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Kann China mit Russland? Will Russland mit China? Unklar.
Klar ist nur: Nach wie vor trauen sich Moskau und Peking nicht wirklich über den Weg.

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Der russische Außenminister Sergei Lawrow und der chinesische Präsident Xi Jinping am 15. April in Peking: Wer braucht eigentlich wen?

Bereits Mitte März, zwei Monate vor Wladimir Putins anstehendem Chinabesuch im Mai, verkündete der russische Außenminister Sergei Lawrow, Moskau und Peking würden ihre Zusammenarbeit ökonomisch so intensivieren, dass man die Beziehungen nur noch als „edel und erhaben“ bezeichnen könne. Seitdem hört Russlands Auslandsradio Voice of Russia nicht auf, die Aussichten der chinesisch-russischen Wirtschaftskooperation in den schönsten Farben auszumalen: 2013 habe der bilaterale Handel 90 Milliarden US-Dollar erreicht. Noch rosiger: Im Rahmen des Präsidentenbesuchs nach China stehe ein Mega-Deal an: Ab 2018 würden 30 Mrd. Kubikmeter Erdgas von Russland nach China fließen - für 30 Jahre garantiert.

Lawrow und China: "Edel und erhaben"

Seltsam war nur: Moskaus Eifer stieß in Peking auf wenig Gegenliebe: Nach chinesischen Bestätigungen der von Lawrow vorgelegten Zahlen suchte man vergeblich. Bis Ende April zitierte nicht einmal die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua die vollmundigen Aussagen des Außenministers. Und das, obwohl China seit Mitte der 90er Jahre davon träumt, sibirisches Öl und Gas in Unmengen ins Reich der Mitte anstatt nach Europa strömen zu lassen.

Im Militärischen hingegen geht es umgekehrt zu - aber ebenso einseitig: Jede geo-militärische Geste Russlands im Pazifik (an die Adresse Washingtons und noch mehr Tokios gerichtet) wird von Peking gefeiert: Als einige russische Fernbomber nicht bloß Kalifornien, sondern auch die Insel Guam anflogen, zeigte Peking sich begeistert. Guam ist die größte US-Marinebasis, von der aus die Vereinigten Staaten Tokio im Falle einer Eskalation um den Diaoyüdao-Archipel (japanisch: Senkaku) im Ostchinesischen Meer Unterstützung zukommen lassen würden.

Ein geo-politisches Zusammengehen mit Russland werde das Kräfteverhältnis im Pazifik umkrempeln, frohlockten in Hongkong wie in Übersee Medien, denen Peking-Nähe nachgesagt wird. Chinas KP-Presse Global Time legte noch nach: Die Vereinigten Staaten und deren asiatische Provokateure Japan, Vietnam und die Philippen sollten sich nicht vertun, wer im asiatisch-pazifischen Raum künftig das Sagen haben werde. Wiederrum seltsam: Chinas Beschwörung eines Zusammengehens mit Russland in Fernost wurde in Moskau im Wesentlichen mit Schweigen quittiert.

Ende April kam Bewegung in die Sache. Aus Moskau und Peking wurde verlautet, Chinas Volksmarine und Russlands Pazifikflotten würden Mitte bis Ende Mai ein Seemanöver in der Nähe des Senkaku Archipels abhalten – pikanterweise zeitgleich zu Putins China-Besuch. Plötzlich begangen auch Chinas amtliche Medien, über den bevorstehenden Energiesegen aus Russland zu berichten. Die lange schweigsame Xinhua brachte im Polit-Magazin Halbmonatgespräch (banyue tan) eine Studie, die belegen soll, dass China Putins Russland in der Krise um die Ukraine Schützenhilfe leiste. Moskau müsse jederzeit mit Sanktionen aus dem Westen rechnen, die einen Teil der russischen Gaslieferung an Europa unterbinden würden – von wem auch immer. Russlands Wirtschaftskraft könnte massiv darunter leiden. Nächste Kapriole: Am 1. Mai entgegnete Voice of Russia, China sei noch lange nicht in der Lage, den USA in Asien Paroli zu bieten. Also brauche es Moskaus Muskelshow.

Das Geplänkel über die Frage, wer mit wem wo kann und will, und wer wen wozu braucht, zeigt: Russland und China sind mit deutlich unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert.

Das Hin-und-Her ist vielsagend. Denn das Geplänkel über die Frage, wer mit wem wo kann und will, und wer wen wozu braucht, zeigt: Russland und China sind mit deutlich unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert. Können sie zusammen gehen? Wollen sie zusammengehen? Unklar. Klar ist nur: Nach wie vor trauen sie sich nicht über den Weg.

Pokert Putin nur mit China als Trumpf, um einem Zusammengehen der G 7, wie es sich in Rom abzeichnete, zuvorzukommen? Hat Sigmar Gabriel am Ende recht, Russland werde die Gaslieferung an Europa nicht kappen, selbst im Kalten Krieg sei dies nie eingetreten? Peking will sich nicht auf Moskauer Garantien verlassen. Schon zu Zeiten Jelzins und in Putins erster Amtsperiode zückte Moskau die China-Karte stets bloß gegen zahlungskräftigere Kunden wie Europa und Japan. Doch ausgespielt wurde die Karte nie. Am Ende guckte China doch in die Röhre.

Auch aus russischer Sicht ist auf Peking kaum Verlass: Während chinesische Medien das angekündigte Seemanöver in schrillen Tönen zur nationalen Seelenmassage ausschlachten, mehren sich zugleich überraschend die Zeichen einer vorsichtigen Annäherung zwischen Peking und Tokio: Am 5. Mai besuchte Masahiko Komura, Vizechef der regierenden LPD und enger Vertrauter des japanischen Premiers Shinzo Abe, China.

Der Japaner wurde von Zhang Dejiang, einem der sieben Mitglieder des Ständigen Ausschusses des KP-Politbüros, des höchsten Machtgremiums in China, freundlich empfangen. Zudem hat sich Japan bislang zwar Sanktionen gegen Moskau in der Ukraine-Krise angeschlossen, dennoch bleibt Tokios Eifer ungetrübt, mit Investitionen den russischen Fernen Osten zu erschließen. Warum sollte Moskau Kastanien für Peking aus dem Feuer holen, wenn China selbst nicht weiß, wieweit es im Streit mit Japan gehen will und kann?

So geht es zwischen Moskau und Peking wie in einem launigen Kinderspiel weiter: In der vergangenen Woche, einige Tage vor Lawrows Vorbereitungsreise nach Peking in Sachen Präsidentenbesuch, meldete bei Xinhua ein chinesischer Experte schon wieder Zweifel an, ob der angekündigte Mega-Deal zustande komme. Man könne sich in der entscheidenden Preisfrage nicht einigen, dennoch sei die ranghöchste Beratung ein Fortschritt.

Von einem geo-militärischen Zusammengehen sprechen pro-chinesische Medien nicht mehr, allenfalls davon, dass das aufstrebende China allerlei Geheimwaffen besäße.

Noch am selben Tag gab Roman Martov, Sprecher der russischen Pazifikflotte, im Handumdrehen bekannt: Das angekündigte Seemanöver mit Chinas Volksmarine werde nicht im Ost-, sondern nun im Südchinesischen Meer stattfinden. Zweitausend Kilometer vom chinesisch-japanischen Zankapfel entfernt. Von einem geo-militärischen Zusammengehen sprechen pro-chinesische Medien nicht mehr, allenfalls davon, dass das aufstrebende China allerlei Geheimwaffen besäße. Mit der einzigen Supermacht USA könne man auch alleine fertig werden.

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2 Leserbriefe

sowa schrieb am 13.05.2014
um eine Zusammenarbeit Moskau zu Peking und umgekehrt zu verstehen, sollte man mehr ueber
1., die russische Seele wissen und
2., die chinesischen Ideolodie kennen
Meranus schrieb am 13.05.2014
Nicht zu vergessen: China hatte mit der Ukraine vergangenen Sommer einen Vertrag über 3 Millionen Hektar Pachtland vereinbart, zudem den Bau eines entsprechenden Hafens auf der Krim. Russland wird sich gerne als Ersatz anbieten. Der Agrarsektor wird die beiden Länder enger kooperieren lassen.
Und laut einem Bericht des DLF vom 15.04. stehen sich Putin und Xi Jinping auch persönlich nahe.
Zusammen mit Ihren Erkenntnisse sehe ich da eine enge Partnerschaft entstehen.