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Das Orakel von Washington
Professor Allan Lichtman hat seit 1984 die Gewinner der US-Präsidentschaftswahlen korrekt vorausgesagt – nun hat er seine Prognose für 2020 getroffen.

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Lesen Sie dieses Interview auch auf Russisch und Englisch.

In den 1980er Jahren entwickelte der Historiker Allan Lichtman gemeinsam mit einem russischen Erdbebenforscher ein Prognosemodell für die amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Mit diesem Modell hat er in den vergangenen vier Jahrzehnten alle Wahlsieger richtig vorhergesagt. 2016 war Lichtman einer der wenigen, die Donald Trumps Sieg prophezeit hatten.

Die Fragen stellte Nikolaos Gavalakis.

Ihre Prognose basiert auf 13 Schlüsselindikatoren – den sogenannten Keys to the White House. Zu diesen „Schlüsseln zum Weißen Haus“ gehören unter anderem die wirtschafts- und außenpolitische Performance, soziale Unruhen, Skandale und das Charisma der Kandidaten. Aktuelle Umfragen, Expertenmeinungen, große Ereignisse, Wahlkampfaktivitäten oder Fernsehdebatten werden in Ihrem Modell dagegen überhaupt nicht berücksichtigt. Warum ist Ihre Methode besser als die von Umfrageinstituten und Analysten wie Gallup, RealClearPolitics oder FiveThirtyEight?

Diese Meinungsforscher lagen, wie wir wissen, 2016 allesamt falsch, während ich Trumps Wahlsieg richtig vorausgesagt und trotz heftiger Kritik an meiner Prognose festgehalten habe. Meine Prognose, dass Trump gewinnen wird, hat mich im zu 90 Prozent von Demokraten dominierten Washington, D. C., natürlich nicht gerade beliebt gemacht, wie Sie sich leicht vorstellen können. Die Frage ist: Warum liegen Meinungsforscher wie Nate Silver von Umfrageaggregatoren wie FiveThirtyEight so häufig falsch? Weil Umfragen keine Vorhersagen sind, sondern Momentaufnahmen. Momentaufnahmen verändern sich, und diese Veränderungen sind nicht vorhersehbar.

Hinzukommt, dass Meinungsforscher eigentlich keine Wähler befragen, sondern ein Konstrukt namens „mögliche Wähler“. Dieses Konstrukt setzt eine Bewertung voraus, die zu Fehlern führt. Wenn Meinungsforscher von einer Fehlertoleranz von plus oder minus drei Prozent sprechen, ist das lediglich der statistische Fehler. Unberücksichtigt bleiben die Fehler, die sich dadurch einschleichen, dass die Einschätzungen sich auf „mögliche Wähler“ oder auch auf Leute beziehen, die sich noch nicht endgültig entschieden haben oder einfach irgendwas antworten.

Die Keys to the White House gehen im Unterschied dazu von den realen Wahldynamiken aus. In Amerika sind Wahlen Volksabstimmungen, bei denen die Stärke und Performance des Präsidenten und der Partei, die das Weiße Haus kontrolliert, positiv oder negativ beurteilt wird. Und genau das wird mit den Keys to the White House gemessen. Ihr Erfolg erklärt sich dadurch, dass wir bei der Entwicklung dieser 13 Schlüsselindikatoren die ganze Wahlgeschichte von 1860 – also von der Postkutschenzeit der Politik, in der Abraham Lincoln zum Präsidenten gewählt wurde – bis zu Ronald Reagans Wahlsieg 1980 ausgewertet haben.

2016 haben Sie Trumps Wahlsieg zutreffend vorhergesagt. Wie lautet Ihre Prognose für dieses Jahr, und bei welchen Schlüsselindikatoren sehen Sie die wichtigsten Veränderungen im Vergleich zur vorigen Wahl?

2016 war Trump der Herausforderer. Mein System funktioniert so: Wenn mindestens sechs der 13 Schlüsselindikatoren gegen die Partei sprechen, die das Weiße Haus hält, lautet die Prognose, dass diese Partei verliert. 2016 habe ich die Demokraten beurteilt, die den Amtsinhaber stellten. Jetzt beurteile ich die Republikaner und Donald Trump als Amtsinhaber. Diesmal sage ich voraus, dass Trump verlieren wird (Prognose von Lichtman im New York Times-Video).

Ende 2019 fiel Trump lediglich bei vier Schlüsselindikatoren durch; also zwei weniger, als benötigt wird, um eine Niederlage für die regierende Partei zu prognostizieren. Doch dann kamen Trumps verfehlter Umgang mit den Herausforderungen der Pandemie und die lautstarken Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit und Gleichberechtigung der Bevölkerungsgruppen. Dadurch rutschte er bei drei weiteren Schlüsselindikatoren in den negativen Bereich: beim Indikator „Kurzfristige Wirtschaftsentwicklung“ wegen einer Rezession im Wahljahr, beim Indikator „Langfristige Wirtschaftsentwicklung“ wegen des nachhaltig gebremsten Wachstums und beim Indikator „Soziale Unruhe“ wegen der um sich greifenden Proteste wütender Bürgerinnen und Bürger. Somit fällt Trump nun bei sieben Schlüsselindikatoren durch – und schon sechs negative Indikatoren genügen für die Prognose, dass Donald Trump die Wahl verliert.

Nie zuvor in der Geschichte der Vereinigten Staaten hat eine Partei, die das Weiße Haus hält, innerhalb weniger Monate einen so abrupten und dramatischen Einbruch erlitten.

Nie zuvor in der Geschichte der Vereinigten Staaten hat eine Partei, die das Weiße Haus hält, innerhalb weniger Monate einen so abrupten und dramatischen Einbruch erlitten. Und Trump hat niemandem, dem er die Schuld geben kann außer sich selbst, denn für die Beurteilung des Amtsinhabers ist das Regierungshandeln und nicht der Wahlkampf ausschlaggebend.

Warum sind Sie so sicher, dass Trump im November wirklich unterliegt? Immerhin sagten sie 2016: „Donald Trump sorgt dafür, dass diese Wahl schwerer einzuschätzen ist als alle anderen Wahlen seit 1984. Er ist ein Kandidat, wie es ihn noch nie gab, und dementsprechend kann diese Wahl so oder so ausgehen.“ Warum gilt das nicht ebenso für die diesjährige Wahl?

Die Situation ist vollkommen anders, weil Trump jetzt der Amtsinhaber ist und nach seiner Regierungsbilanz beurteilt wird. Er ist nach wie vor ein unkonventioneller Kandidat, der sich aufführt wie eine Abrissbirne, aber das wird ihm nicht zum Sieg verhelfen. Zwei Punkte gibt es allerdings, die mir schlaflose Nächte bereiten und die außerhalb der Sphäre von Schlüsselindikatoren und Prognosen liegen.

Der erste Punkt ist die Wahlbeeinträchtigung. Die Republikaner sind auf die Stimmen von alten weißen Männern wie mir angewiesen. Deshalb sind sie so verzweifelt bemüht, die aufstrebende Wählerbasis der Demokraten, die aus Minderheiten und jungen Menschen besteht, an der Stimmabgabe zu hindern. Sie überziehen ganz Amerika mit Gerichtsverfahren, um das Wählen zu erschweren. Sie haben die amerikanische Post übel zugerichtet. Trump droht damit, bewaffnete Kräfte zu den Wahllokalen zu entsenden, und reitet wütende Attacken gegen die Briefwahl. Das beunruhigt mich, denn die Demokratie steht und fällt mit freien und fairen Wahlen.

Der zweite Punkt ist die Einmischung von russischer Seite. Laut FBI sitzen die Russen wieder in den Startlöchern. Obendrein haben sie in den vergangenen vier Jahren wahrscheinlich viel dazugelernt. Vielleicht versuchen sie sogar, sich in unsere Abstimmungstechnologie einzuschleichen. Dass Trump eine Einmischung Russlands begrüßt und ausnutzt, ist bekannt.

Besonders interessant finde ich den Indikator „Soziale Unruhen“, bei dem nach Ihrer Einschätzung Trump durchfällt. Die meisten Experten würden doch vermutlich sagen, dass Trump von Unruhen und Ausschreitungen profitiert, weil sie ihm die Möglichkeit geben, sich als starker Mann, als „Law-and-Order-Kandidat“ zu profilieren und weil sie von den katastrophalen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie und seinem stümperhaften Umgang damit ablenken. Sind Sie nicht auch dieser Auffassung?

Keineswegs. Man kann natürlich mögliche Geschichten zusammenstricken, aber der Erfolg der Keys to the White House beruht darauf, dass man nicht hinter die Kulissen schaut. Man sagt nicht: „Dieser Schlüsselindikator gilt dieses Jahr nicht, weil Donald Trump vielleicht davon profitiert.“ Damit würde das System verfälscht. Mir ist übrigens auch klar, dass Donald Trump versucht, Richard Nixons „Law-and-Order“-Wahlkampf von 1968 zu kopieren. Das Problem ist nur, dass Richard Nixon damals der Herausforderer war. Donald Trump tritt jetzt aber als Amtsinhaber an.

Trump droht damit, bewaffnete Kräfte zu den Wahllokalen zu entsenden, und reitet wütende Attacken gegen die Briefwahl.

Was derzeit in Amerika passiert, hat er zu verantworten. Wenn er jetzt sagt: „Bitte wählt mich im November – dann beende ich die ganzen Entsetzlichkeiten, die während meiner Präsidentschaft passiert sind“, ist das nicht sonderlich überzeugend. Herbert Hoover, der zu Zeiten der Großen Depression die US-Regierung führte, hat einmal gesagt: „Der Präsident wird dafür gelobt, dass die Sonne scheint, und dafür gescholten, dass es regnet.“ Und im Augenblick regnet es in Amerika sozusagen in Strömen.

Besonders kontrovers diskutiert wird vor den meisten US-Wahlen das Thema Waffenbesitz. In Ihrem neuesten Buch Repeal the Second Amendment: The Case for a Safer America („Hebt das Second Amendment auf: Plädoyer für ein sichereres Amerika“) raten Sie den Befürwortern einer Reglementierung des Waffenbesitzes, ihre Strategie von Grund auf zu ändern. Wieso?

Sie müssen zu einer proaktiven, zukunftsorientierten Strategie übergehen, um auf die Aufhebung des Second Amendment (des Zweiten Zusatzartikels zur US-Verfassung) hinzuwirken. Das Second Amendment war nie so gedacht, dass Privatpersonen das uneingeschränkte Recht haben sollen, Waffen zu besitzen und zu tragen. Ein Strategiewechsel ist schlicht und einfach deswegen nötig, weil die bisherige Defensivstrategie nach dem Motto Play not to lose, mit der das Second Amendment gestützt wird, krachend gescheitert ist. Seit dem Sturmwaffenverbot von 1994, das später wieder aufgehoben wurde, haben wir kein einziges landesweites Waffenkontrollgesetz mehr verabschiedet. Das waren 26 absolut verlorene Jahre. Die Verfechter einer Reglementierung des Waffenbesitzes kommen bei Themen wie der obligatorischen Hintergrundprüfung (Universal Background Check) nicht voran, obwohl 90 Prozent der amerikanischen Bevölkerung dafür sind. Das liegt einzig und allein daran, dass ihre Strategie so schwach ist.

Allein 2019 gab es 419 Massenschießereien und fast 40 000 Tote durch Schusswaffengebrauch (davon 24 090 Suizide). Eine aberwitzige Bilanz. Trotzdem sind laut Umfragen nach wie vor 70 Prozent der US-Bürgerinnen und Bürger dagegen, den Besitz von Handfeuerwaffen gesetzlich zu verbieten. Glauben Sie vor diesem Hintergrund nicht auch, dass Joe Biden die Wahl verlöre, wenn er verspräche, das Second Amendment (mit Unterstützung der demokratischen Kongressmitglieder) aufzuheben, wenn er Präsident würde?

Absolut nicht. Das Argument geht ins Leere. Eine Aufhebung des Second Amendment bedeutet ja nicht, dass die Waffen der Bürger konfisziert oder Handfeuerwaffen verboten würden. Das ist Unsinn. Nur ein einziges Mal wurde das Second Amendment so ausgelegt, dass es das Recht von Privatpersonen auf das Besitzen und Tragen von Waffen unter Schutz stellt, und zwar 2010 im sogenannten Heller-Urteil. Fast 200 Jahren sind wir gut mit dem Second Amendment gefahren, das lediglich das kollektive Selbstverteidigungsrecht einer „wohlgeordneten Miliz“ unter Schutz stellt. Seit der Kolonialzeit gab es zahlreiche Waffenkontrollgesetze, aber konfisziert oder verboten wurden Schusswaffen nie.

Wer hätte vor 20 oder 30 Jahren gedacht, dass wir eines Tages die gleichgeschlechtliche Ehe als verfassungsmäßiges Recht haben werden?

In meinem Buch lege ich dar, dass die Aufhebung des Second Amendment die Voraussetzungen schaffen würde für sinnvolle waffenrechtliche Kontrollmaßnahmen wie ein Verbot von Sturmwaffen, Waffenscheinpflicht, obligatorische Hintergrundüberprüfungen und Red-Flag-Gesetze (die es ermöglichen, die Waffen von Personen einzuziehen, die ein Richter als gefährlich eingestuft hat), wie sie von der überwältigenden Mehrheit der US-Bevölkerung befürwortet werden. Die National Rifle Association (NRA), die sich seit so vielen Jahren für das uneingeschränkte Recht zum Besitzen und Tragen von Waffen starkmacht, wird übrigens von internen Skandalen erschüttert, die zeigen: Der US-Waffenlobby geht es nur darum, mit ihrer Geschäftemacherei ihre führenden Vertreter reicher zu machen und ihre normalen Beschäftigten übers Ohr zu hauen.

Wer einen Zusatzartikel zur US-Verfassung wie das Second Amendment ändern will, braucht eine Zweidrittelmehrheit im Repräsentantenhaus und im Senat und muss drei Viertel der Bundesstaaten hinter sich bringen. Nach Meinung des National Constitution Center sind die Chancen, dass das gelingt, „ungefähr genauso groß, wie in einem 80-jährigen Menschenleben vom Blitz getroffen zu werden“. Ist Ihr Ziel demnach nicht völlig unrealistisch?

Ich halte es mit Louis Brandeis, dem berühmten Richter am Supreme Court, der einmal sagte: „Die meisten sinnvollen Dinge schienen zu ihrer Zeit unmöglich.“ Vergessen wir nicht, dass schon einmal ein Zusatzartikel zur US-Verfassung aufgehoben wurde: das Alkoholverbot (Prohibition Amendment). Bevor es aufgehoben wurde, sagten damals die landläufige Meinung und alle Autoritäten auch: Das ist ausgeschlossen, das Alkoholverbot wird für immer Bestand haben.

Und wer hätte vor 20 oder 30 Jahren gedacht, dass wir eines Tages die gleichgeschlechtliche Ehe als verfassungsmäßiges Recht haben werden? Das schien vollkommen unmöglich. Sie haben absolut Recht, wenn Sie sagen, es sei sehr schwierig. Aber anstreben können wir es trotzdem. Allein schon dadurch, bekommt die Waffenkontrollbewegung neuen Schwung und einen neuen Sinn. Wir brauchen grundlegende Veränderungen. Der bisherige Weg führt zu nichts. Wer nicht auf Sieg spielt, sondern immer nur in der Defensive bleibt, um sich nur ja keine Niederlage einzufangen, wird am Ende genau deswegen verlieren.

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld

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