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Das nächste Virus wartet schon
Covid-21? Nur durch besseren Schutz von intakten Ökosystemen können wir künftigen Pandemien vorbeugen, meint Tropenbiologe Cristián Samper.

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Ob SARS, Ebola oder das neue Coronavirus SARS-CoV-2: Viele gefährliche Viren stammen ursprünglich von Fledertieren ab.

Lesen Sie dieses Interview auch auf Englisch und Russisch.

Die Fragen stellte Daniel Kopp.

Sie arbeiten für die Wildlife Conservation Society, die sich weltweit für das Tierwohl und den Schutz von Wildnisgebieten einsetzt. Sie haben schon vor Ausbruch von Covid-19-Pandemie vor den Gefahren einer Viruspandemie gewarnt. Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen Gesundheit der Tierwelt und der Ausbreitung von Covid-19?

Wir müssen uns vor Augen halten, dass Covid-19 wie viele andere Krankheiten eine sogenannte Zoonose ist – also zwischen Tier und Mensch übertragbar ist. Unsere Spezies teilt sich den Planeten mit Millionen anderer Spezies, die allesamt Viren tragen können. Schätzungsweise gibt es 700 000 Viren mit zoonotischem Potenzial, und von Zeit zu Zeit springen solche Viren von einer Tierart auf die andere und manchmal eben auch auf den Menschen über.
Durch unseren Einsatz für den Schutz bedrohter Arten beschäftigen wir uns schon lange mit der Gesundheit der Tierwelt. Fast drei Viertel aller Virenerkrankungen, die uns Menschen befallen, sind tierischen Ursprungs. Für die Vorbeugung gegen zukünftige Pandemien kommt es deshalb entscheidend darauf an, sich die vielen Berührungspunkte zwischen Mensch und Tier bewusst zu machen.

Ihre Organisation hat neulich in einem Positionspapier darauf hingewiesen, dass durch die Schädigung der ökologischen Umwelt das Risiko der Ausbreitung von Pandemien und Viren steigt. Wie hängt unser Umgang mit der Natur mit diesem erhöhten Risiko zusammen?

Wir wollen deutlich machen, wie wichtig der Schutz intakter Wälder und intakter Ökosysteme ist. Sobald wir Menschen in ein Gebiet eindringen und es erschließen, stören wir das gesamte Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Spezies.

Fast drei Viertel aller Virenerkrankungen, die uns Menschen befallen, sind tierischen Ursprungs.

Wenn in einem bestimmten Gebiet die Entwaldungsrate steigt und Leute sich dort ansiedeln, entstehen neue Schnittstellen zwischen Mensch und Tier. Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen mit verschiedenen Tierarten in Berührung kommen, nimmt dadurch dramatisch zu. Deshalb ist es wichtig, solche noch weitgehend intakten Ökosysteme wie Wälder und andere Lebensräume zu schützen. Das wäre nicht nur ein Beitrag zum Naturschutz, sondern würde auch dafür sorgen, dass weniger Schnittstellen zwischen Mensch und Tierwelt entstehen – und somit die Wahrscheinlichkeit verringern, dass Krankheitserreger mit Pandemiepotenzial übertragen werden.

Was hätte man ganz konkret tun können, um zu verhindern, dass Covid-19 sich überhaupt ausbreitet?

Hier gibt es einen direkten Zusammenhang mit dem kommerziellen Tierhandel und dem Tierkonsum. Das Problem ist: Während wir uns hier unterhalten, sind in Tieren, die von Menschen verzehrt werden, viele verschiedene Coronaviren im Umlauf – und jedes dieser Viren kann auf den Menschen überspringen. Damit handeln wir uns möglicherweise Covid-22 oder Covid-23 ein. Die WCS empfiehlt daher, den kommerziellen Handel mit Tieren für den menschlichen Verzehr (vor allem von Geflügel und Säugetieren) komplett einzustellen und alle Märkte, auf denen dieser Handel stattfindet, zu schließen. Die geltenden Gesetze, Vorschriften und internationalen Abkommen, die den Tierhandel und die Tiermärkte regeln, müssen unbedingt rigoros angewendet werden, aber das allein reicht nicht aus. Wenn wir Pandemien wie Covid-19 zukünftig verhindern wollen, brauchen wir ein neues Paradigma. Wir müssen die Überwachungsmechanismen verstärken und dafür sorgen, dass weniger Wald abgeholzt wird.

Darüber hinaus benötigen wir ein besseres Monitoring. Man muss wissen, welche Viren im Umlauf sind, und die Versorgungsketten so sauber halten wie möglich.

China und Vietnam haben Verbotsmaßnahmen gegen den Tierhandel und gegen Tiermärkte ergriffen. Bedeutet dies, dass zumindest in manchen Teilen der Welt Lehren aus der Corona-Pandemie gezogen werden?

Ich bin zuversichtlich. Dass China nach dem Ausbruch von Covid-19 Tiermärkte tatsächlich zeitweilig verboten hat, war für uns ein ermutigendes Zeichen.

Wenn wir Pandemien wie Covid-19 zukünftig verhindern wollen, brauchen wir ein neues Paradigma.

Eine weitere gute Nachricht ist, dass China inzwischen viele Märkte, auf denen Tiere für den menschlichen Konsum verkauft werden, dauerhaft schließt. Allerdings bleiben etliche Schlupflöcher. Es gibt nach wie vor offene Fragen im Zusammenhang mit der chinesischen Medizin und anderen Bereichen, die ein wichtiger Teil der kulturellen Tradition und Praxis sind. Das ist ein spezielles Thema, mit dem man sich gesondert auseinandersetzen muss.

Vietnam hat ähnliche Schritte angekündigt. Der vietnamesische Premierminister hat angekündigt, dass die Regierung die Tiermärkte dichtmachen will. Nach unseren Informationen sind dieser Ankündigung bis jetzt jedoch noch keine Taten gefolgt. Wir sind optimistisch, dass dies noch passieren wird. Aber dieses Signal von höchster Stelle war wichtig. Andere Staaten in der Region wie zum Beispiel Indonesien denken inzwischen über Ähnliches nach.

Lassen Sie mich noch einen anderen wichtigen Aspekt ansprechen. In unseren Verlautbarungen und programmatischen Aussagen treffen wir eine wichtige Unterscheidung. Wir sprechen gezielt und konkret von „kommerziellen Tiermärkten für den menschlichen Konsum“, denn uns ist bewusst, dass vielerorts Tiere für die einheimische Bevölkerung eine wichtige Rolle spielen, weil sie für den Eigenbedarf und als Existenzgrundlage benötigt werden.

Die verfügbaren Daten zeigen: Wenn man für den lokalen Konsum in freier Wildbahn einige Tiere erlegt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Viren übertragen werden, sehr viel geringer. Probleme gibt es erst, wenn die Tiere in eine Versorgungskette und auf Märkte in den Städten gelangen, denn dort steigt die Virenzahl dramatisch an.

Deshalb sprechen wir uns nicht für ein Pauschalverbot aus. Wir wollen nicht, dass sich negative Konsequenzen für die Lebensbedingungen der Menschen ergeben, die in Wildnisgebieten leben.

Das führt mich direkt zu meiner letzten Frage. Kürzlich schrieben Sie in einem Beitrag, „Tierschutz und Artenschutz“ stünden nicht „in Konkurrenz zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung“. Wie sollten wir die Beziehung zwischen diesen beiden Anliegen begreifen?

Den falschen Gegensatz, dass man etwas entweder bewahrt oder nutzt, gab es schon immer. Wir erkennen heute, wie viel Gutes die Natur uns bereitstellt: sauberes Wasser, saubere Luft, Nahrung. Wir alle sind auf die Natur angewiesen – ganz gleich, ob wir sie direkt in der Wildnis oder in Form der Güter und Dienstleistungen nutzen, die wir jeden Tag gebrauchen und in Anspruch nehmen.
Das Problem ist, dass viele dieser Ökosystemdienstleistungen keinen Marktwert besitzen. Das führt dazu, dass sie zerstört werden und schlecht mit ihnen gewirtschaftet wird.

Die Erhaltung intakter Wälder ist wichtig, um zu verhindern, dass an den Schnittstellen zwischen Mensch und Tierwelt Krankheitserreger übertragen werden, und um die Pandemiewahrscheinlichkeit zu reduzieren. Die Wissenschaft liefert uns außerdem immer mehr Beweise, dass ausgewachsene Wälder sehr schnell CO2 binden und somit zur Bekämpfung des Klimawandels beitragen. Dieser Gesamtzusammenhang und der Mehrwert, den die Natur schafft, haben so viele Dimensionen, dass wir gerade erst anfangen, sie in einen Zusammenhang zu bringen.

Der Schutz der Natur wirkt sich nicht nur auf die Lebensgrundlagen aus, sondern hilft auch bei der Lösung geopolitischer Probleme.

Der Schutz der Natur wirkt sich nicht nur auf die Lebensgrundlagen aus, sondern hilft auch bei der Lösung geopolitischer Probleme. Wir sprechen uns zum Beispiel ganz entschieden dafür aus, die Schutzgebiete in der Sudan-Sahelzone in Afrika zu stärken und sie zu Ankerpunkten für verantwortliches Handeln zu machen. Dies wird dazu beitragen, dass stabilere Gemeinschaften entstehen und Migration überflüssig wird, dass die meisten dort lebenden Menschen weniger unter den Folgen des Klimawandels zu leiden haben, dass politische Konflikte abgebaut werden und weniger Flüchtlinge in Europa und anderswo stranden.

Wenn wir in die Natur und ihren Schutz und Erhalt investieren und die Lebensqualität der Menschen vor Ort verbessern, können wir auch mit Sicherheits- und Migrationsfragen besser umgehen.


Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld

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