Die Fragen stellte Valentina Berndt.
Woran liegt es Ihrer Ansicht nach, dass wir gerade eine Zeit erleben, in der die Unterstützung für rechte und rechtsextreme Gruppen in der westlichen Welt zunimmt?
Das ist eine schwierige Frage. Eine wichtige Rolle spielen die gesellschaftlichen Gegebenheiten, in denen wir heute leben. Es ist eine Zeit mehrfacher Krisen: die Pandemie, die Erderwärmung und jetzt ein Krieg in Europa – und das alles in Kombination mit vielen verschiedenen Interessen in der Welt, die alle in unterschiedliche Richtungen gehen. Es herrscht eine starke Verunsicherung und die extreme Rechte ist gut darin, den Menschen ein Gefühl der Kontrolle und eine Erklärung dafür zu geben, warum all diese Dinge passieren. Es ist natürlich viel einfacher zu behaupten, dass hinter all dem ein einziger Grund steckt, als die komplexen – und manchmal auch zufälligen – Gründe und Zusammenhänge zwischen verschiedenen Faktoren zu sehen. Es ist einfacher, bestimmten Menschen die Schuld an allem zu geben – und genau das macht die extreme Rechte.
Ein zweiter Faktor ist das Gefühl von Stagnation und Mangel an Fortschritt, das viele Menschen spüren. Der Lebensstandard und die öffentliche Sicherheit haben sich in den letzten Jahren kaum verbessert – oder zumindest nehmen die Menschen keine Verbesserungen wahr. Viele blicken der Zukunft mit großer Ungewissheit entgegen und haben nicht die Hoffnung auf mehr Wohlstand, wie es in den letzten 30 Jahren in der Generation unserer Eltern der Fall war. Das unterscheidet sich von Land zu Land, aber dieses Gefühl, dass etwas passiert, dass es vorangeht, dass das Leben besser wird, man sich endlich Ferienreisen ins Ausland leisten kann, ist nicht mehr da. Jetzt herrscht eher die Stimmung, dass „meine Kinder vielleicht nicht mehr all das bekommen können, das mir vergönnt war“.
Und dann ist da noch der letzte, etwas deprimierende Faktor, dass der Trend in Richtung des rechten politischen Spektrums eine Reaktion auf einen Fortschritt ist, der dann doch passiert ist: sozialer Wandel, größere Sichtbarkeit von LSBTQI+-Menschen, Erfolge für den Feminismus und ein stärkerer Fokus auf die Erderwärmung. Wir sind noch nicht da, wo wir sein wollen, aber es geht voran. Und genau das vermittelt manchen Menschen leider das Gefühl, ausgeschlossen zu werden. Ich möchte hier nicht, wie manche das tun, die Schuld daran dem linken Spektrum zuweisen, das zu „woke“ sei. Denn dem kann ich überhaupt nicht zustimmen, weil Fortschritte genau das sind, was wir brauchen. Aber Menschen reagieren auf diese Fortschritte. Einige Leute denken, dass ihnen selbst möglicherweise etwas weggenommen wird, wenn anderen am Arbeitsplatz mehr Rechte, Aufmerksamkeit und Möglichkeiten eingeräumt werden.
Wie Sie gerade sagten, haben die gegenwärtig auf uns einstürzenden Krisen und die damit einhergehenden wirtschaftlichen Folgen in der westlichen Welt die je nach Schichtzugehörigkeit bereits bestehenden Schwierigkeiten für Menschen verschärft. Traditionell war es die Linke, die sich darauf konzentrierte, Lösungen für diese Probleme anzubieten. Und jetzt ist es dagegen die Rechte, die diese Rolle übernommen hat. Wie ist es ihnen gelungen, sich als diejenigen darzustellen, die diese Probleme lösen werden?
Was die extreme Recht angeht, glaube ich, dass ihre Strategie darin besteht, das, was anderen angetan wird, immer so umzukehren, als wäre es etwas, das ihnen selbst passiert. Nach dieser Logik gibt es zum Beispiel keinen Rassismus, abgesehen von dem Rassismus gegen Weiße. Und die Rechte hat Erfolg, weil sie es ausnutzt, dass die Linke sich nicht weiterentwickelt. Die Gewerkschaften in Europa werden nicht gerade stärker. In vielen europäischen Ländern werden die wirtschaftlichen Ungleichheiten größer – also ist hier irgendetwas schiefgelaufen, selbst in sozialdemokratischen Ländern wie den skandinavischen. Das Leben hat sich einfach nicht weiter verbessert. Es ist daher leicht zu behaupten, die Linke trete nicht für Verbesserungen ein, sondern kümmere sich nur um Umweltschutz, „Wokeismus“, Identitätspolitik und andere symbolträchtige abstrakte Dinge statt um Materielles. Und die Rechte nutzt das strategisch aus: Sie stellt die Linke als entfremdet von den Durchschnittsmenschen dar, weil sie sich auf diese Dinge konzentriert.
Die Rechte hat Erfolg, weil sie es ausnutzt, dass die Linke sich nicht weiterentwickelt.
Wie könnte man dem entgegenwirken?
Das ist sehr schwierig, weil da aufgrund der verschlechterten Lebensbedingungen viel Wut im Spiel ist. Wenn man verunsichert und wütend ist, fühlt es sich gut an, auf anderen herumzuhacken, ein Ventil für die Wut zu haben und sich selbst und anderen zu beweisen, dass man nicht ganz unten ist, sondern irgendwo in der Mitte oder sogar auf dem Weg nach ganz oben. Aber diese Wut geht aus der Enttäuschung über die schlechten Zukunftsaussichten hervor. Deshalb muss die Linke sich genau darauf konzentrieren. Es geht darum, dieser Enttäuschung etwas entgegenzusetzen und ein Gefühl der Hoffnung und Orientierung zu vermitteln.
In den Medien sowie von einigen linken Politikern und Politikerinnen werden die Menschen, die rechte Parteien wählen, verunglimpft. Dadurch entsteht bei denjenigen, die rechts gewählt haben, der Eindruck, dass ihre Probleme von der anderen Seite missachtet werden. Wie könnte dieses von Empfindungen genährte Narrativ verändert werden?
Wenn wir zugeben, dass das Leben für die Durchschnittsmenschen momentan nicht besonders toll ist, und ihnen Perspektiven vermitteln, dass es zukünftig besser werden wird, ist es für sie viel einfacher, mit ihren Schwierigkeiten umzugehen, als wenn das Narrativ umgekehrt wäre. Ich denke, es macht einen Unterschied, ob man nur Ungleichheit und schlechte Lebensstandards wahrnimmt oder aber materielle Bedingungen, bei denen es irgendwie bergauf geht. Wenn die Entwicklung nach unten geht, setzt eine Art von Verzweiflung ein und der Wunsch, dem etwas entgegenzusetzen, indem man das Gegenteil von dem tut, was man 20 Jahre lang getan hat – und jetzt ist das, rechte Parteien zu wählen.
Aber was können wir tun? Ein zentrales Element ist, zu verstehen, was der extremen Rechten Auftrieb verschafft. Dieses Verständnis ist nötig, um beispielsweise effektive Kampagnen zu entwickeln und wirksame Aufklärung in Schulen zu leisten. Wir haben ein pädagogisches Team, das in Schulen geht, um sowohl die Kinder zu unterrichten als auch die Lehrerschaft zu schulen. In Bezug auf Kampagnen sind wir im Vorfeld von Wahlen sehr aktiv und organisieren Kampagnen, damit die Wahlberechtigten sich ins Wahlregister eintragen lassen. Wenn sich die Menschen in ihren Gemeinden oder generell in der Politik engagieren, gewinnen sie allmählich das Gefühl zurück, etwas Kontrolle über ihr Leben und ein Mitspracherecht zu haben, wie die Dinge ablaufen.
Wenn man einige Menschen erreicht und ihnen etwas Hoffnung geben kann, ist das ein Gewinn, vor allem wenn wir über die extreme Rechte sprechen.
Natürlich ist das in der Praxis schwierig. Es erfordert eine Menge Arbeit und man wird nicht von einem Tag auf den anderen Veränderungen erleben. Es ist keine Lösung im Stil eines Hollywood-Films, in dem am Ende alle glücklich sind und sich umarmen. Aber wenn man einige Menschen erreicht und ihnen etwas Hoffnung geben kann, ist das ein Gewinn, vor allem wenn wir über die extreme Rechte sprechen. Wir bemühen uns hier um eine Abgrenzung, damit die Menschen nicht zu Gewalt greifen. Denn wenn diese Vorstellungen allmählich zur Normalität werden, dann haben wir ein echtes Problem.
Sie haben viel darüber gesprochen, die Hoffnung zu vermitteln, dass es vorangeht. Wie versucht ihr, so eine Perspektive zu schaffen?
Es geht vor allem darum, dass die Menschen über ihre eigene Identität hinausgehen und die Perspektive eines Weißen aus der Arbeiterschicht beziehungsweise eines muslimischen Menschen aus der Arbeiterschicht einnehmen und versuchen, sich auf einen bestimmten Ort zu fokussieren, um eine Identität oder ein Gemeinschaftsgefühl mit den Menschen um sich herum zu finden. Das ersetzt nicht die alte Identität, sondern fügt ein stärkeres Gefühl von lokalem Patriotismus hinzu. Im Wesentlichen geht es darum, Gruppen zusammenzubringen und Veranstaltungen zu organisieren, an denen Menschen aus verschiedenen Teilen einer Stadt, eines Ortes oder eines Dorfes beteiligt sind, die ansonsten nichts miteinander zu tun haben. Aber das ist schwierig und braucht Zeit. Die Menschen sind sehr wütend aufeinander.
Worauf müsste die Linke sich Ihrer Meinung nach jetzt konzentrieren, um den Aufstieg der Rechten bei den 2024 anstehenden Europawahlen zu verhindern?
Da ist immer diese Hast und Dringlichkeit, wenn es um die Bekämpfung der Rechten geht. Natürlich ist es dringend, aber im Kern geht es darum, Vertrauen aufzubauen – und das braucht seine Zeit. Die Dringlichkeit, von der die Politik gerade getrieben wird, führt zu einer bedenklichen Situation, wenn wir davon ausgehen, dass die Rechte gewinnen und uns „organisatorisch kapern“ könnte, dass also die extreme Rechte in all unseren Institutionen das Sagen hätte. Das ist in meinen Augen eine übertriebene Vorstellung. Es kommt zwar darauf an, wo in der EU man ist, aber das sehe ich nicht kommen. Schlimmer ist jedoch, dass dieser dringliche Krisenmodus Tür und Tor für populistische und schlechte Politik öffnet: Wenn Sozialdemokraten plötzlich davon sprechen, dass wir die Zuwanderung stoppen und uns auf unsere eigene Arbeiterschaft und mehr Überwachung konzentrieren sollten. Das führt zu sehr vereinfacht konzipierten Kampagnen. Wir sollten langfristiger denken. Leider denkt die Politik jedoch nur von einer Wahl zur nächsten und das ist ein Teil des Problems.
Sehen Sie Unterschiede zwischen den Altersgruppen, wer mit größerer Wahrscheinlichkeit rechte oder rechtsextreme Parteien wählt?
Junge Menschen wählen insgesamt seltener. Ich glaube, das trifft für viele Länder zu. Natürlich gibt es Ausnahmen. Wir beobachten bei jungen Menschen starke Tendenzen, die Vorstellungen der extremen Rechten zu übernehmen und generell mehr konservative Einstellungen zu haben. Wir sehen aber auch eine größer werdende Gruppe an jungen Menschen, die sich zur radikalen Linken zählen. Da gibt es eine starke Polarisierung. Junge Menschen bewegen sich an den extremen Enden des politischen Spektrums und die meisten von ihnen gehen nicht zur Wahl. Das ist wirklich bedrückend.
Aber es bleibt auch positiv festzuhalten, dass es viele sehr junge Menschen mit progressiven Ansichten gibt. Tatsächlich geht aus unseren Umfragen immer wieder hervor, dass heute mehr Menschen fortschrittliche Ansichten zu Feminismus und Zuwanderung vertreten als vor 50 Jahren – zumindest in Großbritannien. Es geht eigentlich in die richtige Richtung. Und ich glaube, dass man das häufig schnell vergisst, aber nicht vergessen sollte: Die meisten Menschen sind fortschrittlich.
Aus dem Englischen von Ina Görtz.




