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Haiti: Bitte keine Zugabe im Hilfszirkus
Weshalb kurzfristige Hilfslogik nur wenig mit langfristiger Entwicklung zu tun hat...

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Krisenreaktionskräfte aus Hollywood: Angelina Jolie besucht Erdbebenopfer in Santo Domingo, Dominikanische Republik.

Haiti ist für jeden Lateinamerika-Korrespondenten eine Herausforderung: kulturell eher Afrika als Amerika, gemischt mit französischer Sprache und Lebensart, voller Widersprüche und bis heute in neokolonialen Verhältnissen verharrend – hier versagen die in Lateinamerika üblichen Parameter der politischen Analyse, und Vorurteile aller Art sind schnell bei der Hand.

Kurzfristige Hilfslogik versus langfristige Entwicklung

Vielleicht wegen meiner französischen Universitätsbildung, vielleicht wegen meiner Ader für Musik und Malerei (darin hat Haiti fantastische Talente im Überfluss), verspüre ich eine besondere Verbundenheit mit dem Land und fahre trotz der vielen Herausforderungen immer wieder gerne dort hin. Zuletzt im Oktober, um zusammen mit Fotograf Florian Kopp eine Bilanz des Wiederaufbaus nach dem schweren Erdbeben von 2010 zu ziehen. Vier Jahre später sind die meisten Helfer längst zum nächsten Katastrophenschauplatz weitergezogen, und weder die Spender noch die Medien interessieren sich für das, was aus der Milliardenhilfe geworden ist. Das ist schade, denn Haiti ist geradezu ein Paradebeispiel für das, was im Hilfszirkus schief läuft: eine unkoordinierte, kurzfristige Hilfslogik, die an den Realitäten und Prioritäten des Empfängerlandes vorbei geht. Das ist Thema unserer Multimedia-Reportage, die im Januar hier zu sehen ist.

Haiti ist geradezu ein Paradebeispiel für das, was im Hilfszirkus schief läuft: eine unkoordinierte, kurzfristige Hilfslogik, die an den Realitäten und Prioritäten des Empfängerlandes vorbei geht.

Haiti hat schon viele Helfer frustriert: Korruption, Ineffizienz, Naturkatastrophen  und politische Krisen, die in atemberaubendem Tempo aufeinander folgen – die Abwärtsspirale scheint sich immer schneller zu drehen. Dem verlockenden Fatalismus möchte ich drei Schlüsselstrategien entgegen setzen, die Katalysatoren für eine positive Entwicklung Haitis sein können.

Bildung: Schulen mit Leben füllen

Fast die Hälfte aller Haitianer, nämlich 48 Prozent,  können weder lesen noch schreiben. Nur etwa die Hälfte der Kinder im schulpflichtigen Alter besuchen eine Bildungseinrichtung. Das hat kulturelle und wirtschaftliche Gründe. Wenn die Eltern selbst Analphabeten sind, ist das Bewusstsein für die Investition in Schulbildung geringer. Hinzu kommt, dass 50 Prozent der Haitianer in extremer Armut leben, das heißt, der Kauf von Schulutensilien geht zu Lasten der Grundversorgung . Ohne Bildung hat aber natürlich kein Land im globalen Wettbewerb auch nur den Hauch einer Chance auf Entwicklung. Ich habe oft erlebt, wie der offizielle Schulbeginn Ende September herausgezögert wird, weil die Schulen nicht rechtzeitig renoviert wurden oder die Eltern das Geld für eine Schuluniform nicht rechtzeitig aufbringen konnten. Eine übliche Art und Weise, eine Schuluniform zu finanzieren ist übrigens das Fällen eines Baumes, der dann zu Holzkohle verarbeitet und auf dem Markt verkauft wird. 80 Prozent der Haitianer kochen mit Holzkohle. Die ökologischen Folgen sind bei 10 Mio Einwohnern und einem Bevölkerungswachstum von 1,3 Prozent pro Jahr fatal.

Nach dem Beben 2010 haben viele Hilfsorganisationen Schulen gebaut oder repariert. Das ist durchaus löblich, krankt aber daran, dass die wunderschönen, neuen, erdbebensicheren Bauten auch mit Leben gefüllt werden müssen, sprich mit Lehrerkräften und Lehrmaterial. Doch dafür kommen nicht die NGOs, sondern der Staat auf. Eine gewaltige Herausforderung für das ärmste Land der westlichen Hemisphäre, das gerade einmal über einen Haushalt von 3,2 Milliarden US-Dollar verfügt. Immerhin hat die Regierung von Präsident Michel Martelly der Bildung Priorität eingeräumt und ein Programm kostenloser, staatlicher Grundschulausbildung aufgelegt, das mit Sondersteuern auf Auslandsüberweisungen, Ferngespräche, Alkohol, Tabak und Glücksspiele finanziert wird. Offiziellen Zahlen zufolge konnten davon im Vorjahr 772.000 Kinder profitieren. Zusätzlich werden mit kubanischer und venezolanischer Hilfe 330.000 Erwachsene alphabetisiert. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, und es bleibt zu hoffen, dass der Staat weiterhin in den Bau und Unterhalt von Schulen, aber auch in die Bezahlung und Ausbildung der Lehrer investiert.

Denn die Bauten und Bücher sind das eine, der Inhalt der Bildung ist etwas anderes.  70 Prozent der haitianische Lehrer haben selbst gerade einmal die Grundschule absolviert. An haitianischen Schulen werden daher weiter die Verhaltensmuster reproduziert, die das Land seit Jahren in einer Sackgasse lassen: Autoritarismus, Willkür, Schlendrian. „Unser Problem ist ein mentales“, erklärte mir mein langjähriger Freund, der Anthropologe und Universitätsprofessor, Max Paul. „Wir funktionieren mit einer destruktiven Logik, nach der jeder Gewinner einer Auseinandersetzung seinen Gegner zerstören muss.“ Coup tete, boule kay – Köpfe abhauen und Häuser verbrennen“, so lautete schon die Devise des Befreiungshelden Jean Jacques Dessalines. Sie hat dem Land zwar die Freiheit gebracht, aber in der Folge auch viel Zerstörung und Leid. „Warum finanzieren die europäischen NGOs keine Universitäten, ist euch das zu elitär?“ fragte mich Paul einmal – und ich gebe die Frage hiermit weiter. Paul ist inzwischen in die Jahre gekommen, aber noch immer setzt er sich für neue Lehrmethoden ein. Nach dem Beben war er monatelang mit seinen Studenten als Freiwilliger in den Zeltlagern unterwegs, um mit den Opfern nach den Methoden von Glenn Paige vom Center for Global Nonkilling friedliche Methoden der Konfliktbeilegung zu trainieren. Paul, der in Deutschland studiert hat, ist ein einsamer Kämpfer gegen den Strom. Das führt uns zum zweiten Problem.

Migration: Auswanderer integrieren

86 Prozent der Haitianer mit höherer Bildung wandern aus, vor allem in die USA, in die Dominikanische Republik und nach Kanada. Rund drei Millionen Haitianer sind emigriert. Fast alle Studenten, die ich über die Jahre hinweg kennengelernt habe, und die sich eigentlich für Veränderungen in ihrer Heimat einsetzen wollten, sind inzwischen ausgewandert. Manche, weil sie Stipendien erhielten, andere auf der Suche nach qualifizierten Jobs, die sie in Haiti nicht fanden, die dritten, weil sie dort familiär verbandelt waren.

Viele von ihnen haben es in den USA zu Erfolg, Ansehen und Wohlstand gebracht. Nicht nur als Künstler wie Rapper Wyclef Jean, der amtierende Staatschef, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Sweet Micky, oder Sportler wie Football-Star Jason Pierre-Paul, sondern auch in Politik und Wirtschaft. So stammten die frühere Generalgouverneurin Kanadas, Michaëlle Jean, und die frühere UN-Sprecherin Michele Montas aus Haiti.

Dies ist ein Potenzial, aus dem Haiti viel mehr schöpfen könnte. Derzeit überweisen die Migranten zwei Milliarden US-Dollar jährlich (ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts) und lindern damit nach Schätzung der Weltbank die Armut um fast 3 Prozent. Die Weltbank hat sich für eine Vereinfachung und Verbilligung dieser Überweisungen stark gemacht; aber noch immer schöpfen die Transferfirmen wie Money Gram und Western Union hohe Gebühren ab.

Die Regierung hat zudem zur Finanzierung seines Bildungsprogramms die Überweisungen mit einer Extrasteuer von 1,50 US-Dollar pro Transaktion belegt. Aus entwicklungspolitischer Sicht ineffektiv ist aber vor allem, dass der Großteil der Gelder nicht für Investitionen (Bildung, kleine Geschäfte oder Handwerksbetriebe), sondern für den Konsum verwendet wird und damit keine nachhaltige Wirkung entfaltet. Denn vom Konsum profitieren vor allem die Händler, die zum Großteil billige, importierte Waren verkaufen.

Am problematischsten aber war bis vor kurzem die haitianische Verfassung, die Exilhaitianer praktisch entrechtete. Ein Haitianer, der eine andere Nationalität erwirbt, verlor seine haitianische  - und damit alle Bürgerrechte wie das Wahlrecht oder die Möglichkeit, Grundbesitz auf Haiti zu erwerben. Der Paragraph wurde immer wieder als nationalistisches Mittel politischer Erpressung eingesetzt, da ein Großteil der haitianischen Elite mindestens zwei Pässe besitzt. Er verhinderte de facto die Teilnahme der wirtschaftlich und gesellschaftlich so wichtigen Exilgemeinde. Nach langjähriger Debatte wurde im Juni im Kongress endlich eine Verfassungsänderung verabschiedet, die Doppelstaatlern das aktive und passive  Wahlrecht einräumt (mit Ausnahme der Präsidentschaft, des Premierministerpostens und des Kongresses) und ihnen ermöglicht, Grundbesitz zu erwerben.  Ein enormer Fortschritt, der uns zum nächsten Thema führt.

Landkataster und ländliche Entwicklung: Eine Vision entwickeln

Der Landbesitz ist seit der Unabhängigkeit von Frankreich ein Problem, das sich über die Jahrhunderte hinweg verschlimmert hat. Schon vor dem Beben, das die meisten nationalen Archive unter Schutt und Asche begrub, gab es in Haiti kein verlässliches Landkataster, sondern lediglich Landtitel, und zwar im Schnitt drei für jedes Stück Land. Welcher gefälscht oder durch Korruption erschlichen wurde, war kaum festzustellen. Einige meiner Bekannten müssen sich seit Jahren abstruser Besitzansprüche erwehren und dafür ein Vermögen für Gerichte und Sicherheitspersonal ausgeben. Eine unhaltbare Situation, die staatliche Aktionen (z.B. öffentliche Bauten) behindert und private Investoren abschreckt oder nur Branchen anzieht, die wenig Eigenkapital brauchen und extrem mobil sind, um bei der nächsten Krise in ein anderes Land verlegt zu werden, zum Beispiel Textil-Sweatshops oder Kreuzfahrttouren. Eine Bodenreform ist ein politisch derart heikles Thema, dass sich bis dato keine Regierung daran gewagt hat.

Haiti hat ein enormes landwirtschaftliches Potenzial, auch wenn man das kaum glauben mag, wenn man die verschrumpelten Früchte auf heimischen Märkten sieht. In den Supermärkten gibt es ohnehin nur unreifes, vakuumverpacktes Obst und Gemüse, das für sündhaft teures Geld aus den USA eingeflogen wird.  Die Nahrungsmittelproduktion ist in der Hand von Kleinbauern und beschäftigt 38 Prozent der Bevölkerung. Doch sie ist unproduktiv, leidet unter Bodenerosion, unzureichender Bewässerung, Mangel an Dünge-und Schädlingsbekämpfungsmitteln. Den Todesstoß versetzte ihr die Öffnung des haitianischen Marktes für billige, subventionierte US-Importe.  Das war ein Gefallen, den Präsident Jean-Bertrand Aristide US-Staatschef Bill Clinton schuldete, nachdem dieser ihn drei Jahre nach seinem Sturz 1991 mittels einer US-Militäroperation wieder an die Macht brachte. Er nützte vor allem den US-Exporteuren.

Aus Haiti, das in der Reisversorgung autark war, wurde innerhalb eines Jahrzehnts ein Nettoimporteur von 80 Prozent der Grundnahrungsmittel. Als die Weltmarktpreise 2008 anstiegen, kam es in Haiti zu Hungerrevolten. Mit entsprechenden protektionistischen Schutzklauseln und einem fokussierten Entwicklungsprogramm für die kleinbäuerliche Landwirtschaft und Wiederaufforstung, zu dem diverse NGOS eine Menge Know-How beisteuern könnten, wäre diese Situation rückgängig zu machen.

Durchwachsene Bilanz der internationalen Unterstützung

All diese Probleme müssen die Haitianer selbst lösen. Die aktuelle Regierung hat einiges bereits in Angriff genommen.  Ein viertes Schlüsselproblem wurde bisher durch die internationale Gemeinschaft gelöst: die Sicherheit. Dank der Präsenz der UN-Blauhelme der Minustah ist die Kriminalitätsrate  zurückgegangen, und heute ist der Karibikstaat in Punkto Sicherheit mit den USA vergleichbar. Aber dies ist keine Dauerlösung; auch hier wird die Regierung eigene Verantwortung übernehmen müssen. Martelly, der dem Exdiktator Jean-Claude Duvalier nahesteht, hat diesbezüglich widersprüchliche Signale ausgesendet. Zum  einen wird die Polizei weiter ausgebaut, und die Polizeistationen und Streifenwagen sind inzwischen deutlich moderner als noch vor einem Jahrzehnt. Doch zugleich investiert die Regierung in den Aufbau einer Armee, was in den Augen vieler Kritiker nicht nur Ressourcenverschwendung ist, sondern auch Ausdruck einer antidemokratischen Gesinnung. Die Armee gilt traditionell eher als bewaffneter Arm des jeweiligen Machthabers, denn als Garant von Stabilität und Demokratie.

Die ausländische Präsenz und vor allem das Beben hat viel Geld in das Land gebracht, die Ergebnisse sind jedoch durchwachsen.

Die ausländische Präsenz und vor allem das Beben hat viel Geld in das Land gebracht, die Ergebnisse sind jedoch durchwachsen. Neben der Sicherheit wurde vor allem die Infrastruktur (Straßen, öffentliche Gebäude, Beleuchtung) erneuert. Gleichzeitig schleppten nepalesische Blauhelme aber auch eine verheerende Cholera-Epidemie ein, die derzeit ein internationales Nachspiel vor US-Gerichten hat und schwer auf dem Prestige der UNO lastet.  Beim „nation building“ hat die internationale Gemeinschaft dagegen eher versagt. Die Milliarden an Hilfsgeldern, die nach dem Beben 2010 dreimal höher ausfielen als der Staatshaushalt, haben die staatliche Souveränität unterhöhlt http://www.lessonsfromhaiti.org/download/Report_Center/osereport2012.pdfund die Korruption befeuert.

Auch die ständige politische Einmischung durch das Ausland schlägt negativ zu Buche. Beispiel hierfür sind der zweite Sturz Aristides 2004, der von der fanzösischen und US-Botschaft unterstützt wurde, und die „Korrektur“ des Wahlergebnisses von 2010 durch die internationale Gemeinschaft. Das hat zur Folge, dass bei jeder politischen Krise das Ausland als Zünglein an der Waage herbeigerufen wird. Zuletzt vor einigen Wochen, als der haitianische Senatspräsident die Außenminister der Minustah-Staaten anschrieb und sie bat, sich gegen Martelly zu stellen, weil dieser die Ausrichtung der eigentlich überfälligen Wahlen torpediere und einen Selbstputsch plane.

Die autoritären Anwandlungen Martellys sind zweifelsohne bedenklich, aber es kann nicht Aufgabe der UN sein, zwischen einem autoritären Präsidenten und einem intriganten Kongress zu entscheiden. Selbst wenn diese Art von Intervention hehre Ziele haben sollte, ist sie kontraproduktiv für die demokratische Entwicklung. Das scheint auch langsam der UN zu dämmern. Die Staaten, die Soldaten in die Minustah entsenden, haben ihre Unterstützung kontinuierlich verringert, und 2016 soll endgültig Schluss sein.  Dann wird sich Haiti selbst beweisen müssen.

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3 Leserbriefe

Susan schrieb am 03.01.2014
Das Engagement von Angelina Jolie und Brad Pitt in allen Ehren. Aber ich kann der Autorin nur Zustimmen: Wenn die internationale Hilfwelle erst einmal angelaufen ist, dann geht es erst richtig bergab: Fallschirm-Experten werden abgeworfen und bemühen sich die ersten drei Wochen (im Luxushotel) zunächst um eine angemessene Bleibe (mit Pool), um dann von einem Donor-Coordination Meeting von UNDP zu nächsten zu pendeln (mit 300 USD per diem in der Tasche...)
Dr. Elmar Römpczyk schrieb am 08.01.2014
stimme den kritischen Einschätzung uneingeschränkt zu. Habe selber als Consultant vor vielen Jahren schon gegenüber meinem Auftraggeber (EG) für sofortige Einstellung von großen EZ-Projekten plädiert. Bin einigermaßen entsetzt, daß renomierte Hilfsorganisationen (Misereor, DWHH) sich damit präsentieren, seit Jahrzehnte auf Haiti zu arbeiten. Unsere Frage muß doch der Wirkung der Koooperation gelten, nicht der Zeit. Vor allem besitzt Präsens von US-Institutionen (staatliche, wie kirchliche Sekten) einen hohen Grad an Perversion; sie tuen viel, um die erste unabhängige Republik Lateinamerikas auf Zombi-Niveau zu halten....
Suwa schrieb am 09.01.2014
Eine sehr gute und richtungsweisende Einschätzung von einer Autorin, die Haiti mit all seinen Ecken und Kanten schätzt und ein differentiertes Bild vermittelt! Ich habe mich jahrelang über die einseitige, negative und sensantionslüsteren Berichterstattung geärgert!