Proteste in Brasilien, schlechte Presse in Sotchi, Volksabstimmung in München und immer neue Finanzierungs- und Korruptionsskandale bei internationalen Sportevents. Was hat sich eigentlich verändert, die Sportereignisse oder die Öffentlichkeit?

In der Bewertung sportlicher Großveranstaltungen hat sich ein Wandel vollzogen. Die Öffentlichkeit ist heute viel kritischer und zwar allen gesellschaftlichen Belangen gegenüber. Wenn bei den weltgrößten sportlichen Veranstaltungen wie den Olympischen Spielen oder den Fußballweltmeisterschaften dann zu viel Geld ausgegeben wird, so dass das der einfache Bürger und die Gesellschaft nicht mehr nachvollziehen können, dann haben wir ein Problem.

In Brasilien hat etwa die Mittelschicht an den großen wirtschaftlichen Erfolgen des Landes kaum teilgehabt. Zugleich sind enorme Stadien gebaut worden, die vielleicht nicht überall immer notwendig gewesen wären. Das führt natürlich zu Unruhe, zu Protesten und zu Demonstrationen. Nicht zuletzt, weil die Protestierenden wissen, dass so ein Großereignis eine wunderbare Fläche darstellt, um den Unmut zu äußern.

An welcher Stelle können Organisatoren ansetzen, um die Lage zu verbessern?

Wir müssen lernen, die Bevölkerung viel stärker mit ins Boot zu holen. Und zwar nicht erst, wenn es entschieden ist, sondern viel früher. Die Menschen müssen durch eine offene und transparente Diskussion überzeugt werden, warum es wichtig ist, dass zum Beispiel auch in Deutschland weiterhin sportliche Großveranstaltungen stattfinden. Wenn man sieht, dass man diese Beteiligung nicht hinbekommt, dann sollte man die Finger von der Veranstaltung lassen. Denn man muss einen Großteil der Bevölkerung hinter die Veranstaltung bringen.

Es muss nicht immer alles größer werden, sondern es muss kreativer werden, bescheidender. Dann wird es auch mehr Erfolg haben in der Resonanz der Menschen.

Dazu gehört aber auch, dass man andere Veranstaltungen macht, als wir es in den vergangenen Jahren erlebt haben. Es muss nicht immer alles größer werden, sondern es muss kreativer werden, bescheidender. Dann wird es auch mehr Erfolg haben in der Resonanz der Menschen. Hier geht es wirklich darum, einen anderen Ansatz zu finden. Salopp formuliert: Es müssen nicht alle Sitze beheizt sein.

Zuletzt sorgten die Korruptionsvorwürfe gegen die Vergabe der WM nach Katar für Schlagzeilen. Wie ist hierauf zu reagieren?

Eines vorweg: Das ist nicht Sache der Vereinten Nationen, sondern Sache der FIFA. Deren Exekutivkomitee hat abgestimmt. Es gibt drei Problemkreise: Zunächst die Entscheidungsfindung. Gab es Korruption? Hier warten wir jetzt auf den Bericht von Michael Garcia, der voraussichtlich Ende August erscheinen wird. Und dann wird sich die FIFA damit auseinandersetzen müssen, ob das kriminelle Akte Einzelner waren, oder ob eine organisierte Verfehlung dahinter steht, die der Fußballverband von Katar zu verantworten hat. Sollte letzteres der Fall sein, ist die Entscheidung dann sehr, sehr kritisch zu betrachten. Jedenfalls ist das meine Interpretation der FIFA-Regeln. Doch bevor der Bericht vorliegt, ist das alles Konjunktiv.

Der zweite Bereich ist die Frage, wann gespielt werden kann. Ich kenne Katar sehr gut und für mich ist klar, dass ein Turnier im Sommer außer Frage steht. Die Winterpause müsste vorgezogen werden, so dass im November 2022 gespielt werden kann. Klimatisch spricht dann nichts gegen Katar.

Das dritte Problem ist sozialpolitisch. Hier geht um die Arbeitsmigranten in Katar. Ihre Probleme müssen gelöst werden. Stellungnahmen von Amnesty International und anderen liegen vor und auch die Gewerkschaftsverbände, die Vereinten Nationen einschließlich der ILO sind engagiert. Hier müssen Dinge verändert werden, denn da kann die Sportwelt nicht einfach nur zuschauen. Doch ich habe die Hoffnung, dass der Sport tatsächlich einen Unterschied machen kann und dass die Fußballweltmeisterschaft etwas bewirkt. Denn Katar hat auf Regierungsebene schon beschlossen, dass sich einiges ändern wird. Wenn das so kommt, dann hätte der Sport bewiesen, dass er gesellschaftspolitisch etwas bewegen kann.

Der Sport kann Positives bewegen aber auch politisch instrumentalisiert werden. Auch auf Deutschland hat das einmal zugetroffen. Kann das überhaupt verhindert werden?

Nein, das kann nicht verhindert werden. Denn überall, wo sich Menschen begegnen, und vor allem bei Großereignissen, hat das einen politischen Aspekt. Vor diesem Hintergrund waren nicht nur die Olympischen Spiele 1936, sondern auch die Fußballweltmeisterschaft 2006 sehr politisch. Wir sehen den furchtbaren Missbrauch im Dritten Reich und 2006 dann einen ganz anderen positiv besetzten Effekt. Ich werde noch heute auf fast jeder Auslandsreise auf die WM in Deutschland angesprochen. Ein ausgelassen feierndes Deutschland kannte die Weltöffentlichkeit bis dahin kaum.

Die Frage Missbrauch oder nicht Missbrauch ist schwer zu beantworten. Ich fand etwa die Berichterstattung über die Olympischen Spiele in Sotchi völlig unangemessen.

Aber die Frage Missbrauch oder nicht Missbrauch ist schwer zu beantworten. Ich persönlich fand etwa die Berichterstattung über die Olympischen Spiele in Sotchi völlig unangemessen. Was die Medien zum Teil über Russland geschrieben haben, war unsäglich. Wenn Sie gewissermaßen als Zeitzeuge dabei sind, und dann in den Medien von angeblichen Tatsachen lesen, die sich schlicht nie ereignet haben, dann stellt sich die Frage: Wer missbraucht jetzt eigentlich was? Natürlich wollte Präsident Putin zeigen: „Wir können das. Wir sind stark genug, alles in kürzester Zeit perfekt zu organisieren“. Und das ist ihnen im Großen und Ganzen auch gelungen. Sportler und Funktionäre waren vom Ablauf der Spiele in den großen Bereichen Organisationen, Sicherheit, Unterbringung der Athleten, Trainingsmöglichkeiten und so weiter begeistert. Anders etwa als in Brasilien, wo viele Stadien nicht fertig geworden sind.

Sie reisen mit dem Generalsekretär der Vereinten Nationen zum Eröffnungsspiel nach Brasilien. Wer wird Weltmeister? Oder darf der Special Adviser des Generalsekretärs keine Prognose vornehmen?

Ich nenne mal ein paar Favoriten, aber das sind keine Überraschungen. Ich glaube, dass zwei südamerikanische Mannschaften sehr stark sein werden: Brasilien und Argentinien. Die Spanier sind europäischer Top-Favorit. Und Deutschland wird auch mitmischen.