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Assad und der Antichrist
Prediger und Propagandisten sehen in Syrien das Ende der Welt nahen: Die Macht des Bösen, der Menschenfresser – der Mahdi und der Messias sollen sich dort demnächst zu erkennen geben.

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PR-Auftritt in christlichem Dorf: Der syrische Präsident Bashar al-Assad am 20. April in Maaloula.

Der Monat Rajab im islamischen Kalender fällt dieses Jahr auf den Mai. Schiitsche Muslime feiern darin etwa den Geburtstag ihres ersten Imams Ali Ibn Abi Talib oder den Todestag des Musa al-Kadhim, der in einem prächtigen Schrein in Bagdad begraben liegt. Einige Muslime gedenken auch der geheimnisvollen Nachtreise des Propheten Muhammad in der Lailat al-Miraj. Alles in allem ist der Rajab nicht der ereignisreichste Monat für Muslime. Aber wer an das baldige Ende der Welt glaubt, muss im bevorstehenden Monat mit einem großen Unheil rechnen – sofern es nicht schon längst hereingebrochen ist.

Ein Aufruhr wird die Länder des Maghreb erfassen und von dort nach Osten ziehen, ins gelobte Land Bilad al-Sham, also nach Syrien. Dort gibt sich, im Monat Rajab, ein Tyrann zu erkennen, der Frauen und Kinder mordet und Menschenfleisch verspeist. Der »Sufyani«, wie dieser Schlächter heißt, ruft dann den Retter der Menschheit auf den Plan: den Mahdi. Es folgt ein noch viel größeres Ungeheuer, der Antichrist »Dadschal«, dem schließlich Issa bin Maryam, also Jesus, der Messias selbst, das Handwerk legt. Bei Damaskus soll er landen und obsiegen, zur Stunde des Morgengebets Fajr.

Diese, je nach Tradition sehr variantenreiche islamische Eschatologie ist im Westen wenig bekannt – besonders, was die herausragende Rolle des christlichen Erlösers darin anbelangt. Die meisten Muslime auf der Welt stehen solchen Endzeitvisionen wahrscheinlich eher gleichgültig gegenüber. Über die Jahrhunderte hinweg sind die Prediger des Armageddon erschienen und meist genauso schnell wieder verschwunden. Meist konnten sie nur eine kleine Anhängerschaft um sich versammeln. Aber die Brutalität in Syrien hat ein Ausmaß angenommen, angesichts dessen man fanatischen Predigern kaum noch verübeln kann, wenn sie in Syrien den Beginn von »Al-Malhama al-kubra« erkennen wollen: die große Schlacht und den Untergang des Menschengeschlechts.

Syrien: Panoptikum von Prophezeiungen

Internet-Chats, Weblogs, Youtube und die einschlägigen Websites von sunnitischen Dschihadisten, aber auch schiitischen Gruppierungen, bieten ein wahres Panoptikum von Prophezeiungen, Fantasien und Interpretationen. Und während es scheint, als hätten die leidenden und kämpfenden Syrer wenig Muße für die Apokalypse, treibt die islamische Eschatologie im Ausland ihre Blüten: in Europa, Asien und im Nahen Osten. Sie dient offenbar auch dazu, Kämpfer für den Krieg in Syrien zu rekrutieren.

Und deshalb wäre es der Sache nicht angemessen, diese Szenarien als bloße Obsession einiger Phantasten abzutun. Denn sie entfalten offensichtlich eine Wirkung und schaffen ein Grundklima des Fatalismus – eine Betriebstemperatur, wenn man so will. Wenn die Welt ohnehin zu Ende geht, möchte man als frommer Kämpfer seinen Mann stehen – und zwar auf der Seite, die siegreich und gerecht zugleich ist. Wo Armageddon ist, da fallen Späne.

Die Web-Apokalypse ist ohnehin vom Pathos und den Effekten westlicher Pop-Kultur geprägt: Die bombastischen Soundtracks der Video-Clips stammen manchmal von »Star Wars« oder »Herr der Ringe«.

Im Sommer 2012, als die mehrheitlich sunnitischen, zum Teil aber schon dschihadistisch radikalisierten Aufständischen an einen imminenten Sieg glaubten, erlebte der Cyberspace eine wahre Schwemme endzeitbezogener Durchhalteparolen, Hetze und Propaganda. Auch in den ersten Monaten 2014 nimmt die Apokalypse wieder Fahrt auf in der virtuellen Welt. Nicht auszuschließen, dass der Trend 2012 auch mit dem weltweiten Hype um den auslaufenden Maya-Kalender und das damit erwartete Ende der Welt zu tun hatte. Die Web-Apokalypse der Radikalen auf beiden Seiten der Front ist ohnehin vom Pathos und den Effekten westlicher Pop-Kultur geprägt: Die bombastischen Soundtracks der Video-Clips stammen manchmal von »Star Wars« oder »Herr der Ringe«.

Bündnis mit den Byzantinern...

Drei Endzeit-Diskurse sind dabei augenfällig. Nach einem beliebten salafistisch-dschihadistischen Konzept ist Baschar al-Assad der Endzeit-Schurke, der Sufyani, selbst. Für die massenhafte Vernichtung von Menschenleben, etwa den Giftgasangriff auf das Viertel Ghouta, oder aber die Landung einer ausländischen Armee bei Aleppo, finden die Endzeit-Jünger viele Anzeichen in den Ahadith, den Überlieferungen vom Leben des Propheten.

Wie verheißen, müssen die Muslime demnach ein taktisches Bündnis mit den »Al-Rum«, den Byzantinern eingehen, um den Sufyani zu besiegen. Aber wer ist damit gemeint? Während mancher Endzeit-Prediger den Westen mit dieser Rolle besetzen will, behauptet der bekannte und schillernde Youtube-Scheich Imran Hossein aus Trinidad, dass nur Russland damit gemeint sein könne. Deshalb, so Hossein, bestehe ein offensichtlicher Zusammenhang zwischen Syrien und der Krise auf der Krim und in der Ukraine. Russland werde »unter dem Kreuz« siegen und dann mit den Muslimen gegen die finsteren Weltmächte kämpfen. Und diese sind – wie wäre es anders zu erwarten – Israel und die Zionisten.

Apokryphe Prophezeiungen zum Thema Syrien finden sich in Bagdad und im Südirak heute an jeder Straßenecke.

Apokryphe Prophezeiungen und erbauliche Büchlein mit schiitischen Eschatologien zum Thema Syrien finden sich in Bagdad und im Südirak heute an jeder Straßenecke. Von dort stammen auch einige tausend Freiwillige, die auf Seiten des Assad-Regimes in Syrien kämpfen. Kleriker am Rande des Spektrum der schiitischen Geistlichkeit wie etwa ein gewisser Sayyid Haydar al-Udhari erklären den Gläubigen, dass die »Fitna«, also der innermuslimische Krieg im gelobten Bilad al-Sham, die Ankunft des verborgenen Imams der Schiiten zeitige: Die bewaffnete Rebellion sei mit dem Erscheinen des Sufyani gleichzusetzen, der sogar ein »gestreiftes Banner« mit sich führe.

Die Hizbullah: Retter oder Verräter

Aber die Prophezeiung habe für diesen Fall Verstärkung eingeplant: Ein Rechtschaffener mit einer gelben Fahne – Hassan Nasrallah und die Hizbullah – und ein frommer Gehilfe aus dem Khorassan im Dreiländereck Afghanistan, Turkmenistan und Iran, bringen ihre Einheiten gegen den Sufyani ins Feld. Letzterer wird zuweilen mit dem iranischen Ayatollah und Revolutionsführer Ali Khamenei gleichgesetzt. Er stammt zufällig aus Maschhad in der ostiranischen Provinz Khorassan.

Vor allem auf frommen iranischen Weblogs findet sich diese letzte Eschatologie, obgleich die meisten Schiiten wohl den Kopf darüber schütteln. Insgesamt zeigen die Chats in Diskussionsforen, wie ratlos die Teilnehmer angesichts dieser Vielzahl von Interpretationen sind. Aber die radikalen und zum Teil militanten Laienbewegungen in Iran sind mächtig und bilden gemeinsam mit jungen, bildungsfernen Schiiten im Südirak ein Rekrutierungspool für den Kampf in Syrien, der offiziell nur der Verteidigung schiitischer Pilgerstätten dient.

Diese Endzeit-Diskussionen zeigen, dass die traditionellen religiösen Autoritäten die Deutungshoheit über die islamische Heilsgeschichte immer mehr verlieren.

Diese idiosynkratischen Endzeit-Diskussionen zeigen einmal mehr, dass die traditionellen religiösen Autoritäten die Deutungshoheit über die islamische Heilsgeschichte immer mehr verlieren. Jeden Monat tauchen in Syrien schiitische und sunnitische Brigaden mit wohlklingenden historischen Namen auf: etwa die »Armee der Aisha, Mutter der Gläubigen«, »Brigade Zulfikar« – benannt nach dem Schwert Alis – oder »Bewahrer Zeinabs«, nach der Enkelin des Propheten, die in Damaskus begraben liegt.

Sie berufen sich auf historische Schlachten wie Badr, Uhud oder Kerbela, in denen Kämpfe zwischen Muslimen und Heiden, aber auch unter den Gläubigen selbst ausgetragen wurden. Heute, so zeigt die Propaganda, ist der jeweilige Feind aber längst kein Muslim mehr, sondern nicht mehr und nicht weniger als ein Handlanger des Bösen. Der bekannte saudische Scheich Muhammad bin Abdulrahman Al-Arefe, der gelegentlich in syrischen Flüchtlingslagern predigt, hat das Feindbild klar definiert: »Perser, Verräter, Schiiten und Hiz al-Lat«. Letzteres eine Verballhornung des Wortes »Hizbullah«, was »Partei Gottes« heißt, von Arefe und seinen Glaubensbrüdern aber in »Partei der heidnischen Göttin Lat« abgewandelt wird.

Geschichte und Zukunft, Realität und Projektion sind in diesem Klima einerlei. Von der Verklärung der islamischen Geschichte, von den historischen Ansprüchen zum finalen Schicksalskampf und von dort nach Armageddon verschwimmen die Grenzen bis zur Unkenntlichkeit. Und in der Schlacht der Endzeit werden keine Gefangenen mehr gemacht.

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1 Leserbriefe

Ch.Grase schrieb am 29.04.2014
Das ist wirklich hervorragend: Informiert, hintergründig, erhellend. Wir werden den Beitrag weiterempfehlen.
Vielen Dank, Herr Gerlach!