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Wo Katzen (fast) Bürgermeister werden
Vier Thesen zur neuen Mittelschicht in Lateinamerika

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Morris die Katze: Bürgermeisterkandidat in Xalapa, Mexiko, und auch irgendwie Teil der neuen Mittelschicht

Meine erste bewusste Begegnung mit der neuen Mittelschicht Lateinamerikas lässt sich ziemlich genau datieren: es war an Weihnachten 2008. Wir waren gerade nach acht Jahren in Uruguay und Venezuela nach Mexiko zurückgekehrt. Über die Feiertage waren wir vor der Kälte des mexikanischen Hochlands in tiefere Gefilde geflüchtet und hatten uns in einer Kolonialhacienda im Bundesstaat Morelos eingemietet. Schon in unseren Anfangsjahren in Mexiko waren wir dort öfter gewesen. Doch diesmal hatte das Publikum komplett gewechselt. Statt der eher hellhäutigen, begüterten und etwas versnobten Oberschicht aus der Hauptstadt, mieteten sich dort jetzt typische, mexikanische Großfamilien ein.  Eher gedrungene, dunkelhäutigere Männer in Shorts und Sportschuhen, mit viel Farbe und Glitter aufgebrezelte Damen, umgeben von lärmenden Kindern und einer unübersichtlichen Anzahl von Großeltern, Onkeln und Tanten, Vettern und Cousinen.

Die Klassendebatte, ein ideologisches Minenfeld

Die Begegnung war eindrücklich, und das Wissen über die neue Mittelschicht damals noch begrenzt. Dabei handelt es sich um eines der wichtigsten gesellschaftlichen Phänomene im modernen Lateinamerika. Inzwischen haben Soziologen, Ökonomen und Statistiker versucht, das Phänomen zu erfassen. Empfehlen kann ich die Publikationen des Brasilianers Marcelo Neri („A nova classe média“) und der Mexikaner Luis Rubio und Luis de la Calle („Clasemedieros“) sowie die statistischen Erhebungen in den beiden Ländern durch die jeweiligen staatlichen Institute INEGI (Mexiko) und IBGE (Brasilien).  Aber nicht nur in den beiden lateinamerikanischen Schwellenländern  lässt sich das Phänomen beobachten, auch in Peru, Chile, Venezuela und Kolumbien bis hin zu Kuba entsteht derzeit eine Mittelschicht.

Die theoretische Debatte, die sich an dem Phänomen entzündet, ist aufschlussreich, denn sie verrät  Einiges über ideologische und soziale Stereotype : Ob man die Mittelschicht nur am Einkommen festmachen kann, oder ob noch andere Kriterien zur Bewertung hinzugezogen werden müssen wie etwa Ausgaben für Bildung und Kultur. Ab welcher Einkommensgrenze gehört man „dazu“ ? Ist man Mittelschicht auch ohne  Personal Computer  und Waschmaschine? Und: wie viele Familienmitglieder hat eine durchschnittliche Mittelschichtsfamilie hat? (Vier laut dem mexikanischen Statistikinstitut INEGI). Während Regierungen (aller Couleur) und konservative Kreise in Lateinamerika das Wachstum der Mittelschicht gerne  als Erfolgsbeweis  ihrer Politik bzw. einer liberalen Wirtschaftsphilosophie hochrechnen , spielen Oppositionelle (aller Couleur) und linke Intellektuelle und Medien das Phänomen aus gegenteiligen politischen Erwägungen gerne herunter.

Ungeachtet des Ausgangs dieser Diskussion, ist klar, dass  das Phänomen  „Mittelschicht“ Lateinamerika tiefgreifend verändern wird:

Die neue Mittelschicht will nicht nur Konsum

Es ist ein gängiges Vorurteil, dem besonders Angehörigen des traditionellen Bildungsbürgertums verfallen, die neue Mittelschicht mit neureichem Konsumverhalten gleichzusetzen. Die Aufsteiger seien ungebildet und unpolitisch. Es ist durchaus naheliegend, dass ein höheres Einkommen zunächst mit dem Kauf bestimmter Konsumgüter einher geht. Korrekt:  Flachbildschirme, Smartphones, Markenklamotten und Motorräder finden ihre Abnehmer. Derartige Güter verleihen Status, auch wenn  der Kauf „auf Pump“ finanziert wurde. In Lateinamerika ist es durchaus üblich, selbst einen Mixer oder einen Haartrockner in Raten abzustottern. Die Überschuldung der privaten Haushalte ist eine Begleiterscheinung, die mit dem Aufstieg einer neuen Mittelschicht einher geht.

Aber die jüngsten Unruhen in Lateinamerika haben gezeigt, dass die neue Generation durchaus Ansprüche hat, die über reinen Konsum hinausgehen. In Brasilien kam es zu Protesten gegen Fahrpreiserhöhungen, die in Forderungen nach mehr Transparenz und mehr öffentlichen Investitionen mündeten.  In Mexiko zum das Aufbegehren der „132“ gegen den Machtmissbrauch durch das private Medienduopol Televisa-TV Azteca, sowie umfassender gegen Autoritarismus und Wahlmanipulationen.   In Chile werten sich Studenten- und Schüler  gegen die Abzocke im privaten Bildungswesen. Den Kindern der neuen Mittelschicht geht es darum, ihren Aufstieg und ihre Rechte nachhaltig zu verankern. Letztlich bedeutet dies eine durchlässigere Gesellschaft, in der alle die gleichen Startchancen bekommen. In Lateinamerika, wo sich Reste der spanischen Kolonialherrschaft  in hierarchischen Gesellschaftsstrukturen wie elitären Clubs und Klassendünkel besonders in Chile und Mittelamerika gehalten haben, ist das eine kleine Revolution.

Bildung wird zur wichtigsten politischen Herausforderung

Das Bildungswesen in Lateinamerika hat traditionell die Ungleichheit zementiert. Die ersten Schulen und Universitäten des Kontinents waren reine Eliteeinrichtungen, bestimmt für die Kolonialherren und das einheimische Großbürgertum.

Selbst in den 200 Jahren nach der Unabhängigkeit der meisten Länder hat sich das nur langsam geändert. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bahnte sich die Idee einer universellen Schulbildung langsam den Weg, doch die Schwäche des Staates führte dazu, dass die private Bildung der staatlichen bald den Rang ablief. Verstärkt hat sich der Trend mit dem Aufkommen neoliberalen Gedankenguts seit den 80er Jahren, weil die staatlichen Schulen und zum Teil auch Universitäten durch Etatkürzungen und Sparprogramme ausgeblutet wurden. Das gilt selbst für Länder, in denen die staatliche Bildung lange hervorragend und dominierend war wie in Uruguay und Argentinien. Während die  40-50-Jährigen dort selbst noch auf staatliche Schulen ging, schicken sie ihre Kinder heute auf Privatschulen. 

Vorreiter der Privatisierung des Bildungssystems war Chile. Das Andenland ist mit Abstand am weitesten gegangen, was die Merkantilisierung der Bildung betrifft. Wenn sogar internationale Investmentfonds in Bildungseinrichtungen investieren (Kohlberg Kraviz & Roberts ist Anteilhaber der Universidad de Las Americas und Universidad Andrés Bello)  ist dies ein deutliches Zeichen dafür, dass diese zu einem gewinnbringenden Wirtschaftszweig mutiert ist. Wenn alleine der Besuch einer staatlichen bzw. einer kostenpflichtigen privaten Schule unabhängig von den jeweiligen Leistungen die Weichen fürs spätere Leben stellt, zementiert dies die soziale Bresche und macht soziale Mobilität extrem schwierig. Gerade das aber ist das Kernanliegen der neuen Mittelschicht: dass der Nachwuchs noch weiter nach oben klettern kann.

Eine Studie in Brasilien hat gerade ergeben, dass 86 Prozent der Kinder in den Armenvierteln staatliche Schulen besuchen und nur 1,6 Prozent einen Universitätsabschluss haben. Doch wenn man mit den Eltern in den Favelas spricht - die oft zur neuen Mittelschicht zählen - ist ein Universitätsabschluss das erstrebenswerte Ziel. Denn die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt sind nicht spurlos an ihnen vorüber gegangen. Klassische Mittelschichts-Jobs als Fabrikarbeiter oder Sachbearbeiter nehmen wegen des technischen Fortschritts ab, der Druck für eine höhere Qualifizierung ist enorm. Daher ist die Bildung und die mit ihr verbundene Chancengleichheit das Herzstück der Forderungen der neuen Mittelschicht.

Demokratisierend und destabilisierend zugleich

Das führt zur Frage, wie die neue Mittelschicht politisch wirkt und wie ihr Potenzial politisch zu nutzen ist. „Das ist das große Geheimnis, das die Politiker nur zu gerne lüften würden“, sagte mir Marcelo Neri in einem Interview. Denn wie die neue Mittelschicht politisch tickt, ist noch längst nicht ausreichend erforscht. Meine eigenen, zugegebenermaßen begrenzten, empirischen Erhebungen lassen vermuten, dass die Mittelschicht zunächst geneigt ist, die Partei erneut zu wählen, die ihren ökonomischen Aufstieg begleitet hat. In Mexiko wäre das die konservative PAN und in Brasilien die linke PT. Doch das ist keinesfalls ein ehernes Gesetz, vielmehr scheint die Mittelschicht ein klassisches Wechselwählerpotenzial zu bergen, das auf Veränderungen der politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sensibel reagiert und dies nicht nur an den Urnen ausdrückt, sondern auch notfalls auf der Straße.

Die Mittelschicht scheint ein klassisches Wechselwählerpotenzial zu bergen, das auf Veränderungen der politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sensibel reagiert und dies nicht nur an den Urnen ausdrückt, sondern auch notfalls auf der Straße 

Das birgt ein destabilisierendes Potenzial und stellt hohe Anforderungen an die Regierungen, die sich nicht sicher fühlen können, sondern permanent die gesellschaftliche Stimmung ausloten müssen und eine viel höhere Sensibilität und Rückkoppelung mit den Wählern an den Tag legen müssen. Wie sich Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff die Forderungen der Demonstranten im Sommer 2013 zu Eigen machte, ist dafür ein Beispiel.

Was die neue Mittelschicht vereint, ist die Forderung nach qualitativ besseren staatlichen Dienstleistungen im Gesundheits- Bildungs- und Infrastrukturbereich. Von der neuen Mittelschicht wird daher nach Auffassung von Weltbankpräsident Jim Yong Kim in den kommenden Jahren ein enormer Reformdruck auf die Regierungen ausgehen. In Chile ist das bereits deutlich: Die 2011 von Schülern und Studenten erhobene Forderung nach kostenloser, qualitativ hochwertiger Bildung ist inzwischen – mit Ausnahme der neoliberalen Rechten – politischer Konsens.

Der Druck nach qualitativ besseren staatlichen Dienstleistungen wird dazu führen, dass sich die politischen Diskussionen in den kommenden Jahren in Lateinamerika um ähnliche Themen drehen werden wie in Europa: Steuer- Gesundheits- und Bildungsreformen. Der Nachholbedarf in Lateinamerika ist groß, das Steueraufkommen in der Regel niedrig, weshalb eine Debatte um Steuerreformen die logische Begleiterscheinung sein wird.

Urban, vernetzt und kreativ

Die neue Mittelschicht ist überwiegend urban. Drei Viertel der Bevölkerung Lateinamerikas lebt mittlerweile in Städten. In Mexiko hat 2010 eine staatliche Erhebung (Coneval) ergeben, dass die zehn ärmsten Distrikte des Landes ländlich und überwiegend indigen sind, während die zehn reichsten in Städten liegen.

Eine Untersuchung der Mittelschicht hat ergeben, dass 94 Prozent der Mittelschichtsangehörigen ein Mobiltelefon besitzen. 70 Prozent verfügen über einen Internetzugang, sieben von zehn nutzen Pay-TV . Dass sie durchaus wissen, wie diese Technologie auch jenseits von Unterhaltung zu nutzen ist, haben die Proteste in Brasilien und Mexiko gezeigt, wo twitter und facebook zu zentralen Plattformen der Mobilisierung und des Austauschs wurden. Für Aufmerksamkeit sorgten dabei auch Phänomene wie der Kater Morris, den zwei Studenten in Südmexiko als virtuellen Kandidaten für einen Bürgermeisterposten aufstellten. Mit seinen antipolitischen Slogans wie “Wählt Morris! So viele Ratten wollen politische Posten, dass nur eine Katze für Ordnung sorgen kann“ oder „“Wähle Morris, er tut auch nichts“, sorgte die Kampagne für mehr Aufruhr als die eigentlichen  Kandidaten und löste eine Debatte über Politikmüdigkeit aus.

Die Mittelschicht mag parteipolitisch ungebunden sein, sie hat jedoch ein Spektrum politischer Forderungen, für die sie sich vehement einsetzt. Gilt in Europa die Mittelschicht als eher konservativer, stabilisierender Faktor, ist dies in Lateinamerika nicht der Fall.

Fazit: Die Mittelschicht mag parteipolitisch ungebunden sein, sie hat jedoch ein Spektrum politischer Forderungen, für die sie sich vehement einsetzt. Gilt in Europa die Mittelschicht als eher konservativer, stabilisierender Faktor, ist dies in Lateinamerika nicht der Fall. Der Wunsch nach sozialer Absicherung der Mittelschicht hat den Ruf nach mehr Staat oder zumindest mehr Regulierung aufkommen lassen. Im Lichte der traditionellen Ineffizienz und Korruption staatlicher Stellen in Lateinamerika keine einfache Aufgabe.

Bestes Negativbeispiel ist der „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ in Venezuela. Dort  wurde durch staatliche Umverteilung eine neue Mittelschicht geschaffen. Die dem staatszentrierten Modell innewohnende Ineffizienz und Korruption drohen jedoch, das Modell zu untergraben. Selbst im reichen Erdölstaat Venezuela sind Bildungs- und Gesundheitssystem, oder soziale Absicherungen durch Renten- und Arbeitslosenversicherungen auf Dauer nicht vom Staat alleine zu stemmen.

Jenseits von ideologischen Debatten von „Sozialismus versus Neoliberalismus“ sind kreative, neue Lösungen und Mischsysteme gefragt, die den legitimen Forderungen der neuen Mittelschicht gerecht werden und gleichzeitig eine gewisse ökonomische Effizienz bieten. Eine Regierung, die das klar verstanden hat, ist übrigens die kubanische. Es könnte in den kommenden Jahren noch sehr spannend werden, den kubanischen Weg zu beobachten.

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2 Leserbriefe

PaddyB schrieb am 02.12.2013
Schön, dass zumindest irgendwo anders auf der Welt eine Mittelschicht entsteht: In Europa ist sie ja gerade im Verschwinden (auch ohne Katzen als Bürgermeister)...
Erdkreise 1 schrieb am 23.02.2014
Wenn man liest so zeigt doch das die Mittelschicht in Lateinamerika doch in ihrer eigenen Welt lebt.
Denn sie lässt andere nicht an dem teilhaben man sieht doch die Unruhen in jedem Land. Sie sind Schwellenländer die dabei sind Deutschland zu überholen. Alle Deutschen Unternehmen sind dort vertreten. Wir als Exportland sind diese Länder wichtig was neue Ideen und Kreativität braucht unser Land.