Kopfbereich

„Auch in Syrien ist nicht alles Ansichtssache!“
Das Argument, im syrischen Krieg gebe es „keine Engel”, ist banal. Wir sollten endlich hinter die Kulissen schauen.

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Die Wahrheit: Nicht im Auge des Betrachters

Ist das Gemetzel in Syrien wirklich ein Bürgerkrieg? Dieser Begriff kursiert und fehlt in keiner aktuellen Diskussionsrunde. Aber er verdient Misstrauen – ebenso wie jene, die ihn allzu oft benutzen. Denn mit der Theorie des Bürgerkrieges ist es so eine Sache: Einige Experten sind davon überzeugt, dass von einem Bürgerkrieg überhaupt keine Rede sein kann. Doch müssen wir überhaupt eine griffige Formel finden? Sprechen weit über 100 000 Tote und versengte, entvölkerte Landstriche nicht für sich?

Die semantische Diskussion ist in gewisser Weise emblematisch für die Ratlosigkeit und Ermüdung der politischen Debatte. Vom „Aufstand” oder der „Revolution” in Syrien ist nach zwei Jahren nur noch selten die Rede und schon an der Wortwahl erkennen sich Gegner und Befürworter eines militärischen Eingreifens.

Haben wir also zwei Jahre lang berichtet, analysiert und uns den Kopf zerbrochen, um nun, 100.000 Tote später, zu dem Schluss zu kommen, dass das alles „viel zu kompliziert” ist?

Darüber hinaus berichtet eine Handvoll von Meinungsmachern aus Politik und Öffentlichkeit tagtäglich, wie verworren und kompliziert ja in Syrien alles sei. Dass man gut daran tue, die Finger ganz davon zu lassen. “Engel” gebe es auf beiden Seiten nicht – diese Formulierung benutzte der Islamwissenschaftler Michael Lüders in einer ZDF-Debatte zu Syrien gleich dreimal innerhalb einer Stunde. Sie ist so zutreffend wie überflüssig, denn sie verkürzt die Diskussion unterschwellig auf ein bequemes Achselzucken: „Lasst nur, da steigen wir sowieso nicht durch”.

Haben wir also zwei Jahre lang berichtet, analysiert und uns den Kopf zerbrochen, um nun, 100.000 Tote später, zu dem Schluss zu kommen, dass das alles „viel zu kompliziert” ist? Sind wir auf der erfolglosen Suche nach Antworten und Erklärungen so müde geworden, dass wir gar nicht mehr verstehen wollen, was in Syrien geschieht? Für die Politik, die Diplomatie und diejenigen, die sie beraten, ist das eine denkbar schlechte Ausrede. Und obendrein stimmt es nicht einmal. Denn in diesem Krieg ist nicht alles relativ und zur schieren Ansichtssache degradierbar. Es gibt Wahrheiten, und immer noch werden sie entdeckt.

Natürlich existieren sehr unterschiedliche Narrative – nicht nur, weil sie zum Zwecke politischer Propaganda fabriziert werden, sondern weil Menschen in diesem Krieg sehr unterschiedliche Erfahrungen machen. Ebenso wie mit dem politischen System vor Kriegsausbruch. Oft schien es, als könne man von jeder Aussage, die über Syrien gemacht wurde, auch immer das Gegenteil belegen: Syrien war eine Diktatur mit brutalem Sicherheitsapparat? Ja. Dennoch konnte man in diesem Land Gerichtsprozesse gegen Mitglieder des Herrscherclans führen und selbst Unglückliche, die in die Fänge der Geheimdienste geraten waren, mit juristischen Tricks daraus befreien.

Syrien war ein Staat, der das friedliche Zusammenleben von Religionsgemeinschaften förderte? Vordergründig ja, aber hintergründig schürte das Regime den Hass auf Minderheiten, um sich als deren Beschützer unentbehrlich zu machen. Der Konflikt ist das Ergebnis eines Volksaufstandes gegen ein Regime, das sein Volk brutal unterdrückte? Ja, aber Syrien ist ein Land vieler Völker, die sich diesem Aufstand nicht sämtlich angeschlossen haben. Es geht in diesem Konflikt um den Sturz des Regimes und nicht um den Kampf zwischen Konfessionen? Mag sein, aber unter den Aufständischen gibt es viele Sunniten, und zwar nicht nur radikale Islamisten, die vom Hass auf die alawitische Minderheiten getrieben sind.

Wir müssen feststellen, dass alle oben geäußerten, landläufigen Thesen gleichsam zutreffen und sich – obwohl sie in der Diskussion meist gegeneinander ins Feld geführt werden – nicht notwendigerweise widersprechen.

Nur wenige Völker der modernen Welt haben sich derart in der permanenten Negation von im Grunde offensichtlichen Wahrheiten eingerichtet wie die Syrer – sie waren und sind Meister darin, solche Wahrheiten schlichtweg auszublenden. Für viele Menschen im Land war dies eine Mentalität gewordene Überlebensstrategie. Und dieser „Negationismus” wurde ein elementarer Baustein des Systems Assad.

Ein großer Teil der Opposition behauptet heute, der Aufstand habe nichts mit einem Konfessionskonflikt zu tun. Das könne man schon daran erkennen, dass Angehörige religiöser Minderheiten – je nach Landesteil– sowohl in den Reihen der Opposition als auch des Regimes zu finden seien. Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Krieg eine sunnitisch-alawitische Dimension gewonnen hat, auf rhetorischer ebenso wie auf Handlungsebene: Viele Rebellen machen kein Hehl aus ihrem Hass. Sie fordern die Ausrottung, im günstigsten Fall nur die Vertreibung der ketzerischen Alawiten aus dem Bilad al-Sham, dem gelobten Land der ersten islamischen Eroberer.

Viele Syrer können aber auch glaubhaft versichern, dass es ihnen immer gleich gewesen sei, ob ihr Arbeitskollege Sunnit, Druse oder Alawit war. Andere kultivierten Hass und Ressentiments. Die Erfahrungsmöglichkeiten in einem diktatorischen Regime scheinen manchmal ungleich individueller, variabler und persönlicher als die in einer Demokratie. Das System Syrien konnte für manche Menschen ein schönes, erfülltes Leben bereithalten, für andere aber nichts weniger als die Vorstufe zur Hölle.

Denn das Regime herrscht mit dem Unausgesprochenen. Es erklärte sich und seine Pläne nie explizit, ließ Menschen hoffen, fürchten, vorauseilend gehorchen und sich selbst belügen. Ein alawitischer Notabler, der sich kürzlich unter dem Pseudonym Habib Abu Zarr im Magazin zenith an die Öffentlichkeit wandte, beschreibt detailliert diese Herrschaftstechnik des Hauses Assad: Das Regime tabuisierte Themen wie das Verhältnis zwischen den Religionsgruppen und verhinderte einen Prozess der Versöhnung und Vertrauensbildung stets, weil es weiß: Nur wenn die Minderheiten, insbesondere die Alawiten, Angst vor der sunnitischen Mehrheit haben, werden sie ihr Schicksal an das Haus Assad binden.

Es lohnt sich, hinter die Front zu schauen und das Denken und Verhalten derjenigen, die das Regime in konzentrischen Kreisen umgeben, aufmerksam zu betrachten.

Abu Zarr hat damit eine der offensichtlichen, aber konsequent negierten Wahrheiten ausgesprochen. Er hat damit zugleich denjenigen, die behaupten, im syrischen „Bürgerkrieg” sei ja alles so verworren und kompliziert, dass es keine Optionen mehr gebe, einen neuen Weg gezeigt. Denn er lenkt damit auch die Aufmerksamkeit auf einen Faktor, den die internationale Diplomatie bislang vollständig vernachlässigt hat: die Alawiten, die angeblich wie Pech und Schwefel zu Assad stehen und so zu einer „Bürgerkriegspartei” geworden sind.

Es lohnt sich, hinter die Front zu schauen und das Denken und Verhalten derjenigen, die das Regime in konzentrischen Kreisen umgeben, aufmerksam zu betrachten. Baschar al-Assad ist kein Diktator im eigentlichen Sinne – er ist ein sehr wesentlicher Bestandteil eines komplexen, aus mächtigen Personen komponierten und in sich verzahnten und verschränkten Apparats. Was diese Menschen antreibt, ist nicht die schiere Lust am Massakrieren der eigenen Bevölkerung, sondern Angst vor dem Verlust von Privilegien, aber auch vor Rache. Hinzu kommt das Bestreben, nicht aus der Clique auszuscheren, die sich wechselseitig stützt und blockiert. Und im Negieren offensichtlicher Wahrheiten sind diese Menschen ebenfalls geschult: Sie glauben womöglich wirklich daran, dass sie ihr Land verteidigen – und ihre Religionsgemeinschaft.

Militärisch hat Assads Armee noch die Oberhand, weshalb viele Wissenschaftler und Sicherheitsexperten vermuten, dies stärke das Regime nach innen. Sie irren sich. Innerhalb des Apparates und um den Palast herum agieren durchaus Personen, die wissen, dass diese Politik sie auf kurz oder lang ins Verderben führen wird. Um welchen Preis würden sie den Mut aufbringen, sich vom Regime abzuwenden und es damit zum Einsturz zu bringen? Auch wenn sie diese Wahrheit womöglich ausgeblendet haben: Es wäre günstiger, in einem Moment der relativen Stärke die Verhältnisse zu ändern, zu putschen und dann das Haus Assad – ganz nach syrisch-republikanischer Tradition – zu beseitigen und eine Waffenruhe zu verhandeln. Aus einer Position der Stärke können die Alawiten das, aber nicht, wenn sie mit dem Rücken zur Wand stehen. Und sie müssten in der internationalen Gemeinschaft, vor allem aber bei den Sunniten, einflussreiche Kräfte finden, die den Hass auf Alawiten in die Schranken weisen und eine solche Rochade der Alawiten decken.

Es gibt also noch Optionen – und keinen Grund, vor der Komplexität des Syrien-Konfliktes zu kapitulieren und ohne wirkliche Ideen nur „politische Lösungen” zu fordern, die derzeit nicht existieren.

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