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„Die Schwellenländer beanspruchen mehr Gewicht“
Mónica Xavier über die Rolle Lateinamerikas im internationalen Handel.

Wir beobachten eine Tendenz zu Mega-Handelsabkommen wie TTIP oder TPP (Transpazifisches Abkommen über Wirtschaftliche Zusammenarbeit). Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

In der Tat hat die Anzahl der bi- und multilateralen Vereinbarungen stark zugenommen: Von den insgesamt 258 Handelsabkommen, die bei der Welthandelsorganisation (WTO) hinterlegt sind, entfallen 201 auf die Zeit seit dem Jahr 2000. Allerdings sind wir seit 2010 mit Abkommen neuen Typs konfrontiert, die aufgrund ihrer beabsichtigten geografischen Reichweite als Vereinbarungen zwischen „Megaregionen” bezeichnet werden können, wie die genannten TTIP und TPP, aber auch die Umfassende Regionale Wirtschaftspartnerschaft (RCEP).

Diese Entwicklung lässt sich wie folgt einordnen: Die vom Zentrum des Kapitalismus ausgehende internationale Finanzkrise hat die Schwierigkeiten offenbart, auf multilateraler Ebene sinnvolle Änderungen an der globalen Finanzarchitektur und Mechanismen zur Überwindung der Krise einzuführen, die das Wachstum mit sozialer Inklusion fördern. Darüberhinaus trägt das fortlaufende Auftreten neuer Akteure der internationalen Ordnung zu einem Panorama zunehmenden Wandels auf internationaler Ebene bei. Die Schwellenländer beanspruchen mehr Gewicht.

Welche Rolle spielen die neuen Handelsabkommen in der globalen Geopolitik?

Die Tendenzen des globalen Handels unter dem Einfluss der von den Abkommen zwischen Megaregionen begünstigten großen Produktionsketten stellen die Kapazitäten ganzer Staaten infrage, und zwar unabhängig von ihrer Größe, und werfen Probleme auf, deren Bedeutung und Tragweite bisher unbekannt sind.

So stellt sich zum Beispiel die Frage, welcher Spielraum für souveränes Handeln den Staaten angesichts einer Vielzahl von strategischen Entscheidungen des Privatsektors, die einen direkten Einfluss auf das Gebiet und die Bevölkerung eines Landes haben, bleibt.

Diese Realität bringt es mit sich, dass einige unangenehme Fragen zum zentralen Aspekt der Funktionsweise dieser neuen internationalen Logik gestellt werden müssen, die die staatliche Entscheidungsfähigkeit als solche hinterfragt. Wer sitzt auf internationaler Ebene an den Schalthebeln der Entscheidungen? Mit welcher demokratischen Legitimation? Wie erfolgt die Teilnahme und Einflussnahme im Rahmen der neuen formellen und informellen Formate der weltweiten Governance?

Wie positioniert sich Lateinamerika angesichts dieser Tendenzen?

Die Art und Weise, wie die genannten umfassenden Abkommen die Handelsströme beeinflussen, wirkt sich auf die internationale Einbindung Lateinamerikas aus. Um es in Zahlen auszudrücken: Der Anteil der Region am globalen BIP liegt seit 1980 unverändert bei mageren fünf Prozent – nachdem er in den 1990er Jahren auf knapp über drei Prozent gefallen war­ –, während die Ausfuhren aus Südamerika und der Karibik unverändert vier Prozent der globalen Exporte in demselben Zeitraum ausmachten. 

Dazu kommen einige ambivalente Prozesse. Trotz der Dynamik, die die Region bei den ausländischen Direktinvestitionen (FDI) an den Tag gelegt hat, haben diese sich doch sehr stark auf Aktivitäten im Bereich der Rohstoffgewinnung konzentriert, deren Kapazität zur Schaffung von Arbeitsplätzen eher gering ist. Darüber hinaus hat die Rentabilität dieser Investitionen zwar stark zugenommen, aber die Ausgaben durch die Gewinnabführung an die Muttergesellschaften machen 92 Prozent der FDI aus, womit der positive Effekt für die Zahlungsbilanz neutralisiert wird. Diese wirtschaftliche Gleichung muss sich ändern, um mit einer Dynamik des Exports von Reichtümern Schluss zu machen, die der Möglichkeit, die produktiven Kapazitäten zu steigern und Arbeitsplätze zu schaffen, im Weg steht.

Gibt es in Lateinamerika einen Konsens darüber, wie man auf die Herausforderungen im globalen Handel reagieren sollte?

Was die subregionale Integration betrifft, lassen sich in der derzeitigen Situation zwei voneinander abweichende Tendenzen beobachten: Während die Pazifik-Anrainerstaaten im Rahmen der Pazifik-Allianz ihr regionales Integrationssystem im Einklang mit ihrer Geschichte der unilateralen Weltmarktöffnung konsolidieren, bemühen sich die Mitgliedsländer des Gemeinsamen Markt Südamerikas (MERCOSUR) und der Bolivarianischen Allianz für Amerika (ALBA) darum, die regionale Integration als einen Mechanismus voranzutreiben, der eine vorteilhaftere Einbindung auf der internationalen Ebene erleichtern soll.

Unsere Region steht in den kommenden Jahren vor der grundsätzlichen Herausforderung, verstärkt gemeinsam zu handeln. Dementsprechend sollte der Schwerpunkt vor allem auf der politischen Weiterentwicklung liegen.

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