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Keine Panik: Afghanistan wird nicht zusammenbrechen
Für die Regionalstaaten steht bei einem Rückfall in die 90er Jahre zu viel auf dem Spiel.

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Back in the USSR: Im Februar 1989 überqueren sowjetische Truppen den Amu Darja.

Afghanistanabzug -- Die jüngste strategische Unnachgiebigkeit des afghanischen Präsident Hamid Karzai hat erneut zu der Sorge geführt, dass die derzeitige afghanische Regierung im Falle einer Einstellung der direkten militärischen Unterstützung Ende 2014 zusammenbrechen könnte. Ein allgemeiner Staatszerfall oder die Rückkehr der Taliban hätte offensichtlich äußerst negative Konsequenzen für fast jeden Staat in der Nachbarschaft Afghanistans. Das Land ist voll von Waffen und eine Konsequenz der Ausbildung der afghanischen Armee ist die Existenz von einem großen Pool von Männern im wehrfähigen Alter mit zumindest einer rudimentären militärischen Ausbildung. Ein ideologisch aufgeladenes Nachfolgeregime könnte zu Problemen in der gesamten Region führen.

Es wäre nicht der erste Afghanistan-Abzug

Dennoch sieht nicht alles düster aus. Denn wir sollten nicht vergessen, dass die Republik Afghanistan unter Mohammed Najibullah nach dem Abzug der Sowjetunion trotz fehlender Unterstützung von irgendeinem einem anderen Staat als der darniederliegenden UdSSR fast vier Jahre überlebte. Die Islamische Republik Afghanistan mag heute weniger stabil sein als die Republik. Doch auch das ist alles andere als offensichtlich. Allerdings ist fast sicher, dass sie deutlich umfassendere internationale Unterstützung erfahren wird als ihr unglücklicher Vorgänger.

Tatsächlich beleuchtet der aktuelle Fokus auf Afghanistan selbst nur auf einen Teil der Geschichte. Offensichtlich unterscheiden sich die Region und die Welt insgesamt heute deutlich vom Jahr 1992. Als die Regierung Najibullah fiel, befand sich die Sowjetunion in einem Prozess des Kollapses. Und auch China und Indien besaßen noch nicht die militärischen und wirtschaftlichen Fähigkeiten, Ereignisse außerhalb ihrer Grenzen nachhaltig zu beeinflussen. Die USA waren von den Ereignissen im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion abgelenkt - ebenso wie Westeuropa. Der Iran erholte sich vom Iran-Irak-Krieg und war noch immer mit den Auswirkungen der Islamischen Revolution befasst.

Die internationale Gemeinschaft war 1992 schlecht aufgestellt, um einen Staatszerfall in Afghanistan zu verhindern. Heute aber scheint sie entschlossen, auch sehr schwache Staaten zu stützen.

Kurz gesagt: die internationale Gemeinschaft war 1992 schlecht aufgestellt, um einen Staatszerfall in Afghanistan zu verhindern. Heute aber scheint sie entschlossen, auch sehr schwache Staaten zu stützen. Wenn heute Staaten wie Mali oder die Zentralafrikanische Republik erschüttert werden, findet sich meist ein Akteur der internationalen Gemeinschaft, der bereit ist, die Ordnung wieder herzustellen oder aber zumindest das Zentrum zusammenzuhalten. China hat starke wirtschaftliche Interessen in Zentralasien, die von einem afghanischen Staatszerfall oder einer Taliban-Übernahme gefährdet würden. Indien hat ein starkes Interesse am Überleben des gegenwärtigen Regimes und hat wichtige Schritte eingeleitet, um die Professionalität und die Kapazität der Afghanischen Armee zu erhöhen.

Ordnung? Ja. Aber welche?

Das Problem ist also nicht, dass regionale und globale Mächte heute kein Interesse an der Aufrechterhaltung der Ordnung in Afghanistan haben. Das Problem ist, dass sie Interesse an grundverschiedenen Ordnungssystemen haben. Anstatt Afghanistan nach dem US-Abzug an die Taliban auszuliefern, werden die Großmächte daher eher damit befasst sein, Kabul zu umwerben und in einen regionalen Wettbewerb um stabile Beziehungen mit der Zentralregierung einzusteigen. Mit Ausnahme Pakistans hat kein Staat irgendein Interesse an einer Taliban-Regierung. Doch Pakistan ist heute wahrscheinlich der einzige regionale Akteur, der aktuell schwächer dasteht als im Jahr 1992. Und sogar Pakistan, das sich in den 1990er Jahren durch die Unterstützung der Taliban-Regierung um strategische Tiefe bemühte, würde eine Rückkehr der Taliban heute mit Sorge betrachten. Pakistans Kampf gegen seine eigene Version der Taliban würde kaum von Mullah Omars Rückkehr nach Kabul profitieren.

Pakistans Kampf gegen seine eigene Version der Taliban würde kaum von Mullah Omars Rückkehr nach Kabul profitieren.

Dies bedeutet nicht, dass die Vereinigten Staaten oder andere regionalen Spieler in der Hoffnung, dass jemand anderes den Job übernehmen werde, von der Stabilisierung der Regierung in Kabul Abstand nehmen sollten. Im Gegenteil: Die regionalen Mächte sollten versuchen, Kooperationsmechanismen zu entwickeln, um die Stabilität in Afghanistan aufrecht zu erhalten. Natürlich müssen diese Vereinbarungen in Zusammenarbeit mit Kabul entstehen und potentiell sogar interne Widersacher in Afghanistan selbst einschließen. Grundsätzlich aber erscheint die Zukunft von Afghanistan erheblich heller als die aktuelle US-zentrierte Perspektive annimmt.

Der Beitrag erschien am 11. Dezember in englischer Sprache in The Diplomat.

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1 Leserbriefe

Peter07 schrieb am 17.12.2013
Hochinteressanter Beitrag - aber können untereinander konkurrierende Regionalmächte tatsächlich erfolgreich einen Staatenzerfall aufhalten?