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„Anzahl der Klimamigranten wird gering bleiben“
Wer vor Klimaextremen flüchtet, der flüchtet nicht weit. Doch das muss nicht so bleiben. Die Forscherin Valerie Mueller im Gespräch.

AFP
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Warten auf Regen in Assam, im Nordosten Indiens.

Interview von Joanna Itzek

Aufgrund des fortschreitenden Klimawandels ist davon auszugehen, dass in den nächsten Jahrzehnten zahlreiche Gegenden unbewohnbar werden. Stehen wir vor einer massiven globalen Migrationsbewegung? 

Wenn ich über Migration in Folge des Klimawandels spreche, dann nur in Bezug auf einen Zeitraum von Jahrzehnten. Die Forschungen lassen darauf schließen, dass es wahrscheinlich keine wirklich großen globalen Migrationsbewegungen geben wird – außer in Gegenden, die bereits heute unter Konflikten leiden. Möglicherweise verstärkt der Klimawandel im Fall von Syrien und anderen Ländern das Risiko der Migration aufgrund von Konflikten. Es gibt zwar Länder mit traditionell hohen Migrationsraten zwischen Land und Stadt oder auch über die Grenzen hinweg. Doch in den meisten Ländern ist die Migration ziemlich gering, da es erhebliche Mobilitätsbarrieren gibt.

Welche Barrieren sind das?

Aufgrund mangelnder Infrastruktur sind die Transportkosten relativ hoch. Menschen aus dem ländlichen Raum sind vielleicht der Landessprache oder der Sprache ihres Ziellandes nicht mächtig, was sie daran hindert, ihre Fähigkeiten in anderen Sektoren oder an anderen Orten einzusetzen. In einigen Regionen könnte es zu wenig Arbeitsplätze außerhalb der Landwirtschaft geben, und daher bleiben Landarbeiter, die sonst aufgrund klimatischer Entwicklungen wegziehen würden, mangels Möglichkeiten in ihrer Heimat. Dies könnte nach einem klimatischen Ereignis zu einem negativen Nettomigrationseffekt führen, was bedeutet, dass weniger Menschen aufgrund eines Klimaschocks umziehen. Von den Studien, die einen erheblichen Zusammenhang zwischen Hitzeeinwirkung beziehungsweise Temperaturerhöhung und Migration zeigen, gehen die meisten absolut betrachtet trotzdem davon aus, dass die Anzahl der Klimamigranten gering bleibt.

Umwelteinflüsse können nur einer von vielen Faktoren sein, die Menschen dazu bewegen, ihren Wohnort zu verlassen. Der Zusammenhang zwischen Klimawandel und Migration ist also kompliziert. Welche verlässlichen Belege gibt es dafür in der Forschung?

Verlaufsstudien wie die von Clark und Mueller (2012) oder Mueller et al. (2014), werden bevorzugt, da sie ausreichende Langzeitinformationen über Haushalte berücksichtigen, um wenigstens die klimatischen Effekte von anderen Einflussfaktoren auf die Migration unterscheiden zu können. Diese Studien sind häufig nicht repräsentativ für das jeweilige Gesamtland, sondern verlässlicher für ausgewählte Bezirke oder Orte im Land. Ebenso haben sie Schwächen bei der Messung von Migrationsmustern.

Wo liegt hier das Problem?

Erstens beruht die Migrationsforschung auf selbst übermittelten Informationen. So kann es sein, dass der Haushaltsvorstand bei einer Befragung falsche Informationen über die Auswanderung eines Familienmitglieds gibt. Bei Umfragen werden häufig keine Migrationshistorien erfasst, mit denen temporäre von dauerhaften Migrationsmustern unterschieden werden könnten. Und wir wissen oft wenig über die Vertreibung von Haushalten, da die Daten häufig nicht dazu dienen können, vertriebene Haushalte über längere Zeiträume hinweg zu verfolgen und zu beobachten. Dies bedeutet, dass die meisten Studien keine Migrationsmuster von ganzen Haushalten erfassen, sondern nur die ihrer einzelnen Mitglieder.

Wie verlässlich sind demnach Prognosen zur Anzahl von Klimaflüchtlingen?

Menschen, die aufgrund eines klimatischen Ereignisses umsiedeln, legen dabei normalerweise nur kurze Strecken zurück. Studien, die den Effekt klimatischer Episoden auf internationale Migrationmuster untersuchen, rechnen Ereignisse auf das jeweilige Gesamtland hoch und messen dann die Korrelationen zwischen diesen Ereignissen und internationaler Migration in Bezug auf das ganze Land. Es gibt nur sehr wenige Studien, die in der Lage sind, Zusammenhänge zwischen Klima und Migration auf einer Ebene zu betrachten, die disaggregiert genug ist, um klimatische Einflüsse und Verhaltensänderungen jeweils korrekt widerzuspiegeln. Beispielsweise sind viele Klimafolgen wie die Bodenversalzung aufgrund steigender Meeresspiegel, Überschwemmungen, Erdrutsche, Wirbelstürme und Hitzestress örtlich sehr stark begrenzt und könnten daher bei einer Analyse landesweiter Klimamigrationsmuster übersehen werden.

Wer ist von Klimamigration hauptsächlich betroffen?

Die Menschen, die zuerst auswandern, sind normalerweise diejenigen, deren Besitz mobil genug ist. Teilen wir die Bevölkerung eines Landes in Land- beziehungsweise Hofeigentümer und landlose Arbeiter oder Dienstleister auf, neigt die letztere Gruppe stärker dazu, auf der Suche nach Arbeit zu migrieren. Dies liegt daran, dass es ihnen an den nötigen Ressourcen mangelt, kurzfristig auf den auslösenden Schock zu reagieren und ihren Konsum anzupassen. Außerdem besitzen sie kein Land oder andere Güter, durch die sie an einen bestimmten Ort gebunden sind.

Welche Regionen haben besonders mit Auswanderung zu kämpfen?

Aus welchen geografischen Regionen die Auswanderung wahrscheinlich am stärksten ist, ist schwer zu sagen, da einige Gebiete im globalen Süden nur unzureichend untersucht sind. Außerdem hat der Klimawandel Folgen, für die einige Länder anfällig sind und andere nicht. Was den Anstieg des Meeresspiegels betrifft, geben Clark und sein Team an, welche Gebiete bis zum Jahr 2100 überschwemmungsgefährdet sind – aber dies führt nicht automatisch zu stärkerer Mobilität. Mit Sicherheit können wir sagen, dass Bangladesch an mehreren Fronten betroffen sein wird. Dort wird der Anstieg der Temperaturen und des Meeresspiegels den Migrationsdruck erhöhen. Auch über Äthiopien gibt es mehrere Untersuchungen, die Dürre mit Migration in Verbindung bringen. Einige Studien beschäftigen sich auch mit Mexiko. Doch andere Studien ergaben einen Rückgang der Migration unter denjenigen, die Überweisungen aus dem Ausland erhalten und damit über ein soziales Sicherheitsnetz verfügen.

Machen sich die Menschen eher landesintern oder in benachbarte Länder auf? Und muss der globale Norden in Zukunft mit zahlreichen Klimamigranten rechnen?

Nach einem klimatisch ausgelösten Schock ziehen Menschen eher innerhalb ihres eigenen Landes um als in ein Nachbarland – das können wir zumindest für Gebiete sagen, die gut erforscht sind, wie Nordamerika, Lateinamerika und Asien. Also sollten wir nicht notwendigerweise erwarten, dass sich mehr Klimamigranten in den globalen Norden aufmachen. Allerdings sind die afrikanischen Länder relativ unerforscht, und daher ist es schwer zu sagen, ob dies auch für diese Region gilt.

Ist Migration die wahrscheinlichste Reaktion auf die Auswirkungen des Klimawandels? Welche Anpassungsstrategien sind noch denkbar?

Häufig wandern Menschen aufgrund klimatischer Folgen erst dann aus, wenn sie keine anderen Möglichkeiten haben, mit einer Katastrophe umzugehen. In unserer Studie über Bangladesch beschäftigen wir uns beispielsweise mit Haushalten, die unter Bodenversalzung aufgrund des höheren Meeresspiegels oder anderen menschlichen Einflüssen leiden. Einige von ihnen stellen auf Aquakultur um, während andere auswandern. Sorgen über vom Klimawandel verursachte Migrationsbewegungen könnten dadurch gelindert werden, dass mehr in den Schutz der Menschen investiert wird. Eine solche Maßnahme könnte sein, Nutzpflanzen zu verteilen, die resistenter gegen Dürre sind. In anderen Fällen, wie etwa bei steigendem Meeresspiegel, müssen wir allerdings über einen geordneten Rückzug nachdenken, da die überschwemmten Orte völlig unbewohnbar werden.

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