, die „Ausbürgerungsoption“, bis zur gerade noch geglückten Rückkehr nach Los Angeles nach Kriegsende) lässt uns Leser daran teilnehmen, wie das Beste an Amerika – seine Vielfalt, sein Bürgerengagement, seine Demokratie und sein Rechtsstaat – über das Schlechteste an Amerika triumphiert. Und zwar, weil Menschen wie Takei und sein Vater, dem hier ein Denkmal gesetzt wird, daran so sehr glauben, dass sie es gegen alle Widerstände selbst als Bürger wahrmachen.

Der eher distanzierte Manga-Stil der Zeichnerin Harmony Becker verhindert meistens, dass der teilweise doch dick aufgetragene American spirit zu Kitsch wird. Und das Echo von Obamas berühmtem Ausspruch, dass „nur in Amerika eine solche Geschichte möglich ist“, das hier explizit anklingt, lässt zwar einerseits an Wiglaf Drostes Bonmot denken („Klingt gut, ist aber Stuss“), dient andererseits aber zur Bestärkung des American Exceptionalism, auf den sich – auch in Zeiten der extremen Polarisierung – Amerikaner aller politischen Couleur einigen können. Angesichts der Geschichte von George Takei sei es ihnen gegönnt – wenn’s denn im November hilft.

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